Dienstag, 2. Juli 2013

Schwierig, aber nicht erfolglos: Wie Förderschulrektoren die Arbeit an ihren Schulen in Zeiten der Inklusion bewerten

Die auch vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, geteilte Kritik, Förderschulen förderten ihre Schüler nicht effizient genug, weisen die Förderschulleiter Peter Kalde und Elke Storch-Fritz als ungerecht und undifferenziert zurück.


„Da werden Dinge miteinander verglichen, die nicht vergleichbar sind“, klagt Kalde, der die Schule für Geistigbehinderte an der Rembergstraße leitet. „90 Prozent der Eltern wollen heute den gemeinsamen Unterricht. Zu uns kommen ohnehin nur noch die Kinder, für die die Rahmenbedingungen im Gemeinsamen Unterricht noch nicht geeignet sind und bei denen Eltern und Lehrer gemeinsam zu dem Ergebnis kommen, dass sie am besten in der Förderschule gefördert werden können.“

Kalde räumt ein, dass es „extrem schwierig ist“, seinen Schülern eine Perspektive auf dem ersten Arbeitsmarkt zu eröffnen und dass sie „auf das Rückhaltebecken der beschützenden Werkstätten für Behinderte angewiesen sind.“ Immerhin schaffen einzelne der geistig und mehrfach behinderten Schüler den Wechsel zur Lernbehindertenschule. Und zwei von zehn Schulabgängern haben eine Ausbildung als Helfer im Maler- und Lackierer-Handwerk sowie als Erziehungshelfer in einer Kindertagesstätte in Aussicht.

Kaldes Kollegin Elke Storch-Fritz, die die Peter-Härtling-Schule für emotionale und soziale Entwicklung leitet, sieht ihre Förderschule als „Durchgangsschule“, die Schülern, die im Gemeinsamen Unterricht gescheitert sind und den Rückweg zur Regelschule schaffen sollen. Das gelingt in jedem Schuljahr etwa einer Handvoll von Schülern. Aber auch die Tatsache, dass ihre Kollegen und sie immerhin vier von sechs Schulabgängern dieses Jahrgangs zum Hauptschulabschluss führen und zwei Schüler nach der Schule eine Lehrstelle in Aussicht haben, sieht Storch-Fritz als Erfolg. „Es ist beileibe nicht so, dass wir unsere Schüler unbedingt in der Förderschule halten wollen. Aber wenn die Schüler erst spät zu uns kommen und eine lange Misserfolgsgeschichte hinter sich haben, wird es sehr schwierig“, weiß die Förderschulrektorin. Sie bescheinigt aber auch den Regelschulen eine große Bereitschaft, ihre Schüler aufzunehmen und zu fördern: „Da hebt niemand abwehrend die Hände“, betont Storch-Fritz.

Dennoch ist sie sich mit ihrem Kollegen Kalde darin einig, „dass es immer Kinder geben wird, die nicht in einer Regelschule unterrichtet werden können.“ Kalde verweist auf das Beispiel Italien. Dort gebe es seit den 80er Jahren keine Förderschulen mehr, dafür aber 25 Prozent Schulabbrecher und viele, die gar nicht mehr unterrichtet würden.

Auch ihr Kollege Wolfgang Kallis, der die Tersteegenschule für Lernbehinderte leitet, sagt: „Ich bin nicht gegen Inklusion, sondern arbeite gerne konstruktiv daran mit, wenn sie gut gemacht wird und nicht auf Kosten der Kinder und ihrer Förderung geht.“ Kallis weist darauf hin, dass jedes Jahr etwa fünf Kinder seine Schule in Richtung Regelschule verlassen und betont: „Wir halten hier keinen fest.“ Allerdings muss er einräumen, dass alle Schulabgänger seiner Förderschule zunächst einen Berufsvorbereitungslehrgang der Agentur für Arbeit besuchen müssen, um damit eine Chance auf eine Berufsausbildung zu bekommen. Darin sieht er aber nicht das Ergebnis einer unzureichenden pädagogischen Förderung sondern insgesamt steigender Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch zwei Drittel der Mülheimer Hauptschüler, so Kallis, müssten den Umweg über Berufsvorbereitungslehrgänge gehen. Auch wenn er es für einen „Denkfehler“ hält, „dass man Lernbehinderte ganz einfach an den Regelschulen integrieren kann“, macht er sich keine Illuisonen darüber, dass seine Förderschule im Zeitalter der Inklusion ein Auslaufmodell sein wird.

Dieser Text erschien am 30. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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