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Warum brauchen wir eigentlich Denkmalschutz? Ein Gespräch mit dem Mülheimer Architekten Wolfgang Kamieth, der in einem Denkmal zu Hause ist



Zum Tag des offenen Denkmals sprach ich für die NRZ mit Wolfgang Kamiethdarüber, warum wir den Denkmalschutz als Gesellschaft brauchen. Als Architekt ist Kamieth nicht nur am Bau neuer Häuser interessiert. Er selbst wohnt zusammen mit seiner Frau Annette in einem sehr alten Fachwerkhaus, das 1784 am Ruhrufer errichtet wurde und das er 1988 erworben und restauriert hat.






Damals mussten wir jeden Balken nummerieren und 80 Prozent des Fachwerkes austauschen, weil die Balken verfault waren, erinnert sich Kamieth an den Kraftakt.In einem Haus zu wohnen, in dem schon viele Generationen vor uns gelebt haben, fasziniert ihn. Wir können uns nur mit unserer Zukunft beschäftigen, wenn wir auch unsere Vergangenheit kennen, ist Kamieth überzeugt. Er selbst hat sich sehr intensiv mit der Geschichte seines Hauses und dessen früheren Bewohnern beschäftigt, die er bis 1812 zurückverfolgen kann. Er weiß, dass hier früher Ruhrschiffer und Schlosser lebten und arbeiteten. An der Fassade hat er auch Hinweise auf Vorrichtungen gefunden, die zeigen, dass die alten Mölmschen hier früher ihre Pferde festmachen und ein Päuschen mit Ruhrblick einlegen konnten. Ob hier auch mal aus- und eingeschenkt wurde, konnte ich aber bisher nicht herausfinden, bedauert Kamieth.






Was macht ein Haus oder ein Gebäude zum Denkmal? Wenn es das Stadtbild prägt und für eine Epoche steht, sagt der Architekt. Denkmalschutz ist für ihn deshalb kein Selbstzweck, sondern eine elementare Aufgabe der Stadt, weil wir als Menschen Bilder brauchen, die uns unsere kulturellen Entwicklung vor Augen führen und unsere Identität prägen.Deshalb macht es aus seiner Sicht auch Sinn, Denkmäler und Wahrzeichen, wie die Alte Post, die Petrikirche oder das Schloss Broich zu erhalten, obwohl man heute sicher kein Schloss Broich mehr bauen würde. Dass man Anfang der 60er Jahre darüber nachdachte, die Broicher Burg abzureißen, kann er sich heute gar nicht mehr vorstellen.






Aber auch die in den frühen 70er Jahren entstandenen Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz mag er in diesem Sinne nicht als schlecht und falsch verurteilen, sondern sieht sie als Zeugen für den modernistischen Zeitgeist der 70er Jahre, in denen alles Alte als schlecht galt und die Menschen mit ganz anderen Erwartungen und Vorstellungen lebten.






Er selbst hat in den 70er Jahren Architektur studiert und erinnert sich noch gut daran, dass wir damals für Denkmalschutz gar nicht sensibilisiert wurden. Die Faszination für die Restaurierung alter Häuser packte ihn aber schon bald, als der junge Architekt für eine große Wohnungsbaugesellschaft in Duisburg eine alte Arbeitersiedlung wiederstellen musste. Bei Neubauprojekten arbeitet man am Schreibtisch, aber bei der Restaurierung von Altbauten muss man vor Ort sein. Da ist man festgelegt und muss sehen, was man aus dem machen kann, was man vorfindet beschreibt der Architekt seine Begeisterung für denkmalgeschütztes Bauen.






Durchaus kritisch sieht er die Privatisierung von Häusern in den alten Arbeitersiedlungen Heimaterde und Mausegatt. Dort, wo privatisiert wird und jeder Hauseigentümer individuell entscheiden kann, ob er zum Beispiel ein altes Holz- durch einen Kunststofffenster ersetzen kann, geht ein Stück des ursprünglichen Charakters der Siedlung verloren, glaubt Kamieth.Obwohl er sich in diesen Fällen eine strengere Gestaltungssatzung, wie in den Niederlanden wünschen würde, begrüßt er es, dass der Denkmalschutz heute nicht mehr so regide ist wie noch vor einigen Jahren und verstärkt auch die moderne Nutzung alter Gebäude im Blick hat, wenn zum Beispiel eine Gründerzeitvilla mit einem Halbetagenaufzug barrierefreier gemacht werden muss. Deshalb macht es für Kamieth auch nur dann Sinn, ein altes Gebäude zu erhalten, wenn es heute sinnvoll genutzt werden kann, wie das zum Beispiel mit den alten Wassertürmen in Broich und Styrum geschehen ist, die als Camera Obscura mit Filmmuseum und als Aquarius mit Wassermuseum zu neuen Wahrzeichen in alten Mauern geworden ist.






Faszinierend findet es der Architekt aus dem Baujahr 1951, der heute auch als Energieberater in Sachen Wärmedämmung unterwegs ist, dass alte Häuser, wie die über 600 Jahre alte Walkmühle im Rumbachtal oder auch viele alte Kirchen mit so dicken Mauern gebaut wurden, dass sie es bis heute mit jeder modernen Wärmedämmung aufnehmen können.Beim Bau eines Hauses maßstäblich auf menschliche Proportionen und Symmetrien zu achten und Baumaterial aus der Region zu verwenden, sind für den Architekten Kamieth die wichtigsten Lehren der alten Baumeister, die es in seinen Augen bis heute zu beherzigen gilt, weil sie unsere Häuser, Straßen und Städte schön machen.






Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ








Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ

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