Man(n) kann sich ja mal irren, zumal, wenn man als Fußgänger und Nahverkehrsnutzer nur selten in die Verlegenheit kommt, eine rote Ampel zu überfahren und dafür von der Ordnungsbehörde zur Kasse gebeten zu werden. Natürlich geht es dem Ordnungsamt beim Aufstellen von Blitzgeräten nur um unsere Verkehrssicherheit und nicht um unser Geld für die Stadtkasse. Sonst wären auch schon manche Fußgänger geblitzt worden, die bei Rot die Straße queren. Doch das wäre wohl selbst der klammen Stadt zu abgefahren.
Dienstag, 16. Oktober 2012
So gesehen: Eine Stadt sieht Rot
Als mir mein Kollege jetzt sagte, dass „Rotlichtvergehen“ in Mülheim künftig konsequenter geahndet werden sollen, ließ mich das aufhorchen. Rotlicht in Mülheim? Haben wir so was überhaupt? Und von welchem Viertel war die Rede? Hatte ich etwas verpasst? Natürlich hatte ich nichts verpasst, sondern nur etwas falsch verstanden. Hier ging es um Verstöße im Straßenverkehr und nicht um die ebenfalls lebensnotwendige Verkehrssicherheit in anderen Lebenslagen.
Man(n) kann sich ja mal irren, zumal, wenn man als Fußgänger und Nahverkehrsnutzer nur selten in die Verlegenheit kommt, eine rote Ampel zu überfahren und dafür von der Ordnungsbehörde zur Kasse gebeten zu werden. Natürlich geht es dem Ordnungsamt beim Aufstellen von Blitzgeräten nur um unsere Verkehrssicherheit und nicht um unser Geld für die Stadtkasse. Sonst wären auch schon manche Fußgänger geblitzt worden, die bei Rot die Straße queren. Doch das wäre wohl selbst der klammen Stadt zu abgefahren.
Man(n) kann sich ja mal irren, zumal, wenn man als Fußgänger und Nahverkehrsnutzer nur selten in die Verlegenheit kommt, eine rote Ampel zu überfahren und dafür von der Ordnungsbehörde zur Kasse gebeten zu werden. Natürlich geht es dem Ordnungsamt beim Aufstellen von Blitzgeräten nur um unsere Verkehrssicherheit und nicht um unser Geld für die Stadtkasse. Sonst wären auch schon manche Fußgänger geblitzt worden, die bei Rot die Straße queren. Doch das wäre wohl selbst der klammen Stadt zu abgefahren.
Montag, 15. Oktober 2012
Vor 150 Jahren begann in Mülheim das Eisenbahnzeitalter
Eine Stadt, die vorankommen will, muss mobil sein, um Güter und Personen schnell von A nach B zu transportieren. Für die alten Mülheimer war die Ruhr der schnellste Weg, um zum Beispiel Kohle und Stahl zu befördern. 1852 transportierten 5100 Schiffe 556?000 Tonnen Kohle. 1884 waren es nur noch 86 Schiffe mit rund 10?000 Tonnen Kohle.
Der drastische Rückgang hatte mit dem Siegeszug der Eisenbahn zu tun, die Mülheim heute vor 150 Jahren erreichte. Am 1. März 1862 um 7.10 Uhr fuhr der erste Zug der Bergisch Märkischen Eisenbahn am ersten Mülheimer Bahnhof an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße ab, die damals noch Froschenteich hieß. Der Mülheimer Haltepunkt war Teil einer Strecke, die von Witten nach Duisburg führte und damit auch Essen und Bochum einschloss. Je nachdem, ob man erster, zweiter, dritter oder vierter Klasse reiste, kostete die Eisenbahnfahrkarte damals zwischen sieben und 13 Silbergroschen.
Obwohl die preußische Regierung noch 1861 prognostizierte: „Die Ruhrschifffahrt wird ihre Wichtigkeit voraussichtlich auch nach der Ausbreitung des dortigen Eisenbahnnetzes behalten,“ kam es anders. Bereits Ende der 1870er Jahre erreichte der Gütertransport durch die Bergisch-Märkische Eisenbahn 15,5 Millionen Tonnen.
Kein Wunder, dass es vor allem die starke Lobby der Ruhrschiffer und Ruhr-Reeder war, die sich lange mit Erfolg gegen Mülheims Anschluss an die Eisenbahn wehrte, während das benachbarte Oberhausen bereits 1847 an die Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn angeschlossen worden war. Unterstützt wurde das Projekt Eisenbahn dagegen von der Mülheimer Handelskammer und der immer stärker werdenden Industrie. Dass August Thyssen 1871 sein Stahlwerk in Styrum gründete, hatte maßgeblich mit der verkehrsgünstigen Lage, direkt an der Bahn, zu tun.
Dass sich mit der Eisenbahn gutes Geld verdienen ließ, zeigte die Tatsache, dass die Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft in Mülheim schon ab 1866 Konkurrenz durch die Rheinische Eisenbahngesellschaft bekam, die eine Strecke zwischen Essen und Osterrath betrieb. Die alten Eisenbahnviadukte in der Innenstadt und die alte Eisenbahnbrücke, die dort seit Mitte der 1860er Jahre über die Ruhr führt, waren Teil dieser rheinischen Bahnstrecke. Die alte Trasse will der Regionalverband Ruhr (RVR) bis 2015 zu einem touristisch reizvollen Rad- und Fußweg ausbauen, der in seiner Endstufe Essen, Mülheim und Duisburg miteinander verbinden wird.
Bis zur Verstaatlichung der Eisenbahn um 1880 lieferten sich die Bergisch-Märkische und die Rheinische Eisenbahngesellschaft, deren Gleise zum Teil parallel verliefen, einen harten Konkurrenzkampf um Fahrgäste und Frachtgebühren. Die Rheinische Bahn, die 1867 den Vorgänger des heutigen Hauptbahnhofes an der Eppinghofer Straße errichtete, gewann zum Beispiel durch die Finanzierung von Werksanschlüssen wichtige Industriekunden. Beide Gesellschaften nannten ihre Bahnhöfe an der Friedrich-Ebert- und der Eppinghofer Straße „Mülheim an der Ruhr“ und versahen sie mit dem Zusatz „Bergisch-Märkisch“ und „Rheinisch“. Eine Verbindung zwischen beiden Gleisstrecken wurde erst in den 1890er Jahren unter staatlicher Regie realisiert.
