Samstag, 8. Juli 2017

Wenn Ehrenamt Schule macht: Gustav-Heinemann-Schüler gehen mit gutem Beispiel voran


Nach ihrer Abschlusspräsentation bekamen alle Teilnehmerinnen und
Teilnehmer des Service-Learning-Kurses eine Urkunde überreicht.
Hinten links und rechts sieht man die Kursleiterin Brigitte Walter-Böing
und die für das Projekt zuständige CBE-Mitarbeiterin Eva Henning.
„Also lautet der Beschluss, dass der Menschen was lernen muss. Nicht allein das ABC bringt den Menschen in Höhe. Nicht allein am Schreiben und Lesen übt sich ein vernünftig Wesen. Nicht allein in Rechnungssachen soll sich der Mensch Mühe machen. Sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören. So dichtete Wilhelm Busch schon vor 150 Jahren in seinen Geschichten über Max und Moritz.

Vielleicht hätte es mit den beiden Lausbuben ein besseres Ende genommen, wenn es schon damals so etwas, wie ein Service Learning gegeben hätte. Genau das bietet die Gesellschaftskundelehrerin Brigitte Walter-Böing als Wahlpflichtkurs im Rahmen des Lernförderprogramms Lernen individuell (Leiv) an der Gustav-Heinemann-Schule für die Mädchen und Jungen der neunten Jahrgangsstufe an. Offensichtlich mit Erfolg. Denn jetzt präsentierten 16 Schülerinnen und ein Schüler aus ihrem inzwischen achten Service-Learning Kurs ihre schönen und weniger schönen Erfahrungen im Ehrenamt. Zum sozialen Praxistest kam manchmal auch der Praxisschock.

Vorbereitet und begleitet


Vorbereitet und unterstützt von ihrer Lehrerin und Eva Henning vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) suchten sich die Neuntklässler ein Ehrenamt. Dafür nahmen sie sich im zu Ende gehenden Schuljahr jede Woche eineinhalb Stunden Zeit, um sich mit Herz, Hand und Verstand in Kindertagesstätten, bei Tagesmüttern, im städtischen Tiergehege, in einer Talentwerkstatt für Flüchtlingskinder und in Vereinen als Helfer einzubringen. Viele Schülerinnen hätten auch gerne in einem Altenheim gearbeitet. Sie wurden dort aber mit Hinweis auf die knappe Personaldecke nicht angenommen. „Ich wollte in einem katholischen Gemeindekindergarten helfen, wurde dort aber abgelehnt, weil ich evangelisch bin“, berichtet Sarah ihre in Zeiten der Ökumene unglaubliche Geschichte. Und Antonia brach ihren ehrenamtlichen Einsatz bei der Hausaufgabenhilfe eines Jugendzentrums ab, „weil ich dort nur Bleistifte anspitzen durfte.“ Dafür wurde sie dann im Waldorfkindergarten mit offenen Armen aufgenommen.

Geld ist nicht alles!


„Ich habe gelernt, dass Geld nicht alles ist und das eine Arbeit auch glücklich machen kann, wenn man dafür nicht bezahlt wird.“, sagt Iseta. „Die Kinder haben sich immer gefreut, wenn ich kam, um mit ihnen zu spielen, ihnen vorzulesen oder ihnen einen Mittagssnack zuzubereiten“, berichtet Shema aus ihrer Zeit als ehrenamtliche Erzieherin. „Es war ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden und etwas praktisches zu tun, statt nur etwas theoretisches zu lernen“, schildert Tim nach einem arbeitsreichen Jahr in der Alten Dreherei den Unterschied zwischen der sozialen Praxis und dem Schulunterricht.

