Sonntag, 8. November 2015

Beutner spielte Beckett Und hielt seinem Publikum damit den Spiegel der Lebensträume vor: Mit Regisseur Jörg Fürst gelang dem Volxbühnen-Debütanten Andreas Beutner eine kleine und leise Inszenierung mit starkem Rhythmus

Szene-Foto Volxbühne: Andreas Beutner in Becketts "Das letzte Band"
Weniger ist mehr. Die Zuschauer der Volxbühne sehen es und sind begeistert. Mehr als 100 Zuschauer haben am Wochenende im Theaterstudio an der Adolfstraße Samuel Becketts „Das letzte Band“ gesehen.

Tenor des Publikumsgespräches: „Erstaunlich, wie man mit einem einzigen Schauspieler und einem minimalistischen Bühnenbild 55 Minuten Theater so kurzweilig und spannend gestalten kann.“

Andreas Beutner, der erst seit Jahresbeginn zum Ensemble um Jörg Fürst gehört, überzeugt als Krapp im clownesken Kostüm von Monika Odenthal und spielt einen alternden Mann, der Tonbänder abhört, auf denen er sein Leben aufgezeichnet hat. Immer wieder springt er von einer Spule zur nächsten. Da fliegen die Tonbandkartons und auch die Banane, mit der sich Krapp stärkt, im hohen Bogen auf den Bühnenboden.

Beutner stellt Krapp nicht nur dar. Wenn er im vor allem tiefschwarzen Bühnenraum um seinen Tisch herumtänzelt, auf dem seine Lebens-Bänder liegen, verkörpert der 65-Jährige Becketts tragig-komischen Solisten. Von einer Sequenz zur nächsten wird der Zuschauer auf die Folter gespannt. Man will es wissen. Zu welchem Ergebnis wird Krapp kommen, wenn er seine Momentaufzeichnungen aus verschiedenen Lebensphasen anhört? Immer wieder schüttelt Krapp alias Beutner seinen Kopf und rauft sich das licht gewordene Haar. Ein Leben voller Liebschaften und Leidenschaften rauscht mit seinen Höhen und Tiefen schemenhaft am Zuschauer vorbei. „Wie konnte ich nur so blöd sein“, hört man Krapp immer wieder sagen, egal, ob er auf seine Jugendzeit oder auf seine vermeintlich besten Jahre zurückschaut. „Ich habe meine Zweifel daran, ob Krapp am Ende irgendetwas dazu gelernt hat“, meint sein Darsteller Beutner im Publikumsgespräch. „Insofern ist das Stück für mich kein bisschen autobiografisch“, betont er.

Und dann schimmert im Publikumsgespräch doch noch etwas Biografisches hinter dem Schauspieler und seiner Figur hervor: Der Mann, der jetzt auf der Volxbühne Becketts skurrilen Mann mit den Tonbändern gibt, hat sein Berufsleben lang als Tonmeister beim Westdeutschen Rundfunk unter anderem auch mit Tonbändern gearbeitet.

„Ich fand das Stück schon amüsant, als ich es zum ersten Mal Mitte der 60er Jahre im Fernsehen sah. Solche Stücke liefen damals noch im Fernsehen“, erinnert sich der pensionierte Tonmeister mit der Passion fürs Theaterspielen.

„Meine unregelmäßigen Dienstpläne ließen das Theaterspielen nicht zu“, erklärt Beutner, warum er seine Leidenschaft, „sich als Theaterschauspieler unter professionellen Rahmenbedingungen auf der Bühne zu exponieren“, erst als Rentner ausleben kann.

Doch so ganz unbedarft kommt Beutner, der in Wuppertal lebt, aber jetzt täglich auf der Volxbühne in Mülheim probt und spielt, nicht daher. Denn schon während seines Berufslebens in der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat er nach Feierabend in einer freien Theaterwerkstatt und bei einer freiberuflichen Spracherzieherin seine alte Leidenschaft über Jahrzehnte jung und lebendig erhalten. Denn anders als Becketts Krapp verleugnet und verhöhnt der 65-Jährige seine Jugendträume nicht, sondern macht sie im Rahmen seiner Möglichkeiten wahr.


