Samstag, 31. Mai 2014

Der Optimist - Warum der Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers, Tim Fürbach, davon überzeugt ist, dass Solidarität kein Thema von gestern ist

Wer einen Optimisten treffen will, ist bei Tim Fürbach richtig. Solidarität ist kein Thema von gestern. Für mich ist es ein Teil meiner Familiengeschichte, sagt der 29-jährige Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers.

Ein zentraler Platz der Stadt ist heute nach seinem Ur-Ur-Großvater benannt, der 1949 zum Gründungsvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes gewählt wurde und noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1951 mit dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer die paritätische Mitbestimmung in der Montanindustrie aushandelte.

Davon profitiert heute auch sein Ur-Ur-Enkel nicht nur bei den von den Tarifparteien vereinbarten Lohnerhöhungen. Als ich vor zehn Jahren bei Siemens meine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker begann, war es aufgrund meiner familiären Prägung keine Frage, dass ich auch in die IG Metall eintrete, erinnert sich Fürbach. Sein Vater ist bereits seit 50 Jahren in der IG Metall und sein Großvater Georg Rand war in den 50er Jahren erster Bevollmächtigter der IG-Metall in Oberhausen, ehe er als Bildungssekretär in die Frankfurter Hauptverwaltung der IG Metall wechselte. Erzähl mal Opa, wie war das damals? erinnert sich Fürbach an die Frage, mit der er so viele Gespräche mit seinem Großvater begann, Gespräche in denen er auch seinen Ur-Ur-Großvater Hans Böckler kennenlernte. Was mich an meinem Ur-Ur-Großvater am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass er auch großem Druck nicht von seinen Idealen der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit abgewichen ist, sagt Fürbach.

Aus den Erzählungen seines Großvaters weiß der junge Maschinenbautechniker, der beui Siemns arbeitet und im August Vater wird, dass sein Ur-Ur-Großvater während der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand geleistet hat und immer wieder von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und misshandelt wurde. Besonders beeindruckt hat ihn eine Postkarte, die ihm sein Großvater gezeigt hat. Auf ihr sind verschlüsselte Botschaften der Männer enthalten, die am 20. Juli 1944 vergeblich versuchten, den Diktator Adolf Hitler zu töten. Hätte die Gestapo diese Postkarte bei ihm gefunden, wäre das sein sicheres Todesurteil gewesen, weiß Fürbach. Der Verfolgung und Ermordung konnte Böckler, der nach einem gelungenen Staatsstreich gegen Hitler freie Gewerkschaften aufbauen sollte, auch nur deshalb entkommen, weil er von einem Sympathisanten aus der NS-Bauernschaft rechtzeitig gewarnt wurde und sich im Bergischen Land verstecken konnte.

Geschichte! Und die Gegenwart? Wenn Menschen früher in einem Betrieb ihre Lehre gemacht haben, konnte es sein, dass sie ihr ganzes Berufsleben dort verbrachten. Heute müssen junge Leute mobiler sein. Und in einer Zeit der permanenten medialen Reizüberflutung, in der jeder seine Botschaften über das Internet zu verbreiten, ist für viele schwieriger geworden, sich inhaltlich zu orientieren und sich auch politisch und sozial irgendwo zu verankern, beschreibt Fürbach den gesellschaftlichen Wandel.

Der hat aus seiner Sicht aber nicht zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft geführt. Junge Leute interessieren sich auch heute für Politik und dafür, was um sie herum passiert. Sie wollen aber auch wissen, was bringt mir das, wenn ich in einer Gewerkschaft bin und wo kann ich mitmachen und mitentscheiden, berichtet Fürbach aus seiner Zeit als Betriebsrat und Jugendvertreter bei Siemens.

Dass immerhin deutlich mehr als 50 Prozent seiner 4834 Kollegen am Mülheimer Siemens-Standort, gewerkschaftlich organisiert sind, wertet er als Indiz dafür, dass der Wert der Solidarität auch heute in den Menschen tief verankert ist, weil sie in guten, wie in schlechten Zeiten spüren, dass man nur gemeinsam stark ist.

Sein solidarisches Urerlebnis hatte der Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers 2011 in Köln. Damals habe ich in Köln an einem Aktionstag teilgenommen, bei dem mehr als 50 000 junge Leute gemeinsam für eine Übernahmegarantie in der Metallindustrie demonstriert haben. Das war ein starkes Gefühl, erinnert sich Fürbach.

