Sonntag, 24. Oktober 2010

Eine literarische Betrachtung des Gewohnheitstieres Mensch: Wolfgang Rüb stellte bei den Herbstblättern seinen neuen Roman vor


Passend zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung luden die Macher der Mülheimer Literaturreihe Herbstblätter mit Wolfgang Rüb einen ostdeutschen Autor ein, ein echter Gewinn. "Das ist von vorne bis hinten humorvoll“, verspricht Wolfgang Rüb seinen Zuhörern im Medienhaus, bevor der Musikpädagoge aus Sachsen-Anhalt aus seinem zweiten Roman „Wohnquartett mit Querflöte“ liest.Der Mann hat nicht zu viel versprochen.


Seine Zuhörer, leider viel zu wenige, haben an diesem Herbstblätter-Abend viel zu lachen. Sein Humor und seine Sprache kommen fast still und hintergründig herüber. Das Buch erzählt die Geschichte eines ostdeutschen Ehepaares, das die von den Eltern und Schwiegereltern ererbte Jugendstilvilla verkauft, um endlich Geld für die so lange erträumten Reisen zu haben. Doch dann kann es sich aber doch nicht von dem alten Haus trennen, und formiert sich mit dem neuen Besitzer-Ehepaar zu einem Quartett.


Dabei erzählt der Autor zwischen den Zeilen viel über das Leben.Obwohl „Wohnquartett mit Querflöte“ in Rübs ostdeutscher Heimat spielt und seine Protagonisten Renate und Lenz „wie Hunderttausende nach der Wende“ ihre Arbeit als Naturwissenschaftler in der Chemischen Industrie verloren haben, ist sein Buch mehr als ein Regionalroman.Rüb beschreibt das Gewohnheitstier Mensch, das auch nach einer Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse nicht aus seinen alten Verhaltensmustern herauskommt.


Und so reisen Renate und Lenz nach dem Verkauf ihrer Villa eben nicht wie geplant nach Spanien, sondern schauen in ihrem alten Garten immer wieder nach dem rechten. Mal zupfen sie Unkraut. Mal graben sie ein Beet um. Mal gönnen sie sich dort sogar ein Schäferstündchen, was den neuen Eigentümern erst mal gar nicht auffällt.Der 57-jährige Autor, der durch das Briefeschreiben und einen Literaturclub zum Romanschreiben kam, begeistert immer wieder mit Wortwitz. Da lässt er Lenz zum Beispiel sagen: „Wir kannten die Dominikanische Republik gar nicht. Aber auf einmal fehlte sie uns.“ oder, Gorbi lässt grüßen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, aber wer zu früh kommt, ist auch gestraft."


Und seine bessere Hälfte Renate fragt sich angesichts des „Goldenen Sparbuches“, auf das die Beiden ihren üppigen Verkaufserlös eingezahlt haben: „Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich reich sein will. Einmal nach Spanien und wieder zurück hätte mir auch gereicht.“ Und bei den Bankern, die Renate und Lenz bei der Anlage ihres neuen Reichtums nur zu gerne beraten wollen, bekommen einen echten Kulturschock, als ihnen die beiden, nicht ohne Schalck im Nacken, mitteilen, dass sie ihr Geld "lieber verjubeln als investieren wollen", weil sie nicht einsehen wollen, dass sie jeden Monat nur soviel Geld ausgeben sollen, wie die Zinsen ihres Kapitals ergeben, "damit wir am Ende als Millionäre sterben können."


Eine Zuhörerin, die sich nach der Lesung von Rüb das Buch signieren lässt, sagt ihm: „Es trifft so vieles.“ Tatsächlich trifft Rüb in seinem „Wohnquartett mit Querflöte“ den richtigen Ton und den Nagel auf den Kopf, wenn er Menschen beschreibt, die an der Erfüllung ihrer Lebensträume immer wieder gehindert werden, weil sie zu sehr an materiellen Dingen hängen; und sei es an einem alten Haus.


Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 23. Oktober 2010 in der NRZ

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