Mittwoch, 10. Oktober 2012

Zwischen Kirchturm und Minarett: Was Mülheimer Christen und Muslimen zum Thema Toleranz einfällt

Der 3. Oktober ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern auch der Tag der Moschee. Islamischen Gotteshäuser öffnen dann ihre Türen und laden Besucher aller Religionen zur Begegnung und zum Gespräch. Sie tun dies in einer Zeit, in der Schmähkarikaturen und Filme über den islamischen Propheten Mohammed in einigen arabischen Ländern für gewaltsame Proteste und (zuletzt in Nigeria) für islamistisch motivierte Übergriffe auf christliche Gemeinden sorgten. Vor diesem Hintergrund sprach ich für die NRZ mit Mülheimer Christen und Muslimen darüber, wie Toleranz im Alltag gelebt werden kann.


„Die Religionen müssen sich von ihren Dogmen freischwimmen. Wir müssen lernen, unsere Enttäuschung darüber, dass wir nicht eins sind, zu ertragen. Religionsfreiheit heißt auch, Widerspruch zu ertragen“, beschreibt Pastor Meinolf Demmel aus der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz die Voraussetzung für Toleranz. Er hat das Gefühl, dass die Nachbarschaft zwischen Christen und Muslimen oft auch „mit einer Portion pragmatischer Gleichgültigkeit eigentlich ganz gut funktioniert.“

Für Pfarrer Manfred von Schwartzenberg, aus St. Barbara kann Toleranz „als Lebenselexier des friedlichen Nebeneinanders, das nicht unbedingt ein Miteinander sein muss“ nur auf der Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stattfinden. Bildung und berufliche Integration könnten ein tolerantes Zusammenleben fördern. Die Interkulturelle Woche und gegenseitige Besuche in Kirchen und Moscheen sieht er als „schönes Beispiel für gelebte Toleranz.“ Mit Sorge sieht er aber die „radikalen Kräfte im Keller“ des Islams und die fehlende Religionsfreiheit für Christen in vielen islamisch dominierten Länderm.

Der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan, der seit fast 50 Jahren in Mülheim lebt, „wirbt für einen differenzierten Blick auf den Islam, der unsere kulturellen Unterschiede anerkennt und nicht immer das Negative in den Vordergrund stellt.“ Für ihn steht fest: „Terror hat keine Religion und dort, wo ein Machtanspruch ins Spiel kommt, wird Toleranz kaputt gemacht.“ Eraslan sieht Information und gegenseitiges Interesse als Fundament für gelebte Toleranz. Deren Grenzen würden durch unsere Verfassung gesetzt.

„Wir haben einen gemeinsamen Gott. Und Toleranz kann funktionieren, wenn wir aufeinander zugehen und miteinander sprechen und uns über die Gemeinsamkeiten unserer Religionen austauschen“, glaubt der Vorsitzende des Fatih-Moscheevereins, Ergün Öztürk. Dass das funktioniert, hat er bei christlich-muslimischen Begegnungen erlebt. Mit Blick auf die Mohammed-Karikaturen findet er es bedauerlich, dass sich Menschen auf Kosten einer Religion bekannt machen und bereichern. „Was Menschen heilig ist, sollte nicht verunstaltet werden“, findet er.

Für den Vorsitzenden des Integrationsrates, Enver Sen, darf es nicht nur um Toleranz gehen. Für ihn geht es „um Anerkennung und Akzeptanz.“ Sen erinnert daran, „dass auch Moses und Jesus als Propheten im Islam hoch geschätzt werden“ Toleranz entsteht für ihn dort, wo Christen und Muslime ihre Religion ernst nehmen und begreifen, „das Religion das Leben der Menschen organisieren und verbessern will.“