Dieser Text erschien am 19. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 7. November 2015

Ehrenamt rund ums Gotteshaus: Katholiken wählen ihren Kirchenvorstände

Kirchenvorstände hoffen auf eine
höhere Wahlbeteiligung als
beim letzten Mal

Am kommenden Wochenende sind 40.000 der 52.000 Mülheimer Katholiken in den Pfarrgemeinden St. Barbara, St. Marä Himmelfahrt und St. Mariae Geburt zur Kirchenvorstandswahl aufgerufen. Bei der letzten Wahl schwankte die Wahlbeteiligung zwischen 5 und 7 Prozent.

Jeder der drei Mülheimer Kirchenvorstände hat 16 gewählte Mitglieder. Hinzu kommt der Gemeindepfarrer, der qua Amt Vorsitzender des Kirchenvorstandes ist. Im Interesse einer größtmöglichen Kontinuität werden bei jeder Wahl immer nur die Hälfte der Kirchenvorstandsmitglieder gewählt. Wählen dürfen alle Katholiken ab 18.

Der Kirchenvorstand, der sich mindestens einmal monatlich, bei Bedarf auch öfter trifft, entscheidet über alle rechtlichen, finanziellen und personellen Angelegenheiten der Pfarrgemeinde. Auch wenn es um Restaurierungs- Grundstücks- und Immobilienfragen geht, sind die Kirchenvorstände gefragt. Muss das Kirchendach repariert werden? Soll ein neuer Kirchenmusiker angestellt werden? Muss eine kirchliche Immobilie vermietet oder verkauft werden? Wird ein Grundstück verpachtet?

Solche und ähnliche Themen beschäftigen, die Kirchenvorstände, die vier bis fünf Stunden pro Woche in ihre ehrenamtliche Arbeit investieren. Die Entscheidungen des Kirchenvorstandes werden in Sachausschüssen vorbereitet, ehe sie im Plenum beraten und entschieden werden.

Alle Kirchenvorstandsmitglieder haben jeweils eine Stimme. Nur, wenn es bei einer Abstimmung zu einem Patt kommt, zählt die Stimme des Pfarrers doppelt. Im Ernstfall müssen Kirchenvorstände für Fehlentscheidungen mit ihrem privaten Vermögen haften, wenn ihnen grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen wird.

Die neuen Kirchenvorstände stehen vor schweren Aufgaben, weil die Pfarrgemeinden ähnlich wie 2006 erneut umstrukturiert werden müssen. Diesmal wird aber die Basis in den Pfarrgemeinden in die Entscheidungsfindung mit einbezogen. Aktuell kann jeder der drei örtlichen Pfarrgemeinden noch mit jährlich etwa 350.000 Euro Kirchensteuereinnahmen rechnen. Bis 2030 wird sich diese Summe aber halbieren.

Die Kirchenvorstände müssen darüber entscheiden, was die katholische Stadtkirche künftig noch leisten kann und leisten muss. Im Gegensatz zu dieser Verantwortung steht die extrem geringe Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahren. Warum? Die Kirchenvorstände Michael Otto, Wolfgang Feldmann und Christian Löhr sehen eine allgemeine Demokratie- und Kirchenverdrossenheit als wesentliche Ursachen.


Warum engagierten sich Katholiken als ehrenamtliche Kirchenvorsteher?
Wolfgang Feldmann

Wolfgang Feldmann engagiert sich seit 1981 als stellvertretender Vorsitzender im Kirchenvorstand von St. Barbara. Der 64-jährige Familienvater, der bis zu seiner Pensionierung für ein Pharmaunternehmen gearbeitet hat, sagt: „Ich fühle mich von den Menschen in unserer Pfarrgemeinde getragen, die sich immer wieder motivieren lassen und mit anzufassen, wo sie gebraucht werden.

Für sie möchte ich so viel herausholen und so viel kirchliche Infrastruktur erhalten, wie es angesichts rückläufiger Kirchensteuereinnahmen und Kirchenmitglieder möglich ist.“

Feldmann war als Vorsitzender des Katholikenrates in den Jahren 2002 bis 2014 Sprecher der Katholischen Laien und engagiert sich unter anderem im ehrenamtlichen Mitarbeiterteam der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp. Zwischenzeitlich hat er auch im Diözesanrat des Bistums sowie im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mitgearbeitet.