In ihren ersten Jahrzehnten musste die Eisenbahn ihre Kundschaft aus der Wirtschaft auch noch mit einer Pferdebahn teilen, die seit 1839 für die Essener und Mülheimer Zechen Kohlen zum alten Hafen an der Ruhr transportierte. Doch die alte Pferdebahn war langfristig nicht wettbewerbsfähig und stellte vor allem in den Kreuzungsbereichen der verschiedenen Gleisanlagen ein echtes Verkehrshemmnis und Unfallrisiko dar.
Das galt auch für Eisenbahnschienen, die vor 1910 noch auf der Eppinghofer Straße verliefen, so dass Eisenbahn und andere Verkehrsteilnehmer durch Schranken voneinander getrennt werden mussten, was wiederum zu ärgerlichen Verkehrsbehinderungen, Unfällen und Wartezeiten führte. Erst 1910 nahm der heutige Hauptbahnhof mit seinen hochgelegten Eisenbahntrasse, einer neuen Empfangshalle und einer Fußgängerunterführung Formen an. Den Namen Hauptbahnhof sollte der damalige Bahnhof Eppinghofen erst 1974 erhalten, nachdem man den dortigen Haltepunkt 1955 wegen seiner zentralen Lage bereits Mülheim-Ruhr (Stadt) genannt hatte. Seine Namen wechselten, aber die Zustandsbeschreibungen haben bis heute zig Zeitungsseiten gefüllt und über Generationen Mülheimer Gemüter erhitzt, wie die jüngste Berichterstattung der NRZ zeigt. Nichts neues. Denn auch schon nach 1945 gab es zwischen Bahn und Stadt heftige Kontroversen, weil die Bahn acht Jahre brauchte, um die Kriegsschäden am damaligen Bahnhof Eppinghofen zu beheben.
Dieser Text erschien am 1. März 2012 in der NRZ
Der drastische Rückgang hatte mit dem Siegeszug der Eisenbahn zu tun, die Mülheim heute vor 150 Jahren erreichte. Am 1. März 1862 um 7.10 Uhr fuhr der erste Zug der Bergisch Märkischen Eisenbahn am ersten Mülheimer Bahnhof an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße ab, die damals noch Froschenteich hieß. Der Mülheimer Haltepunkt war Teil einer Strecke, die von Witten nach Duisburg führte und damit auch Essen und Bochum einschloss. Je nachdem, ob man erster, zweiter, dritter oder vierter Klasse reiste, kostete die Eisenbahnfahrkarte damals zwischen sieben und 13 Silbergroschen.
Obwohl die preußische Regierung noch 1861 prognostizierte: „Die Ruhrschifffahrt wird ihre Wichtigkeit voraussichtlich auch nach der Ausbreitung des dortigen Eisenbahnnetzes behalten,“ kam es anders. Bereits Ende der 1870er Jahre erreichte der Gütertransport durch die Bergisch-Märkische Eisenbahn 15,5 Millionen Tonnen.
Kein Wunder, dass es vor allem die starke Lobby der Ruhrschiffer und Ruhr-Reeder war, die sich lange mit Erfolg gegen Mülheims Anschluss an die Eisenbahn wehrte, während das benachbarte Oberhausen bereits 1847 an die Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn angeschlossen worden war. Unterstützt wurde das Projekt Eisenbahn dagegen von der Mülheimer Handelskammer und der immer stärker werdenden Industrie. Dass August Thyssen 1871 sein Stahlwerk in Styrum gründete, hatte maßgeblich mit der verkehrsgünstigen Lage, direkt an der Bahn, zu tun.
Dass sich mit der Eisenbahn gutes Geld verdienen ließ, zeigte die Tatsache, dass die Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft in Mülheim schon ab 1866 Konkurrenz durch die Rheinische Eisenbahngesellschaft bekam, die eine Strecke zwischen Essen und Osterrath betrieb. Die alten Eisenbahnviadukte in der Innenstadt und die alte Eisenbahnbrücke, die dort seit Mitte der 1860er Jahre über die Ruhr führt, waren Teil dieser rheinischen Bahnstrecke. Die alte Trasse will der Regionalverband Ruhr (RVR) bis 2015 zu einem touristisch reizvollen Rad- und Fußweg ausbauen, der in seiner Endstufe Essen, Mülheim und Duisburg miteinander verbinden wird.
Bis zur Verstaatlichung der Eisenbahn um 1880 lieferten sich die Bergisch-Märkische und die Rheinische Eisenbahngesellschaft, deren Gleise zum Teil parallel verliefen, einen harten Konkurrenzkampf um Fahrgäste und Frachtgebühren. Die Rheinische Bahn, die 1867 den Vorgänger des heutigen Hauptbahnhofes an der Eppinghofer Straße errichtete, gewann zum Beispiel durch die Finanzierung von Werksanschlüssen wichtige Industriekunden. Beide Gesellschaften nannten ihre Bahnhöfe an der Friedrich-Ebert- und der Eppinghofer Straße „Mülheim an der Ruhr“ und versahen sie mit dem Zusatz „Bergisch-Märkisch“ und „Rheinisch“. Eine Verbindung zwischen beiden Gleisstrecken wurde erst in den 1890er Jahren unter staatlicher Regie realisiert.
In ihren ersten Jahrzehnten musste die Eisenbahn ihre Kundschaft aus der Wirtschaft auch noch mit einer Pferdebahn teilen, die seit 1839 für die Essener und Mülheimer Zechen Kohlen zum alten Hafen an der Ruhr transportierte. Doch die alte Pferdebahn war langfristig nicht wettbewerbsfähig und stellte vor allem in den Kreuzungsbereichen der verschiedenen Gleisanlagen ein echtes Verkehrshemmnis und Unfallrisiko dar.
Das galt auch für Eisenbahnschienen, die vor 1910 noch auf der Eppinghofer Straße verliefen, so dass Eisenbahn und andere Verkehrsteilnehmer durch Schranken voneinander getrennt werden mussten, was wiederum zu ärgerlichen Verkehrsbehinderungen, Unfällen und Wartezeiten führte. Erst 1910 nahm der heutige Hauptbahnhof mit seinen hochgelegten Eisenbahntrasse, einer neuen Empfangshalle und einer Fußgängerunterführung Formen an. Den Namen Hauptbahnhof sollte der damalige Bahnhof Eppinghofen erst 1974 erhalten, nachdem man den dortigen Haltepunkt 1955 wegen seiner zentralen Lage bereits Mülheim-Ruhr (Stadt) genannt hatte. Seine Namen wechselten, aber die Zustandsbeschreibungen haben bis heute zig Zeitungsseiten gefüllt und über Generationen Mülheimer Gemüter erhitzt, wie die jüngste Berichterstattung der NRZ zeigt. Nichts neues. Denn auch schon nach 1945 gab es zwischen Bahn und Stadt heftige Kontroversen, weil die Bahn acht Jahre brauchte, um die Kriegsschäden am damaligen Bahnhof Eppinghofen zu beheben.
