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Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte besucht.

Katharina ist eine von 13 Förderschülern, die zurzeit mit Hilfe der Berufsbildungswerkstatt ihren Hauptschulabschluss machen. Der Förderunterricht der BBWe hilft ihr dabei. „Das Beste ist, dass man sich hier durch verschiedene Berufe durchschnüffeln kann“, sagt Katharina. In der BBWe hatte sie nach der 14-tägigen Testphase die Auswahl zwischen den Berufsfeldern Holz, Metall, Farbe, Hauswirtschaft, Hotel und Gastronomie, Friseur, Lager, Gesundheit, Garten und Landschaftsbau oder Handel. „Erst hatte ich mich für Farbe entschieden, habe aber schnell festgestellt, dass das für mich körperlich zu anstrengend war und bin deshalb in die Hauswirtschaft gewechselt“, beschreibt sie ihren Werdegang. Ihren Arbeitsalltag zwischen Küche, Kochtöpfen, Bügelbrett und den von ihren Mitschülern simulierten Kunden, empfindet sie als kreativ und abwechslungsreich. Am 1. September wird es für Katharina ernst. Dann beginnt sie eine Berufsausbildung als Hauswirtschaftshelferin am Oberhausener Zentrum für Arbeit und Qualifikation. Katharina schaut jetzt optimistisch in ihre Zukunft und könnte sich vorstellen, später mal als Schonkostköchin in einer Krankenhausküche zu arbeiten.

Auf dem ersten Arbeitsmarkt ist jetzt schon ihr Ex-BBWe-Kollege Patrick Hoppe angekommen. Mit Hilfe der Berufsbildungswerkstatt absolvierte er zunächst ein Werkstatt und dann ein Berufsvorbereitungsjahr, machte am Berufskolleg Stadtmitte seinen Hauptschulabschluss nach und konnte im April eine Lehre als Maler- und Lackierer beginnen. „Er ist sehr strebsam, gibt sich Mühe, spricht alles offen an und ist bei uns aufgeblüht wie eine Blume“, sagt sein Lehrherr, Malermeister Meik ter Haar über seinen Auszubildenden im dritten Lehrmonat. Anstreichen, Tapezieren, Teppichböden verlegen und bei der Farbgestaltung beraten sind für ihn schon Alltag. Nur das Berechnen von Flächen, so räumt er ein, falle ihm noch schwer. Doch hier gilt für ihn: Üben macht den Meister, mal abends allein daheim oder nach dem Unterricht mit Kollegen vom Berufskolleg Stadtmitte. „Anfangs war ich etwas ängstlich, ob ich alles richtig mache und ob ich von den Kollegen und vom Chef akzeptiert werde. Aber jetzt komme ich gut klar“, sagt Patrick nicht ganz ohne Stolz. Und er fügt hinzu: „Das, was die älteren Gesellen können, will ich auch können.“

„In der Schule habe ich auch schon mal blau gemacht, weil ich das Gefühl hatte: Es ist egal, ob du dich anstrengst. Aber in der Berufsbildungswerkstatt habe ich dann zum ersten Mal gemerkt, dass was aus mir werden kann. Und jetzt bin ich motiviert, weil mir die Arbeit Spaß macht“, beschreibt er seine beeindruckende Entwicklung.

Jasmin Förster, die im zur Sozialagentur gehörenden U-25-Haus auch Förderschüler in Ausbildungen als Servicefahrer, Pferdewirt, Friseur oder Garten- und Landschaftsbauer vermittelt hat, macht immer wieder die Erfahrung: „Wenn Förderschüler erst mal eine Ausbildung bekommen, sind sie auch hoch motiviert. Und der demografische Wandel hilft ihnen, weil die Betriebe junge Lehrlinge brauchen und deshalb zunehmend bereit sind, sich auch mit Schülern zu beschäftigen, deren Noten und Abschlüsse vielleicht nicht so gut sind.“ Malermeister ter Haar bestätigt ihre Einschätzung, „dass das Zeugnis zwar nicht egal, aber nicht unbedingt alles ist“, wenn ein Bewerber interessiert und teamfähig ist. „Und die haben wirklich ein gutes Gespür dafür, welche Leute zu uns in den Betrieb passen könnten“, lobt ter Haar die langjährig bewährte Zusammenarbeit mit der BBWe.


Dieser Text erschien am 22. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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