Mittwoch, 3. August 2016

Europa ist keine Einbahnstraße: Mülheim profitiert vor allem von den Regional- und Sozialfonds der Europäischen Union

Jan-Alexander Scheideler betreut bei
Mülheim & Business den Bereich
Europaangelegenheiten.
Foto: M&B
Folgt man der Europäischen Kommission, so zahlt jeder Mülheimer jährlich 192 Euro für die Europäische Union. Und als deutsche Steuerzahler tragen wir aktuell 21 Prozent des 144 Milliarden Euro schweren EU-Haushaltes. Doch was bringt uns die EU, abseits von friedens- und geopolitischen Pluspunkten? Wer nach Antworten sucht, kommt zur städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Mülheim & Business (M&B). Hier werden Mülheims Europa-Aktivitäten koordiniert.

„Mülheim profitiert vor allem von Geldern aus dem Infrastruktur- und Regionalfonds  Efre sowie von Geldern aus dem EU-Sozialfonds ESF“, sagt der für Europaangelegenheiten zuständige M&B-Mitarbeiter, Jan-Alexander Scheideler.  Er beobachtet die Förderprogramme der EU und schaut, wo Kommune, Unternehmen, Schulen oder andere Institutionen einhaken könnten. „Derzeit fördert die EU vor allem Projekte, die Wettbewerbsfähigkeit, Innovationen und Nachhaltigkeit stärken“, sagt Scheideler.


Seine aktuelle Aufstellung zeigt: In ihrer laufenden Förderperiode 2014 bis 2020 flossen bisher rund acht Millionen Euro in Mülheimer Projekte. Hinzu kommen rund 5,8 Millionen Euro aus dem EU-Haushalt, von denen Mülheim nicht alleine, aber indirekt im Rahmen von regionalen Kooperationsprojekten profitiert.


„Entscheidend ist, dass die EU-Fördermittel aber nur dann fließen, wenn die öffentlichen oder privaten Projektpartner einen finanziellen Eigenanteil beitragen, der in der Regel zwischen 10 und 50 Prozent der Fördersumme beträgt. Dabei fließen die EU-Fördermittel zunächst an das Land oder den Bund, die die Gelder dann an die kommunen weiterreichen“, erklärt Scheideler den Vergabeweg. Einige Förderbeispiele: Insgesamt 6,7  Millionen Euro fließen allein in den großen Bereich der Arbeitsmarktintegration von Langzeitarbeitslosen. „Die ESF-Mittel decken vor allem Personalkosten und Lohnkostenzuschüsse. Dadurch sind wir als Sozialagentur zum Beispiel in der Lage Betriebsakquisiteure und Integrationscoaches einzustellen und Qualifikationsdefizite von Langzeitarbeitslosen durch Lohnzuschüsse auszugleichen“, erklärt Birgit Mohr von der Sozialagentur.


Um vorbeugende Bildung und langfristige Integration in den Arbeitsmarkt geht es der EU auch, wenn sie rund 36 000 Euro für einen Volkshochschulkurs bereitstellt, der es aktuell 13 jungen Erwachsenen ermöglicht ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. Das gleiche Ziel sollen auch die gut 71 000 Euro erreichen, die als EU-Förderung, drei Basis-Sprachkurse für Flüchtlinge ermöglichen.


Mit knapp 3,5 Millionen Euro fördert die EU im Rahmen der Klima- und Energiewende das Programm Innovation City Roll out zur energetischen Bau- und Stadterneuerung, von der auch Wohnquartiere in Dümpten, Heißen und Stadtmitte profitieren.


20 000 Euro hat die EU aus ihrem Bildungsprogramm Erasmus für die Förderung von Schulpartnerschaften zur Verfügung gestellt. Mit der Gustav-Heinemann-Schule, der Realschule Broich und dem Gymnasium Heißen gibt es derzeit drei ausgewiesene Europa-Schulen. Weitere 12 000 Euro flossen in den Kongress JSR meets friends, bei dem der Jugendstadtrat Jugendliche aus den Partnerstädten zu einem Erfahrungsaustausch zusammenbrachte. 150 000 Euro aus dem ESF-Topf unterstützen das Programm Kein Anschluss ohne Anschluss, mit dem Schüler frühzeitig an die Berufswelt herangeführt werden.


Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes der Ruhrgebietsstädte profitiert auch Mülheim von den rund 1,5 Millionen Euro, die die EU für den geplanten Ruhr-Hub bereitstellen will. Hier wird Mülheim mit dem Standort für ein digitales Gründer-Camp beteiligt sein. Im Kern geht es um den Aufbau eines Mentoren- und Coachingsystems, das helfen soll, digitale Start-Up-Unternehmen langfristig zu stabilisieren und wettbewerbsfähig zu machen. Um digitalen Wissenstransfer und Netzwerkbildung zwischen der Mülheimer Games Factory und konventionellen Mülheimer Wirtschaftsunternehmen geht es auch beim Projekt NRW interaktiv, das die EU mit 296 000 Euro gefördert hat.


Dieser Text erschien am 2. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 2. August 2016

Augen auf bei der Lehrstellensuche: Noch sind 500 Bewerber unversorgt

Lisa Zöllner berichtete über
ihre Erfahrungen als angehende
Bestattungsfachkraft.
Das neue Ausbildungsjahr beginnt am 1. August. Trotzdem sind noch 500 Schulabgänger nicht versorgt. Für die Partner des seit 1996 existierenden Ausbildungskonsenses (Stadt, Industrie- und Handelskammer, Gewerkschaften und Kreishandwerkerschaft) ist das Grund genug, um bei Unternehmen für Ausbildungsplätze zu werben, aber auch den Lehrstellen-Suchenden die Augen für die Vielfalt der aktuell 360 Ausbildungsberufe in Mülheim zu öffnen.
Deshalb besuchten IHK-Präsidentin Jutta Kruft-Lohrengel, Arbeitsagentur-Chef Jürgen Koch, der Leiter des Sozialamtes, Klaus Konietzka, die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, Barbara Yeboah und ihr Amtskollege Dieter Hillebrand vom Deutschen Gewerkschaftsbund jetzt einen Ausbildungsbetrieb, dessen Arbeit sie übereinstimmend als „vorbildlich“ würdigten.

Nicht nur auf die Klassiker schauen

„Ich weiß, dass sie mit ihrem Ausbildungsberuf bei vielen Jugendlichen nicht ganz oben auf der Wunschliste stehen. Aber auf meinem Ranking stehen Sie jetzt ganz oben“, bescheinigte Klaus Konietzka den Mitarbeiterinnen, Sandra Huber, Kathrin Lindemann und Lisa Zöllner, die das seit 90 Jahren von der Familie Aus dem Siepen geführte Bestattungshaus charmant, kompetent und überzeugend als Ausbildungsbetrieb mit beratenden, kommunikativen, verwaltungstechnischen, floristischen und gastronomischen Arbeitsfeldern vorgestellt hatten.

„Eigentlich wollte ich studieren. Doch das war mir nach 13 Schuljahren einfach zu viel Theorie. Hier habe ich einen sehr praktischen und vielseitigen Beruf gefunden, mit dem man Menschen in einer schwierigen Lebenssituation helfen und beistehen kann“, erklärt die 20-jährige Lisa Zöllner, warum sie sich bei Aus dem Siepen zur Bestattungsfachkraft ausbilden lässt. Zöllner war für ihre Ausbilderin Kathrin Lindemann ein klassisches Beispiel dafür, „dass mich eine Bewerberin als Person mit ihren menschlichen Qualitäten überzeugen kann, auch wenn ihre Bewerbungsunterlagen nicht perfekt sind.“ Sandra Huber, die bei Aus dem Siepen die Unternehmenskommunikation verantwortet, macht klar. „Wir brauchen in unserem Beruf Menschen, die nicht nur Fachwissen, sondern auch Einfühlungsvermögen mitbringen.“

Der Mensch zählt

Dieser Ansatz begeistert den Chef der Agentur für Arbeit, Jürgen Koch: „Sie schauen nicht nur auf die Noten, sondern auf die Motivation, die der Mensch mitbringt.“ Dass die drei jungen Damen vom Bestattungshaus selbstbewusst auftreten, lässt die Stabilität, aber auch die menschliche Herausforderung ihres Arbeitsplatzes erahnen. Aktuell sind immerhin fünf der insgesamt 40 Mitarbeiter Auszubildende. „Wir bilden unseren eigenen Nachwuchs aus und freuen uns, wenn die Leute bei uns bleiben“, betont Lindemann. Auch wenn der tägliche Umgang mit Tod und Trauer nicht einfach ist, kann sich Lisa Zöllner eine langfristige Zukunft in ihrem Lehrberuf vorstellen, „in dem man lernt, das Leben zu genießen und zu schätzen, weil man begreift, dass das Leben endlich ist und jeder Tag der Letzte sein kann.“

