Montag, 4. Oktober 2010

Wie eine Mülheimerin in Frankfurt/Oder an einer Baustelle der Wiedervereinigung mitarbeitete


Am Vorabend des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung hatte ich Gelegenheit, mit Elisabeth Condipodaro Marchetta, die heute das Standesamt leitet, über ihren Einsatz in Frankfurt an der Oder zu sprechen.


Dort half sie von 1991 bis 1994 beim Aufbau des Jugendamtes. Den Hintergrund ihres ungewöhnlichen Dienstes bildet das Kooperationsabkommen zwischen NRW und Brandenburg, in dessen Folge Mülheim an der Ruhr und Frankfurt an der Oder Partner auf Zeit wurden. Denn mit dem Beitritt zur Bundesrepublik übernahmen die Länder der ehemaligen DDR auf das westdeutsche Verwaltungssystem.


Condipodaro half ihren ostdeutschen Kollegen vor allem beim Aufbau einer wirtschaftlichen Jugendhilfe. Wie berechnet man Unterhalt und Pflegesätze für die Unterbringung in einem Heim? Wie ermittelt man einen einkommensbezogenen Elternbeitrag für Kindertagesstätten? Wie baut man eine Akte auf ? Wie kann man Aufgaben innerhalb der Verwaltungshierarchie sinnvoll delegieren und wie eigenverantwortlich kann ein Verwaltungsmitarbeiter entscheiden? Solche und ähnliche Fragen bestimmten damals ihren Arbeitstag an der neuen deutschen Ostgrenze.


Wenn man Condipodaro heute nach ihrer Motivation fragt, warum sie ihren Arbeitsplatz über 600 Kilometer nach Osten verlagerte, spricht sie von ihrem Wunsch "mal etwas neues auszuprobieren" und von ihrer Familiengeschichte.


Der griechisch-italienische Name lässt nicht vermuten, dass Condipodaro aus einer deutschen Ost-West-Familie stammt. Der Vater kam aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet, wo er die Mutter kennen und lieben lernte. Der Großvater und ein Vetter des Vaters lebte nach 1945 im Osten Deutschlands, in Thale, im Harz. So lernte Condipodaro schon als Kind bei Familienbesuchen im Harz den DDR-Alltag kennen. Leere Regale und lange Warteschlangen gehörten ebenso dazu wie eine ausgeprägte Nachbarschaftshilfe oder die Angst vor den regieden DDR-Grenzern, die mit ihrer Maschinenpistole ins Zugabteil kamen und die Koffer nach verbotenen Büchern, Zeitschriften oder technischen Geräten durchsuchten, die nicht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ausgeführt werden durften.


Und dann kam der Mauerfall vom 9. November 1989. Condipodaro konnte es erst gar nicht glauben. Anders, als ihr Vater, hatte sie sich mit der deutschen Teilung abgefunden. Doch jetzt war sie froh, dass der Vater wieder problemlos in seine alte Heimat reisen konnte, die heute ein Teil Polens ist. Die Verwandten aus dem Harz waren jetzt öfter zu Besuch in Mülheim und kauften dem Vater mit ihrer neuen D-Mark seinen alten Audi ab.


Ihre Dienstzeit in Frankfurt/Oder hat Condipodaro in guter Erinnerung behalten, obwohl ihr die Ost-Kollegen erst mal misstrauisch begegnet waren und sie am ersten Tage gerne wieder heimgefahren wäre. Doch am Ende fand sie an der Oder nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Sie selbst spricht von einer Zeit, "in der ich sehr frei arbeiten und viel bewirken konnte."


Nachdem sie ihren Ost-Kollegen bewiesen hatte, dass sie nicht zur Fraktion der besserwisserischen Wessis zählte, nahmen diese ihren Rat gerne an. "Sie arbeiteten sehr engagiert, obwohl sie weniger verdienten, als wir aus dem Westen und neben ihrem Dienst auch noch Fortbildungslehrgänge besuchen mussten", erinnert sich Condipodaro voller Respekt an ihre Ost-Kollegen, die sie nie als "Jammer-Ossis" erlebte. Auch wenn sie selbst Zeugin der wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen in der ehemaligen DDR wurde, hat sie bei späteren Besuchen in Frankfurt/Oder immer wieder feststellen können, "dass dort viel Geld in die richtigen Kanäle geflossen ist."


Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 3. Oktober 2010 in der NRZ

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