Dr. Michael Otto

Michael Otto, der 64-jährige Hals-Nasen-Ohrenarzt, engagiert sich seit 1991 als Kirchenvorstand. Er kommt aus der Gemeinde Heilig Geist, die seit der Umstrukturierung von 2006 zur Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt gehört. Seit 2006 ist Otto stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes. Seine ehrenamtliche Arbeit empfindet der Familienvater eines erwachsenen Sohnes als menschlich und inhaltlich bereichernde Horizonterweiterung. Der aus einem rheinisch-katholischen Elternhaus stammende Otto war bis zu seinem 19. Lebensjahr aktiver Messdiener. „Das Ehrenamt sollte nie ein Streitamt werden“, sagt er. Die Zusammenarbeit mit seinen Kirchenvorstandskollegen empfindet er als menschlich angenehm und harmonisch. „Deshalb gehe ich auch immer wieder gerne zu unseren Sitzungen, auch wenn das in der Woche schon mal vier bis fünf Stunden Arbeit bedeuten kann“, betont Otto. 
Dr. Christian Löhr

Christian Löhr engagiert sich seit 2012 im Kirchenvorstand von St. Mariä Himmelfahrt. Der Jurist und Bankkaufmann aus Speldorf arbeitet heute als Rechtsanwalt und Notar. Er bezeichnet sich „als juristische Allzweckwaffe des Kirchenvorstandes.“ Rechtliche und finanzielle Fragen interessieren Löhr mehr als pastorale Fragen, „obwohl ich eine religiöse Grundüberzeugung habe.“ Deshalb arbeitet der Familienvater eines dreijährigen Sohnes lieber im Kirchenvorstand als im Pfarrgemeinderat mit. „Ich war früher mal Messdiener in St. Michael, habe mich dann aber 20 Jahre nicht mehr in der Kirche engagiert. Die Geburt meines Sohnes war der Anlass, es wieder zu tun“, sagt Löhr. Warum? „Weil die christlichen Kirchen auch jenseits konfessioneller Unterschiede für die humanitären Werte stehen, die unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhalten. Deshalb muss Kirche sicht- und wahrnehmbar bleiben

Zahlen und Fakten

In den drei Mülheimer Pfarrgemeinden St. Barbara, St. Mariä Himmelfahrt und St. Mariae Geburt bewerben sich insgesamt 33 Kandidaten um 24 Mandate. Die Kandidaten müssen mindestens 21 Jahre alt sein. In jeder Pfarrgemeinde stehen acht von 16 Kirchenvorständen zur Neuwahl an.

Im letzten Jahrzehnt hat die kath. Stadtkirche 7000 Mitglieder durch Tod oder Austritt verloren. Für 2015 rechnet das Bistum mit einem Kirchensteuerrückgang von neun Prozent. 




Dieser Text erschien am 6. November 2015 in NRZ und WAZ

Freitag, 6. November 2015

Die Tatkräftige: Christel Wentzel

Christel Wentzel
 
Wenn Christel Wentzel einkauft oder anderweitig im Stadtteil unterwegs ist, passiert es ihr, dass sie Menschen grüßen, bei denen sie sich fragt: Woher kennst du die?
Die gelernte Bankkauffrau, Mutter und Großmutter kennt viele in der Pfarrei St. Barbara und viele kennen sie. Kein Wunder. Denn auch mit 70 ist sie lieber in der katholischen Frauengemeinschaft und verschiedenen Kreisen der Gemeinde aktiv, „als zu Hause oder im Café herumzusitzen und über dies und das zu plaudern.“ Von der Gemeinschaft, in der sie aktiv ist, fühlte sie sich auch emotional aufgefangen, als sie vor vier Jahren ihren Mann verlor. In den 90er Jahren war Wentzel auch als Katechetin und Flüchtlingshelferin aktiv. Damals, in Zeiten des Balkankrieges, kümmerte sie sich um eine Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Auch jetzt könnte ich mir wieder ein ähnliches Engagement vorstellen, wenn die Flüchtlingshilfe bei uns anläuft“, sagt sie. Wentzel ist überzeugt: „Wir schaffen das mit der Integration der Flüchtlinge, wenn wir die Menschen an die Hand nehmen und sie so sein lassen, wie sie sind und sie selbst bereit sind, unseren Lebensstil zu tolerieren und zu akzeptieren.“
 
Toleranz ist für die überzeugte Christin, die sich gar nicht vorstellen kann, „wie ein Leben ohne den lieben Gott funktionieren kann“, ein Schlüsselwort. In den 50er Jahren, als von Ökumene, geschweige denn Zuwanderung und Integration von Muslimen keine Rede war, erlebte sie als Tochter eines evangelischen Vaters und einer katholischen Mutter, dass Ökumene kein Problem war, so lange sich nicht die Amtskirche mit ihren theologischen Bedenken einschaltete. „Weil sie einen evangelischen Mann geheiratet hatte, durfte meine Mutter nicht mehr zur Kommunion gehen“, erinnert sich Wentzel an ihre Jugend vor dem 2. Vatikanischen Konzil. Darüber kann sie heute nur noch lachen und den Kopf schütteln.
 