Dieser Text erschien am 1. März 2012 in der NRZ
Sonntag, 14. Oktober 2012
Wie die Familie Medenblik-Bruck ihren Stadtteil Dümpten erlebt(e) und warum Adele Bruck und Karin Medenblik finden, dass Dümpten Spaß macht
Alteingesessen. Diesen Begriff beziehen Karin Medenblik, gerade 70 geworden, und ihre Adoptivmutter Adele Bruck (93) nur zu gerne auf sich, wenn es um ihren Stadtteil Dümpten geht. „Der Stadtteil macht einfach Spaß. Das Schöne ist, dass hier viele Alteingesessene leben und dass man immer Leute findet, die mitziehen“, sagt Karin Medenblik über den Stadtteil, der bis 1910 eine eigenständige Landbürgermeisterei war und sich in Erinnerung daran bis heute als „Königreich“ betitelt.
Adele Bruck und Karin Medenblik haben in ihrem „Königreich“ eine Menge gemacht. Sie haben das 1871 von Adeles Großmutter Sophie gegründete Hutmachergeschäft am Schildberg, ab 1959 als Textilgeschäft an der Oberheidstraße, fortgeführt, ehe sie es 2004 schlossen. In den 90er Jahren gründete Karin Medenblik die Dümptener Werbegemeinschaft „Wir im Königreich“ und organisierte in den Flüchtlingsunterkünften an der Oberheidstraße Adventsfeiern und Hausaufgabenhilfen. Später hat sie mit den Schülern der Schule am Hexbachtal manches Projekt auf die Beine gestellt, zuletzt ein Buch mit 100 Geschichten aus dem Königreich. „Man hat durch das Geschäft hier schnell viele Leute kennen gelernt und Kontakte geknüpft“, sagt Karins aus den Niederlanden stammender Ehemann Henk. Auch ihn haben Schwiegermutter und Ehefrau zu einem Dümptener gemacht, der ab 1974 für 30 Jahre an der Spitze des Dümptener Turnvereins stand und in dieser Funktion unter anderen den Bau von zwei Vereinsheimen managte. Hinter einem starken Mann stehen in diesem Fall zwei starke Frauen.
Der Dümptener Turnverein ist für Adele Bruck bis heute eine zweite Familie. Bereits als Fünfjährige begann sie unter der Regie des legendären Vereinsvorsitzenden Heinrich Bergmann, der den DTV durch zwei Weltkriege führen sollte, mit dem Turnen. „Mir war es immer wichtig, gelenkig zu bleiben“ sagt Bruck, die trotz mancher altersbedingten Handicaps mit 93 immer noch Vitalität ausstrahlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie es, die mit ihrer Turnschwester Änne Welsing die Frauenabteilung des Dümptener Turnvereins ins Leben rief.
Bis dahin hatte sie in ihrem Stadtteil bereits einiges erlebt. Ihre erste Erinnerung sind französische Soldaten, die nach der Besetzung des Ruhrgebietes 1923 am Wittkampbusch exerzierten. Als Kind wuchs sie in ein Geschäft hinein, das bis zu dessen Tod von Vater Heinrich geführt wurde. „Mein Vater verkaufte nicht nur Textilien, sondern auch Lebensmittel und Särge“, erinnert sich Adele. Mit ihren 1916 und 1917 geborenen Brüdern Heinz und Friedel spielte sie in der Sargschreinerei des Vaters Verstecken. Einmal musste sie ihren Vater zu einer Familie begleiten, deren Kind gestorben war. „Ich musste die Trauerschleife tragen, die an die Tür des Hauses gehängt wurde. Das Kind wurde im Haus aufgebahrt. Und mein Vater sagte mir: Es ist jetzt ein Engelchen. Du kannst für es beten.“
Der Tod kam auch ins Haus der Familie Bruck. 1934 starb der Vater Heinrich an Krebs. Die Mutter Wilhelmine übernahm nach einer kaufmännischen Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer die Führung des Textilgeschäftes, das damals als einziges Haus im noch ländlichen Oberdümpten über ein Telefon verfügte und so zu einer Art Telefonzelle des Stadtviertels wurde. Eigentlich sollten Adeles Brüder Heinz und Friedel das Familienunternehmen fortführen. Doch beide fielen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Und beim großen Luftangriff auf Mülheim wurde auch Textilien Bruck am Schildberg 1943 ein Opfer der Bomben.
Auch nach dem Krieg, als man in einem Zimmer am Schildberg lebte und verkaufte, blieb die Familie von Schicksalsschlägen nicht verschont. Nachdem der Vater im Krieg gefallen war, verlor Karin 1953 durch einen tragischen Unglücksfall auch ihre leibliche Mutter. Sie war beim Fensterputzen im Haus am Schildberg aus dem ersten Stock auf die Straße gestürzt. Tante Adele wurde ihre Adoptivmutter und auch Opa Grütchen gehörte zur harten Kern der Familie, die jetzt gemeinsam das Weiterleben meisterte. „Dümpten war früher sehr viel ländlicher und dörflicher. Wir hatten hier viele Tante-Emma-Läden“, erinnern sich Adele Bruck und Karin Medenblik. Alte Fotos aus den 30er und späten 40er Jahren, auf denen man die junge Adele bei einem Erntedankumzug und die kleine Karin vor grasenden Schafen an den Denkhauser Höfen sieht, zeigen es eindrucksvoll.
Schon früh wurde Karin in den Geschäftsalltag einbezogen. Wenn die Kladde mit den angeschriebenen Waren zu dick geworden war, musste sie zu säumigen Kunden gehen und Außenstände eintreiben. „Das war meistens freitags. Denn freitags war Zahltag. Da bekamen die meisten Arbeiter und Angestellten ihr Lohntüte. Das war nicht immer angenehm“, erinnert sich Karin an ihre ersten Schritte ins Geschäftsleben.
Angenehmer sind den beiden Ur-Dümptenerinnen ihre Schulzeit an der Evangelischen Volksschule an der Gathestraße in Erinnerung geblieben. Beide erlebten dort Lehrer, „die immer ein offenes Ohr für uns hatten“ und ihnen mal beim gemeinsamen Singen, mal bei kleinen Ausflügen und sogar beim Schönschreiben die Freude am Lernen und Arbeiten vermitteln konnten. Über dem Schulportal stand der Satz, der auch für ihr Leben prägend werden sollte: „Ohne Fleiß kein Preis.“
Adele Bruck und Karin Medenblik haben in ihrem „Königreich“ eine Menge gemacht. Sie haben das 1871 von Adeles Großmutter Sophie gegründete Hutmachergeschäft am Schildberg, ab 1959 als Textilgeschäft an der Oberheidstraße, fortgeführt, ehe sie es 2004 schlossen. In den 90er Jahren gründete Karin Medenblik die Dümptener Werbegemeinschaft „Wir im Königreich“ und organisierte in den Flüchtlingsunterkünften an der Oberheidstraße Adventsfeiern und Hausaufgabenhilfen. Später hat sie mit den Schülern der Schule am Hexbachtal manches Projekt auf die Beine gestellt, zuletzt ein Buch mit 100 Geschichten aus dem Königreich. „Man hat durch das Geschäft hier schnell viele Leute kennen gelernt und Kontakte geknüpft“, sagt Karins aus den Niederlanden stammender Ehemann Henk. Auch ihn haben Schwiegermutter und Ehefrau zu einem Dümptener gemacht, der ab 1974 für 30 Jahre an der Spitze des Dümptener Turnvereins stand und in dieser Funktion unter anderen den Bau von zwei Vereinsheimen managte. Hinter einem starken Mann stehen in diesem Fall zwei starke Frauen.
Der Dümptener Turnverein ist für Adele Bruck bis heute eine zweite Familie. Bereits als Fünfjährige begann sie unter der Regie des legendären Vereinsvorsitzenden Heinrich Bergmann, der den DTV durch zwei Weltkriege führen sollte, mit dem Turnen. „Mir war es immer wichtig, gelenkig zu bleiben“ sagt Bruck, die trotz mancher altersbedingten Handicaps mit 93 immer noch Vitalität ausstrahlt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie es, die mit ihrer Turnschwester Änne Welsing die Frauenabteilung des Dümptener Turnvereins ins Leben rief.
Bis dahin hatte sie in ihrem Stadtteil bereits einiges erlebt. Ihre erste Erinnerung sind französische Soldaten, die nach der Besetzung des Ruhrgebietes 1923 am Wittkampbusch exerzierten. Als Kind wuchs sie in ein Geschäft hinein, das bis zu dessen Tod von Vater Heinrich geführt wurde. „Mein Vater verkaufte nicht nur Textilien, sondern auch Lebensmittel und Särge“, erinnert sich Adele. Mit ihren 1916 und 1917 geborenen Brüdern Heinz und Friedel spielte sie in der Sargschreinerei des Vaters Verstecken. Einmal musste sie ihren Vater zu einer Familie begleiten, deren Kind gestorben war. „Ich musste die Trauerschleife tragen, die an die Tür des Hauses gehängt wurde. Das Kind wurde im Haus aufgebahrt. Und mein Vater sagte mir: Es ist jetzt ein Engelchen. Du kannst für es beten.“
Der Tod kam auch ins Haus der Familie Bruck. 1934 starb der Vater Heinrich an Krebs. Die Mutter Wilhelmine übernahm nach einer kaufmännischen Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer die Führung des Textilgeschäftes, das damals als einziges Haus im noch ländlichen Oberdümpten über ein Telefon verfügte und so zu einer Art Telefonzelle des Stadtviertels wurde. Eigentlich sollten Adeles Brüder Heinz und Friedel das Familienunternehmen fortführen. Doch beide fielen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Und beim großen Luftangriff auf Mülheim wurde auch Textilien Bruck am Schildberg 1943 ein Opfer der Bomben.
Auch nach dem Krieg, als man in einem Zimmer am Schildberg lebte und verkaufte, blieb die Familie von Schicksalsschlägen nicht verschont. Nachdem der Vater im Krieg gefallen war, verlor Karin 1953 durch einen tragischen Unglücksfall auch ihre leibliche Mutter. Sie war beim Fensterputzen im Haus am Schildberg aus dem ersten Stock auf die Straße gestürzt. Tante Adele wurde ihre Adoptivmutter und auch Opa Grütchen gehörte zur harten Kern der Familie, die jetzt gemeinsam das Weiterleben meisterte. „Dümpten war früher sehr viel ländlicher und dörflicher. Wir hatten hier viele Tante-Emma-Läden“, erinnern sich Adele Bruck und Karin Medenblik. Alte Fotos aus den 30er und späten 40er Jahren, auf denen man die junge Adele bei einem Erntedankumzug und die kleine Karin vor grasenden Schafen an den Denkhauser Höfen sieht, zeigen es eindrucksvoll.
Schon früh wurde Karin in den Geschäftsalltag einbezogen. Wenn die Kladde mit den angeschriebenen Waren zu dick geworden war, musste sie zu säumigen Kunden gehen und Außenstände eintreiben. „Das war meistens freitags. Denn freitags war Zahltag. Da bekamen die meisten Arbeiter und Angestellten ihr Lohntüte. Das war nicht immer angenehm“, erinnert sich Karin an ihre ersten Schritte ins Geschäftsleben.
Angenehmer sind den beiden Ur-Dümptenerinnen ihre Schulzeit an der Evangelischen Volksschule an der Gathestraße in Erinnerung geblieben. Beide erlebten dort Lehrer, „die immer ein offenes Ohr für uns hatten“ und ihnen mal beim gemeinsamen Singen, mal bei kleinen Ausflügen und sogar beim Schönschreiben die Freude am Lernen und Arbeiten vermitteln konnten. Über dem Schulportal stand der Satz, der auch für ihr Leben prägend werden sollte: „Ohne Fleiß kein Preis.“
Dieser Text erschien am 3. September 2012 in der NRZ
Samstag, 13. Oktober 2012
Warum brauchen wir ein nationales Krebsregister? Ein Gespräch, das ich für die NRZ mit Heinz Jochen Gassel, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Mülheim geführt habe
Die Bundesregierung hat die Einrichtung eines nationalen Krebsregisters beschlossen. Was bringt ein solches Register für Patienten und warum gibt es bis heute Widerstände gegen seine Einrichtung. Darüber sprach ich für die NRZ mit dem Chefarzt des Evangelischen Krenkenhauses, Heinz Jochen Gassel.
Warum brauchen wir ein nationales Krebsregister?
Wenn wir eine Medizin auf der Basis wissenschaftlich belegbarer Erkenntnisse betreiben wollen und das müssen wir, um die Kosten zu rechtfertigen, die damit verbunden sind, dann müssen wir das in ganz Deutchland auf eine gemeinsame wissenschaftlich nachvollziehbare Basis stellen, um zu vermeiden, dass jeder Arzt macht, was er für richtig oder am lukrativsten hält. Ein nationales Krebsregister bildet die Grundlage dafür, optimale Behandlungsstandards zu entwickeln, die dann aber individuell auf den Bedarf des jeweiligen Patienten angepasst werden müssen. Bisher haben wir bei uns nur Krebsregister auf Länderebene. Wir brauchen schon deshalb ein nationales Krebsregister, um unsere Behandlungsstrategien und Ergebnisse international vergleichen zu können.
Warum hinkt Deutschland in diesem Punkt der internationalen Entwicklung hinterher?
In der ehemaligen DDR gab es ein zentrales Krebsregister. Doch nach der Vereinigung beider deutscher Staaten gab es viele Damen und Herren, die der Meinung waren, dass dieses zentralistische Register nicht zu unserer förderalen Denke passen würde. Bis jetzt hat sich da keine Bundesregierung herangetraut und gesagt: Ich möchte, dass wir die vorhandenen Daten länderübergreifend in einem Krebsregister sammeln.
Welche Daten sollen denn im nationalen Krebsregister gesammelt werden?
Es ist überfällig, dass wir bundesweit und natürlich anonymisiert alle Daten über Neuerkrankungen, die vorhandenen Behandlungsformen und deren Ergebnisse sammeln und bewerten.
Warum gibt es bis heute Widerstand dagegen?
Weil damit die Möglichkeit besteht, die Behandlungsqualität einzelner Krankenhäuser und Fachzentren herauszufinden. Damit entsteht für die eine oder andere Behandlungseinrichtung die Gefahr, bei Verhandlungen mit den Krankenkassen, die die Kosten tragen, nicht so gut dasteht wie eine andere Einrichtung. Das könnte im schlimmsten Fall zu Wettbewerbsnachteilen und zum Ausschluss von Leistungen führen.
Profitieren Patienten vom nationalen Krebsregister?
Aus Patientensicht ist ein nationales Krebsregister auf jeden Fall richtig und unbedingt zu fordern. Denn es geht darum, den Bürgern die bestmögliche Behandlung anzubieten und sie zur Vorsorge zu bringen, wo Vorsorge sinnvoll ist, etwa beim Darmkrebs. Dafür braucht man bundesweite belastbare Zahlen, die wir im Moment so nicht haben.
Wie soll das nationale Krebsregister finanziert werden?
Die Krankenkassen befürchten, dass mit der Einführung eines solchen Gesetzes erhebliche Mehrkosten auf sie zukommen. Die Finanzierung ist noch nicht fixiert. Ich gehe von einer Mischfinanzierung und davon aus, dass ein erheblicher Teil der Kosten über die Krankenkassenbeiträge von den Versicherten getragen werden muss.
Wie ist das Evangelische Krankenhaus in der Krebsbehandlung aufgestellt?
Wir haben drei von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Fachzentren, nämlich ein Brustkrebs,- das Darmkrebs- und ein Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zentrum. Wir erheben unsere Behandlungsdaten, natürlich mit dem Einverständnis der Patienten und leiten sie an die Deutsche Krebsgesellschaft weiter, wo die einzelnen Fachzentren bundesweit miteiander verglichen werden. Das ist eine Vorstufe zum nationalen Krebsregister.
Was wäre dann nach der Einführung eines Nationalen Krebsregisters anders?
Dann würden alle Daten per Gesetz an eine noch nicht benannte Stelle weitergeleitet und ausgewertet. Viele wehren sich vor allem dagegen, dass diese Daten an die Krankenkassen weitergegeben werden, weil sie um die Anonymität und den Datenschutz der Patieten fürchten. In Mülheim sagt mancher, es sei ein Wettbewerbsvorteil für das Evangelische Krankenhaus, über zertifizierte Fachzentren zu verfügen. Aber die Deutsche Krebsgesellschaft weist auf der Basis ihrer Daten darauf hin, dass Behandlungsqualität und Behandlungsergebnisse in den von ihr zertifizierten Einrichtungen eindeutig höher sind, als in den nicht zertifizierten Einrichtungen.
Sind die Befürchtungen um den Datenschutz der Patienten nicht berechtigt?
Das Problem des Datenschutzes ist nicht zu unterschätzen. Obwohl man heute technisch Daten anonymisiert in die richtigen Kanäle schicken kann, wird man Betrug nie ganz ausschließen können. Doch Krebs ist als zweithäufigste Todesursache mit bundesweit 460 000 Neuerkrankungen pro Jahr, so bedrohlich, dass er definitiv in Fachzentren behandelt werden muss.
Steigt die Zahl der Neuerkrankungen?
Die Tendenz ist auf jeden Fall steigend. Das liegt aber auch daran, dass Krebserkrankungen in der Regel heute früher erkannt werden.
Zur Person: Prof. Dr. Heinz Jochen Gassel (52) ist Chefarzt und Ärztlicher Direktor am Evangelischen Krankenhaus. Dort leitet er unter anderem die zertifizierten Fachzentren zur Behandlung von Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Gassel hat in Bochum und Kiel Medizin studiert und anschließend Facharztausbildungen in den Bereichen Chirurgie, Gefäßchirurgie und Bauchchirurgie absolviert. Heute gehört die sogenannte minimalinvasive Schlüssellochchirurgie im Rahmen der Krebsbehandlung zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Gassel ist Mitglied der Deutschen Krebsgesellschaft und wurde 2002 mit ihrem Arthur-L-Walpole-Preis für klinische Studien ausgezeichnet. Der Mediziner ist verheiratet und Vater von vier Kindern.
Warum brauchen wir ein nationales Krebsregister?
Wenn wir eine Medizin auf der Basis wissenschaftlich belegbarer Erkenntnisse betreiben wollen und das müssen wir, um die Kosten zu rechtfertigen, die damit verbunden sind, dann müssen wir das in ganz Deutchland auf eine gemeinsame wissenschaftlich nachvollziehbare Basis stellen, um zu vermeiden, dass jeder Arzt macht, was er für richtig oder am lukrativsten hält. Ein nationales Krebsregister bildet die Grundlage dafür, optimale Behandlungsstandards zu entwickeln, die dann aber individuell auf den Bedarf des jeweiligen Patienten angepasst werden müssen. Bisher haben wir bei uns nur Krebsregister auf Länderebene. Wir brauchen schon deshalb ein nationales Krebsregister, um unsere Behandlungsstrategien und Ergebnisse international vergleichen zu können.
Warum hinkt Deutschland in diesem Punkt der internationalen Entwicklung hinterher?
In der ehemaligen DDR gab es ein zentrales Krebsregister. Doch nach der Vereinigung beider deutscher Staaten gab es viele Damen und Herren, die der Meinung waren, dass dieses zentralistische Register nicht zu unserer förderalen Denke passen würde. Bis jetzt hat sich da keine Bundesregierung herangetraut und gesagt: Ich möchte, dass wir die vorhandenen Daten länderübergreifend in einem Krebsregister sammeln.
Welche Daten sollen denn im nationalen Krebsregister gesammelt werden?
Es ist überfällig, dass wir bundesweit und natürlich anonymisiert alle Daten über Neuerkrankungen, die vorhandenen Behandlungsformen und deren Ergebnisse sammeln und bewerten.
Warum gibt es bis heute Widerstand dagegen?
Weil damit die Möglichkeit besteht, die Behandlungsqualität einzelner Krankenhäuser und Fachzentren herauszufinden. Damit entsteht für die eine oder andere Behandlungseinrichtung die Gefahr, bei Verhandlungen mit den Krankenkassen, die die Kosten tragen, nicht so gut dasteht wie eine andere Einrichtung. Das könnte im schlimmsten Fall zu Wettbewerbsnachteilen und zum Ausschluss von Leistungen führen.
Profitieren Patienten vom nationalen Krebsregister?
Aus Patientensicht ist ein nationales Krebsregister auf jeden Fall richtig und unbedingt zu fordern. Denn es geht darum, den Bürgern die bestmögliche Behandlung anzubieten und sie zur Vorsorge zu bringen, wo Vorsorge sinnvoll ist, etwa beim Darmkrebs. Dafür braucht man bundesweite belastbare Zahlen, die wir im Moment so nicht haben.
Wie soll das nationale Krebsregister finanziert werden?
Die Krankenkassen befürchten, dass mit der Einführung eines solchen Gesetzes erhebliche Mehrkosten auf sie zukommen. Die Finanzierung ist noch nicht fixiert. Ich gehe von einer Mischfinanzierung und davon aus, dass ein erheblicher Teil der Kosten über die Krankenkassenbeiträge von den Versicherten getragen werden muss.
Wie ist das Evangelische Krankenhaus in der Krebsbehandlung aufgestellt?
Wir haben drei von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Fachzentren, nämlich ein Brustkrebs,- das Darmkrebs- und ein Bauchspeicheldrüsenkrebs-Zentrum. Wir erheben unsere Behandlungsdaten, natürlich mit dem Einverständnis der Patienten und leiten sie an die Deutsche Krebsgesellschaft weiter, wo die einzelnen Fachzentren bundesweit miteiander verglichen werden. Das ist eine Vorstufe zum nationalen Krebsregister.
Was wäre dann nach der Einführung eines Nationalen Krebsregisters anders?
Dann würden alle Daten per Gesetz an eine noch nicht benannte Stelle weitergeleitet und ausgewertet. Viele wehren sich vor allem dagegen, dass diese Daten an die Krankenkassen weitergegeben werden, weil sie um die Anonymität und den Datenschutz der Patieten fürchten. In Mülheim sagt mancher, es sei ein Wettbewerbsvorteil für das Evangelische Krankenhaus, über zertifizierte Fachzentren zu verfügen. Aber die Deutsche Krebsgesellschaft weist auf der Basis ihrer Daten darauf hin, dass Behandlungsqualität und Behandlungsergebnisse in den von ihr zertifizierten Einrichtungen eindeutig höher sind, als in den nicht zertifizierten Einrichtungen.
Sind die Befürchtungen um den Datenschutz der Patienten nicht berechtigt?
Das Problem des Datenschutzes ist nicht zu unterschätzen. Obwohl man heute technisch Daten anonymisiert in die richtigen Kanäle schicken kann, wird man Betrug nie ganz ausschließen können. Doch Krebs ist als zweithäufigste Todesursache mit bundesweit 460 000 Neuerkrankungen pro Jahr, so bedrohlich, dass er definitiv in Fachzentren behandelt werden muss.
Steigt die Zahl der Neuerkrankungen?
Die Tendenz ist auf jeden Fall steigend. Das liegt aber auch daran, dass Krebserkrankungen in der Regel heute früher erkannt werden.
Zur Person: Prof. Dr. Heinz Jochen Gassel (52) ist Chefarzt und Ärztlicher Direktor am Evangelischen Krankenhaus. Dort leitet er unter anderem die zertifizierten Fachzentren zur Behandlung von Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Gassel hat in Bochum und Kiel Medizin studiert und anschließend Facharztausbildungen in den Bereichen Chirurgie, Gefäßchirurgie und Bauchchirurgie absolviert. Heute gehört die sogenannte minimalinvasive Schlüssellochchirurgie im Rahmen der Krebsbehandlung zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Gassel ist Mitglied der Deutschen Krebsgesellschaft und wurde 2002 mit ihrem Arthur-L-Walpole-Preis für klinische Studien ausgezeichnet. Der Mediziner ist verheiratet und Vater von vier Kindern.
Dieser Text erschien im September 2012 in der NRZ
Donnerstag, 11. Oktober 2012
Was hat uns Willy Brandt 20 Jahre nach seinem Tod noch zu sagen? Ein Gespräch mit Styrumer Willy-Brandt-Schülern
Vor 20 Jahren ist Willy Brandt gestorben. Chantal Schmacke, Niklas Hutmacher, Philip Scheiler, Daniel Landschoof, Felix Wörndl und Julia Schmitz aus der Klasse 9d der Styrumer Willy-Brandt-Schule haben sich im Rahmen der Ausstellung „Mülheim im Wandel“ mit der Biografie ihres Schulpatrons auseinander gesetzt, den sie selbst nur noch als Regierenden Bürgermeister von Berlin, als SPD-Vorsitzenden, Bundesaußenminister und Bundeskanzler aus den Geschichtsbüchern kennen. Ich sprach mit den Willy-Brandt-Schülern darüber, wofür Brandt heute noch steht und was man aus dem Leben des Sozialdemokraten und Friedensnobelpreisträgers, der mit se lernen kann, der als Kanzler mit seinen Landsleuten mehr Demokratie wagen wollte.
„Willy Brandt hat sich für den Frieden eingesetzt“, sagt Chantal Schmacke . Dass Frieden auch heute keine Selbstverständlichkeit ist, sieht sie nicht nur in der weiten Welt, sondern auch hier vor der Haustür, wenn sie unterwegs ist und Streitereien und Pöbeleien miterlebt. „Das soziale Klima ist etwas rauer geworden“, findet Chantal. Brandts Kniefall vor dem Mahnmal der Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes (im Dezember 1970) zeigt ihr, „dass eine ehrlich gemeinte Entschuldigung zu Frieden und Versöhnung führen kann.“
Felix Wörndl findet Brandts Engagement als Vorsitzender einer unabhängigen Nord-Süd-Kommission aktuell, weil er in diesem Zusammenhang bereits vor 35 Jahren ein Grundrecht auf Bildung, Erziehung, Gesundheit und Ernährung formuliert hat. „Das Grundrecht auf Bildung ist bei uns eigentlich ganz gut verwirklicht, weil an unserer Schule nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Schüler gefördert und niemand zurückgelassen wird.“ Beim Thema Ernährung und soziale Chancengleichheit sieht er aber noch Nachholbedarf, wenn er erlebt, „dass es bei uns Schüler gibt, die ein Schulfrühstück von der Mülheimer Tafel bekommen müssen, weil ihnen ihre Eltern kein Pausenbrot mitgeben können.“
Daniel Landschoof findet es besonders beeindruckend, dass Brandt als ehemaliger Widerstandskämpfer und Exilant „nach dem Krieg Vertrauen für Deutschland zurückgewinnen konnte, weil er an seinem eigenen Beispiel zeigen konnte, dass nicht alle Deutschen hinter den Sachen standen, die die Nazis gemacht haben.“ Auch Daniel spürt die Folgen der deutschen Nazi-Vergangenheit daran, „dass sich viele Menschen nicht unbefangen freuen und stolz auf unser Land sein können, wenn wir zum Beispiel bei einer Weltmeisterschaft eine gute Platzierung erringen.“ Er lernt aus Brandts Leben zwischen Diktatur und Demokratie, „dass wir in unserer multikulturellen Gesellschaft jedem einen Platz geben sollten, damit sich niemand an den Rand gedrängt fühlt und glaubt, nicht dazuzugehören.“
Niklas Hutmacher empfindet Brandt als einen faszinierendes Beispiel dafür, „dass man etwas verändern kann, was einem nicht gefällt, wenn man den Mut zu seiner eigenen Meinung hat“. Das macht Niklas unter anderem daran fest, dass Brandt schon mit 16 in der SPD aktiv wurde und die Partei später zwischenzeitlich verließ, weil ihm ihr Kurs nicht mehr passte. „Ja, wenn man sich zum Beispiel unter BVB-Anhängern als Schalke-Fan outet“, antwortet Niklas auf die Frage, ob er sich auch heute Situationen vorstellen kann, in denen man Mut braucht, seine eigene Meinung zu vertreten.
Sein Mitschüler Philip Scheiler hat nach dem Studium der Biografie Brandts den Eindruck, „dass er ein Hoffnungsträger mit extremer Willensstärke war.“ Einen vergleichbaren Hoffnungsträger kann er unter den heutigen Politikern nicht entdecken. Was könnten heutige Politiker von Willy Brandt lernen? „Dass man manchmal viel investieren und ein kalkuliertes Risiko eingehen muss, um Erfolge zu haben“, glaubt Philip und ist sich mit seinem Klassenkamerad Daniel einig, dass dies zum Beispiel auf den Atomausstieg und die Energiewende zutrifft.
Julia Schmitz hat vor allem beeindruckt, dass Brandt schon als Bürgermeister in Berlin Briefe von Kindern bekam und diese beantwortet hat. Nachdem sie seine Briefwechsel und einige seiner Reden gelesen hat, hat sie den Eindruck gewonnen, dass sich Brandt „so klar ausdrücken konnte, dass jeder verstehen konnte, worum es geht.“ Heute hat sie bei politischen Reden den Eindruck, „dass viele Politiker um die Sache, um die es eigentlich geht, so herumreden, dass man am Ende gar nichts versteht.“ Mit Blick auf die Gewalt in Syrien hat Julia den Eindruck, „dass sich die meisten Menschen hier nur dafür interessieren, wie es ihnen in unserem Land geht“ und dass Deutschland derzeit keinen Politiker „mit einer weltweiten Ausstrahlung“ hat, wie sie einst Willy Brandt gehabt habe.
Dieser Beitrag erschien am 8. Oktober 2012 in der NRZ und am 9. Oktober 2012 in der WAZ
„Willy Brandt hat sich für den Frieden eingesetzt“, sagt Chantal Schmacke . Dass Frieden auch heute keine Selbstverständlichkeit ist, sieht sie nicht nur in der weiten Welt, sondern auch hier vor der Haustür, wenn sie unterwegs ist und Streitereien und Pöbeleien miterlebt. „Das soziale Klima ist etwas rauer geworden“, findet Chantal. Brandts Kniefall vor dem Mahnmal der Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes (im Dezember 1970) zeigt ihr, „dass eine ehrlich gemeinte Entschuldigung zu Frieden und Versöhnung führen kann.“
Felix Wörndl findet Brandts Engagement als Vorsitzender einer unabhängigen Nord-Süd-Kommission aktuell, weil er in diesem Zusammenhang bereits vor 35 Jahren ein Grundrecht auf Bildung, Erziehung, Gesundheit und Ernährung formuliert hat. „Das Grundrecht auf Bildung ist bei uns eigentlich ganz gut verwirklicht, weil an unserer Schule nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Schüler gefördert und niemand zurückgelassen wird.“ Beim Thema Ernährung und soziale Chancengleichheit sieht er aber noch Nachholbedarf, wenn er erlebt, „dass es bei uns Schüler gibt, die ein Schulfrühstück von der Mülheimer Tafel bekommen müssen, weil ihnen ihre Eltern kein Pausenbrot mitgeben können.“
Daniel Landschoof findet es besonders beeindruckend, dass Brandt als ehemaliger Widerstandskämpfer und Exilant „nach dem Krieg Vertrauen für Deutschland zurückgewinnen konnte, weil er an seinem eigenen Beispiel zeigen konnte, dass nicht alle Deutschen hinter den Sachen standen, die die Nazis gemacht haben.“ Auch Daniel spürt die Folgen der deutschen Nazi-Vergangenheit daran, „dass sich viele Menschen nicht unbefangen freuen und stolz auf unser Land sein können, wenn wir zum Beispiel bei einer Weltmeisterschaft eine gute Platzierung erringen.“ Er lernt aus Brandts Leben zwischen Diktatur und Demokratie, „dass wir in unserer multikulturellen Gesellschaft jedem einen Platz geben sollten, damit sich niemand an den Rand gedrängt fühlt und glaubt, nicht dazuzugehören.“
Niklas Hutmacher empfindet Brandt als einen faszinierendes Beispiel dafür, „dass man etwas verändern kann, was einem nicht gefällt, wenn man den Mut zu seiner eigenen Meinung hat“. Das macht Niklas unter anderem daran fest, dass Brandt schon mit 16 in der SPD aktiv wurde und die Partei später zwischenzeitlich verließ, weil ihm ihr Kurs nicht mehr passte. „Ja, wenn man sich zum Beispiel unter BVB-Anhängern als Schalke-Fan outet“, antwortet Niklas auf die Frage, ob er sich auch heute Situationen vorstellen kann, in denen man Mut braucht, seine eigene Meinung zu vertreten.