Eine gute Perspektive

Für die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, Yeboah und IHK-Präsidentin Kruft-Lohrengel steht nach dem Info-Besuch im Bestattungshaus Aus dem Siepen fest: „dass sich eine berufliche Ausbildung auch links und rechts der klassischen Ausbildungsberufe und des Hochschulstudiums lohnt, weil die Lehrlinge von heute in Zeiten des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels, als gut ausgebildete Fachkräfte künftig die Könige des Arbeitsmarktes sein werden.“

Dieser Text erschien am 20. Juli 2016 im Mülheimer Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Montag, 1. August 2016

Heil und Heilung: Das Sankt-Marien-Hospital feierte die Einweihung seines Neubaus

Weihbischof Franz Grave, Stadtdechant Michael Janßen und
Schwester Ingeborg bei der Einweihung des Neubaus im
St. Marien-Hospital
„Kommt ein Gast, kommt Christus!“ So steht es in lateinischer Sprache am alten Portal des St. Marien-Hospitals, das jetzt einen fünfstöckigen Neubau mit 134 Betten und einer modernen Schlaganfall-Einheit eröffnen konnte. „Den Altbau werden wir im August abreißen, aber den Schriftzug werden wir abnehmen und dafür einen anderen würdigen Ort in unserem Hause finden“, versicherte Klinik-Geschäftsführer Hubert Brams bei der Einweihung. Der emeritierte Weihbischof Franz Grave und Stadtdechant Michael Janßen nutzten die Feierstunde, um mit dem Evangelium vom Bernherzigen Samariter daran zu erinnern, dass es in einem katholischen Krankenhaus „nicht nur auf das professionelle Handwerk, sondern auch auf Gottes Segen und die Haltung ankommt, mit denen man hier Menschen in Krankheit und Not begegnet.“ Dafür steht auch die Elisabeth-Schwester Ingeborg, die beim Festakt die Fürbitten sprach. Die Ordensfrau, die 1952 in St. Marien-Hospital kam und in den Jahren 1960 bis 1990 rund 20.000 Menschen auf die Welt geholfen hat, ist bis heute als Seelsorgerin ihrer alten Wirkungsstätte eng verbunden.

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens und Oberbürgermeister Ulrich Scholten würdigten die mit einer Investition von 22,5 Millionen Euro verbundenen Modernisierungsbemühungen des fast 130 Jahre alten katholischen Krankenhauses als 

Mit Blick auf die neue Schlaganfall-Einheit waren sich Ministerin und Oberbürgermeister einig: „Damit wird hier eine Versorgungslücke geschlossen!“ Scholten wies darauf hin, dass das St. Marien-Hospital, das mit seinem Neubau modernste Rahmenbedingungen für seine Innere Medizin, seine Chirurgie und seine Orthopädie geschaffen hat, nicht nur ein wichtiger medizinischer Dienstleister, sondern mit 750 Mitarbeitern, darunter 75 Auszubildende, auch ein wichtiger Arbeitgeber sei. Stationär und ambulant versorgt das St. Marien-Hospital, zu dem auch eine kassenärztliche Notfall-Praxis gehört insgesamt rund 30.000 Patienten pro Jahr. Apropos Patienten: Im Rückblick auf eine zweieinhalbjährige Bauphase zeigten sich die Klinik-Geschäftsfüher Hubert Brams und Dirk Albrecht „dankbar, dafür, dass bei den Bauarbeiten niemand der Beteiligten zu Schaden gekommen ist.“

Dieser Text erschien am 2. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 31. Juli 2016

Wie ein warmer alter Mantel: Eine Veranstaltung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg stellte die Frage, wie Kirche klingen muss, wenn sie von Gott spricht.

Auf dem Podium: (von links) Der Pastoraltheologe Prof. Dr. Matthias Sellmann, Wort-zum-Sonntag-Sprecher Gereon Alter, die evangelische Theologin und Autorin Christina Brudereck, Politik-Berater Erik Flügge und Moderator Jens Oboth von der katholischen Akademie.