Aktuell dreht sich bei ihr alles um Peciu Nou in der westrumänischen Region Temesvar. Denn dort haben die aus dem Ruhrgebiet stammende Caritas-Mitarbeiterin Maria Maas und die Ordensschwester Ita nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur in den frühen 90er Jahren eine Sozialstation und ein Dorf für Waisenkinder aufgebaut. Schon seit 1991 unterstützen Wentzel und ihre 40 Mitstreiterinnen aus der katholischen Frauengemeinschaft St. Barbara die kirchliche Sozialarbeit in Rumänien. Am Montag ist es wieder so weit. Dann werden 40 KFD-Frauen und zehn hilfreiche Männer von 9 bis 16 Uhr im Pfarrheim am Schildberg 93 wieder anpacken und einpacken, was in Peciu Nou dringend gebraucht wird. Obwohl viele Unterstützer der Hilfsaktion am Montag mit ihren Sach- und Geldspenden persönlich vorbei kommen, hat Wentzel schon Sachspenden angenommen oder abgeholt. Derzeit sind ihre Wohnung und ihre Garage mal wieder angefüllt mit Kartons. Es sieht aus, wie in einem Warenlager: Spielsachen, Kleidung, Hygiene-Artikel, Schuhe und zwei Kartons voller Brillen. Letztere hat Norbert Misiak von der Barmer Ersatzkasse gebracht. „Die werden in Peciu Nou dringend gebraucht. Sehbehinderte  Menschen probieren die Brillen so lange aus, bis sie eine gefunden haben, die sie besser sehen lässt“, erzählt Wentzel.
 
Aus ihren eigenen Besuchen in Peciu Nou weiß sie, wie segensreich die hier gesammelten Spenden wirken. „Immer wieder kommt es vor, dass Waisenkinder einfach vor dem Haus abgelegt oder abgegeben werden.  Sie und andere Bedürftige hätten ohne die Pflegeeltern des Kinderdorfes und die vom Pfarrer Georg Kober aufgebaute Sozialstation keine Chance. Doch mit unserer Unterstützung ist es gelungen, ihnen ein normales Leben zu ermöglichen.“ Die tatkräftige KFD-Frau aus St. Barbara freut sich, wenn sie jungen Erwachsenen begegnet oder von ihnen hört, die in Peciu Nou groß gezogen worden sind und heute als gut ausgebildete Väter und Mütter mitten im Leben stehen.
 
„Wir können zusammen hier viel bewirken, weil es in unserer Gemeinde auch noch viele junge Leute gibt, die sich engagieren und mithelfen“, unterstreicht Wentzel. Immerhin hat die Rumänienhilfe aus St. Barbara seit 1992 42 Hilfstransporte mit rund 52 000 gut gefüllten Kisten nach Peciu Nou bringen und Geldspenden in einer Gesamthöhe von insgesamt rund 81 000 Euro sammeln können. Besonders dankbar ist sie dafür, dass sie mit Helmut Weiring einen Speditionsunternehmer gefunden hat, der mit seinem LKW die Hilfsgüter selbst ins 1700 Kilometer entfernte Peciu Nou bringt.
 
Dieser Text erschien am 24. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 5. November 2015

Eine starke Stimme und ein Lächeln für Ghana: Kofi Akoto und seine Kollegen wollen alleinerziehenden Frauen und ihren Kindern helfen

Kofi Akoto im Kreise seiner Kollegen

Kofi Akoto hat eine starke Stimme. Wenn er Gospels singt, bleibt kein Zuhörer unberührt. Der 35-Jährige, der als Schüler über den Gospel-Gesang zum christlichen Glauben fand, könnte als Sänger Karriere machen. Aber er arbeitet, und das gerne, seit sechs Jahren als Altenpfleger im Altenheim Haus Ruhrgarten.

