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Rückblick in die Stadtgeschichte: Vor 90 Jahren wurde Mülheim für wenige Tage zu einer Räterepublik

Die Stadt erlebt einen stürmischen Frühling. Der Zwang zur massiven Haushaltskonsolidierung in Zeiten uneindeutiger Ratsmehrheiten lässt bei manchem Bürger die Frage aufkommen: Wie kann die Stadt noch regiert werden? Was tröstet, ist die Tatsache, dass Mülheim schon ganz andere politische Frühlingsstürme überstanden hat: zum Beispiel vor 90 Jahren.Im März 1920, man staunt, wird das bürgerliche Mülheim zur Räterepublik. Ein Aktionsausschuss, dem Kommunisten, Unabhängige Sozialdemokraten und Sozialdemokraten angehören, übernimmt im Rathaus das Regiment. Oberbürgermeister Paul Lembke wird entmachtet, die Polizei entwaffnet und privater Waffenbesitz verboten. Rund 500 Bürger schließen sich der von Essen aus einmarschierenden Roten Ruhrarmee an, deren Soldaten nun auch aus der Stadtkasse bezahlt werden.

Der Umsturz von Links ist eine Reaktion auf einen Umsturz von Rechts.Wolfgang Kapp und seine rechtsextremen Gefolgsleute putschen in Berlin gegen die Republik von Weimar. Dagegen streiken auch in Mülheim die Arbeiter. Der Generalstreik hat Erfolg. Der Kapp-Putsch bricht nach wenigen Tagen zusammen.Doch im Ruhrgebiet löst der soeben abgewehrte Staatsstreich eine eigene revolutionäre Dynamik aus. Auch in Mülheim kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen mit Plünderungen, Schießereien, Toten und Verletzten. In einem Aufruf vom 23. März 1920 teilen die roten Revolutionäre im Rathaus der Bevölkerung mit, was sie erreichen wollen. „Für Sozialismus. Für freies Menschentum“, lautet die Parole des Aktionsausschusses, der nach den Betriebsratswahlen vom 25. März durch einen Vollzugsausschuss ersetzt wird.

Die Führer der Räterepublik wollen nicht nur reaktionäre Offiziere und Beamte aus Armee und Verwaltung entfernen, sondern auch die Ausbeutung der Arbeiter beenden. Beschlagnahmungen, gewaltsame Übergriffe und ein zwischenzeitlich verhängtes Alkoholverbot machen die Revolutionäre bei vielen Bürgern unbeliebt.Ihre Tage sind gezählt. Am 29. März erreicht Mülheim ein Ultimatum der Reichswehr. Die Rote Ruhrarmee soll ihre Waffen niederlegen und ihre Gefangenen freilassen.

Am 2. April marschieren Reichswehr- und rechte Freikorpseinheiten ins Ruhrgebiet ein. Zu ihnen gehört auch das Freikorps Schulz, in dem sich ehemalige Soldaten des Mülheimer Infanterieregiments 159 zusammengeschlossen haben.Reichswehr- und Freikorpssoldaten erreichen am 5. April die Stadt. Umgehend wird das Standrecht verhängt und die Rote Ruhrarmee entwaffnet. Die Mülheimer Zeitung feiert tags darauf in ihrer Ausgabe „das Ende der Mülheimer Kommunistenherrschaft.“

Dieser Text erschien am 23. März 2010 in der NRZ

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