Mehr Verständnis für die Lehrer


„Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für unsere Lehrer, weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, wie anstrengend und nervenaufreibend es sein kann, wenn viele Kinder gleichzeitig etwas von einem wollen und man manchmal nicht weiß, um wen man sich als erstes kümmern soll“, erinnern sich Diana und Eileen an ihre gemeinsame Zeit in einem Gemeindekindergarten. Und für ihre Mitschülerin Lena war es als Torwartrainerin in einem Floor-Ball-Verein „eine tolle Erfahrung, Talente zu fördern und dafür zu sorgen, dass kein Kind in der Gruppe untergeht.“

Eine Erfahrung fürs Leben


Am Ende ihres sozialen Praxisjahres steht für alle Schülerinnen und Schüler fest, dass sie ihre Erfahrungen nicht missen wollen. Manche haben sich sogar für die Fortsetzung ihr ehrenamtliches Engagement entschieden.
Lehrerin Brigitte Walter-Böing nimmt den Eindruck mit, „dass die 14- und 15-jährigen Gustav-Heinemann-Schülerinnen durch ihr Ehrenamt selbstständiger, selbstbewusster und verantwortungsvoller geworden sind.“ Und für CBE-Mitarbeiterin Eva Henning ist das Service Learning „die denkbar beste Möglichkeit ist, Jugendliche an das Ehrenamt heranzuführen, auf das unsere Gesellschaft angewiesen ist.“ Weitere Auskünfte zum Projekt gibt Eva Henning beim CBE an der Wallstraße 7, unter der Rufnummer 0208-97068-16 oder per Mail an: eva.henning@cbe-mh.de 
Dieser Text erschien am 29. Juni 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Freitag, 7. Juli 2017

Ein Tandem für die Städtepartnerschaft

Seit 55 Jahren sind das deutsche Mülheim und das französische Tours als Partnerstädte freundschaftlich miteinander verbunden. Es sind Menschen, wie Charlotte Brands und Adele Spies (beide 15 Jahre), die diese Freundschaft jung erhalten.

Charlotte und Adele haben in den vergangenen drei Monaten gemeinsam die Freie Waldorfschule in Heißen besucht. Adele lebt mit ihrer Familie in einem Vorort von Tours und das Tourainer Gymnasium Rene Decartes besucht.

Drei Monate lang hat Adele nicht nur den Alltag an der Waldorfschule, sondern auch den Familienalltag im Hause Brands erlebt. Natürlich haben sich Charlottes Eltern Sarah und Guido Brands ins Zeug gelegt, um den beiden jungen Damen etwas zu bieten und zu zeigen, was das Leben in Mülheim und im Ruhrgebiet ausmacht.

Neben dem Ruhrtal, Schloss Broich, Kloster Saarn und den Mülheimer Einkaufszentren standen zum Beispiel auch Besuche im Ruhrlandmuseum, auf der Zeche Zollverein, in der Landeshauptstadt Düsseldorf und im Dortmunder Borussenpark auf dem gemeinsamen Programm.

„Obwohl ich schon seit fünf Jahren in Tours Deutsch lerne, wusste ich vor meinem Besuch hier gar nicht, dass Mülheim und Tours Partnerstädte sind“, erzählt Adele. Dass sich Adele dennoch für Deutschland interessiert, hat familiäre Gründe. Ihr Familienname Spies lässt es erahnen. Ihr Großvater kommt aus dem Rheinland und ihre Großmutter aus dem Elsaß.

Besonders interessant fand Adele, die nun wieder nach Tours zurückkehrt, „dass es hier in Mülheim noch viel Industrie gibt.“ Adele: „Das kenne ich aus Tours nicht. Wir haben dafür bei uns Schlösser und Weinberge.“ Neu war für die junge Tourainerin auch die Waldorfpädagogik. „Ich habe hier viel gelernt. Bei uns ist der Unterricht sehr wissenschaftlich. Aber an der Waldorfschule habe ich auch etwas über Gartenbau erfahren und selbst einen Holzhocker gebaut. Ich habe hier wirklich viel gelernt und die Leute waren sehr nett zu mir“, schildert die Tourainer Gymnasiastin ihre Erfahrungen.

Für ihre Gastgeberin Charlotte war es interessant, „noch einmal ganz anders  über die eigene Sprache und ihre Bedeutung nachzudenken.“ Für Adele waren deutsche Redewendungen, wie etwa „einen Frosch im Hals haben“ oder „eine Katze im Sack zu kaufen“ neu.

