Dienstag, 23. Juli 2013

Ein zukunftsträchtiges Schulbeispiel aus der Hauptschule an der FRühlingstraße, die ihren letzten Schultag hinter sich hat, zeigt, wie Schule erfolgreicher und menschlicher werden könnte

Der letzte Schultag. An der Frühlingstraße in Speldorf gilt das im doppelten Sinn des Wortes. Denn dort hatte die Hauptschule nach 40 Jahren gestern ihren definitiv letzten Schultag. Nach den Sommerferien wird sie zur Grundschule.


Auch wenn Volkan Gücer (16), Resul Duran und Tolga Inam (beide 17) froh sind, dass sie ihre Hauptschule mit guten Noten verlassen und jetzt an Berufskollegs auf die Fachoberschulreife zusteuern können, beschleicht sie doch etwas Wehmut, wenn sie daran denken, dass es ihre alte Schule bald nicht mehr gibt. Ihre Wehmut verbindet sie nicht so sehr mit dem schmucken Schulgebäude als vielmehr mit ihrem Klassenlehrer Theodor Riecken (64) und seinem ehrenamtlichen Unterrichtsassistenten Norbert Röger (60), der die Klasse Rieckens in den letzten beiden Schuljahren begleitet hat, Tag für Tag. Und das unterscheidet ihn schon von den insgesamt 40 ehrenamtlichen Schulpaten, die im Rahmen eines Projektes des Centrums für bürgerschaftliches Engagement mit ihrer Berufs- und Lebenserfahrung Jugendliche unterstützen.

Die waren wie Freunde. Sie haben dafür gesorgt, dass wir nicht mit Angst, sondern mit Vertrauen in die Schule gehen konnten und nicht in Versuchung kamen, uns krank zu melden, beschreiben Volkan, Resul und Tolga, was sie an Röger und Riecken hatten.

Die haben sich gerade in Deutsch und Mathe immer wieder mit uns hingesetzt und genau nachgefragt, warum wir etwas nicht verstanden hatten, erzählt das Schüler-Trio aus seinem Alltag mit dem pädagogischen Doppelpack.

Riecken lässt keinen Zweifel daran, dass er es nicht zuletzt seinem ehrenamtlichen Unterrichtshelfer Röger zu verdanken hat, dass die letzten zwei seiner insgesamt 26 Schuljahre an der Frühlingstraße besonders angenehm und entspannt verlaufen sind, so dass er sich jetzt gesund und munter auf seinen Ruhestand freuen kann. Anfangs habe ich mir schon gesagt: Mal sehen, was da auf mich zukommt. Aber dann habe ich erlebt, dass er zwar immer präsent, aber nie aufdringlich war und so für mich zu einem guten Korrektiv wurde, mit dem ich mich immer wieder austauschen konnte.

Lehramtsassistent Röger beschreibt seinen Arbeitsalltag so: Wenn der Lehrer sich mal in einem 1:1-Gespräch mit einem schwierigen Schüler beschäftigen musste, konnte ich mit den anderen Schülern weiterarbeiten. Und wenn er vorne an der Tafel stand, konnte ich auch die Schüler in den hinteren Reihen im Auge behalten und sofort sehen, wenn jemand nicht mitkam.

Die Frage, warum er als Mann um die 60 freiwillig und ohne Bezahlung jeden Tag gerne zur Schule gegangen ist, beantwortet Röger mit seiner eigenen Bildungs- und Berufsbiografie. Ich habe selbst die Hauptschule besucht und anschließend bei der Post eine Lehre als Fernmeldehandwerker gemacht, ehe ich mich dann bei der Telekom weiterentwickelt und in den Vertrieb und Handelsservice hochgearbeitet habe. Doch mit 56 wurde ich in den Vorruhestand geschickt. Der Speldorfer, der sich noch fit und keineswegs rentenreif fühlte, suchte nach einer sinnvollen und seinen Tag strukturierenden Tätigkeit. Er fand sie gleich in seiner Nachbarschaft, in der Hauptschule an der Frühlingstraße. Wohlmeinende Ratschläge warnten ihn vor einem Engagement. Doch Röger ließ sich auf das Abenteuer ein, obwohl meine Schulzeit auch schon 40 Jahre zurücklag und ich mich erst mal einarbeiten musste. Und immer wieder machte er als externer Schulverstärker an der Frühlingstraße die gute Erfahrung, dass man freundlich aufgenommen und behandelt wird, wenn man selbst auch freundlich und ohne Vorurteile auf andere zugeht. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen ist und bleibt die oft als Restschule abgestempelte Hauptschule die Schulform, an der Schüler besonders intensiv gefördert werden, die diese Förderung besonders nötig haben, aber auch besonders willig annehmen.

Was Volkan, Resul und Tolgar an ihren beiden pädagogischen Partnern beeindruckt hat, war die Tatsache, dass sie ihnen mit Respekt begegneten und ihnen so beibrachten, anderen Respekt entgegenzubringen. Die Schüler bescheinigen Riecken und Röger, keinen Tunnelblick gehabt zu haben. Mit ihnen konnten wir auch über persönliche Probleme sprechen, erinnern sie sich. Und so konnte Lehrer Riecken mit seinem pädagogischen Co-Piloten Röger nicht nur freiwilligen Förderunterricht in Deutsch und Mathematik anbieten, sondern auch auf seine berufspraktischen Kenntnisse zurückgreifen, wenn es darum ging, wie man sich um einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz bewirbt und wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch präsentieren sollte.

Ich bin mit ihm meine Aufgabenstellungen durchgegangen mit der Frage, ob sie zu textlastig sind. Und einmal haben wir uns Auszubildende von Mannesmann in den Matheunterricht geholt, um sie erklären zu lassen, welche Kenntnisse sie in ihrem Berufsalltag brauchen, erinnert sich Riecken. Während sein hauptamtlicher Kollege in den Ruhestand geht, will Röger an einer anderen Schule weiterarbeiten. Es wird schon das Richtige kommen“, freut er sich auf sein nächstes pädagogisches Abenteuer.

Was fehlt, wenn die Hauptschule fehlt?


Wird die Hauptschule fehlen, wenn sie nicht nur an der Frühlingstraße auslaufen sollte? Norbert Röger und die Ex-Hauptschüler Volkan Gücer, Resul Duran und Tolga Inam glauben: Ja, weil die Schüler, die bisher von der praxisorientierten Förderung an den Hauptschulen profitieren, auch bleiben, wenn es keine Hauptschulen mehr geben sollte. Theodor Riecken macht sich dagegen keine Illusionen darüber, dass die Hauptschule schon seit langem ins Hintertreffen geraten ist, weil sich Deutschland viel zu spät als Einwanderungsland begriffen habe und die anderen Schulformen sich zu lange aus der Integrationsaufgabe herausgezogen hätten. Er glaubt, dass die pädagogische Förderung, die an den Hauptschulen geleistet wird, auch an anderen Schulen geleistet werden könnte, wenn man sich am skandinavischen Vorbild (Zwei Lehrende in kleinen Klassen) orientieren würde.

Riecken ist überzeugt, dass es auf Lehrer ankommt, die Einfühlungsvermögen mitbringen und in Zeiten, in denen Fachwissen immer schneller veraltet, darauf achten, „das Menschliche nicht aus den Augen zu verlieren“, um keine Fachidioten, sondern Persönlichkeiten zu bilden.

Dieser Text erschien am 20. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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