Dass Auszubildende heute nach ihrer Lehre bei Siemens für mindestens zwei Jahre in ein festes Angestelltenverhältnis übernommen werden, sieht er als ein konkretes Ergebnis gewerkschaftlicher Solidarität. Das verstehen auch junge Menschen, wenn man es ihn verständlich erklärt und sie nicht einfach zuquatscht, betont Fürbach.

Dass sie merken, dass sie im Ernstfall auf eine starke Mannschaft zurückgreifen können, in der sie selbst auch mitmachen und mitentscheiden können, führt aus Sicht des jungen IG-Metallers, der seine Betriebsratsarbeit für eine berufliche Weiterbildung ausgesetzt hat, dazu, dass heute wieder mehr junge Arbeitnehmer in die Gewerkschaften eintreten.

Wohin das Fehlen gewerkschaftlicher Lobbyarbeit und gewerkschaftlicher Solidarität führen kann, sieht er an der Zunahme befristeter und sozial unsicherer Beschäftigungsverhältnisse.

Auch das hat er in vielen Gesprächen als Gewerkschafter und Betriebsrat immer wieder deutlich machen können: Ohne die Gewerkschaftliche Solidarität wäre Deutschland nicht das wirtschaftlich erfolgreiche Land, dass es heute ist. Tarifvertraglich geregelte Gehälter, geregelte Arbeitszeiten, Urlaubsansprüche, Mitbestimmung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder gleicher Lohn für Leiharbeiter kommen nicht von ungefähr, sondern sind ein Ergebnis der von den Gewerkschaften solidarisch erkämpften und verteidigten Tarifautonomie, lautet sein Credo.

Dass sich diese Solidarität auch wirtschaftlich lohnt und auszahlt, liegt für den Arbeitnehmer Fürbach auf der Hand, weil auch Arbeitgeber nur dann von Arbeitnehmern profitieren, wenn diese gesund und motiviert bleiben und nicht schon nach wenigen Jahren durch schlechte Arbeitsbedingungen verbraucht sind.

Dass Solidarität aber auch heute tief im Menschen drinsteckt, sieht er aber auch jenseits der Arbeitswelt, wenn sich Menschen zum Beispiel um jemanden kümmern, der auf der Straße gestürzt ist und nicht einfach vorbeigehen oder wenn ihm seine Nachbarn in Dümpten selbstverständlich mit einer Leiter für die Wohnungsrenovierung aushelfen oder ihn zum gemütlichen Grillen einladen. Es liegt wohl auch an meiner familiären Prägung, dass ich an das gute im Menschen glaube, beschreibt der Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers seine auf Solidarität und aufbauende und damit das Erbe seines Ur-Urgroßvaters fortsetzende Lebenseinstellung.

300 000 Deutsche waren gewerkschaftlich organisiert, als der damals 28-jährige Hans Böckler 1903 sein Laufbahn als hauptamtlicher Mitarbeiter des Deutschen Metallarbeiterverbandes begann. Als er 1951 starb, hatte der von ihm mitgegründete und geführte Deutche Gewerkschaftsbund in Westdeutschland 5,9 Millionen Mitglieder. Heute gibt es in Mülheim rund 18 000 und im wiedervereinigten Deutschland rund 6,1 Millionen DGB-Mitglieder, 1,9 Millionen mehr als 2010, aber 5,7 Millionen weniger als 1991 .

Dieser Text erschien am 24. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 29. Mai 2014

Späte Ansichten einer Wahl: Warum Menschen erst in letzter Minute wählen gehen und was danach mit ihren Stimmen passiert: Einblick in ein Mülheimer Wahllokal


Normalerweise werden in der Cafeteria des Karl-Ziegler-Gymnasiums Schüler und Lehrer versorgt. Doch an diesem Sonntag bleibt dort die Küche kalt. Stattdessen bekommt die Demokratie ihre wichtigste Nahrung, die Stimmen der Bürger. Denn am Wahltag der Europa- und Kommunalwahl wird die Cafeteria zum Wahllokal für den Stadtmitte-Stimmbezirk 012. Nur Wasserflaschen sind zu sehen, die sich die acht Wahlhelfer zur Erfrischung mitgebracht haben.