Wie kann Kirche klingen? Das fragte sich die Katholische Akademie und suchte Rat bei berufenen Experten. Rat tut Not. Denn die Frohe Botschaft des Christentums kommt nicht mehr überall an. Rund 7500 Katholiken im Bistum Essen haben, laut Bischofskonferenz, im Jahr 2014 ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Die aktuelleren Austrittszahlen aus dem Jahr 2015, die das Bistum Mitte Juli veröffentlichen will, werden wahrscheinlich vergleichbar hoch sein. Seit dem Jahr 2000 ist der Bevölkerungsanteil der katholischen Christen im Ruhrbistum so um fünf auf jetzt noch 33 Prozent gesunken.
Warum verstehen viele Katholiken ihre Kirche nicht mehr? „In der Kirche ist es meistens kalt und dunkel. Da wird von Tod, Angst und Zuversicht gesprochen. Das verstehen viele Menschen nicht. Und sie empfinden es als übergriffig“, schreibt der junge Katholik Erik Flügge seiner Kirche ins Stammbuch. Der Germanist, Buchautor, Blogger und Politikberater zeigt nicht nur an diesem Abend in der Wolfsburg, dass er mit Sprache umgehen kann. Er wünscht sich Pfarrer, „die nicht so salbungsvoll, sondern ganz normal, wie beim Bier mit einem Freund über ihren Glauben sprechen.“ Neben der Sprache ist dem jungen zornigen Mann auch das Erscheinungsbild so manches Sandalen-Theologen im XXL-Schlabber-Look ein Dorn im Auge. Sicher. Auch für Gottesmänner und Frauen gilt: „Wie du kommst gegangen, so wirst du auch empfangen.“
Flügges Forderung nach einer pointierter auftretenden Kirche kontert der Pastoraltheologe Matthias Sellmann mit dem Hinweis: „Dass eine gute religiöse Sprache nicht nur unterhalten, sondern auch trösten und nachdenklich machen soll.“ Mit Blick auf die fragwürdigen politischen Pointen der AFD warnt Sellmann seine Kirche davor, mit anderen Meinungsführern und Sinnanbietern in einen Pointen-Wettbewerb einzutreten. Auch der Hochschullehrer Sellmann sieht die wissenschaftlich mit Fußnoten überladene Theologensprache kritisch, fordert aber auch einen klaren Qualitätsstandard, „der mir als Zuhörer geistige Nahrung gibt und mich sinnbildlich in den Hintern tritt, damit ich gut durch die neue Woche komme.“ Der Politikberater räumte ein, dass es auch vielen Politikern nicht gelinge, ihre Botschaft verständlich an die Frau und den Mann zu bringen. Deshalb, so Flügge, gehe für sie dann am Wahlabend der Balken nach unten, während die Kirchenmitglieder mit den Füßen abstimmten und einfach nicht mehr hin gingen oder sogar austräten.
Die evangelische Theologin und Autorin Christina Brudereck empfiehlt Christen, die im Namen ihrer Religion das Wort ergreifen wollen, sich erst mal selbst zu positionieren: „Schreiben Sie doch mal in drei Sätzen auf, was Ihre Religion für sie charmant macht“, empfiehlt sie ihren Podiums-Kollegen und Zuhörern im vollbesetzten Auditorium der Akademie. Aus ihrer Sicht täte die Kirche gut daran, die schwierige Aufgabe der Predigt, nicht nur den Pfarrern aufzubürden, sondern Menschen aus dem richtigen Leben, von der Krankenschwester bis zum Manager, als Gastprediger einzuladen und so für mehr Vielfalt und Lebensnähe zu sorgen. Brudereck sieht eine gute theologische Sprache, „wie einen warmen Mantel, den man Menschen tröstend umlegen kann.“ Beispielhaft zitiert sie die Gedichtzeilen des evangelischen Pfarrers und 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Immer wieder schön und wohltuend zu hören.

Theologe Gereon Alter vom ARD-Sprecherteam des Wortes zum Sonntag ermutigt die Gemeindemitglieder zu „einer Feedback-Kultur“, die Pfarrer nicht nur mit dem Satz abspeist: „Sie haben wieder schön gepredigt!“ Seinen Kollegen empfiehlt er, „möglichst bildhaft und immer aus ihrer eigenen Biografie heraus“ zu predigen, um mit ihrer frohen christlichen Botschaft authentisch anzukommen.

