Freitag, 7. Februar 2020

Werden, wer man ist


Sich selbst finden und werden, wer man ist. Wer wollte das nicht. Und doch ist genau das wohl unsere wichtigste und zugleich schwierigste Lebensaufgabe. Das zeigt das Gespräch, das sich am Freitagabend in der Buchhandlung Fehst zwischen der Autorin Ingrid Bartels und ihren Zuhörern über das entspinnt, was uns im Leben wirklich glücklich, stark und authentisch macht. Bertels, die in ihrem Buch: „Aller Anfang liegt bei dir“ ihren eigenen Lebensweg von der Apothekerin in der Pfalz zur auf ihrer Trauminsel Sylt praktizierenden Homöopathin beschreibt, will ihr Publikum anregen, „sich zu bewegen und sich da, wo es notwendig ist, auf Veränderungen einzulassen und auch gegen Widerstände seine Talente zu entdecken und seinen Weg zu gehen, der uns in unserer eigenen Wahrheit gesund leben lässt.“

Schnell ist im überschaubaren, aber achtsam und angeregt einander zuhörenden und miteinander sprechenden Kreis von den faulen Kompromissen die Rede, die man allzu eilfertig macht, um im Beruf oder im Privatleben anderen Menschen zu gefallen und sein durch soziale, erzieherische und religiöse Konditionierung geprägtes Selbstbild auch dann noch aufrechtzuerhalten, wenn man innerlich spürt, dass einem das nicht gut tut. Das Spektrum der Sünden gegen die eigene Intuition reicht von der vermeintlich vernünftigen Berufs- und Partnerwahl bis zu Hobbys oder zu der Gesellschaft, die man nur dem Partner zuliebe pflegt. Und wenn die Seele weint, meldet sich oft auch der Körper zum Beispiel mit Bauch- Kopf- oder Gelenkschmerzen.

„Die Einsicht in die Notwendigkeit ist das eine. Aber die notwendige Veränderung herbeizuführen, ist das andere. Oft bleiben Veränderungsversuche im Alltag in einer Spirale aus Arbeit und Stress stecken. Und von irgendetwas muss man ja auch existieren“, sagt eine Frau. „Das Erwachen aus einem falschen Leben, das einem nicht guttut, ist schwierig und schmerzhaft. Man eckt an, wenn man aus seiner Rolle fällt und bekommt zu hören: „Ich verstehe dich nicht mehr. Warum bist du auf einmal so komisch?“

Bartels räumt ein, dass die Veränderung auf dem Weg „zur eigenen Wahrheit oft schmerzhaft ist.“ Für sie steht aber auch fest: „Nichts sagen und weiter mitmachen, was einem nicht gut tut, ist keine Option. Deshalb rät sie dazu, „für Veränderungen offen zu sein, auch wenn man sie nicht sofort herbeiführen kann.“ Bartels macht Mut: „ehrlich zu sich selbst zu sein und auf unser Bauchgefühl und unsere Intuition und darauf zu vertrauen, dass es genug Menschen gibt, die uns so lieben wie wir sind.“ Eine Frau, die gerade einen ungeliebten Job gekündigt hat und inzwischen eine neue Arbeit gefunden hat, mit der sie sich gut fühlt, gibt Ingrid Bartels Recht. Und ein junger Mann, der sich noch mit einem Veränderungsprozess herumschlägt, verabschiedet sich später von Bartels mit dem Satz: „Es tut gut, jemanden kennengelernt haben, der nicht nur von Veränderung redet, sondern genug Hintern in der Hose, um sie herbeizuführen.“ 