„Kurz vor Toresschluss kommt immer noch ein ganzer Schwung von Leuten,“ weiß Wahlvorsteherin Kerstin Braun. Die Frau vom Grünflächenamt muss es wissen. Denn seit sie 18 war, hat sie jede Wahl als Wahlhelferin begleitet. Und sie behält recht. Zwischen 17.30 Uhr und 18 Uhr wählen rund 40 Frauen und Männer in letzter Minute, darunter auch ein Briefwähler, der vergessen hatte seinen Wahlbrief rechtzeitig einzuwerfen und eine ältere Dame mit Rollator, der Braun über die Stufen ins Wahllokal hinein und später wieder hinaus hilft.

Wie und warum wird man zum späten Wähler? „Ich habe mir heute einen schönen Wellnesstag mit Waldlauf und Freiluftsauna gegönnt“, begründet der 48-jährige Eventmanager Carsten Kroll seinen späten Wahlgang. Er glaubt, „dass das schöne Wetter viele Wahlfaule davon abgehalten haben wird, ins Wahllokal zu kommen.“

Der späte Wähler und Jurastudent Christoph Götz hat vor dem Gang ins Wahllokal noch einmal den Internet-Wahlomaten der Bundeszentrale für politische Bildung bemüht, „damit ich nicht alle Wahlprogramme durchlesen muss.“ Obwohl der 29-Jährige einräumt, dass die Wahlentscheidung für ihn keine leichte war, betont er: „Ich habe noch keine Wahl verpasst, weil das für mich zum Engagement für die Demokratie einfach dazugehört.“

Auch für die beiden Mittsiebziger Anni und Günther Müller ist das Wahlrecht eine „Bürgerpflicht“, die sie nach einem Sportnachmittag vor dem Fernsehen selbstverständlich gerne erfüllen, „weil wir keine Stimme zu verschenken haben.“ Während die Müllers, die zur Gruppe der Stammwähler gehören, zugeben, dass ihnen der Durchblick bei zwölf Parteien und Wählerbündnissen auf den Kommunalwahlzetteln schwerfällt, begrüßt der 37-jährige Künstler Patrick Gerhard die neue Vielfalt auf dem Stimmzettel. „Da ist bestimmt für jeden was dabei und ich bin ohnehin dafür, dass es mehr Bürgerentscheide und Bürgerbefragungen gibt“, sagt er. Trotzdem kommt er erst spät zur Wahl: „Weil ich diesmal eigentlich gar nicht wählen gehen wollte, mich aber von einer Freundin habe überzeugen lassen.“

„Wenn man das Wahlrecht hat, sollte es auch nutzen“, erklärt er 41-jähriger Einzelhandelskaufmann, warum er spät aber nicht zu spät zur Wahl kommt. Besonders wichtig ist ihm, der darüber nachdenkt nach Spanien auszuwandern, die Wahl des Europäischen Parlaments. Doch um 18 Uhr ist es so weit. „Ich erkläre den Wahlgang für geschlossen“, sagt Wahlvorsteherin Braun. Nur eine junge Frau die gerade erst aus der Wahlkabine kommt, darf ihre drei Wahlzettel noch in die Urne werfen.

Dann fängt das große Zählen an, bei dem die acht Wahlhelfer nicht nur von der NRZ, sondern auch von der AfD-Ratskandidatin Eva Viljoen beobachtet werden. Die Kandidatin will darauf achten, dass bei der Stimmenauszählung alles mit rechten Dingen zugeht. Schon bald kommt es fast zum Eklat, als die AfD-Bewerberin mit Hinweis auf die Europawahlordnung darauf bestehen will, dass jede gezählte Stimme laut vorgelesen werden soll. „Wenn wir das machen, sind wir noch um 24 Uhr hier. Und wenn jeder hier seine Stimmen laut vorlesen würde, würden wir uns am Ende verzählen und bräuchten für jeden Wahlhelfer einen eigenen Raum“, weist sie Braun zurecht.

Danach wird friedlich und flottgezählt, zunächst die grauen Stimmzettel für die Europawahl, dann die grünen für die Stadtratswahl und zuletzt die roten für die Wahl der Bezirksvertretung. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Braun. Kein Wunder. Ihre Wahlhelfer kommen alle aus der Familie. Ihr beim Tiefbauamt arbeitender Mann Ralf und ihre Tochter Charlotte zählen ebenso mit, wie ein Schwager, die beiden Neffen Merlin und Yanik, sowie Charlottes Freund Christian Howahl und ihre Tante Silke Stöhr. „Wir wählen gerne und fühlen uns mit der Stadt und der Demokratie verbunden. Deshalb wollen wir ihr etwas zurückgeben und unseren Beitrag dazu leisten, dass alles auch so weiter läuft“, sind sich Tante und Nichte einig.