Dennoch will der Mann mit der starken Stimme seine Kunst in den Dienst einer guten Sache stellen. Zusammen mit Kollegen aus dem Ruhrgarten hat er jetzt den Verein „Ein Lächeln für Ghana“ ins Leben gerufen. Bei einem Gospelkonzert mit den Ablaze Gospel Singers und den Markus Gospel Singers hat Kofi Akoto im Saal der Christusgemeinde rund 3500 Euro eingespielt. Der Erlös fließt in die Finanzierung eines Hilfstransportes ein. Per Schiffscontainer will Akoto Hilfsgüter, wie zum Beispiel Kleidung. Schulmaterial, haltbare Lebensmittel oder auch Spielsachen in seinen Heimatort Kumasi bringen. Der liegt im Westen Ghanas

"Dort gibt es sehr viele alleinerziehende Mütter, die trotz Arbeit, kaum in der Lage sind das Schulgeld und andere Dinge des täglichen Bedarfs zu bezahlen. Und hier in Deutschland wird viele achtlos weggeworfen, was in Ghana noch gut zu gebrauchen wäre“, berichtet Akoto.

Den alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern will er helfen. Er hat bereits erste Sachspenden auf eigene Kosten und mit finanzieller Unterstützung von Kollegen und anderen Spendern nach Ghana bringen können.

„In Ghana kennt man keinen Sozialstaat und keine Sozialverbände, wie in Deutschland. Wenn eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder zum Beispiel als Putzfrau, als Wasser- oder als Imbissverkäuferin durchbringt, kann sie aber höchstens 100- bis 150 Euro pro Monat verdienen. Aber allein der Schulbesuch pro Kind und Monat kosten 50 Euro“, beschreibt der zweifache Familienvater die Situation in seinem Heimatland.

Der studierte Marketingfachmann und ausgebildete Altenpfleger verließ Ghana vor zehn Jahren und folgte einer in Deutschland lebenden und arbeitenden Landsfrau. „Ich habe zuerst als Marketingfachmann gearbeitet, aber irgendwann war mir das zu oberflächlich und ich habe mir einen Beruf gesucht, in dem man wirklich Gutes tun und Menschen helfen kann“, erklärt Akoto seinen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Wechsel vom Marketing in die Pflege. Auch wenn er in seiner Ausbildung viele Sprachhürden überwinden musste, hat er diesen Wechesel nie bereut.
In seiner alten Heimat sieht er vor allem ein Problem: „Viele Frauen leben unverheiratet mit Männern zusammen und wenn sie dann Kinder bekommen und der Mann sie wieder verlässt, haben die Frauen keinen Anspruch auf Unterhalt. Denn diesen Anspruch haben in Ghana nur verheiratete Mütter.“ Hinzu komme, so Akoto, dass die Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren stark angestiegen seien. Was ihm in der Seele weh tut, ist die Tatsache, dass auch abte Kinder oft nicht die Schule besuchen können, wenn ihren alleinerziehenden Müttern das Schulgeld fehlt.

Sein Verein „Ein Lächeln für Ghana“ will hier mit Bildungspatenschaften und Sachspenden aus der Not der sozialen Perspektivlosigkeit heraushelfen. "Und mit Musik und Gesang kann man Menschen berührern und motivieren", weiß Kofi Akoto aus seiner eigenen Lebenserfahrung.



INFO: Wer Kofi Akto helfen möchte, erreicht ihn unter den Rufnummern: 0208/74 05 099 oder 0152/15150910  sowie per E-Mail an: kofiakto@ministries.org. Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.kofiaktoministries.org 

Dieser Text erschien am 31. Oktober 2015 im Neuen Ruhrwort

Mittwoch, 4. November 2015

12 Uhr im Monningviertel und auf der Prinzenhöhe: Gut bürgerlich und grün

Das alte Stammhaus Monning

Schon wenige Meter von der Duisburger Straße entfernt betritt man an der Monningstraße und auf der Prinzenhöhe eine grüne Oase. „Hier leben keine armen Menschen“, beschreibt der pensionierte Lehrer und Grundschulrektor Hargen Herzer die gutbürgerliche Sozialstruktur des nicht nur grünen, sondern auch sehr begüterten Viertels. „An so schönen Herbsttagen wie heute macht die Arbeit hier wirklich Spaß, auch weil die Leute, die hier wohnen sehr nett sind“, erzählt die für das Quartier zuständige Postbotin Sabine Schulz. Auch die bellenden Wachhunde des Viertels kennen sie und lieben ihre Leckerlis. „Nur im Winder kann es hier schon mal gefährlich werden“, wissen Herzer und Schulz. Denn dann kann man das Auf und Ab an der Prinzenhöhe nur noch mit Winterreifen auf den Felgen und mit Spikes unter den Schuhen bewältigen.