Dieser Text erschien am 4. Februar 2020 in NRZ & WAZ



Donnerstag, 6. Februar 2020

Der Blick fürs Wesentliche

Als mir gestern die Vorsitzende des Mülheimer Blinden- und Sehbehindertenvereins, Maria St. Mont,  begeistert von der Blindensitzung des Kölner Karnevals berichtete, musste ich spontan an Antoine de Saint-Exupérys zeitlos wahren und schönen Satz denken: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ Wir kennen ihn aus seiner Geschichte vom „Kleinen Prinzen“, die uns auch schon im Theater an der Ruhr vor Augen geführt worden ist. Apropos Prinz. Maria St. Mont und ihre Freunde aus dem Blinden- und Sehbehindertenverein erlebten jetzt die kölschen Dreigestirne tatsächlich als närrische Regenten zum Anfassen im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Bericht zeigte mir, das blinde und stark sehbehinderte Menschen einen ganz anderen Blick auf das närrische Treiben dies- und jenseits der Fünften Jahreszeit haben. Sichtbare Äußerlichkeiten und visuelle Showeffekte sind für sie uninteressant. Dafür hören sie genau hin, was auf der Bühne des Karnevals und des Lebens gesagt oder gesungen wird. Für sie kommt es nicht auf die Verpackung, sondern auch den Inhalt an. Auch das Fühlen steht bei ihnen hoch im Kurs. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet Menschen, die in ihrer Sehkraft gehandicapt sind, so manchem normalsichtigen Zeitgenossen, der zuweilen offenen Auges kurzsichtig oder gar blind durchs Zeitgeschehen geht, den Blick für das Wesentliche im Leben voraushaben. Es stimmt tröstlich und inspiriert zur heiteren Gelassenheit, dass es das Leben manchmal versteht, aus der Not eine Tugend und aus der Schwäche ein Stärke zu machen, und das Gott sei Dank nicht nur zur Fünften Jahreszeit.

Dieser Text erschien am 6. Februar 2020 in der NRZ

Mittwoch, 5. Februar 2020

Drei Fragen an die Maria St. Mont


Was war das Besondere an der Kölner Blindensitzung, die Sie mit 20 Vereinsmitgliedern besucht haben?

St. Mont: Die eintrittsfreie Sitzung, bei der die Künstler gagenfrei aufgetreten sind, zeichnete sich dadurch aus, dass deren beiden Moderatoren das Geschehen auf der Bühne und die Kostüme der Akteure genau beschrieben. Besonders schön war es, dass sich die kölschen Dreigestirne unter das Publikum mischten und man ihre Kostüme anfassen durfte. Ich hätte nicht gedacht, dass deren Ornate so schwer sind.

Was ist Ihnen beim Saal-Karneval besonders wichtig?

St. Mont: Aus der Zeit, in der ich noch mehr sehen konnte, bewundere ich die Akrobatik der Tanzmariechen. Aber für mich und die meisten blinden und sehbehinderten Menschen sind vor allem die Musik und die Büttenreden das, was uns bei Karnevalssitzungen besonders viel Freude macht. Und da sind wir in Köln voll auf unsere Kosten gekommen.

Wäre auch eine Mülheimer Blindensitzung für Sie denkbar und wünschenswert?

St.Mont: Mir ist es wichtig, dass viel Musik und Büttenreden im Programm sind und das Geschehen auf der Bühne gut erklärt wird. Außerdem finde ich es toll, wenn blinde und sehbehinderte Menschen mit sehenden Menschen gemeinsam Karneval feiern und den Alltag für einige schöne und entspannte Stunden vergessen können. Die inklusive Karnevalsveranstaltung mit Musik und Tanz, zu der der Vereinfür Bewegungsförderung und Gesundheitssport (VBGS) und die Mülheimer Stadtwache am 21. Februar 2020 um 19 Uhr in die Stadthalle einladen, ist da schon auf dem richtigen Weg. 

Dieser Text erschien am 5. Februar 2020 in NRZ und WAZ

Dienstag, 4. Februar 2020

Unbestritten närrisch

Karneval bedeutet: „Fleisch lebe wohl!“ Die 5. Jahreszeit ist die Fastnacht, also die Zeit vor der vorösterlichen Fastenzeit. Jetzt lässt man es närrisch krachen: „Blutwurst, Kölsch und ein leckeres Mädchen“. So besingt es ein Karnevalsschlager aus der rheinischen Karnevalshochburg Köln, den man mit etwas Narrenfreiheit auf die fast schon rheinischen Karnevals-Fast-Hochburg Mülheim an der Ruhr lokal um-colorieren kann. Jetzt zeigt uns ein Bericht unserer Zeitung, dass es manchmal gut ist, wenn es im Karneval nicht ganz so hoch her geht, vor allem dann, wenn man auf dem Höhepunkt des rheinischen Karnevals im Rosenmontagszug auf dem hohen Ross sitzt und daher geritten kommt. Nun sollen also, wie man aus närrisch gut informierten Kreisen erfährt, die rheinischen Rosenmontagsreiter auf die Waage, bevor sie aufs hohe Rosenmontagsross kommen, damit ihr Pferd nicht zum armen Schwein wird und unter der Last seines allzu lebens- fleisch- und trinklustigen Rosenmontagsreiters zusammenbricht. Das bedeutet für machen kölschen Pferdenarren: Seine Fastenzeit beginnt schon vor dem Rosenmontag. Lecker Mädchen? Ja! Blutwurst und Kölsch? Nein! Da haben es die mölmschen Karnevalisten leichter. Sie ziehen am Rosenmontag nicht hoch zu Pferd, sondern zu Fuß oder auf dem selbst und stabil gebauten Wagen im Narrenzug durch die Innenstadt. Hier lässt man die Pferde im Stall und gönnt sich lieber: ein Mölmsch, Blutwurst und ein leckeres Mädchen. Was braucht man(n) mehr!