„Wo habt ihr die CDU? Zwei Kreuze auf einem Zettel? Das ist doch ungültig. Ich habe hier eine Stimme für die Familienpartei.“ Alle Stimmen werden sicherheitshalber dreimal durchgezählt. Und kurz nach 19 Uhr kann Charlotte Braun per Handy Ergebnisse ans Wahlamt durchgeben. Anschließend wird das Wahlergebnis protokolliert und von allen Wahlhelfern unterschrieben. Und zum guten Schluss heißt es dann noch mal:“Einpacken!“ Alle Stimmen werden nach Wahlgang und Partei sortiert in große Umschläge gesteckt, die versiegelt später ans Wahlamt gehen. Um 19.50 Uhr verlassen Kerstin und Ralf Braun nach 13 freiwilligen Arbeitsstunden als Letzte das Wahllokal.

 

Bei der Europa- und Kommunalwahl wurden im Stadtmittestimmbezirk 012 insgesamt 444 Stimmen abgegeben, davon drei ungültig. Das entsprach eine Wahlbeteiligung von 35 Prozent.

Bei der Europawahl erhielt die SPD 153, die CDU 110, die Grünen 60, die FDP und die Linke jeweils 21, die AFD 39 und die Piraten 12 Stimmen. Jeweils 3 Stimmen entfielen auf die Tierschutzpartei, Die Partei und auf Pro NRW. Jeweils 2 Stimmen bekamen die Familienpartei, die Christliche Mitte, die Freien Wähler und die Partei Bibeltreuer Christen. Jeweils eine Stimme erhielten, die NPD, das Bürgerkommitee Solidarität, die Ökologisch Demokratische Partei und die Bayernpartei.

Bei der Kommunalwahl für Rat und Bezirksvertretung 1 entschieden sich 113 Wähler für die SPD, 114 für die CDU, 47 für die MBI, 66 für die FDP, 36 für die AFD, 31 für die Grünen, 11 für die Linke, 10 für die Piraten, 6 für das Bündnis für Bildung, 4 für WIR, 2 für AUF, 2 für das Bündnis für Bürger.
 
Dieser Text erschien am 26. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 27. Mai 2014

Der unentschiedene Bürger: Warum immer mehr Wähler zu Nichtwählern werden: Ein Gespräch mit dem Meinungsforscher Manfred Güllner


Warum sind so extrem viele Wähler unentschieden, wenn sie wählen sollen, obwohl noch nie so viele Parteien und Bündnisse, wie vor dieser Kommunalwahl am 25. Mai um ihre Stimme werben? Diese vom Bürgerbarometer aufgeworfene und für die Demokratie existenzielle Frage besprach ich für die NRZ mit dem Gründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, Manfred Güllner.

Wissen die Wähler nicht mehr, was sie wollen?

Dass 30 bis 50 Prozent der Bürger auch relativ kurz vor der Wahl sagen, dass sie nicht wissen, wen sie wählen sollen, ist heute nicht ungewöhnlich. Viele wollen sich bis zuletzt eine Hintertürchen offenhalten, auch wenn sie schon wissen, wen sie wahrscheinlich wählen werden. Es könnte ja sein, dass die Oberbürgermeisterin kurz vor der Wahl mit der Stadtkasse durchbrennt.

Ist die Unentschiedenheit der Wähler reine Taktik und Täuschung?

Nein. Das hat mit dem Verlust von Vertrauen in die Politik zu tun. In Mülheim haben Sie dafür ein großartiges Beispiel. Nach dem die damalige Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern 1994 zurücktrat und die SPD ihre absolute Mehrheit verloren hat, ist die Bindekraft der großen Parteien zurückgegangen und die Zahl der Nichtwähler angestiegen.

Liegen die Gründe für den Vertrauensverlust nicht tiefer?

Das Problem ist, dass in den Rathäusern oft große Politik gespielt und ideologisch motiviert miteinander gestritten wird. Das wollen die Bürger aber nicht. Sie erwarten von der Kommunalpolitik, dass sie an einem Strang zieht und Standortentscheidungen von Verkehrsberuhigung bis Parkgebühren trifft, die die Bürger sofort in ihrem Alltag positiv spüren. Hinzu kommt, dass Kommunalpolitiker sich oft an Minderheitenthemen orientieren, die vermeintlich Mehrheitsthemen sind, weil sie von selbst ernannten und öffentlich auftretenden Advokaten dazu gemacht werden. Außerdem fördern Kommunalpolitiker oft Großprojekt, die kein Bürger braucht. In Nordrhein-Westfalen ist auch die Abschaffung der bewährten Doppelspitze aus ehrenamtlichem Stadtoberhaupt und hauptamtlichem Verwaltungschef ein Grund für den zunehmenden Vertrauensverlust. Das hat zum Teil fatale Folgen gehabt.