Auch an das deutsche Frühstück ohne Crossaint, dafür aber mit Brot, Butter, Wurst und Käse sowie an die warme Mittagsmahlzeit in der Schulmensa musste sich Adele erst mal gewöhnen. „Wir haben immer ein süßes Frühstück und abends essen wir warm“, schildert sie die französische Esskultur.

Auch die Teilnahme am deutschsprachigen Unterricht war für Adele anfangs schwer. „Ich habe zunächst nur zugehört, aber dann war ich plötzlich in der deutschen Sprache drin“, berichtet sie. Besonders interessant fanden ihre deutschen Mitschüler an der Waldorfschule, dass Adele in Tours nicht nur mit Lektüre und Gesprächen  im Unterricht, sondern auch mit Lehrvideos die deutsche Sprache erlernt. „Mein Deutsch ist durch die Zeit in Mülheim viel besser geworden“, freut sich Adele.

Und Charlotte freut sich, dass sie ihre neue französische Freundin Adele schon nach den Sommerferien wiedersehen wird. Denn dann startet ihr Schul-Quartal am Tourainer Gymnasium Rene Decartes und ihr französischer Alltag bei Familie Spies.  „So erleben Charlotte und Adele die deutsch-französische Freundschaft ganz konkret. Das ist uns wichtig“, schildert Sarah Brands ihre Motivation und die ihres Mannes, sich als Gasteltern für einen Besuch aus Tours  zu öffnen.

Weitere Informationen zu den Partnerstädten bietet die Internetseite des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften www.staedtepartner-mh.de

Dieser Text erschien am 7. Juli 2017 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 6. Juli 2017

Tersteegenruh oder: Geselligkeit und Andächtigkeit im Grünen: Ein Zeitsprung im Witthausbusch

Die Gaststätte Tersteegenruh im Witthausbusch
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Dort, wo wir auf dem Foto aus dem Stadtarchiv noch die Gaststätte Tersteegenruh sehen, ist heute nur noch das unbebaute Grün des Witthausbusch zu sehen.

Denn im Zweiten Weltkrieg wurde die 1892 von Wilhelm Barte eröffnete Gaststätte ein Opfer der Bomben. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Gaststätte in unmittelbarer Nähe zur Mendener Brücke und zur Ruhr eines der beliebtesten Ausflugslokale der Stadt. Hier stärkte man sich mit Kaffee und Kuchen oder mit Bier und Limonade. Butterbrote und Kartoffelsalat durften die Gäste bei Bedarf mitbringen und vor Ort verzehren.

Regelmäßig spielte eine Musikkapelle zu Tanz auf. Doch in der Gaststätte mit insgesamt 4000 Sitzplätzen ging es auch andächtig zu.  Denn hier trafen sich Pastöre und Laienprediger zur Tersteegenkonferenz. Auch Bibelstunden und christliche Sonntagsschulen wurden in der Gaststätte abgehalten.

Darüber hinaus war das Ausflugslokal des Wilhelm Barte auch ein beliebter Veranstaltungsort für Vereinsfeste. Auch an die Kinder hatte der Gastwirt gedacht und einen Spielplatz mit Schaukel, Klettergerüst und Irrgarten angelegt,
4000 Sitzplätze in und an einer Gaststätte. Das kommt heutigen Zeitgenossen vielleicht viel vor. Doch man darf nicht vergessen, dass der Begriff Urlaub für die meisten Menschen damals ein Fremdwort war. Man verbrachte seine Freizeit vor der eigenen Haustür und in der eigenen Stadt. Das Radio kam erst ab 1922 und das Fernsehen erst ab 1952 langsam auf. Da war Gastronomie für kleines Geld im Grünen meistens die erste Wahl

Dieser Text erschien am 3. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 5. Juli 2017

Eine Zeitreise in die DDR:Sigrid Richter und Peter Keup wurden als sogenannte „Repblikflüchtlinge“ inhaftiert und drangsaliert. Ihre Zeitzeugenberichte beeindruckten die Luisenschüler aus der Jahrgangsstufe 8 nachhaltig.