Samstag, 30. Juli 2016

Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Darüber diskutierten Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und CDU-Landeschef Armin Laschet mit interessierten Bürgern in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg

Akademie-Direktor Michael Schlagheck moderierte die
Bürgerdiskussion mit CDU-Landeschef Armin Laschet
und Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck.
„Lesen Sie auch die Kirchenzeitung?“ fragt CDU-Landeschef Armin Laschet einen Zuhörer im vollbesetzten Auditorium. Der Mann hat gerade aufgezählt, welche Zeitungen er liest und welche Fernsehnachrichten er schaut, um sich gut zu informieren. Die Frage kommt nicht von ungefähr. Denn bei der Debatte darüber, „was unsere Gesellschaft zusammenhält“, kommt aus dem Publikum auch der Anstoß, dass eine demokratische Gesellschaft ihren Zusammenhalt und ihre Funktionsfähigkeit verliert, wenn ihre Bürger sich nicht gut informieren oder von den Medien nicht gut informiert werden. Das, so weiß der ehemalige Chefredakteur der Aachener Kirchenzeitung, Armin Laschet, gilt natürlich auch für die Kirche und ihre gesellschaftspolitische Positionierung.

Laschets Frage bleibt, zumindest, was die Kirchenzeitung betrifft, unbeantwortet. Im Auditorium weiß man, dass Bistum Essen hat seine katholische Wochenzeitung Ruhrwort 2014 durch das alle zwei Monate erscheinende Magazin Bene ersetzt. Bischof Franz-Josef Overbeck lächelt vielsagend und Gastgeber Michael Schlagheck von der Katholischen Akademie Die Wolfsburg greift mit der Feststellung ein: „Da machen Sie aber ein Fass auf!“ Grundsätzlich teilt Laschet die Kritik des gut informierten Katholiken aus Oberhausen, der eine zunehmende Emotionalisierung und Oberflächlichkeit der Medien beklagt. Ausdrücklich lobt der CDU-Oppositionsführer im NRW-Landtag den Informationsgehalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: 


„Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden“, meint der Christdemokrat. Ruhrbischof Overbeck sieht die Medien „in der gesellschaftlichen Verantwortung, Verantwortungsträger in Gesellschaft, Politik und Kirche nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu unterstützen.“
Auch, wenn aus dem Auditorium der Hinweis kommt, dass die privatwirtschaftlich organisierten Medien aufgrund einer zunehmend digitalen und kostenfreien Mediennutzung unter starkem Rationalisierungsdruck stehen, mit dem die Gefahr massiver Qualitätsverluste einhergehen, muss das Gespräch über alternative Medienfinanzierungsmodelle aus Zeitgründen auf die Diskussion nach der Diskussion im Foyer vertagt werden.


Mit Blick auf den Brexit macht Laschet deutlich, dass unsere Demokratie nicht nur Politiker, sondern auch Bürger braucht, die sich nicht nur, aber auch als Wähler einbringen. „Es wäre nie zu einem britischen EU-Austritt gekommen, wenn mehr junge Briten zur Wahl gegangen wären. Denn 70 Prozent der jungen Wähler haben für den britischen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Aber nur 35 Prozent der jungen Wahlberechtigten haben am Referendum teilgenommen“, beschreibt der Christdemokrat die Folgen von politischem Desinteresse für den Zusammenhalt und die Stabilität einer Gesellschaft. Die Brexit-Erfahrung bestärkt den Landespolitiker darin, „dass ich ein Anhänger der repräsentativen Demokratie bin und dass es gut ist, wenn manche Fragen nicht mit einem Referendum entschieden werden.“

An diesem Punkt hakt die Diözesan-Vorsitzende des Bundes der katholischen Jugend, Stephanie Schulze, ein. Die Bochumer Studentin, die auf das Berufsfeld der sozialen Arbeit zusteuert, hat aus ihrer eigenen Arbeit den Eindruck gewonnen, „dass Jugendliche sich sehr wohl für Politik interessieren und zu aktivieren sind, wenn man frühzeitig an die Übernahme von Verantwortung heranführt. Ihre Konsequenz: Das Wahlalter sollte nicht nur auf der kommunalen Ebene auf 16 Jahre abgesenkt werden. Doch da erweist sich Laschet, wie sie es vorausgesagt hat, als „eine harte Nuss.“ Der Chef der NRW-CDU will, dass Volljährigkeit und Wahlrecht miteinander gekoppelt bleiben.
Ruhrbischof Overbeck lenkt die Aufmerksamkeit auf das Thema Solidarität. „Als Kirche müssen wir uns dafür in den Wind stellen. Auch wenn wir dafür Kritik ernten“, unterstreicht der Oberhirte des Bistums Essen. Ob Flüchtlinge oder Alleinerziehende, Behinderte, Alte, Kranke und Arbeitssuchende. Overbeck sieht die Kirche als Anwältin der „der Solidarität mit den Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen.“ Wie kann Integration und 