Warum?

Nicht jeder Verwaltungschef kann gut mit Bürgern umgehen. Früher hatte man einen Oberbürgermeister, der als Stadtoberhaupt und Vorsitzender des Rates ein wichtiges Scharnier zwischen Bürgern und Verwaltung war. Und man hatte einen Oberstadtdirektor, der die Verwaltung im Griff hatte. Diese Doppelspitze fehlt heute. Da sind viele gute Leute auf der Strecke geblieben . Das politische Personal ist schwächer geworden und viele Oberbürgermeister sind mit ihrer Doppelrolle überfordert.

Ist die klassische Unterscheidung von Stamm- und Wechselwählern angesichts so vieler unentschlossener Wähler noch zutreffend?

Wir haben heute nur noch eine kleine Gruppe von Kernwählern, die aus alter Loyalität ihre Partei wählen. Vor allem die 60- bis 70-Jährigen sind treue Wähler, die noch ihre alten Bindungen haben. Und wir wissen, dass etwa 70 Prozent der Bürger, die bei einer Wahl eine Partei gewählt haben, diese auch bei der nächsten Wahl wählen. Wir haben es heute aber auch mit einer zunehmenden Zahl von sporadischen oder dauerhaften Nichtwählern zu tun, die sagen: „Ich möchte wählen, kann es aber nicht, weil mir das politische Angebot, was ich habe, nicht gefällt.“

Bei der Kommunalwahl 2009 gab es in Mülheim einen Minusrekord. Nur 51,9 Prozent der Wahlberechtigten machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Wie kann Kommunalpolitik 48,9 Prozent Nichtwähler zurückgewinnen?

Parteien und ihre Kommunalpolitiker müssen sich fragen: Wer sind die Nichtwähler? Sie müssen zu den Menschen gehen und ihnen zuhören. Denn gerade in den sozial benachteiligten Stadtteilen ist die Zahl der Nichtwähler höher als in den bürgerlichen Stadtteilen, weil gerade dort viele Menschen das Gefühl haben: Die Politiker haben kein Ohr für unsere Sorgen und verharmlosen vieles. Sie nehmen uns nicht mehr ernst.

Der 1941 in Remscheid geborene Soziologe Manfred Güllner gründete 1984 in Köln Das Meinungsforschungsinstitut Forsa, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die sich mit Sozialforschung und statistischen Analysen beschäftigt. Über 80 fest angestellte Mitarbeiter und 1200 freiberufliche Interviewer erheben für Forsa nicht nur Daten, die für die Politik- und Wahl,- sondern auch für die Sozial,- Medien- und Marktforschung relevant sind. Hauptsitz des Unternehmens ist heute Berlin. Darüber hinaus gibt es Niederlassungen in Dortmund und Frankfurt am Main. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.forsa.de.
 
Dieser Text erschien am 15. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Montag, 26. Mai 2014

So gesehen: Bier und Bares fürs Kloster


Manchmal geht nicht nur Liebe, sondern auch Ökumene durch den Magen. So war es jüngst, als die katholische und evangelische Gemeinde in Saarn gemeinsam den 800. Klostergeburtstag feierte.

Da bewirteten die evangelischen Gastgeber ihre katholischen Klosterfreunde mit frisch gebrautem Klosterbier und schenkten ihnen obendrein für jedes Klosterjahr einen Euro fürs Geldsäckel der neuen Klosterstiftung. Dazu passte auch, dass der evangelische Pfarrer Gerald Hildebrand bei einer Theateraufführung das Habit eines Klosterbruders anlegte und in die Rolle des Beichtvaters der Saarner Klosterfrauen schlüpfte.

Zurecht wies der katholische Gemeinderat Jens Ammann darauf hin, dass das Kloster 1214 gegründet worden sei, als man unter Christen noch keinen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch kannte. Auch das Mittelalter war manchmal eben sehr modern.