DDR-Zeitzeuge Peter Keup vom Bochumer Institut für
Deutschlandforschung mit den Luisenschullehrern Beate Schulte
und Andreas Wortberg
Wie demokratisch war eigentlich die Deutsche Demokratische Republik? Das wollen Achtklässler der Luisenschule genauer wissen. Deshalb luden sie sich mit ihren Lehrern Beate Schulte und Andreas Wortberg zwei Zeitzeugen ein, die in der DDR gelebt und unter der SED-Diktatur gelitten haben.

„Uns geht es um nachhaltiges Erinnern“, erklärte Schulte das Ziel des Projektes. „Ihr wisst mehr, als man von 14-Jährigen erwarten kann und ihr stellt gute Fragen“, bescheinigten Sigrid Richter (65) und Peter Keup (59) ihren jungen Zuhörern. Man merkte den Schülern im dreistündigen Zeitzeugengespräch an, dass sie sich vorab in Büchern und im Internet über die DDR, ihr politisches System und ihren Alltag schlau gemacht hatten.

„Und doch ist es etwas anderes, ob man Fakten im Internet und Büchern nachliest oder eine persönliche Geschichte aus der Zeit hört, in der Deutschland geteilt war,“ meinte Schülerin Lea. Das konzentrierte Zuhörern und gezielte Nachfragen der Jugendlichen, zeigte, dass die authentischen Zeitzeugenberichte über die Schattenseiten der DDR bei ihnen nachhaltig wirkten.

Richter und Keup wurden während der frühen 80er Jahre verhört und inhaftiert, weil sie frei sein wollten und von Ost- nach Westdeutschland übersiedeln wollten.

Den Schülern stockte hörbar der Atem, als sie erfuhren, dass Richter und Keup ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben konnten und die Schule verlassen musste, weil ihnen von der DDR-Führung „Republikflucht und Verrat am Kommunismus“ vorgeworfen wurde. Ungläubiges Entsetzen erntete Keup bei den Luisenschülern, als er ihnen von seinem fast 40-stündigen Verhör im Dresdener Untersuchungsgefängnis berichtete. Die Betroffenheit war den Jugendlichen auch anzusehen, als sie von Richter erfuhren, dass sie durch die Haft fast drei Jahre von ihrem Mann und ihrem Sohn getrennt wurde und die Familie erst im Januar 1987 im Westen Deutschlands wieder zusammen kam, nach dem sie von der Bundesrepublik für 100 000 D-Mark pro Person freigekauft wurden.

Auf dem gleichen Weg kamen auch Peter Keup, seine Eltern und sein älterer Bruder Mitte der 80er Jahre nach Essen, wo die Eltern ihres Vaters lebten. 

Der Vater, der den Mauerfall nicht mehr miterleben sollte war 1956, nach dem Verbot der westdeutschen KPD, als überzeugter Kommunist in die DDR übergesiedelt. Das ließ die Schüler ebenso nachdenklich werden, wie Keups Bericht über die Lektüre seiner Stasi-Akten im Jahr 2013. Denn bei dieser Gelegenheit erfuhr Keup, dass sein älterer, 1993 verstorbener Bruder, 1983 von der DDR-Staatssicherheit verpflichtet wurde, Spitzelberichte über seine Familienangehörigen zu schreiben. Ihre persönlichen Berichte über den oft schizophrenen Alltag in der DDR, „in dem es immer zwei Welten und Wahrheiten gab und in dem man sich immer genau überlegen musste, wem man was sagen konnte“, flankierten Keup und Richter mi erschütternden Zahlen. Allein an der Berliner Mauer mussten 140 DDR-Bürger ihren Fluchtversuch mit dem Leben bezahlen. An der innerdeutschen Grenze, wo der Schießbefehl und Selbstschussanlagen grausamer Alltag waren, waren es 400. 35.000 der 200.000 inhaftierten „Republikflüchtlinge“ hatten das Glück von der Bundesregierung freigekauft zu wrden.

