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Was hat uns Willy Brandt 20 Jahre nach seinem Tod noch zu sagen? Ein Gespräch mit Styrumer Willy-Brandt-Schülern

Vor 20 Jahren ist Willy Brandt gestorben. Chantal Schmacke, Niklas Hutmacher, Philip Scheiler, Daniel Landschoof, Felix Wörndl und Julia Schmitz aus der Klasse 9d der Styrumer Willy-Brandt-Schule haben sich im Rahmen der Ausstellung „Mülheim im Wandel“ mit der Biografie ihres Schulpatrons auseinander gesetzt, den sie selbst nur noch als Regierenden Bürgermeister von Berlin, als SPD-Vorsitzenden, Bundesaußenminister und Bundeskanzler aus den Geschichtsbüchern kennen. Ich sprach mit den Willy-Brandt-Schülern darüber, wofür Brandt heute noch steht und was man aus dem Leben des Sozialdemokraten und Friedensnobelpreisträgers, der mit se lernen kann, der als Kanzler mit seinen Landsleuten mehr Demokratie wagen wollte.


„Willy Brandt hat sich für den Frieden eingesetzt“, sagt Chantal Schmacke . Dass Frieden auch heute keine Selbstverständlichkeit ist, sieht sie nicht nur in der weiten Welt, sondern auch hier vor der Haustür, wenn sie unterwegs ist und Streitereien und Pöbeleien miterlebt. „Das soziale Klima ist etwas rauer geworden“, findet Chantal. Brandts Kniefall vor dem Mahnmal der Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes (im Dezember 1970) zeigt ihr, „dass eine ehrlich gemeinte Entschuldigung zu Frieden und Versöhnung führen kann.“

Felix Wörndl findet Brandts Engagement als Vorsitzender einer unabhängigen Nord-Süd-Kommission aktuell, weil er in diesem Zusammenhang bereits vor 35 Jahren ein Grundrecht auf Bildung, Erziehung, Gesundheit und Ernährung formuliert hat. „Das Grundrecht auf Bildung ist bei uns eigentlich ganz gut verwirklicht, weil an unserer Schule nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Schüler gefördert und niemand zurückgelassen wird.“ Beim Thema Ernährung und soziale Chancengleichheit sieht er aber noch Nachholbedarf, wenn er erlebt, „dass es bei uns Schüler gibt, die ein Schulfrühstück von der Mülheimer Tafel bekommen müssen, weil ihnen ihre Eltern kein Pausenbrot mitgeben können.“

Daniel Landschoof findet es besonders beeindruckend, dass Brandt als ehemaliger Widerstandskämpfer und Exilant „nach dem Krieg Vertrauen für Deutschland zurückgewinnen konnte, weil er an seinem eigenen Beispiel zeigen konnte, dass nicht alle Deutschen hinter den Sachen standen, die die Nazis gemacht haben.“ Auch Daniel spürt die Folgen der deutschen Nazi-Vergangenheit daran, „dass sich viele Menschen nicht unbefangen freuen und stolz auf unser Land sein können, wenn wir zum Beispiel bei einer Weltmeisterschaft eine gute Platzierung erringen.“ Er lernt aus Brandts Leben zwischen Diktatur und Demokratie, „dass wir in unserer multikulturellen Gesellschaft jedem einen Platz geben sollten, damit sich niemand an den Rand gedrängt fühlt und glaubt, nicht dazuzugehören.“

Niklas Hutmacher empfindet Brandt als einen faszinierendes Beispiel dafür, „dass man etwas verändern kann, was einem nicht gefällt, wenn man den Mut zu seiner eigenen Meinung hat“. Das macht Niklas unter anderem daran fest, dass Brandt schon mit 16 in der SPD aktiv wurde und die Partei später zwischenzeitlich verließ, weil ihm ihr Kurs nicht mehr passte. „Ja, wenn man sich zum Beispiel unter BVB-Anhängern als Schalke-Fan outet“, antwortet Niklas auf die Frage, ob er sich auch heute Situationen vorstellen kann, in denen man Mut braucht, seine eigene Meinung zu vertreten.

Sein Mitschüler Philip Scheiler hat nach dem Studium der Biografie Brandts den Eindruck, „dass er ein Hoffnungsträger mit extremer Willensstärke war.“ Einen vergleichbaren Hoffnungsträger kann er unter den heutigen Politikern nicht entdecken. Was könnten heutige Politiker von Willy Brandt lernen? „Dass man manchmal viel investieren und ein kalkuliertes Risiko eingehen muss, um Erfolge zu haben“, glaubt Philip und ist sich mit seinem Klassenkamerad Daniel einig, dass dies zum Beispiel auf den Atomausstieg und die Energiewende zutrifft.

Julia Schmitz hat vor allem beeindruckt, dass Brandt schon als Bürgermeister in Berlin Briefe von Kindern bekam und diese beantwortet hat. Nachdem sie seine Briefwechsel und einige seiner Reden gelesen hat, hat sie den Eindruck gewonnen, dass sich Brandt „so klar ausdrücken konnte, dass jeder verstehen konnte, worum es geht.“ Heute hat sie bei politischen Reden den Eindruck, „dass viele Politiker um die Sache, um die es eigentlich geht, so herumreden, dass man am Ende gar nichts versteht.“ Mit Blick auf die Gewalt in Syrien hat Julia den Eindruck, „dass sich die meisten Menschen hier nur dafür interessieren, wie es ihnen in unserem Land geht“ und dass Deutschland derzeit keinen Politiker „mit einer weltweiten Ausstrahlung“ hat, wie sie einst Willy Brandt gehabt habe.

Dieser Beitrag erschien am 8. Oktober 2012 in der NRZ und am 9. Oktober 2012 in der WAZ

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