Mittwoch, 14. September 2011

Urlaub anno dazumal: Erinnerungen an die gute alte Sommerfrische







Sommerzeit ist Urlaubszeit. Und der Trend, so bestätigt Alexandra Scholz vom Speldorfer Reisebüro Fleck, geht wieder zum Urlaub im eigenen Land, "weil es preiswerter ist und viele Leute auch nicht gerne fliegen." Die Reisekauffrau und ihre Kollegen stellen fest, dass vor allem der Urlaub an Ost- und Nordsee hoch im Kurs steht. Wer keine Flugangst hat und sich viel Sonne für wenig Geld wünscht, den zieht es laut Scholz derzeit vor allem in die Türkei oder nach Ägypten und Tunesien, während klassische Urlaubsziele wie Ibiza und Menorca wegen gestiegener Preise weniger attraktiv seien, anders, als die "gut gebuchten" Kreuzfahrten und das Urlaubsziel schlechthin: Mallorca. Da sei vor allem bei ganz jungen Urlaubern gefragt.










Wie machten eigentlich unsere Eltern und Großeltern Urlaub, als von All inclusive noch keine Rede war. Aus erster Hand erfahre ich von meiner Mutter Edith Emons, die gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, dass sie in ihren Kindertagen mit Vater, Mutter und zwei jüngeren Geschwistern "entweder in unserem eigenen Schrebergarten in Köln oder auf Bauerhöfen im Westerwald und im österreichischen Vorarlberg" ihre Sommerfrische verlebt hat. "Da konnte man Tiere entdecken und mit Freunden spielen. Außerdem kam man schnell dort hin und es war preiswert," schildert sie die unschlagbaren Vorteile der sommerlichen Landpartien, als die Kinder noch nicht kriegsbedingt aufs Land verschickt werden mussten.










Meine Zeitreise auf der Suche nach der Sommerfrische von Anno Dazumal führt mich weiter in das Haus Ruhrgarten an der Mendener Straße. Der Name ist Programm. Beim Ausblick auf die Ruhr fühlt man sich gleich, wie im Urlaub. Hier treffe ich unter anderem die 85-jährige Sophia Heinz. Sie verbindet den Sommer ihrer Kindheit nicht mit Urlaub, sondern "mit viel Arbeit." Denn ihre Eltern betrieben eine Landwirtschaft und brauchten die Tochter im Sommer als Erntehelferin. Den ersten richtigen Urlaub erlebte sie erst Ende der 60er Jahre bei einer Familienfreizeit im ostwestfälischen Bracke. "Dort gab es für unsere Kinder jede Menge Spiel, Sport und Programm. Und mein Mann und ich konnten einmal in aller Ruhe spazieren gehen und die wunderbare Landschaft genießen," erinnert sie sich an ihre Sommerfrische in der Bibelschule von Bracke. Urlaub in einer Bibelschule? "Ja. Denn mein christlicher Glaube hat mir immer viel Kraft gegeben und mich froh gemacht", sagt Heinz im Rückblick auf ihre Lebensreise.










Ähnlich erging es auch ihrer 1921 in Selbeck geborenen Mitbewohnerin Margarete Anstütz. "Im Sommer sind wir schön zu Hause geblieben. Denn meine Eltern hatten eine große Landwirtschaft. Wir hatten selbst Feriengäste und haben auf dem Feld mitgeholfen. Außerdem durften wir in den Sommerferien immer länger aufbleiben." Nur bedingt in guter Erinnerung hat sie dagegen den ersten Urlaub, den sie vor 60 Jahren mit ihrem frisch angetrauten Mann an der ostfriesischen Waterkant und mit einer eifersüchtigen Schwiegermutter im Gepäck verbracht hat. "Ein Mal und nie wieder", resümiert Anstütz.










Ihre 95-jährige Mitbewohnerin Leni Haag, die den Ruhrgarten bereits aus ihrem früheren Engagement als Grüne Dame bei der Evangelischen Krankenhaushilfe kennt, verbrachte die Sommerferien ihrer Kindheit entweder in Hiddensen bei Detmold, also im Teutoburger Wald, oder bei Opa und Onkel, die in Trebin bei Lukenwalde, also in der Nähe von Berlin, einen großen Bauernhof betrieben. Natürlich besuchte sie mit ihren Schwestern im Teutoburger Wald auch das Hermanns-Denkmal. Allemal lieber waren ihr aber die Wanderungen, bei denen sie unzählige Blumen pflücken konnte. Bei den Ferien auf dem Lande fand sie es spannend, Kühe, Schweine und Hunde zu füttern oder dem Opa, der eine Bienenzucht betrieb, beim Schleudern des Honigs zuzuschauen. Im Rückblick bleiben Haag auch die sommerlichen Opernbesuche bei Wagners auf dem Grünen Hügel in Bayreuth in guter Erinnerung, die sie sich später zusammen mit einer Schwester immer wieder gerne gönnte.










Margarete Dütemeyer (87) und ihre sechs Geschwister hatten bei der Fahrt in die Sommerferien einen unschlagbaren Preisvorteil: einen Vater, der bei der Eisenbahn arbeitete. Wenn sich Dütemeyer daran erinnert, wo sie und ihre Geschwister den Sommer verlebten, dann erinnert sie sich an Bauernhöfe und Landgüter im Lipper- und im Oldenburger Land oder auch in der Magdeburger Börde. Mal musste sie den Pferden Hafer geben, mal die Kinder des Gutsbesitzers hüten, mal im Hühnerstall die Eier fürs Frühstück einsammeln. Die Zeit auf dem Lande war für die Kinder aus dem Ruhrgebiet die reinste Aufpäppelung, bei der sich jeder nach Herzenslust satt essen durfte. In der Rückschau auf ihre Jugend ist ihr aber auch eine Reise auf die Nordseeinsel Baltrum unvergessen geblieben, die sie als Mitglied der Mädchengruppe ihrer Kirchengemeinde erlebte. Noch heute gerät sie ins Schwärmen, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie mit ihren Kameradinnen am Strand spielte, im Meer schwamm oder in den Dünen den Sonnenuntergang beobachtete.










Dass Berlin immer eine Reise wert ist, kann die 86-jährige Martha Lange aus eigener Anschauung bestätigen. Den beeindruckendsten Sommerurlaub ihrer Jugend verbrachte die 14-Jährige in der Deutschen Hauptstadt. Der Onkel besuchte mit ihr den Zoologischen Garten und die Tante ging mit ihr abends ins Kabarett. Nicht minder beeindruckte sie dort die erste U-Bahn-Fahrt ihres Lebens. "So etwas kannten wir hier damals ja noch gar nicht", erinnert sich die gebürtige Saarnerin an ihren abenteuerlichen Sommerurlaub in der Weltstadt.

Dieser Beitrag erschien am 11. August 2011 in der NRZ

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