Vielen Schülern ging es, wie dem Achtklässler Alexander, die in der abschließenden Reflexionsrunde des Zeitzeugengespräches einräumte: „Ich habe heute sehr viele Informationen aufgenommen, die ich erst mal verarbeiten muss. Im Moment fehlen mir noch die Worte, um meine Eindrücke zu beschreiben.“

„Bitte, seid kritisch und aufgeschlossen und hinterfragt, was ihr hört und lest“, bat Richter ihre jungen Zuhörer. Und Keup machte deutlich. „Ihr müsst euch bilden und informieren, um zu erkennen, dass die Demokratie immer noch die beste Staatsform ist und deshalb bewahrt werden muss, damit es nie wieder zur Diktatur kommt. Ihr solltet auch den heutigen Flüchtlingen mit Respekt begegnen, die frei und selbstbestimmt leben wollen.“

Weitere Informationen zum Thema gibt es im Internet unter: www.vos-zeitzeugen.de

Dieser Text erschien in der NRZ und WAZ vom 5. Juli 2017


Dienstag, 4. Juli 2017

Volxbühne überspringt mit "heiMat" spielend Generationsgrenzen und Handicaps

Heimat. Ist darüber nicht alles gesagt? Vielleicht. Aber noch nicht von allen. Und so wagte sich die Volxbühne mit "heiMat" an dieses Menschheitsthema, das angesichts von weltweit 65 Millionen Flüchtlingen brennend aktuell ist.

Nach 45 dichten und berührenden Minuten, in denen Schauspieler der Volxbühne zusammen mit Lehrern und Schülern der Förderschule an der Rembergstraße ihr Heimatgefühl mit starken Bildern in Szene setzten, hatten die 70 Zuschauer im vollbesetzten Theaterstudio an der Von-Bock-Straße das Gefühl: Gewagt und gewonnen. Entsprechend begeistert fiel der Applaus des Publikums aus.

Wie bringt man ein Theaterstück auf die Bühne, wenn man mit Schülern arbeiten will deren sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt sind. Regisseur Jörg Fürst nahm diese Herausforderung mit einer Inszenierung an, die nicht viele Worte machte, sondern auf starke Bilder und einfache Botschaften setzte. So zauberten die Darsteller zwischen 13 und 85, ob sie nun mit oder ohne Handicap agierten, eine sinnliche Heimat-Sinfonie auf die Volx-Bühne.

"Heimat ist, wo wir wir sein können!" "Heimat. Das ist meine Wohnung und mein Balkon!" "Heimat ist, wo meine Freunde sind!" "Heimat ist, wo ich mit meinem Mann glücklich sein kann!" "Heimat ist da, wo meine Eltern sind." "Meine Heimat Westpreußen, in der ich geboren und aufgewachsen bin, habe ich verloren. Aber jetzt ist Mülheim an der Ruhr, in dem ich seit 60 Jahren lebe, meine Heimat." "Heimat ist für mich das Stadion von Borussia Dortmund!" "Heimat ist für mich da, wo ich spielen und herumtoben kann."

Neben diesen gesprochenen oder auf Tonbändern vorgespielten Botschaften überzeugte die Inszenierung schönen Bildern. Wo die Sprache nicht ausreichte oder gar nicht zur Verfügung stand, füllten Musik, Tanz, Film und Gestik problemlos die Lücke,
Alles in allem überzeugte "heiMat" als ein gelungenes Beispiel dafür, das Theater Generationsgrenzen und Handicaps spielend überspringen kann. Dass nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Zuschauer nach der Vorstellung ein kleines Topfpfänzchen mit nach Hause nehmen durfte, zeigte: Jeder Mensch ist wie eine ganz eigene Pflanze, die nur gedeihen kann, wenn sie eine Heimat findet, in der sie geerdet wird und Wurzeln scjlagen kann.


Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.voelxbuehne.de 

Dieser Text erschien am 3. Juli 2017 in NRZ und WAZ

Sonntag, 2. Juli 2017

Wie stark schmerzen die konfessionellen Unterschiede 500 Jahre nach der Reformation? - Eine Diskusssion in der Katholischen Akademie

Auf dem Podium in der Katholischen Akademie:
Akademiedozent Jens Oboth, der Religionssoziologe Detlef Polack,
der Politikwisschenschaftler Andreas Püttmann und
Weihbischof Wilhelm Zimmermann.
Schmerzen die Wunden der Kirchenspaltung noch, 500 Jahre nach der Reformation und fast 400 Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges? Man muss diese Frage wohl mit Ja beantworten, wenn man eine Veranstaltung der Katholischen Akademie besucht hat, bei der sich 50 interessierte Christen mit eben dieser Frage auseinandersetzten.

