Montag, 5. September 2011

Was Mülheimern zum 20. Juli 1944 einfällt: Nur Mut! oder eine aktuelle Umfrage zu einem historischen Gedenktag, der kein Thema von gestern ist




Sie sind bis heute ein Sinnbild für Mut, die Männer des 20. Juli 1944. Mit dem Attentat auf Adolf Hitler versuchten sie ein unmenschliches Regime und einen verbrecherischen Krieg zu beenden, um das Schicksal Deutschland zum besseren zu wenden. Diese Männer des militärischen Widerstandes um den Grafen Stauffenberg, zu denen auch der aus Mülheim stammende Offizier Günther Smend (siehe Kasten) gehörte, bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Doch was ist für uns und unseren Alltag in einer Demokratie, jenseits von Krieg und Diktatur, heute noch mutig? Für die NRZ suchte und wurde ich fündig:




Werner Andorfer (63), Leiter der Karl-Ziegler-Schule: "Mut bedeutet für mich, sich für etwas oder jemanden einzusetzen, ohne dabei an die Konsequenzen zu denken, die sich daraus ergeben könnten. Das kann zum Beispiel bedeuten, einzuschreiten, wenn Menschen attackiert werden. Als Demokrat bedeutet Mut für mich, sich gegen alle totalitären und extremistischen Tendenzen aufzulehnen, die auf eine Unterdrückung und Diskriminierung von Menschen hinauslaufen."




Peter Flach (45), Künstler, antwortet:"Mutig zu sein, dass bedeutete für mich ganz persönlich, nach meinem Studium meiner Berufung zu folgen und trotz aller Risiken, die diese Entscheidung mit sich brachte, als freischaffender Künstler zu arbeiten. Auch wenn ich keine große Erfolgskarriere gemacht habe und noch viel passieren kann und soll, kann ich heute sagen, dass ich meine Entscheidung von damals nicht bereue und mein Mut mit Zufriedenheit belohnt worden ist."





Kriminalhauptkommissarin Petra Dahles (51): "Für mich bedeutet Mut die Zivilcourage, sich einzumischen und zu sagen, wenn mir etwas nicht gefällt. Es kann mutig sein, die Polizei anzurufen oder Aufmerksamkeit zu erregen, wenn man zum Beispiel einen Übergriff beobachtet. Mutig zu sein, kann auch bedeuten, wenn Eltern zu ihrem Kind sagen: "Ich halte zu dir", weil sie es von einem Lehrer ungerecht behandelt sehen, oder wenn man Mobbing-Opfern hilft und sagt: "Wir lassen dich nicht allein." Natürlich gehört auch Mut und Energie dazu, Nein zu sagen, wenn jemand eine Grenze überschritten hat, oder wenn Eltern in der Erziehung Kindern Werte und Normen vorleben und ihnen, wenn nötig, auch Grenzen aufzeigen. Leider ist unsere Gesellschaft sehr egoistisch geworden. Wir sollten mehr Mut haben nicht nur auf uns sondern auch darauf zu achten, wie es dem Menschen neben uns geht."





Ex-SPD-Stadträtin und Kulturstifterin Helga Künzel (69): "Auch heute braucht man als Mensch in einer demokratischen Gesellschaft immer wieder Mut, um sich in Konflikte hineinzubegeben und Widerstand gegen Dinge zu leisten, die mal als ungerecht empfindet. Mut bedeutet dann, auch unerwünschte Reaktionen ertragen zu können. Ich glaube, dass uns auch heute oft der Mut fehlt, Dinge zu hinterfragen und unsere Vernunft walten zu lassen".
Pfarrer Manfred von Schwartzenberg, (66): Auch heute braucht man Mut, einzugreifen, statt wegzuschauen und sich abzuwenden, wenn Menschen auf der Straße offen attackiert werden. Mutig ist es aber auch, gegen den Strom zu schwimmen und Wahrheiten auszusprechen, die keiner hören möchte. Aber auch junge Leute brauchen heute oft Mut, wenn sie sich in der Schule als gläubig outen und offen für ihren Glauben eintreten".

Hanns Peter Windfeder (46), Unternehmer und Sprecher des Unternehmerverbandes: "Als Unternehmer braucht man Mut, um für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, weil man weiß, dass sie nicht mehr in Lohn und Brot sind, wenn man selbst nicht gut und innovativ genug arbeitet. Als Unternehmer setzt man sein eigenes Geld ein. Wenn da etwas schief geht, können schnell Haus und Hof verloren gehen.Persönlich bewundere ich den Mut meines Bruders, der als Teilnehmer eines Rallye-Trosses Bürgerkriegsflüchtlingen an der tunesisch-libyschen Grenze Lebensmittel und Medikamente gebracht hat. Gesellschaftlich glaube ich, dass wir den Mut fördern müssen, uns gegen Strömungen einzusetzen und anzugehen, die dazu geführt haben, dass gewalttätige Übergriffe in den letzten Jahren nicht weniger, sondern mehr geworden sind."





Günther Smend kam als Zwölfjähriger mit seiner Familie nach Mülheim. Hier besuchte er das heutige Otto-Pankok-Gymnasium. Dort machte er sich als guter Schüler und als erfolgreicher Ruderer und Leichtathlet einen Namen. Nachdem er 1932 das Abitur bestanden hatte, trat Smend als Offiziersanwärter in die Reichswehr ein. Als Offizier und Adjutant des Generalobersten Zeitzler stieg er 1943 in den Generalstab des Heeres auf. Dort kam er mit den Widerstandskämpfern um Graf Stauffenberg zusammen und versuchte vergeblich seinen Vorgesetzten für die Teilnahme am Hitler-Attentat zu gewinnen. Deshalb wurde er nach dem 20. Juli 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Er hinterließ seine Ehefrau und drei Kinder. Seit 2007 erinnert ein vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegter "Stolperstein" vor Smends Elternhaus im Luisental 11 an den Mülheimer Widerstandskämpfer.




Dieser Beitrag erschien am 20. Juli 2011 in der NRZ





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen