Donnerstag, 7. April 2016

Generationen im Gespräch: Was dem Rot-Kreuz-Mitarbeiter Nils Bergmann und dem Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe zum Tag der älteren Generation einfällt

Bils Bergmann (24) und Wilhelm Knabe (92)
im Gespräch
Der 6. April ist der Tag der älteren Generation, der in Mülheim mit einer Seniorenmesse begangen wird, die im Forum am 24. April (11 bis 17 Uhr) über die Bühne gehen wird. Für ein NRZ-Gespräch trafen sich Rotkreuz-Mitarbeiter Nils Bergmann (24) und der grüne Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe (92). Sie plauderten über ihr Lebensgefühl in Mülheim und darüber, was die junge Generation von der älteren lernen kann.

Was wünschen Sie sich zum Tag der älteren Generation?

Knabe: Das alte Menschen neugierig bleiben, auch auf das, was junge Menschen bewegt. Für mich sind Neugier und Offenheit für andere Menschen das wichtigste Lebenselixier.
Bergmann: Ich wünsche mir, dass die Generation Smartphone es wieder stärker lernt, sich auf ein persönliches Gespräch einzulassen und so von der Lebenserfahrung der alten Menschen zu profitieren.

Wie vollenden Sie den Halbsatz: Die Jugend von heute...

Knabe:... ist freundlicher und hilfsbereiter, als viele alte Menschen glauben. Man muss nur den Mut haben, sie anzusprechen. Ich habe da viele positive Erfahrungen gemacht, ob bei einer Zugfahrt oder an der Bushaltestelle.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie als Rettungsassistent oder Mitarbeiter des Hausnotrufdienstes alten Menschen begegnen?

Bergmann: Das sich viele alte Menschen innerlich aufgegeben haben, obwohl sie noch ein großes Potenzial haben.

Ist das bürgerschaftliche Ehrenamt in unserer Stadt eher alt oder jung?

Knabe: Es tut alten Menschen gut, wenn sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten engagieren. Aber sie brauchen dabei auch die hauptamtliche Unterstützung und Entlastung, wie sie durch das Centrum für Bürgerschaftliches Engagement (CBE) heute und hoffentlich auch in Zukunft geleistet wird,

Bergmann: Auch junge Leute wollen gebraucht werden und sich ehrenamtlich für eine gute Sache engagieren. Aber sie tun es weniger, als alte Menschen, weil sie oft beruflich stark unter Druck stehen und sehr flexibel sein müssen...

Was brauchen alte Menschen in Mülheim?

Knabe: Sie brauchen junge Freunde, um auf dem aktuellen Stand der Dinge zu bleiben. Sie brauchen aber auch Nahversorgung und Naherholung, die für sie noch erreichbar sind.

Bergmann: Sie brauchen Menschen, die sie unterstützen und die Sie an die Hand nehmen, damit sie ihre Kompetenzen behalten und neue entfalten können.
Was brauchen junge Menschen in Mülheim?

Knabe: Sie brauchen die Natur, in der sie lernen, leben und sich erholen können. Sie brauchen aber auch sichere und fair bezahlte Arbeitsplätze, damit sie eine Familie gründen und ihr Leben gestalten können.

Bergmann: Sie brauchen alte Menschen, mit denen Sie ins Gespräch kommen, um von deren Lebenserfahrung und Problemlösungskompetenz zu profitieren. Sie brauchen aber auch gute Arbeitsplätze und ein interessantes Angebot für Freizeit, Kultur und Einkauf.

Was wünschen Sie Mülheim für die Zukunft?

Bergmann: Das die Generationen rechtzeitig ins Gespräch kommen, um voneinander zu erfahren, was sie brauchen und wie sie, etwa in Mehrgenerationenhäusern, zusammen leben können.

Knabe: Eine geistige Offenheit und eine gelungene Integration von Zuwanderern, damit wir die Probleme, die mit dem demografischen Wandel verbunden sind, lösen können.

Dieser Text erschien am 6. April 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 6. April 2016

80 Jahre Freilichtbühne: Ein Blick auf die grüne Kulturoase im Herzen der Stadt


Wie bringt man Menschen in Lohn und Brot? Die damals von der NSDAP geführte Stadtverwaltung beantwortete diese Frage unter anderem damit, dass sie den alten Steinbruch des Bauunternehmers Gottfried Döring an der Dimbeck mit Hilfe einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ab 1933 in eine Freilichtbühne mit Park verwandeln ließ. Die fachliche Leitung des für gerade mal 14 000 Reichsmark realisierten Projektes wurde Gartenbaudirektor Keßler und Gartenbauinspektor Erich Schulzke übertragen.

1936 ging mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ erstmals ein Theaterstück über die damals mit 3000 Zuschauern ausverkaufte Freilichtbühne. Die Mülheimer Lokalpresse feierte die neue Freilichtbühne als „einen Mülheimer Sommernachtstraum“ und als „ein Volkstheater an der Ruhr“. Doch die schönen Tage in der Freilichtbühne waren gezählt. Die dortigen Aufmärsche der  NSDAP und ihrer Organisationen gaben einen Vorgeschmack auf den Krieg, der kommen sollte. Während des Zweiten Weltkrieges diente der Felsenstollen der Freilichtbühne als Operationssaal für Verwundete und als Luftschutzraum für die Anwohner.

Nach dem Krieg war die Freilichtbühne 1947 Aufführungsort von Passionsspielen. Bei einer dieser Aufführungen soll das Brot für die Abendmahl-Szene abhanden gekommen sein. Darauf hin entfuhr dem damaligen Jesus-Darsteller der zornige Ausruf: „Wer hat das Brot geklaut!“

1953 führte die Lehrerspielgemeinschaft im Rahmen der Jugendfestspiele Goethes „Götz von Berlichingen“ auf und 1954 erlebte die Freilichtbühne mit einer ausverkauften Aufführung der Oper Carmen ihre Wiederauferstehung. Zwischen 15 000 und 30 000 Zuschauer sahen in den 50er Jahren pro Saison Opern, Operetten, Konzerte und Theateraufführungen an der Dimbeck. Später lockten auch Boxkämpfe und Kinovorführungen Menschen in die Freilichtbühne. Und ab 1967 feierte die katholische Stadtgemeinde St. Mariae Geburt dort ihre Fronleichnams-Gottesdienste. Ein absolutes Glanzlicht waren die Karl-May-Festspiele, die 1971 an der Dimbeck vor insgesamt 40 000 Besuchern über die Bühne gingen.

2001 gründete sich unter der Führung von Horst van Emmerich der Verein der Freunde der Freilichtbühne, der 2009 eine Bürgeraktie zum Erhalt der 34 500 Quadratmeter großen Park- und Bühnenlandschaft auflegte. Ab 2004 stieg die gemeinnützige Regler Produktion in den Bühnenbetrieb ein. Seit 2014 führt sie allein verantwortlich Regie und zieht mit ihrer eintrittsfreien Mittwochsreihe, mit Sonntagskonzerten, Theateraufführungen, dem Mölmsch Open Air oder auch mit Familien- und Kinderfesten pro Saison 30 000 bis 40 000 Zuschauer und Besucher an.
„Die Freilichtbühne ist für viele Mülheimer ein Stück Heimat. Sie wissen, dass man hier Menschen treffen, miteinander ins Gespräch kommen und etwas erleben kann“, sagt der Vorsitzende der Regler, Hans Uwe Koch. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Freilichtbühne mit ihren Tribünen, Bühnen, ihrem Geschäftsgebäude und ihrer Gastronomie nicht nur eine grüne Oase, sondern auch eine Dauerbaustelle in der Stadt ist. Koch glaubt, dass eine lange diskutierte Überdachung der Freilichtbühne nicht nur zu teuer wäre, sondern auch ihren Charakter nachteilig verändern würde.

Zahlen und Fakten


Seit 2014 führt die gemeinnützige Regler-Produktion den Betrieb der städtischen Freilichtbühne. Ihre Arbeit finanziert sie mit Hilfe von Spenden, Sponsoren und Mitgliedsbeiträgen. Derzeit gehen pro Saison im Frühjahr und Sommer rund 50 Veranstaltungen über die Bühne.

Die Regler-Produktion e.V. (www.regler-produktion.de) hat derzeit 140 Mitglieder, die jährlich je 35 Euro zahlen.

Schlaglichter aus acht Jahrzehnten


Nach Krieg und Wiederaufbau kam das Wirtschaftswunder. Man war wieder wer und wollte sich vergnügen und gut unterhalten sein. Im Juni 1954 erlebte die ausverkaufte die Freilichtbühne mit George Biszets Oper „Carmen“ so etwas, wie ihre Wiederauferstehung. Opern und Operetten genossen die Gunst des Publikums. Und die Musik kam live aus dem Orchestergraben. Bis zur Wiedereröffnung der Stadthalle im Oktober 1957 war die Naturbühne an der Dimbeck eine Freiluft-Alternative zur Stadthalle, die seit dem Luftangriff vom 23. Juni 1943 nicht mehr bespielbar war. Hier fanden bis zu 3000 Menschen Platz.

Volles Haus: Bis zur Wiedereröffnung der Stadthalle 1957 war die Spielstätte im Grünen eine Alternative. 1955 errichtete die Stadt für 80 000 Mark ein neues Bühnenhaus und stellte 20 000 Mark für den Betrieb der Freilichtbühne zur Verfügung. Das Geld hatte sie aus ihrem Schuletat abgezweigt. Neben George Bizets Oper „Carmen“ wurden Mitte der 50er Jahre auch Shakespears „Wie es euch gefällt“, Verdis Opern-Klassiker „Aidia“, die von Nico Dostal komponierte Operette  „Clivia“ oder Friedrich Smetana „Die verkaufte Braut“ vor einem begeisterten Publikum aufgeführt.

Nach dem Boom der Opern und der Operetten, wurde die Freilichtbühne in den 60er Jahren unter anderem auch zum Austragungsort von Boxkämpfen. Der Boxclub Rin Ringfrei Mülheim lockte damals seine Fans ins Grüne. Im Sommer 1971 wurde das Freilufttheater an der Dimbeck zu einem Teil des Wilden Westens, in dem  sich Winetou, Old Shatterhand und ihre Gegner bei den Karl-May-Festspielen so manchen Kampf lieferten. Doch dieses außergewöhnliche Spektakel blieb nur ein Intermezzo. Nach Winetou und Co kamen unter anderem Chöre, Musikzüge, Nachwuchsbands und School’s-out-Partys ins grüne Volkstheater.

2007 gastierten Paul Kuhn, Max Greger und Hugo Strasser als „Swing-Legenden“ gemeinsam mit der Big Band des Südwest-Rundfunks in der Freilichtbühne. Die damalige Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld das Mülheimer Gastspiel für einen Eintrag der Swing-Legenden in das Goldene Buch der Stadt. Man sieht: Jazz geht in Mülheim immer. Das Jazz-Open-Air-Konzert war ein Ohrenschmaus der Extraklasse

Alte Bekannte und deshalb immer wieder gerne in der Freilichtbühne gesehen: Peter Bursch und seine Band „Bröselmaschine“ begeisterte schon in den 70er Jahren das Publikum in der Freilichtbühne. In den 70er Jahren war auch Helge Schneider als Mann an der Orgel mit von der Partie. Bursch und seine Bröselmaschinen-Rocker treten bis heute mindestens einmal jährlich an der Dimbeck auf.

Der Park als Kunstwerk. Das Festival Freilicht macht’s seit 2013 möglich

Schon in den 1930er Jahren war der 1986 wiederaufgebaute Rosengarten  in der Freilichtbühne ein postkartenreifer Hingucker.

Ein Chemiker mit Showtalent: Ferdi Schüth, hier unterstützt von seinen Kollegen, begeisterte im Jubiläumsjahr des Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung (2014) in der voll besetzten Freilichtbühne rund 3000 Zuschauer mit seiner effektvollen Experimentiershow.

In 14 Tagen ist es wieder so weit: Dann beginnen die Regler in der Freilichtbühne mit ihrem Frühjahrsputz in der Freilichtbühne. Sicher wird auch wieder VHS-Mitarbeiter und Regler-Mitglied Peter Michael Schüttler mit Hand anlegen. Er hat eine besondere Beziehung zur Freilichtbühne. Denn schon 1971 wirkte er als junger Statist bei den Karl-May-Festspielen mit. Damals ritten die Hauptdarsteller zu Werbezwecken auch durch die Innenstadt.

Komik, Kleinkunst und Satire im Grünen: Das „Theater am Donnertsag“ und das von Gert Rudolph veranstaltete Kleinkunstfestival Stage 1 machen es möglich. Zur Premiere am 24. Juli 2014 kamen 500 Zuschauer in den Freilichtbühnen-Park an der Dimbeck. Nicht nur diese drei Herrn im Anzug, das international renommierte Straßen-Künstler-Trio „Three of one Kind“, hatten mit ihrem spontanen Komikprogramm die Lacher des Publikums auf ihrer Seite.

Eine Zeichentrickfigur wurde lebendig: In der Saison 2005 enterten „Wickie und die starken Männer“ das Flaggschiff Freilichtbühne und begeisterten mit ihrer Aufführung nicht nur die kleinen Zuschauer auf den Tribünen. Immer wieder hat die Freilichtbühne auch mit Kindertheater gepunktet.

Dieser Text erschien als Doppelseite am 30. März 2016 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 5. April 2016

Von Bach bis Bratwurst: Wolfgang Thöne

Getränkekasten und Konzertfrack hat
er gleichermaßen zur Hand:
Sänger und Gastwirt Wolfgang
Thöne vor seiner Gaststätte an
der Neustadtstraße 19 in Styrum.
Wer in Styrum unterwegs ist und nach einem gutbürgerlichen Lokal sucht, in dem er sich stärken kann, wird über kurz oder lang auf die Union und Wolfgang Thöne stoßen. „Das war hier früher mal ein Gemeindehaus“, erinnert sich der 65-jährige Styrumer, der die Gaststätte seit 16 Jahren zusammen mit seiner Frau Doris betreibt. Er selbst ist in dieser Zeit groß geworden. „Als Junge war ich Meßdiener und habe um 6 Uhr die Frühmesse in St. Mariae Rosenkranz gedient, bevor ich dann zur Schule ging,“ erzählt Thöne. Noch heute strahlen seine Augen, wenn er vom Meßdienerlohn, einem Frühstück im Pfarrhaus mit Brötchen, Wurst und Ei berichtet. „Das war für uns, wie Weihnachten und Ostern zusammen“, schaut Thöne in seine Kindheit der 50er Jahre zurück.

Auftritt bei „Wetten dass“

Dass er auf seiner Lebensreise eines Tages als Gastwirt an die Stätte seiner Kindheit zurückkehren würde, lässt ihn heute selbst schmunzeln. Thöne war Musikalienhändler und Finanzcontroller eines amerikanischen Baustoffunternehmens, ehe er wegrationalisiert wurde und als Gastwirt in der damals gerade unbewirtschafteten Union neu anfing. Doch bei allen Wechselfällen und Krisen in seinem Leben gab und gibt es einen roten Faden und eine Leitplanke, den Gesang.

Schon als Junge hatte der auf angenehme Weise unüberhörbare Bass-Bariton eine Leidenschaft für das Singen. Im Kinderchor von St. Mariae Rosenkranz fing es an. Und mit einem Gesangsstudium an der Folkwangschule ging es weiter.

Auch wenn er sich mit Blick auf das hungerleidende Beispiel so manches freischaffenden Sängers am Ende dagegen entschied, den Gesang zu seinem alleinigen Brotberuf zu machen, blieb er seiner Berufung treu. „In den 70er und 80er Jahren gab es Tage, an denen ich bis zu zwölf Auftritte hatte“, erinnert sich Thöne und fügt lakonisch hinzu: „Das könnte ich heute gar nicht mehr und das brauche ich auch nicht mehr.“

Ob Operette oder Mozart-Messe, ob Bach-Kantate oder Gospel, ob Schlager oder Volkslied, Thöne erfreut sich auch mit 65 noch einer vielseitigen und starken Stimme, die ihm in Konzerten, Messen, bei runden Geburtstagen und bei Gala-Veranstaltungen ein vielseitige Programm erlaubt. 1982 wurde Thöne bundesweit bekannt, als er in Frank Elstners Fernsehshow „Wetten dass“ auftrat und seine Wette: Ich kann tiefer singen als Ivan Rebroff“ nur um einen halben Ton verlor. Danach konnte sich der Styrumer vor Auftrittsangeboten kaum noch retten.

Auch wenn er seine Gesangsauftritte heute stark reduziert hat, „weil die Union heute für mich absolute Priorität hat“, nimmt er auch heute noch Auftrittsangebote an, die „mich reizen“. Dazu gehörte an diesem Karfreitag zum Beispiel der Jesus, den Thöne im Rahmen von Bachs Matthäus-Passion im hohen Dom zu Limburg gesungen hat.