Nicht ganz ungefährlich ist auch der winterliche Rodelspaß auf dem ansteigenden Teil der Monningstraße, Dann heißt es für die Rodler, rechtzeitig die Hacken in den Schnee zu hauen, um nicht auf der Duisburger Straße zu landen.

„Wir haben hier Gott sei Dank noch eine gute Nachbarschaft, in der man sich kennt und miteinander spricht. Ein Höhepunkt des Jahres ist das von Anwohnern organisierte Sommerfest auf der Jägerhofstraße“, schwärmt Herzer. Er selbst lebt seit 1979 in einem Gründerzeit-Haus an der Monningstraße. „Hier hatten unsere Kinder ideale Bedingungen, um aufzuwachsen“, freut sich Herzer. Ein Spielplatz an der Monning ist auch heute noch bei Familien begehrt. Als begeisterter Radfahrer liebt Herzers Nachbar Rolf Ritter vor allem die Natur und die Radwege des Viertels. Allerdings findet er es schade, dass der Radweg auf der Mülheimer Seite im Gegensatz zur Duisburger Seite nur eine statt zwei Spuren hat, so dass sich Radfahrer oft in die Quere kämen.

Stationen und Schlaglichter

Hargen Herzer erzählt Ute Möhlig vom Speldorfer Bürgerverein die Geschichte dieses 1899 errichteten Hauses, in dem er seit 1979 als Mieter wohnt. Erste Bewohner des Hauses waren eine Augenärztin (Frau Dr. Blind) und ihre Familie.

In einem 1870 errichteten Gast- und Tanzlokal an der Monningstraße betreibt Anke Lachmann seit 1999 ihre Ballettschule. Hier sieht man sie auf alten Stadthallenstühlen im 850 Quadratmeter großen Tanzsaal.

Früher Wohnsitz der Industriellenfamilie Klöckner, ist das Haus Hartenfels im Speldorfer und Duisburger Wald zurzeit eine Baustelle. Die schlossartige Villa wurde Mitte der 1920er Jahre vom Bauherrn Peter Klöckner und dessen Architekten, dem Baurat Coesfeld in späthistoristischem Stil errichtet. Nach dem Krieg wurden hier Flüchtlinge untergebracht. Jetzt sollen dort mehrere Wohnungen entstehen.

Auf dem Bürgersteig vor der Ballettschule Step by Step stehen Ute Möhlig und Hargen Herzer noch auf Mülheimer Gebiet. Die Straße gehört schon zu Duisburg.

Exklusives und repräsentatives Wohnen. Das ist auch heute bei den Menschen mit entsprechend großem Geldbeutel gefragt. Ein Beispiel dafür ist die noch relativ neue Villa Gärtner am Falkenweg. Im Hintergrund ist der Fernsehturm zu sehen.

Ganz schön sportlich: Hier radelt der Arzt Rolf Ritter, der zwei Mal pro Woche mit dem Rad unterwegs ist am alten Stammhaus Monning vorbei. Das traditionsreiche und gutbürgerliche Gasthaus wurde 1789 von Johann Monning eröffnet.

Klaus Eisele und seine Kollegen begrüßen jährlich rund 30?000 Gäste, die in der 1960 eröffneten Katholischen Akademie 1110 Veranstaltungen besuchen.

Überall stößt man auf der Prinzenhöhe auf gediegene bürgerliche Wohnkultur aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auch der Funkturm ist ein Hingucker.

Klein, aber fein, das Gästehaus der katholischen Akademie Die Wolfsburg


Dieser Text erschien am 28. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 3. November 2015

So gesehen: Was Kicker und Journalisten eint

Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Fußballexperte und Buchautor Manfred Breuckmann gab gestern bei seiner Krimi-Lesung auch einige Stilblüten bekannter Fußballgrößen zum Besten. So sagte unser „Fußball-Gott“ Fritz Walter einst: „Die Sanitäter mussten mir noch auf dem Platz eine Invasion legen.“ Und ein anderer Fußballweltmeister, Paul Breitner, meinte: „Beim Elfmeterschießen hatten alle die Hosen voll. Aber bei mir lief es ganz flüssig.“ Wer hätte mehr Verständnis für solche Stilblüten, als Journalisten, die im Eifer des Gefechts auch schon mal ins Schwarze treffen.