Dieser Text erschien am 21. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 24. Mai 2014

Manfred von Schwartzeberg: Ein Gottesmann für jede Tonart

Der Mann hat eine musische Ader. Schon als Gymnasiast ist Essen und später als Theologiestudent in Bochum hat er seine Liebe zum Gesang und zum Theaterspiel entdeckt und ausgelebt. Keine Frage. So ein Talent kann man als Pfarrer gut gebrauchen. Denn schließlich geht es auch in der Liturgie und bei der Verkündigung der Frohen Botschaft im besten Sinne des Wortes um die Kunst der Darstellung.

Als der Männergesangverein Frohsinn, dessen Ehrenmitglied von Schwartzenberg ist, seinen 150. Geburtstag feierte brachte er ihm selbstverständlich ein Geburtstagsständchen, dass sich hören lassen konnte. Über die Grenzen seiner Pfarrei St. Barbra hinaus wurde er 1998 bekannt, als er das Libretto für ein Musical über das Leben des katholischen Arbeiterführers und Widerstandskämpfers Nikolaus Groß schrieb. Vertont vom Kirchenmusiker Burkhard Maria Kölsch, wurde es von rund 150 Gemeindemitgliedern seitdem nicht nur in Mülheim immer wieder auf die Bühne gebracht und machte das Erbe des 2001 selig gesprochenen Groß lebendig und anschaulich. Und nicht von ungefähr gehört von Schwartzenberg auch zu den Trägern der Nikolaus-Groß-Medaille, mit denen die Stadtkirche seit einigen Jahren verdiente Katholiken auszeichnet.

Mal froh, mal nachdenklich trifft er nocht nur in seinen Predigten, sondern auch in seinen Stellungnahmen zu öffentlichen Themen immer wieder den Kern der Sache. Da, wo er es für notwendig hält, scheut sich der Ehrenstadtdechant der katholischen Stadtkirche auch nicht davor, politisch Stellung zu beziehen, etwa für den Erhalt eines weiterführenden Schulstandortes im multikulturellen Stadtteil Eppinghofen.

Auch wenn er als Kaplan in Gelsenkirchen-Schalke oder als Militärdekan bei der Bundeswehr in seinem Priesterleben schon mehr gesehen hat als Mülheim, hat ihn die Ruhrstadt nie so wirklich losgelassen. Hier wurde er 1971 in St. Engelbert zum Priester geweiht. Hier war er in den späten 70er und in den frühen 80er Jahren als Kaplan in der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz und als Stadtjugendseelsorger tätig. Diese Erfahrung und das Bewusstsein für die zentrale Bedeutung, die Jugendarbeit für die Zukunft der Kirche hat, lässt ihn auch mit 70 sagen: "Mein Herz schlägt für die Jugend." Deshalb bat er jetzt zu seinem Geburtstag auch nicht um Geschenke, sondern um Spenden für die von Ruhrbischof Hubert Luthe gegründete Jugendstiftung des Bistums Essen, deren Kuratorium er bis heute angehört.

Deshalb gehörte die Auflösung des katholischen Stadtjugendamtes (2007) auch zu den schmerzlichsten Momenten seiner Amtszeit als Mülheimer Stadtdechant in den Jahren 1993 bis 2011. Immerhin konnte er als Stadtdechant im Rahmen der Gemeindestrukturreformen (2005/2006) wesentlich mit dazu beitragen, dass Mülheim nicht nur zwei, sondern drei Großpfarreien erhielt und für die aufgegebenen Kirchen Heilig Kreuz und St. Raphael sinnvolle Folgenutzungen als Urnenkirche und als Caritas-Zentrum gefunden werden konnten.

Auch wenn sich Manfred von Schwartzenberg, der als Pfarrer seit 1992 an der Spitze der ibzwischen aus 18.000 Seelen und drei Gemeinden bestehenden Pfarrgemeinde St. Barbara steht, keine Illuisonen über die Erosion des katholischen Milieus macht, zeigen sich doch gerade in seiner Dümptener Gemeinde immer noch erfreulich lebendige Elemente dieses Milieus. Hier gibt es nicht nur einen Gemeindekindergarten und ein katholisches Jugendheim, sondern auch eine aktive Frauengemeinschaft und eine KAB-Gruppe sowie einen aus der katholischen Kirche erwachsenen Sportverein (DJK Tura 05) und eine Gemeindepartnerschaft mit Kroatien, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zu einem modernen Gemeindeleben, auch das weiß der kommunikationstechnisch auf der Höhe der Zeit stehende Pfarrer, der sein Amt Gott sei Dank auch über seinen 70. Geburtstag hinaus ausüben wird, gehört auch eine moderne Außendarstellung über die neuen Medien. Und so hat Manfred von Schwartzenberg auf die sehr empfehlenswerte Internetseite seiner Gemeinde (www.barbarakirche.de) an seinem Ehrentag eine Videobotschaft gestellt, aus der sehr anschaulich hervorgeht, was ihn trägt und was ihm wichtig ist, nämlich das Gefühl nicht nur von den eigenen Eltern, sondern eben auch von Gott gewollt zu sein und von vielen wohlgesonnen Menschen guten Willens auf seinem Lebensweg begleitet zu werden.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 24. Mai 2014 im Neuen Ruhrwort