Kein Wagner

„Zu Bach und Mozart kehre ich immer wieder zurück. Aber Wagner tue ich mir nicht an. Damit zerstört man seine Stimme“, beschreibt der singende Gastwirt, der mal mit Getränkekästen oder Fleischlieferungen und mal mit Konzertfrack und Noten unterwegs ist, seine musikalischen Vorlieben. Doch auch wenn Thöne in der Union seine Gäste bewirtet oder ihnen als Beichtvater zuhört, merkt man sofort: Als Gastwirt muss man Sohlengeld bezahlen. Außerdem sollte man auch immer telefonisch erreichbar sein. Denn die nächste Anfrage für eine Familienfeier oder für ein Konzert kommt bestimmt.

Doch immer montags überlässt der Gastwirt seinen Gasthausbetrieb seiner Frau Doris, seiner Köchin und den bis zu zwölf hilfreichen Geistern, die ihm dann in der Union den Rücken frei halten, damit Thöne junge und reife Gesangstalente unterrichten kann. „Manche träumen von einer Gesangskarriere. Andere wollen nur ihre Stimme pflegen und trainieren“, sagt Thöne über seine Schüler. Aus seiner Lebenserfahrung weiß er, „dass man sich als Sänger und als Gastwirt gleichermaßen auf Menschen und ihre Wünsche einstellen können muss“, wenn man Erfolg haben will.“



Dieser Text erschien am 2. April 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 4. April 2016

Hans-Dietrich Genscher: Mitarchitekt der deutschen Einheit

Hans-Dietrich Genscher bei seinem
letzten Besuch in der FDP-Bundestagsfraktion
im Jahr 2012. Links sieht man die damalige
Mülheimer FDP-Bundestagsabgeordnete
Ulrike Flach.
Immer noch ist Hans-Dietrich Genscher einer der beliebtesten Politiker Deutschlands. Dabei hat er sich bereits 1998 aus der aktiven Politik zurückgezogen. Damals verließ er nach 33 Parlamentsjahren in Bonn und Berlin den Deutschen Bundestag und damit die aktive Politik.

Dass er immer noch bekannt, geschätzt und gefragt ist, unterstreicht die Bedeutung seines politischen Lebenswerke. Im Osten Deutschlands geboren und im Westen Deutschlands groß geworden, sollte er als Außenminister in den Jahren 1989 und 1990 zum Mitarchitekten der Deutschen Einheit werden. Damit schloss sich für ihn ein Lebenskreis. Mit dem wohl berühmtesten unvollendeten Satz der deutschen Geschichte: "Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." sollte er in das kollektive Gedächtnis seiner Landsleute eingehen.


Schon lange bevor er 1990 das 2-plus-4-Abkommen einfädelte und damit die Wiedervereinigung ermöglichte, hatte sich der langjährige Außen- und vormalige Innenminister einen Namen als Entspannungspolitiker gemacht und der Bundesrepublik Deutschland internationales Vertrauen erworben. Auch als langjähriger FDP-Vorsitzende blieb Genscher immer Staatsmann und erwarb sich so auch jenseits der liberalen Parteigrenzen Vertrauen und Anerkennung. Auch wenn sich Genscher als Mit-Architekt der sozial- und der christlich-liberalen Koalitionen 1969 und 1982 oder durch seine frühe diplomatische Anerkennung der nach Unabhängigkeit strebenden Balkan-Staaten (1991) zum Teil massive Kritik zuzog, überraschte es niemanden, als er nach dem selbstbestimmten Abschied aus dem Auswärtigen Amt (1992) mit seinem liberalen Vorgänger der Weimarer Republik, Gustav Stresemann, verglichen wurde.  




Dieser Text erschien am 21. März 2002 zum 75. Geburtstag von Hans-Dietrich Genscher in der katholischen Tagezeitung Die Tagespost (Würzburg)

Sonntag, 3. April 2016

Ein Staatsmann mit Witz und Weitsicht: Mülheimer erinnern sich an Hans-Dietrich Genscher

2012: Mülheims FDP-Bundestagsabgeordnete
Ulrike Flach (links) bei Hans-Dietrich Geneschers
letztem Fraktionsbesuch. Auf diesem Foto
der damaligen FDP-Bundestagsfraktion sind neben
Hans-Dietrich Genschen und Guido Westerwelle
auch Jürgen Koppelin und Claudia Wittgenstein
zu sehen, 
„Er war ein guter Liberaler, einer von der Art, wie sie später nicht mehr an der Tagesordnung waren.“ So erinnert sich der Mülheimer  Alt-Liberale Paul Gerhard Bethge (91) an den ehemaligen Außenminister und FDP-Bundesvorsitzenden Hans-Dietrich Genscher, der gestern im Alter von 89 Jahren gestorben ist.

„Genscher war in den 70er- und 80er-Jahren als Wahlkämpfer oft in Mülheim, als die Stadt als liberale Hochburg an der Ruhr galt. In einigen Stadtvierteln konnten wir damals bis zu 14 Prozent der Stimmen erringen“, berichtet der Alt-Bürgermeister. Bethge fand bereits in den frühen 50er-Jahren zur FDP, die er später 22 Jahre lang als Stadtverordneter (davon 15 Jahre lang als Fraktionsvorsitzender) im Rat der Stadt vertreten hat. Unvergessen bleibt ihm eine Begegnung, die er 1974 mit dem damaligen Bundesinnenminister Genscher im Handelshof hatte. „Das war damals auf dem Höhepunkt der Guillaume-Affäre und Genscher hat den Mitgliedern des FDP-Kreisvorstandes unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt, dass wir damit rechnen müssten, dass Willy Brandt in acht Tagen vom Amt des Bundeskanzlers zurücktreten werde.“

Für die frühere FDP-Fraktionsvorsitzende Brigitte Mangen steht nach Genschers Tod fest, „dass wir eine große Persönlichkeit verloren haben“. In den 70er- und 80er-Jahren, als noch ihr verstorbener Mann Rolf für die FDP im Rat der Stadt saß, so Brigitte Mangen, „war Genscher für uns die FDP.“ Oft hat sie ihn bei seinen Auftritten im Hotel Handelshof oder auf dem vom Volksmund so genannten FDP-Platz zwischen Kohlenkamp, Wallstraße und Löhberg erlebt. „Er war kein lauter Politiker, sondern einer, der ganz pragmatisch immer überlegt hat, wie etwas funktionieren könnte“, würdigt Mangen den Mit-Architekten der Deutschen Einheit. Sein Auftritt auf dem Balkon der Prager Botschaft im Herbst 1989: „Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise. . .“ hat sich in ihren Augen für immer in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt.

„Mir hat der aus Halle an der Saale stammende Genscher, der damals parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion war, 1962 geholfen, als mir die USA aufgrund meiner früheren Mitgliedschaft in der Ost-CDU die Einreise verweigern wollten, obwohl ich damals ein Stipendiat der  Fulbright-Stiftung war“, erinnert sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe von den Grünen. Politisch ist Knabe dem Außenminister Genscher „dafür dankbar, dass er uns aus allen internationalen militärischen Konflikten herausgehalten hat.“

Für die ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach war Genscher „eine liberale Vaterfigur, die mich mit ihrer Weitsicht, aber auch mit Witz beeindruckt hat.“ Flachs ehemaliger Bundestagskollege Andreas Schmidt (CDU) hat Genscher in Bonn und Berlin „als einen sehr menschlichen und freundlichen Politiker ohne Allüren“ erlebt.

Dass Hans-Dietrich Genscher nicht nur als Wahlkämpfer den Wortwitz meisterlich beherrschte, bewies er unter anderen auch 1989, als ihn die Mülheimer Karnevalisten für seine Verdienste um das freie und offene Wort mit der Spitzen Feder auszeichneten. Drei Jahre später wurde ihm in der Stadthalle das Goldene Schlitzohr verliehen. Genscher brachte damals als Preisträger eine Rekordspende (50.000 Mark) für die Deutsche Herzstiftung auf. „Die Auszeichnung passt zu ihm. Denn Genscher war nicht nur klug, sondern auch schlitzohrig“, sagt Paul Bethge.

Dieser Text erschien am 2. April 2016 in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 2. April 2016

Was Mülheimer Hoteliers derzeit den Schlaf raubt

Moncef Mahmoudi (links) leitet das Hotel
Best Western am Forum. Hier sieht man ihn
in einem Gespräch mit Klaus Mertins von der
Agentur für Arbeit
Nicht alle Mülheimer freuen sich auf das neue Schloßquartier auf dem alten Kaufhofareal. Viele Hoteliers schlafen schlecht. Denn schon jetzt ist ihr Geschäft mit einer durchschnittlichen Auslastung von weniger als 30 Prozent alles andere als ein finanzielles Zuckerschlecken. Doch wenn, wie berichtet, Ende 2018 mit dem Schloßquartier ein Holiday Inn in der Stadtmitte eröffnet, sagt nicht nur Moncef Mahmoudi vom Forum-Hotel Best Western „einen ungeheuerlichen Verdrängungswettbewerb“ voraus.