Zusammenhalt in Deutschland und in Europa gelingen? „Nur durch vorgelebte Erfolgsgeschichten und ganz normale Menschen, die auch öffentlich für eine Sache einstehen“, ist Overbeck überzeugt. Christdemokrat Laschet sieht vor allem mit Blick auf Bildung und Beruf den sozialen Zusammenhalt auch zukünftig gesichert, „wenn wir in unserem Land wieder mehr Chancengerechtigkeit und Aufstiegsmöglichkeiten schaffen.“


Auf die Publikums-Nachfrage nach den Konsequenzen aus der zunehmenden Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse, von denen niemand, geschweige denn mit einer Familie, leben kann, bleiben Politiker und Kirchenmann erwartungsgemäß eine endgültige Antwort schuldig. Beide sehen die Notwendigkeit, zum Beispiel durch eine gute Kinderbetreuung die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. „Auch wenn das dem Familienbild mancher Katholiken widerspricht, müssen wir als Kirche die gesellschaftliche Wirklichkeit nehmen, wie sie ist“, verteidigt der Ruhrbischof den Testlauf für eine 24-Stunden-Betreuung, mit der zunächst zwei katholische Kindertagesstätten des Bistums versuchen, alleinerziehenden Eltern eine Berufstätigkeit im Wechselschichtbetrieb zu ermöglichen und damit zu verhindern, dass sie ins Arbeitslosengeld 2 abrutschen. CDU-Mann Laschet fordert „ein grundsätzliches Umdenken“, wenn es darum gehe, Ökonomie und Ökologie, „etwa bei der Ansiedlung gut bezahlter Industriearbeitsplätze“ gehe.



Und was ist mit der Religion und den Kirchen, die sie in unserer Gesellschaft vertreten? Die Katholiken Laschet und Overbeck, wenn wundert es, sehen in der Religion eine wichtige Sinn- und Wertestifterin. Beide plädieren aber auch für eine Vernunft-geleitete Religion und eine klare Trennung zwischen Theologie und Staatspolitik, aber auch für selbstbewusste, gestaltungsbereite und ökumenisch offene Christen. Aus dem Auditorium heraus warnt ein aus dem Irak geflohener Christ vor einer falschen Toleranz gegenüber extremistischen Muslimen, die die Scharia höher schätzten als das Grundgesetz und die auch davor nicht zurückschreckten, in Flüchtlingsunterkünften zum Christentum konvertierte Muslime zu drangsalieren.

Franz-Josef Overbeck räumt solche Übergriffe ein, sieht sie aber zumindest mit Blick auf die Caritas-Unterkünfte als Einzelfälle an. „Auch wir Katholiken haben bis 1965 gebraucht, ehe wir uns mit dem II. Vatikanischen Konzil dazu bekannt haben, dass sich Religionsausübung und Religionsfreiheit immer gegenseitig bedingen“, wirbt der Ruhrbischof für Verständnis in Richtung eines Islams, der zumindest in weiten Teilen noch die Aufklärung vor sich hat, die das Christentum, zum Teil auch schmerzhaft, bereits hinter sich hat.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2016 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 29. Juli 2016

Ein Leben, das bis heute nachklingt: Vor 100 Jahren wurde der Kirchenmusiker und Komponist Siegfried Reda geboren

Seit 1996 ist der Platz unterhalb der
Petrikirche nach Siegfried Reda benannt.
Wer mit seiner Biografie Eingang in eine Fachenzyklopädie findet, muss in seinem Leben schon Außergewöhnliches geleistet haben. Der vor 100 Jahren in Bochum geborene und später in Dortmund und Berlin ausgebildete Kirchenmusiker und Komponist Siegfried Reda gehört zu diesen Menschen. Das Klangerlebnis von Bachs Matthäuspassion wies dem Neunjährigen den Weg zu seiner Berufung. Zwischen 1952 und 1968 wirkte er als Kirchenmusiker an der Petrikirche, lehrte aber auch als Hochschullehrer an der Folkwangschule, gab in ganz Europa Orgelkonzerte und komponierte Orgel- und Chorwerke. Auch als Dozent von Meisterkursen und Orgelsachverständiger war Reda gefragt. Als Musiker der Kriegsgeneration, der Diktatur und Krieg erlebt und erlitten hatte, wusste er aus den christlichen Quellen zu schöpfen.