Montag, 19. Mai 2014

Warum erleiden nicht nur politische Parteien heute zunehmend einen Bedeutungsverlust und wie lässt sich diesem Trend entgegenwirken? - Ein Gespräch mit dem Pfarrer von St. Barbara Manfred von Schwartzenberg


Als Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Barbara ist Manfred von Schwartzenberg Vertreter einer gesellschaftlichen Institution, die früher sehr vielen Menschen heilig war. Darüber, dass das zumindest in der Breite der Gesellschaft heute nicht mehr so ist, macht sich der ehemalige Stadtdechant, der am 20. Mai 2014 seinen 70. Geburtstag feiert, keine Illusionen.

Mit Blick auf das Bürgerbarometer der NRZ, das in seinen Zahlen und Aussagen eindrucksvoll und alarmierend zugleich einen zunehmenden Bedeutungsverlust der etablierten Parteien dokumentiert, sieht er Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Handlungsbedarf.

"Menschen wollen das Gefühl haben, das jemand für sie da ist, ihre Sorgen ernst nimmt und ihre Interessen vertritt", beschreibt der Ehrenstadtdechant die gemeinsame Herausforderung, vor die er nicht nur politische Parteien und Kirchen, sondern auch andere gesellschaftlich relevante Akteure, wie Gewerkschaften, Vereine und auch die Medien gestellt sieht.

"Ich kenne Familien, die auch heute noch in klassischen Milieus leben, die sich in Sportvereinen, in der Gemeinde oder auch in Parteien engagieren. Aber das ist nur noch ein Bruchteil der Menschen", beschreibt von Schwartzenberg die gesellschaftliche Entwicklung. "Wir leben heute in einer sehr individualisierten und sehr mobilen Gesellschaft", erklärt der Seelsorger den sozialen Trend der Gegenwart, der klassische Institutionen und Bindungen an Bedeutung verlieren lässt. Ob zum Beispiel Ruhrbania die Stadt attraktiver macht oder nicht, ist aus seiner Sicht für die Mehrheit der Menschen "nicht ihr Ding", sondern "nur für wenige wirtschaftlich orientierte Menschen von Interesse, die sich fragen, wie sich der Standort Mülheim weiterentwickeln kann". Der eigene Arbeitsplatz und das eigene Einkommen, der Sportverein oder der Schrebergarten liegen dem klassischen Otto-Normal-Verbraucher in seinen Augen näher als große kommunalpolitische Projekte.

"Wir müssen sehen, dass die Menschen heute wesentlich mobiler geworden sind und dass sich ihr Lebensraum eben nicht mehr nur auf die Stadt begrenzt", sagt der Geistliche. Dieses Phänomen wirkt sich aus seiner Sicht nicht nur auf das Wahlverhalten, sondern auch auf den Gottesdienstbesuch, den Einkauf oder die Freizeitgestaltung aus.

Die meisten Menschen sieht er heute eher als politisch uninteressiert und auf sich selbst bezogen an, frei nach dem Motto: "Hauptsache, mir geht es gut und: Ich bin der Mittelpunkt."

Den Ausgang des Bedeutungsverlustes, den gesellschaftliche Institutionen heute erleiden, erkennt er in einem Werteverfall, der mit der Auflösung der klassischen Familienstrukturen begonnen hat. "Denn die Familien, in denen Menschen gemeinsam Verantwortung füreinander übernehmen und Leben weitergeben, ist die Keimzelle unserer Gesellschaft", betont Schwartzenberg.

In einer Zeit, in der aus seiner Sicht "immer mehr öffentlich relevante Dienstleistungen privatisiert und kapitalisiert werden und ein Ausverkauf der Gesellschaft droht", wundert es ihn nicht, dass auch Bürger sich immer stärker auf ihre individuelle und materielle Lebenswirklichkeit konzentrieren und ohne Rücksicht auf religiöse, politische oder soziale Bindungen dort hingehen, wo sie am schnellsten ihre individuellen Bedürfnisse erfühlt sehen, egal, ob es um den Konsum oder um ein politisches Anliegen geht. Einerseits den Niedergang der Innenstadt zu beklagen, aber andererseits auf der grünen Wiese einzukaufen und Einkaufszentren zu errichten. Darin sieht Schwartzenberg einen Widerspruch, in dem sich nicht nur Politiker, sondern auch Bürger und Kunden verfangen.