Dieser Text erschien am 4. Februar 2020 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 3. Februar 2020

Immer schön flüssig bleiben


Was ist das Wichtigste im Leben? Geld? Liebe? Auch! Aber ohne Wasser ist alles nichts. Daran erinnerte mich gestern an dieser Stelle die Lektüre des Berichtes über die Mülheimer Wasserwende. Ohne Wasser sitzen wir Menschen tatsächlich auf dem Trockenen, da unser Körper mehrheitlich aus Wasser besteht. Wasser ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Lebensmittel. Es sorgt dafür, dass unser Kreislauf und unser Stoffwechsel in Gang bleiben und es so mit uns im besten Sinne weitergehen kann. Wahrscheinlich nehmen wir auch deshalb so gerne einen möglichst großen Schluck aus der Pulle und freuen uns darüber, wenn wir flüssig sind und bleiben. Daran hat auch unser Wasserversorger RWW Interesse und möchte uns deshalb Kranberger einschütten. Wenn es nach der RWW geht, die uns jährlich mithilfe eines 3000 Kilometer langen Rohrnetzes mit 74,6 Millionen Kubikmetern Wasser versorgt, sollten wir künftig lieber Kranberger als Mineralwasser trinken. Tatsächlich ist das Trinkwasser aus der Leitung mit aktuell 1,37 Euro für 1000 Liter unschlagbar günstig. Auch das Flaschenschleppen und das Flaschenrecycling macht der Durstlöscher aus dem Kran überflüssig. Ein Altenpfleger schenkt mir dazu gestern aber Wasser in den Wein. Er weist mich darauf hin, dass vor allem alte Menschen aufgrund ihres sinkenden Blut- und Wasservolumens und einer oft zunehmenden Appetitlosigkeit, auf die im Mineralwasser enthaltenen Salze wie Kalium, Calcium und Natrium angewiesen seien. Sie schützten die Nieren, stärkten die Knochen stärkten, stabilisierten den Blutdruck und hielten mit dem Blutkreislauf auch die Sauerstoffversorgung des Körpers in Schwung. Diese Salze, so seine Wasserstandsmeldung, könne kein Kranberger uns einflößen. Doch weil wir diese Mineralien auch über unsere feste Nahrung aufnehmen können, können wir wohl auch weiterhin unseren guten und preiswerten Kranberger genießen, ohne auf den Schluck aus der hoffentlich gläsernen und umweltfreundlichen Mineralwasserflasche zu verzichten. Denn Wasserversorger und Mineralwasserbrunnenbetreiber wollen ja beider nicht auf dem Trockenen sitzen, sondern flüssig bleiben, so wie wir auch.

Dieser Text erschien am 01.02.2020 in der NRZ

Sonntag, 2. Februar 2020

Frau Merkel, bitte melden!

Vor etwa drei Wochen las ich in unserer Zeitung, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Brutto-Jahres-Gehalt von 358.000 Euro verdient. Gestern las ich, dass einige unserer Mülheimer Stadtmanager offensichtlich noch mehr verdienen. Das beruhigte mich ungemein. Denn wenn dem so ist, dann kann es unserer Stadt ja noch nicht ganz so schlecht gehen. Was ist schon Mülheims Schuldenberg von zwei Milliarden Euro gegen die Schulden des Bundes von 1,9 Billionen Euro. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ungeniert. Auch finanziell. Alles eine Frage der Perspektive. Vielleicht sollten wir Frau Merkel einen Beratervertrag anbieten, damit die arme Frau wenigstens mit den Top-Verdienern unter den Mülheimer Stadtmanagern gleichziehen kann. Das muss doch noch drin sein. Und das könnte sich für unsere Stadt und für Frau Merkel nicht nur pr- und wahltechnisch auszahlen. Frau Merkel ist doch national und international bestens vernetzt. Ihr Ruf ist Gold wert. Da dürfte die Anwerbung eines steuer- und job-trächtigen Arbeitgebers für unsere steuergebeutelte Stadt doch ein Klacks sein. Und wenn dann mit neuen Arbeitsplätzen und Steuergeldern in unserer Stadt auch wir nervösen Kleingeldbesitzer mal wieder mehr Licht am Ende des Tunnels sehen würden als den uns in Aussicht gestellten Lichterhimmel über dem Nordeingang des Hauptbahnhofes, dann wären die Goldjungs und Goldmädels an der Stadt- und Staatsspitze unser hart verdientes Steuergeld auch wirklich wert. Also, Frau Merkel, bitte melden Sie sich im Rathaus! Und wenn der Oberbürgermeister gerade nicht da sein sollte, sprechen Sie ihm aufs Band. Er ruft zurück!

