Sonntag, 4. September 2011

Ein nachdenkliches "Geburtstagsgespräch" mit Christa Ufermann zum 90. Geburtstag des Blinden- und Sehbehindertenvereins



Mit einer Schiffstour an Bord der Weißen Flotte feierte der Blinden- und Sehbehinderten verein am 3. September seinen 90. Geburtstag. Woher kommt der Verein und wohin geht die Reise für ihn und die Menschen, deren Interessen der BSV vertritt. Für die NRZ sprach ich darüber mit Christa Ufermann, die vor 65 Jahren blind auf die Welt kam und den BSV seit 1987 als Vorsitzende führt.






Warum hat man den BSV vor 90 Jahren ins Leben gerufen?



Der Verein ist damals als reiner Blindenverein gegründet worden, der hilfsbedürftige Blinde unterstützte. Das war ja nach dem Ersten Weltkrieg eine schwierige gesellschaftliche Situation, in der es noch keinen Sozialstaat gab, wie wir ihn heute kennen.






Wie hat der Verein geholfen?



Der Verein hat über einen Blindenhilfsverein Spendengelder für die Ärmsten gesammelt und am Dickswall sogenannte Blindenwaren verkauft. Das waren zum Beispiel Besen, Bürsten, Aufnehmer, Webwaren oder auch Körbe, die von blinden Handwerkern hergestellt wurden. Früher waren die allermeisten Blinden in Werkstätten beschäftigt. Dass sie auch für andere Berufe ausgebildet wurden, hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt.






In welchen Berufen können Blinde arbeiten?



Früher gab es oft blinde Telefonisten oder Klavierstimmer. Ich kenne aber auch Blinde, die zum Beispiel als Programmierer in der Computerbranche oder arbeiten. Wenn die Leute können und wollen, können sie auch sehr spezialisiert arbeiten, sei es als Pädagoge und Psychologe, als Organist oder auch als Programmierer in der Computerbranche. Manche sind natürlich auch nicht vermittelbar und müssen ihr Berufsleben in einer beschützenden Werkstatt fristen. Ich selbst habe bis zu meiner Pensionierung im Schreibdienst der Stadtverwaltung gearbeitet. So weit ich weiß, hat die Stadt heute nur noch einen blinden Mitarbeiter, der die Hörzeitung Echo Mülheim betreut.






Ist es für Blinde und Schwersehbehinderte heute leichter oder schwieriger geworden, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen?



Auf dem Arbeitsmarkt ist es für sie schwierig. Viele Leute sitzen heute mit einer guten und teuren Ausbildung zu Hause herum. Hinzu kommt: Wenn Menschen durch einen Berufsunfall erblindet sind, bekommen sie eine Erwerbsunfähigkeitsrente, die aber sofort wegfällt, wenn sie sich umschulen lassen. Und dann haben die nichts. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass viele Betroffene dann lieber auf eine Umschulung verzichten und sich mit ihrer Rente begnügen. So wie ich das mitbekomme, tun sich heute viele Arbeitgeber schwer, sich auf Mitarbeiter mit einem Handicap einzulassen.






Was sind die wichtigsten Barrieren für den beruflichen Erfolg blinder Menschen?



Viele Arbeitgeber haben die Panik, dass sie einen blinden Mitarbeiter, der nicht hinhaut, nie wieder los werden. Dem ist zwar nicht so, aber es gibt diese vorgefasste Meinung. Und viele wissen auch nicht, dass es Eingliederungshilfen für blinde Mitarbeiter gibt, die vom Landschaftsverband, von der Agentur für Arbeit, von der Berufsgenossenschaft oder von der Hauptfürsorgestelle übernommen werden.






Welche Barrieren behindern Blinde und Sehbehinderte in Mülheim?



Das können Baustellen sein, die nicht fertig werden, Autos, die auf dem Bürgersteig parken, Geschäftsauslagen, die mitten auf der Straße stehen oder auch ausbleibende Lautsprecherdurchsagen an Haltestellen oder in Bussen und Bahnen.






Was leistet Ihr Verein für die soziale Integration seiner Mitglieder?



Wir geben ihnen vor allem Informationen. Wir laden alle zwei Monate zu einer Mitgliederversammlung und einmal im Monat zu einem Stammtisch. Wir geben eine monatliche Hörzeitung heraus und informieren auch über unsere Internetseite. Außerdem informieren wir monatlich Ratsuchende in einer Sprechstunde über Hilfsmittel und Hilfsleistungen für Blinde. Wir organisieren aber auch regelmäßig Ausflüge oder laden auch zu einem Brunch ein, damit die Leute heraus- und zusammenkommen. Bei Museumsbesuchen und Exkursionen achten wir natürlich darauf, dass wir eine blindenspezifische Führung bekommen, bei der Anfassen erlaubt. Durch unsere Aktivitäten lernen sich die Leute natürlich auch kennen. Wir können natürlich immer nur anbieten. Annehmen und aus ihrem Nest herauskommen, müssen die Leute selbst.






Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Vereins?



Unser Verein braucht wie alle Vereine mehr junge Leute, die etwas aktiver sind und der Sache neues Leben einhauchen. Wir können nur hoffen, dass immer wieder neue Leute zu uns kommen, die Lust haben mitzumachen. Wir haben viele Mitglieder die erst im Alter, etwa durch Makuladegeneration, erblindet sind. Junge Leute kommen nur selten zu uns und wenn, dann sind sie erst mal passiv.



Hintergrund: Der Blindenverein, der 2001 zum Blinden- und Sehbehindertenverein umbenannt wurde, hat heute 70 Mitglieder. Laut Landschaftsverband Rheinland gibt es in Mülheim derzeit 675 offiziell gemeldete blinde und sehbehinderte Menschen. Der Verein bietet jeweils am ersten Donnerstag des Monats von 10 bis 14 Uhr bei den Grünen an der Bahnstraße 50 eine Beratungssprechstunde an. Außerdem lädt er alle Interessierten am letzten Mittwoch des Monats um 16 Uhr zu seinem Stammtisch in den Handelshof. Umfangreiche Informationen bietet er auf seiner Internetseite: www.bsv-muelheim.de an.Telefonische Auskünfte geben Christa Ufermann unter der Rufnummer: 43 25 18 und ihre Stellvertreterin Maria St. Mont unter  der Rufnummer: 47 30 12.






Dieser Beitrag erschien am 2. September 2011 in der Neuen Ruhr Zeitung

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