Sind wir also schon in der Egoismus-Hölle angekommen? Ganz so kulturpessimistisch will es Schwartzenberg dann doch nicht sehen. Allein schon die Existenz eines Centrums für bürgerschaftliches Engagement zeigt ihm, "dass es auch heute Menschen gibt, die bereit sind, sich zu engagieren und anderen Menschen, denen es vielleicht nicht so gut geht, unter die Arme zu greifen".

Nicht nur die Öffentlichkeitsarbeiter der Parteien sieht er in der Pflicht, "in einer Zeit, in der auch die Informationen immer schneller werden, neue Wege der Kommunikation zu finden und die Leute dort abzuholen, wo sie stehen".

Wie das konkret aussehen kann, zeigt er an einem Beispiel aus der Gemeinde-Caritas. Kürzlich bekam er per E-Mail den Notruf einer alleinerziehenden Altenpflegerin, die aufgrund einer familiären Notlage plötzlich ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen konnte. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin besuchte die Frau zuhause, sprach mit ihr und machte sich ein Bild von der konkreten Notlage. Am Ende konnte der Frau mit einer Finanzspritze aus den von Gemeindemitgliedern gespendeten Geldern der Caritas aus der Not herausgeholfen werden.

Ob die Frau künftig in den Gottesdienst kommt, ist von Schwartzenberg dabei nicht so wichtig wie die positive Vorbildwirkung, die eigene Botschaft - in dem Fall, die der christlichen Nächstenliebe - nicht nur verkündet, sondern auch in die Tat umgesetzt zu haben. Aus seiner Gemeinde weiß der Pfarrer: "Wo gleichgesinnte und gutwillige Menschen sich begegnen, miteinander sprechen, sich zuhören und am Ende gemeinsam aktiv werden, kann Vertrauen und noch viel mehr Gutes entstehen".

Wie politische Parteien aber auch Vertrauen verspielen und so den eigenen Bedeutungsverlust befördern können, weil sie an den Bedürfnissen der Bürger vor Ort vorbeiregieren, hat Schwartzenberg in Eppinghofen gesehen. "Dieser Stadtteil, in dem Menschen so vieler Nationen zusammenleben, bräuchte dringend ein Schul- und Bildungszentrum. Hier hat man erst mit den Leuten gesprochen und ihnen viel versprochen und dann nichts eingehalten, weil man das Geld wegschwimmen sah. Hier wurden die Bedürftigen ohne Rücksicht auf die langfristige Entwicklung des Stadtteils einfach stillgestellt", beklagt der Pfarrer der Mülheimer Nordgemeinde, zu der auch Eppinghofen gehört.

Deshalb wundert es ihn auch nicht, dass sich in diesem Stadtteil neue Bürgerbündnisse gebildet haben, auch wenn er nicht genau weiß, ob ihre Gründung die Probleme lösen kann. Als politisch denkender Mensch weiß der Pfarrer aus Dümpten aber auch: "Natürlich ist Demokratie immer auch ein Kampf der Interessen und man wird es nie allen recht machen können. Aber am Ende steht und fällt es immer mit den Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren und mit anzupacken".
 
Dieser Text erschien am 17. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 18. Mai 2014

So gesehen: Ein reifes Herz schlägt in der Jugend

Wenn man 70 Jahre alt wird, wie das beim Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, am 20. Mai 2014 der Fall ist, wird man sich nur schwer noch zur reiferen Jugend zählen können. Dennoch sagt der ehemalige Jugendseelsorger auch heute noch: "Mein Herz schlägt für die Jugend." Und weil der ehemalige Stadechant nicht nur ein Mann des Wortes, sondern auch der Tat ist, wünscht er sich zu seinem runden Geburtstag keine persönlichen Geschenke, sondern Spenden für die Jugendstiftung des Bistums Essen. Denn der Gottesmann aus Dümpten, weiß, dass nicht nur die katholische Kirche auf Dauer verdammt alt aussehen wird, wenn sie für die Jugend nicht nur einen Segen, sondern auch einen Geldsegen bereit hält.

Dieser Text erschien am 17. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...