Auch sein Kollege Hardy Kuhn vom gleichnamigen Hotel an der Mellinghofer Straße sagt mit Blick auf die Mülheimer Hotellandschaft: „Ich sehe schwarz und kann die Entscheidung für die Ansiedlung eines weiteren Hotels in der Innenstadt nicht nachvollziehen.“ Zur Erinnerung: Erst im Mai hatte am Tourainer Ring das 100-Zimmer-Hotel der Kette B&B eröffnet. „Auch das spüren wir bei unseren Buchungszahlen deutlich. Denn trotz unserer treuen Stammkunden sind wir auch auf Laufkundschaft angewiesen“, betont Martin Hesse vom Hotel Handelshof.

Obwohl Hardy Kuhn auch weiterhin auf seine verkehrstechnisch günstige Lage im Städtedreieck Oberhausen/Essen/Mülheim setzt, sagt er mit Blick auf seine Innenstadt-Kollegen Hesse und Noy: „Die müssen doch jeden Tag Bauchschmerzen bekommen, wenn sie demnächst aus dem Fenster schauen und ein weiteres Hotel mit rund 150 Zimmern sehen.“ Während Hesse mit Aussicht auf das Holiday Inn im neuen Schloßquartier einräumt, „dass das für uns eine Katastrophe wäre“, kommentiert sein Kollege und Innenstadt-Nachbar Karlheinz Noy die neuesten Hotel-Pläne vor seiner Haustür an der Schloßstraße dezenter, aber nicht weniger eindeutig. „Wer die Belegungszahlen der Mülheimer Hotels kennt, kann sie auch interpretieren.“

Mahmoudi weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass mit der Residenz Uhlenhorst und dem Hotel Garni an der Leineweberstraße bereits zwei Hotels vom Markt verschwunden seien. Ralf H. Schmitz, der das Hotel am Ruhrufer und das Hotel U an der Aktienstraße mit jeweils 50 Zimmern und insgesamt 70 Mitarbeitern betreibt, macht keinen Hehl daraus, dass er sich ganz konkrete Gedanken darüber macht, ob und wie er die beiden Häuser jenseits der Hotel-Branche vermarkten kann.

Schmitz ist sich mit seinen Kollegen Mahmoudi, Hesse und Kuhn einig, dass man mit neuen Firmenansiedlungen und kulturellen oder sportlichen Großveranstaltungen erst mal für eine Auslastung der vorhandenen Hotels sorgen müsse, ehe man an die Planung neuer Hotels gehe. Mahmoudi kritisiert angesichts der rückläufigen Zahl der Geschäftskunden auch die unternehmerunfreundliche Gewerbesteuerpolitik der Stadt. Kuhn weist darauf hin, dass er mit seinen Innenstadtkollegen der MST vergeblich ein Verbund- und Shuttle-Angebot für täglich 200 Zimmer gemacht habe, um die Stadthalle für mehr Tagungsgäste attraktiv zu machen. Bei der MST weist man darauf hin, dass man auf die Investorenpläne für ein neues Hotel keinen Einfluss habe. Während sich Mülheims B&B-Hotelmanagerin Bärbel Schneider nicht äußern darf, begrüßt die Hotelkette B&B per Pressemitteilung ein neues Hotel in der Innenstadt als positive Belebung der Mülheimer Hotellandschaft.


Dieser Text erschien am 11. März 2016 in NRZ & WAZ

Freitag, 1. April 2016

So gesehen: Digitale Stolperfallen

Bei bargeldlosem Zahlungsverkehr wurde doppelt abgebucht und beim mobilen Internet-Besuch via Smartphone werden Kunden durch halbseidene sogenannte Dienstleister mit unseriöser Verschleierungstaktik in die Kostenfalle eines Online-Abos gelockt, das niemand braucht. Da wird der altmodische Bargeldzahler und Handy- beziehungsweise  Festnetz-Telefonierer nachdenklich, ob er es ist, der an der Spitze des Fortschritts steht. 

Dieser Text erschien am 31. März 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...