„Anders als die Generation seiner Lehrer versuchte Reda, engen Kontakt mit der allgemeinen Entwicklung der Neuen Musik zu halten. Später übernahm er Elemente der Zwölftontechnik und in seinen letzten Werken Cluster- und Glissando-Techniken. Er blieb aber seinen Lehrern im Wunsch nach größtmöglicher Eindringlichkeit der Textaussage verbunden, die er durch Mittel der Tonmalerei, gestische Wendungen und musikalische Symbole zu steigern suchte.“ So beschreibt der Berliner Musikwissenschaftler Burkhard Meischein in der Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ das von Bach und Strawinsky inspirierte Werk Redas.

Johannes Mundry vom Bärenreiter-Verlag, der alle Kompositionen Redas veröffentlich hat, nennt den vor 48 Jahren verstorbenen Kirchenmusiker „unseren Säulenheiligen“. Da Reda nur 52 Jahre alt wurde, blieb sein letztes Werk, Chorsätze zu allen Sonntagen des Kirchenjahres, unvollendet. Heute hören Gottesdienstbesucher Redas Musik, wenn sie unter der Nummer 64 des Evangelischen Gesangbuchs die Verse des von den Nazis in den Tod getriebenen Dichters Jochen Klepper, „Der du die Zeit in Händen hast“, singen.

Bis heute klingt Reda an seinem einstigen Arbeitsplatz nach. Denn die dort 1959 von seinem Freund, dem Orgelbauer Karl Schuke, mit 57 Registern und 4 Manualen installierte Orgel, wurde von Reda geplant. Seit 1996 haben alle Mülheimer, die sich unterhalb der Petrikirche vor dem Fasskeller oder am öffentlichen Bücherschrank niederlassen, seinen Namen vor Augen. Denn seine Wahlheimat Mülheim, die ihn 1964 mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft auszeichnete, würdigte sein Lebenswerk posthum mit dem Namenspatronat für einen Platz, an dem Reda selbst täglich vorbeikam, wenn er von seiner Wohnung an der Wertgasse zur Petrikirche hinaufging.

Dort war es der von Hans Bril geleitete Mülheimer Singkreis, der immer wieder Redas Chorwerke aufführte. Zweifellos würde Reda die heutige Musik an der Petrikirche, die von seinem engagierten mittelbaren Nachfolger Gijs Burger inspiriert und ermöglicht wird, mit Freude sehen und vor allem hören.


Dieser Text erschien am 27. Juli 2016 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 27. Juli 2016

So gesehen: Der Lebensabend will erarbeitet sein

Lebensabend. Das hört sich schön an. Da möchte man gleich in Rente gehen. Doch noch ist nicht aller Tage Abend. „Gott sei Dank“, möchte man sagen, wenn man die Diskussionsveranstaltung der SPD-Senioren zum Thema Altersarmut besucht hat.
Wer sich dort die Fakten rund um Demografie, prekäre Beschäftigung und Rentenreform anhörte, weiß als Angehöriger der Generation Praktikum gar nicht mehr, ob er sich auf seinen  Lebensabend noch  freuen kann. Joggen und Müsli essen, damit man auch mit Mitte 80 noch als rüstiger Mini-Jobber mit Zeitvertrag fragen kann:  „Welcher Hamburger darf es denn sein? Oder hätten Sie lieber unseren Seniorenteller?“

Man könnte natürlich auch reich heiraten und von den Zinsen leben. Arbeit ist doch was Spießer. Doch wenn Euro-Banker Mario Dragi nicht bald in seinen unverdienten Ruhestand geht und die Sparer weiter enteignet, könnte auch dieser Traum, wie eine Seifenblase platzen. Von möglichen Scheidungskosten ganz zu schweigen. Also müssen wir vor der Rente noch mal ran und für eine Politik und Wirtschaft sorgen, die wirklich für die Menschen da ist. Und wer das nicht will, der gehört schon heute aufs Altenteil und das mit demografischem Rentenabschlag!

Dieser Text erschien am 13. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...