Dieser Text erschien am 28. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 1. November 2015

Spannung jenseits des Sportes: Manfred Breuckmann stellte seinen neuen Mallorca-Krimi vor

Manfred Breuckmann bei seiner
Lesung im Medienhaus

Bei Manfred (Manni) Breuckmann denkt man an Fußball. Die etwas schnoddrige und von ihm selbst kultivierte Ruhrgebietsstimme des inzwischen pensionierten, aber immer noch rührigen Rundfunkreporters ließ jeden Fernsehkommentator blass aussehen.

Dabei kann der Mann, der auch Sportkolumnen schreibt, auch anders. Das zeigte er jetzt bei den Herbstblättern. Dort stellte er seinen inzwischen zweiten Krimi „Schnee am Ballermann“ vor, der auf Mallorca spielt und in die Abgründe der menschlichen Seele schaut. Im Mittelpunkt steht der abgebrochene Betriebswirt Frank aus Gelsenkirchen, der nach einem Knastaufenthalt wegen Körperverletzung als Hausverwalter auf Mallorca eine zweite Chance sucht und nicht nutzen kann, weil in seiner Brust zwei Seelen zu Hause sind. Die eine des hilfsbereiten und liebesfähigen Mitmenschen und die andere des jähzornigen und unberechenbaren Gewalttäters. „Spannung und menschliche Abgründe reizen mich,“ sagt Breuckmann. Seine ansprechende Stimme ölt er zwischen den Krimisequenzen mit einem Bierchen. „Ich muss noch schnell mein Pils in die Flasche mit dem „Alkoholfrei“-Etikett umfüllen.“ Breuckmann liebt die süffisante Selbstironie. Das merkt man auch an seiner herrlichen Milieubeschreibung zwischen Ballermann, Bierkönig und Oberbayern.

Wenn sein Protagonist Frank in einem Bierlokal von einer alkoholgeschwängerten Frauenhorde, die als Teamtrikot ein T-Shirt mit der Aufschrift „Papa ist zu Hause“ ein-zwei-deutigen Angebote bekommt, wirkt das für den Mallorca-unerfahrenen Zuhörer skurril und überspitzt. „Doch das ist da genauso, wie ich in umfangreichen Feldversuchen herausgefunden habe“, betont Breuckmann.

Kein Wunder, dass man da, wie sein Antiheld aus Gelsenkirchen-Buer, auch auf die schiefe Bahn geraten kann. Doch Breuckmann, der sich während einer Auszeit 2009 in Mallorca verliebte und sich von einem alten Haus auf den Klippen der dortigen Steilküste zu einem Krimi inspirieren ließ, beschreibt auch die ruhigen und beschaulichen Orte und Menschen, die man auf Mallorca jenseits der Hotelburgen und Touristenmeilen betrachten und treffen kann. Dass der unter anderem mit einer WDR-Betriebsrente ausgestattete Fußballexperte sich regelmäßig auf die Insel zurückziehen kann, nicht nur, um Bücher zu schreiben, empfindet er selbst „als ein privilegiertes Leben.“ Dennoch, das spürt man, wie er auf sein Publikum eingeht und keiner Frage ausweicht, hat er sich seine ruhrgebietstypische unprätentiöse Bodenständigkeit bewahrt. Das merken die Zuhörer und applaudieren gerne.


Nachschlag

Nach seiner Lesung wurde Manfred Breuckmann, der sein Reporterleben mit einem Gerichtsbericht in der NRZ begann, als Fußballkenner nach seiner Haltung zur Kontroverse um FIFA, DFB und die WM-Vergabe 2006 gefragt. „Ich hoffe, dass die Affäre schnell und lückenlos aufgeklärt wird, aber ich befürchte, dass sie nie ganz aufgeklärt werden wird“, sagte Breuckmann. Und er fügte mit Blick auf die Millionengehälter und die sonstigen Geldströme im Profi-Fußball hinzu: „Es ist schwer, einen Maßstab dafür zu finden, wie viel wer für was verdient hat. Aber die finanziellen und kommerziellen Auswüchse haben auch mich, der den Fußball liebt und diese Liebe mit der Muttermilch aufgesogen hat, in den letzten Jahren auf Distanz zum Profi-Fußball gehen lassen.“

Dieser Text erschien am 28. Oktober in der NRZ und in der WAZ

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...