“Wir sind 50 Jahre miteinander verheiratet, ohne ein einziges Mal gemeinsam zum Abendmahl oder zur Eucharistie gegangen zu sein”, berichtet ein Ehepaar, er Protestant, sie Katholikin. Für einen evangelischen Mann steht mit Blick auf den Abendmahlsstreit fest: “Mit den Theologen kommen wir nicht weiter. Wir brauchen christliche Gastfreundschaft, die darauf verzichtet Unterschiede einzuebnen.”

Eine in Ehren ergraute katholische Christin meint: “Ich bin über die konfessionellen Streitigkeiten alt geworden. Dabei wissen beide Kirchen, dass es Ämter und Sakramente geben muss und die Kirchen nicht zum Selbstzweck werden dürfen, sondern gemeinsam die Botschaft des Jesus von Nazareth: Frieden, Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Solidarität in dieser Welt verkünden und vertreten müssen.”

Für sie steht fest, “dass es den Kirchen bei der Betonung konfessioneller Unterschiede allein um ihre Macht und Pfründe geht.” Das wollen der evangelische Religionspädagoge Detlef Pollack von der Universität Münster, der katholische Politikwissenschaftler und Autor Andreas Püttmann, der den Pflichtzölibat katholischer Priester verteidigt, und der Essener Weihbischof Wilhelm Zimmermann nicht gelten lassen. Dabei hatten auch sie in der Podiumsdiskussion mit dem Akademiedozenten Jens Oboth zugestanden, dass evangelische und katholische Christen heute mehr verbindet als trennt und das die Weltgemeinschaft die Christen eher als Einheit, denn als Glaubensgemeinschaft unterschiedlicher Konfessionen betrachtet.

Jens Oboth zitiert den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, wonach die christlichen Konfessionen nur noch für ein Fünftel der Deutschen von Bedeutung seien. Gemeinsamer Religionsunterricht und ökumenische Gottesdienste, gemeinsame soziale Projekte. Alles kein Problem. Doch als das Publikum die Ökumene jetzt fordert, rudern die Podiumsteilnehmer zurück und berufen sich auf gewachsene Traditionen und die Unterschiede im Amts- und Abendmahlverständnis. Da dürfte so mancher ökumenisch bewegter Christ, der in den Zeiten der bröckelnden Volkskirchen auf einen Reformimpuls gehofft hatte, enttäuscht nach Hause gegangen sein.

Dieser Text erschien am 24. Juni 2017 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 1. Juli 2017

Tierliebe verbindet Generationen

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. So ist heute der Zeitgeist. So denkt man. Denkst du. Gestern erzählte uns ein 77-jähriger Leser ganz begeistert davon, wie er zusammen mit zwei jüngeren Männern und einer jungen Dame eine Enten-Familie in sichere Gefilde geleitete.

Es handelte sich keineswegs um lahme Enten. Im Gegenteil. Bei ihrem Familienausflug hatten sie offensichtlich den Weg von der Ruhr bis zur Aktienstraße gefunden. Nur mit dem Rückweg in die Enten-gerechten Gefilde taten sich die Entdecker-Enten etwas schwer.

Doch sie hatten Glück. Denn die generationsübergreifende Enten-Truppe fand zwischen parkenden Autos an der Aktienstraße eine generationsübergreifende und achtsame Menschen-Truppe, die sie mit Hilfe von Kartons in ihre artgerechte und damit sichere Heimat zurückbrachte. Sage noch einer, der Generationenvertrag funktioniere nicht mehr. Und was in Sachen Tierliebe möglich ist, sollte doch auch bei der menschlichen Nächstenliebe kein Problem sein.


Dieser Text erschien am 29. Juni 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...