Für Georg Jöres von der katholischen Caritas bedeutet Toleranz, „den jeweils anderen so zu akzeptieren, wie er ist und auch seine Verletzbarkeiten zu kennen und deshalb bestimmte Grenzen nicht zu überschreiten.“ Toleranz erlebt er etwa in Styrumer Grundschulen, wo christliche und muslimische Kinder die Feste ihrer Religion gemeinsam feiern, ohne das irgend jemanden „religiöse Inhalte aufgepfroft werden oder ein Einheitsbrei angerührt würde.“

Der evangelische Pfarrer Michael Manz aus Heißen, erinnert daran, dass die Goldene Regel, wonach man seine Mitmenschen so behandeln solle, wie man selbst behandelt werden möchte, nicht von ungefähr in den heiligen Schriften von Christen, Muslimen und Juden zu finden sei. Er meint mit Blick auf die aktuelle Kontroverse: „Über Karikaturen muss man auch als Religionsgemeinschaft lachen können. Aber den Schmähfilm über Mohammed muss man sich nicht anschauen.“ Dass Toleranz in Mülheim funktioniert, sieht er an christlichen und muslimischen Kindern, die ganz selbstverständlich in seinen Schulgottesdiensten nebeneinander sitzen oder an einem christlich-muslimischen Paar, das er getraut hat. Nicht akzeptieren kann er aber, wenn in mehrheitlich muslimischen Ländern christliche Kirchen überfallen und geplündert werden.

Helmut Kämpgen, evangelischer Pfarrer in Eppinghofen, sieht das Hauptproblem darin, „dass die Extremisten medial stärker präsent sind, als die große Mehrheit der Menschen, die problemlos und tolerant miteinander leben.“ Er glaubt, „dass wir noch viel mehr miteinander machen müssen, um uns besser kennen zu lernen, weil wir aufeinander angewiesen sind und uns alle brauchen.“ Das Grundgesetz und die deutsche Sprache sind für ihn der Rahmen, in dem Toleranz gelebt wird „und soziale Entwicklungschancen entstehen können.

Ahmed Gassa von der Marokkanischen Gemeinde an der Aktienstraße meint: „Gott sei Dank haben wir in Mülheim keine Extremisten. Und Menschen, die wirklich Ahnung von ihrer Religion haben, haben kein Problem damit ihre christlichen oder jüdischen Nachbarn zu tolerieren. Denn wir treffen uns an vielen Punkten und haben einen Gott, der uns geschaffen hat.“ Als besonders toleranzfördernd empfindet er das Mülheimer Bündnis der Religionen und Begegnungen bei christlichen und muslimischen Festen oder in Kirchen, Moscheen und Synagogen.

Das Abrahamskonzert „Engel der Kulturen“ war für Stadtdechant Michael Janßen ein gutes Beispiel dafür, „dass sich Christen, Muslime und Juden in Mülheim auf den Weg gemacht haben, tolerant miteinander zu leben und im Gespräch zu bleiben.“ Der interreligiöse Dialog könne aber nur dann zur gelebten Toleranz führen, wenn jeder seine eigene Religion wirklich kenne. „Die Anerkennung des Grundgesetzes ist das A und O“, ist Janßen überzeugt und wünscht sich die dort garantierte Religionsfreiheit auch für Christen in allen mehrheitlich muslimischen Ländern.

Cafer Önen vom Styrumer ATIP-Moscheeverein ist sich mit Janßen einig, dass Fundamentalismus und Intoleranz für jede Religion eine Gefahr darstellen, die vor allem durch fehlende Bildung und mangelnde soziale Integration gefördert würden. „Jeder muss erst mal mit sich selbst ins Reine kommen“, beschreibt er die Voraussetzung für gelebte Toleranz. Intoleranz beginnt neginnt für ihn mit dem Gift der Verallgemeinerung. Önen ist davon überzeugt, dass mehr als 95 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime das Grundgesetz vorbehaltlos anerkennen. „Heute“, betont er, „leben 15 Millionen Muslime in Europa. Und damit gehört der Islam genau so zu unserem Kontinent wie das Christentum.“

Dieser Text erschien in der NRZ vom 3. Oktober 2012

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