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Von Hugo lernen

In meinem historischen Kalender schaut mich heute ein berühmter Mülheimer an. Der Industrielle Hugo Stinnes würde heute seinen 150. Geburtstag feiern, wäre er nicht schon mit 54 Jahren, an den Folgen eines Operationsfehlers gestorben. Auch sein nicht minder unternehmungslustiger Großvater Mathias hatte in diesem Alter das Zeitliche gesegnet. Der Blick auf Hugo Stinnes lohnt sich. Er lehrt uns, dass auch kein noch so großes Finanzkapital das wichtigste Kapital unseres Lebens, die Lebenszeit, verlängern kann und dass jeder gesunde und glückliche Tag unbezahlbar ist. Der Mülheimer, von dem man sagte, dass er Unternehmen sammle wie andere Leute Briefmarken, wusste um die Vergänglichkeit und Relativität des materiellen Reichtums. Seine Erben, denen er einen Konzern mit mehr als 1500 Firmen hinterließ, mahnte er: „Meine Kredite sind eure Schulden.“ Er ahnte, dass sein Imperium ihn nicht lange überleben sollte. Stinnes, den seine Zeitgenossen unter anderem als „König von der Ruhr“ hochjubelten und ihm mit der Redensart: „Das walte Hugo!“ Allmacht zuschrieben, firmierte lieber als „Kaufmann aus Mülheim.“ Denn er wusste, dass man im Leben besser damit fährt, mehr zu sein als zu scheinen. Und auch das lehrt uns das Lebensbeispiel des Hugo Stinnes. Man ist nie zu alt, um klüger zu werden und dazuzulernen. Ausgerechnet der als Gewerkschaftsfresser verschriene Industrielle Hugo Stinnes erkannte im revolutionären November 1918 die Zeichen der Zeit und handelt mit dem Gewerkschaftsführer Carl Legien ein Abkommen aus, das den Achtstundentag einführte, die Rechtmäßigkeit der Gewerkschaften anerkannte und damit die Grundlagen der bis heute geltenden und immer wieder unterlaufenen Tarifautonomie legte. Denn Stinnes war klug genug, um zu wissen: „Wäre ich ein Arbeiterkind, wäre ich jetzt Arbeiterführer.“ 

Dieser Text erschien am 12. Februar 2020 in der Neuen Ruhrzeitung

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