Dieser Text erschien am 30. Januar 2020 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 1. Februar 2020

Wiederhören macht(e) Freude

30 Oberstufenschüler der Otto-Pankok-Schule erleben an diesem Vormittag eine besondere Musikstunde. Der Pianist Aris Alexander Blettenberg spielt für sie Beethovens 32 Klaviervariationen und George Gershwins "Rhapsody in Blue". Das Schülerkonzert in seiner ehemaligen Schule, an der er 2013 sein Abitur bestanden hat, ist für den gebürtigen Mülheimer, der heute in München lebt, ein doppeltes Heimspiel.
Denn der 1994 in Mülheim geborene Pianist, Komponist und Dirigent wird auch am 2. Februar mit gleich zwei Konzerten um 11 und um 18 Uhr im Kammermusiksaal der Stadthalle zu hören sein. Ausgerechnet sein Professor Lars Vogt brachte Blettenberg jetzt zurück an seine alte Schule. Denn er hat das Projekt "Rhapsody in School" ins Leben gerufen, auf das Otto-Pankok-Musiklehrerin Catrin Lange und Eva-Susanne Rohlfing vom Mülheimer Theater- und Konzertbüro aufmerksam geworden waren.
"Wir brauchen euch. Denn ohne Publikum sind wir als Musiker nichts!"
(Aris Alexander Blettenberg)
Die Idee: Klassische Musiker berichten Kindern und Jugendlichen von ihrer Musik und von ihrer Arbeit und machen ihren jungen Zuhörern so Lust auf klassische Musik. Genau das schafft Blettenberg an diesem Vormittag im Otto-Pankok-Schulforum, in dem er nicht nur klassische Musik spielt und analysiert, sondern die nur wenig jüngeren Schüler ganz zwanglos in ein Gespräch verwickelt und sie ermutigt, eigene Assoziationen zu äußern und Fragen zu stellen. Schnell geht es nicht mehr nur um die Musik von Beethoven und Gershwin, sondern auch um das Leben und Arbeiten des Musikers Aris Alexander Blettenberg. "Man spürt seine Leidenschaft und sieht und hört seine Musik plötzlich mit ganz neuen Augen und Ohren", sind sich die Otto-Pankok-Schüler Carl Ehmann, Hannah Nyhuis, Sophia Christensen und Melina Ülker nach dem intimen Gesprächskonzert auf der Bühne des Schulforums, einig. Sie sind überrascht und beeindruckt, "wie hart das Berufsleben eines freien Musikers ist", spüren aber auch, "dass sich der Weg eines freien und interessanten Künstlerlebens lohnen kann."
Klassische Musik, die im Gespräch mit dem Musiker erklärt wird und so auch eine persönliche Note gewinnt: Dieses Konzept, das hinter "Rhapsody in School" steckt, kommt bei den Schülern gut an und wird von ihnen als eine geeignete Möglichkeit gesehen, mehr Jugendliche für klassische Musik und klassische Konzerte zu begeistern. "Ihr wart ein sehr aufmerksames Publikum und unser Gespräch war ein interessanter und kreativer Gedankenaustausch", lobt Aris Alexander Blettenberg sein junges Publikum. Und er gibt ihm noch mit auf den Weg; "Wir brauchen euch. Denn ohne euch als Publikum sind wir als Musiker nichts."
Otto-Pankok-Schulleiter Ulrich Stockum umarmt Blettenberg spontan und sagt mit Blick auf das Schülerkonzert vor dem Konzert im Kammermusiksaal der Stadthalle: "Sie haben uns in Schwingungen gebracht. Das war ein echtes Bonbon. Und ich bin begeistert, die Schüler so stark fokussiert erlebt zu haben."
Und Eva-Susanne Rohlfing, die für das Mülheimer Theater- und Konzertbüro die klassischen Konzerte organisiert, sieht sich durch die postiven Rückmeldungen der Schüler und des Pianisten ermutigt, vergleichbare Schülerkonzerte auch an anderen Schulen anzubieten. Schon jetzt hat sie neben der Otto-Pankok-Schule dafür auch die Gesamtschule Saarn und die Luisenschule gewonnen.
Dieser Text erschien am 30. Januar 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...