Sein Mitschüler Philip Scheiler hat nach dem Studium der Biografie Brandts den Eindruck, „dass er ein Hoffnungsträger mit extremer Willensstärke war.“ Einen vergleichbaren Hoffnungsträger kann er unter den heutigen Politikern nicht entdecken. Was könnten heutige Politiker von Willy Brandt lernen? „Dass man manchmal viel investieren und ein kalkuliertes Risiko eingehen muss, um Erfolge zu haben“, glaubt Philip und ist sich mit seinem Klassenkamerad Daniel einig, dass dies zum Beispiel auf den Atomausstieg und die Energiewende zutrifft.
Julia Schmitz hat vor allem beeindruckt, dass Brandt schon als Bürgermeister in Berlin Briefe von Kindern bekam und diese beantwortet hat. Nachdem sie seine Briefwechsel und einige seiner Reden gelesen hat, hat sie den Eindruck gewonnen, dass sich Brandt „so klar ausdrücken konnte, dass jeder verstehen konnte, worum es geht.“ Heute hat sie bei politischen Reden den Eindruck, „dass viele Politiker um die Sache, um die es eigentlich geht, so herumreden, dass man am Ende gar nichts versteht.“ Mit Blick auf die Gewalt in Syrien hat Julia den Eindruck, „dass sich die meisten Menschen hier nur dafür interessieren, wie es ihnen in unserem Land geht“ und dass Deutschland derzeit keinen Politiker „mit einer weltweiten Ausstrahlung“ hat, wie sie einst Willy Brandt gehabt habe.
Dieser Beitrag erschien am 8. Oktober 2012 in der NRZ und am 9. Oktober 2012 in der WAZ
Mittwoch, 10. Oktober 2012
Zwischen Kirchturm und Minarett: Was Mülheimer Christen und Muslimen zum Thema Toleranz einfällt
Der 3. Oktober ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern auch der Tag der Moschee. Islamischen Gotteshäuser öffnen dann ihre Türen und laden Besucher aller Religionen zur Begegnung und zum Gespräch. Sie tun dies in einer Zeit, in der Schmähkarikaturen und Filme über den islamischen Propheten Mohammed in einigen arabischen Ländern für gewaltsame Proteste und (zuletzt in Nigeria) für islamistisch motivierte Übergriffe auf christliche Gemeinden sorgten. Vor diesem Hintergrund sprach ich für die NRZ mit Mülheimer Christen und Muslimen darüber, wie Toleranz im Alltag gelebt werden kann.
„Die Religionen müssen sich von ihren Dogmen freischwimmen. Wir müssen lernen, unsere Enttäuschung darüber, dass wir nicht eins sind, zu ertragen. Religionsfreiheit heißt auch, Widerspruch zu ertragen“, beschreibt Pastor Meinolf Demmel aus der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz die Voraussetzung für Toleranz. Er hat das Gefühl, dass die Nachbarschaft zwischen Christen und Muslimen oft auch „mit einer Portion pragmatischer Gleichgültigkeit eigentlich ganz gut funktioniert.“
Für Pfarrer Manfred von Schwartzenberg, aus St. Barbara kann Toleranz „als Lebenselexier des friedlichen Nebeneinanders, das nicht unbedingt ein Miteinander sein muss“ nur auf der Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stattfinden. Bildung und berufliche Integration könnten ein tolerantes Zusammenleben fördern. Die Interkulturelle Woche und gegenseitige Besuche in Kirchen und Moscheen sieht er als „schönes Beispiel für gelebte Toleranz.“ Mit Sorge sieht er aber die „radikalen Kräfte im Keller“ des Islams und die fehlende Religionsfreiheit für Christen in vielen islamisch dominierten Länderm.
Der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan, der seit fast 50 Jahren in Mülheim lebt, „wirbt für einen differenzierten Blick auf den Islam, der unsere kulturellen Unterschiede anerkennt und nicht immer das Negative in den Vordergrund stellt.“ Für ihn steht fest: „Terror hat keine Religion und dort, wo ein Machtanspruch ins Spiel kommt, wird Toleranz kaputt gemacht.“ Eraslan sieht Information und gegenseitiges Interesse als Fundament für gelebte Toleranz. Deren Grenzen würden durch unsere Verfassung gesetzt.
„Wir haben einen gemeinsamen Gott. Und Toleranz kann funktionieren, wenn wir aufeinander zugehen und miteinander sprechen und uns über die Gemeinsamkeiten unserer Religionen austauschen“, glaubt der Vorsitzende des Fatih-Moscheevereins, Ergün Öztürk. Dass das funktioniert, hat er bei christlich-muslimischen Begegnungen erlebt. Mit Blick auf die Mohammed-Karikaturen findet er es bedauerlich, dass sich Menschen auf Kosten einer Religion bekannt machen und bereichern. „Was Menschen heilig ist, sollte nicht verunstaltet werden“, findet er.
Für den Vorsitzenden des Integrationsrates, Enver Sen, darf es nicht nur um Toleranz gehen. Für ihn geht es „um Anerkennung und Akzeptanz.“ Sen erinnert daran, „dass auch Moses und Jesus als Propheten im Islam hoch geschätzt werden“ Toleranz entsteht für ihn dort, wo Christen und Muslime ihre Religion ernst nehmen und begreifen, „das Religion das Leben der Menschen organisieren und verbessern will.“
Für Georg Jöres von der katholischen Caritas bedeutet Toleranz, „den jeweils anderen so zu akzeptieren, wie er ist und auch seine Verletzbarkeiten zu kennen und deshalb bestimmte Grenzen nicht zu überschreiten.“ Toleranz erlebt er etwa in Styrumer Grundschulen, wo christliche und muslimische Kinder die Feste ihrer Religion gemeinsam feiern, ohne das irgend jemanden „religiöse Inhalte aufgepfroft werden oder ein Einheitsbrei angerührt würde.“
Der evangelische Pfarrer Michael Manz aus Heißen, erinnert daran, dass die Goldene Regel, wonach man seine Mitmenschen so behandeln solle, wie man selbst behandelt werden möchte, nicht von ungefähr in den heiligen Schriften von Christen, Muslimen und Juden zu finden sei. Er meint mit Blick auf die aktuelle Kontroverse: „Über Karikaturen muss man auch als Religionsgemeinschaft lachen können. Aber den Schmähfilm über Mohammed muss man sich nicht anschauen.“ Dass Toleranz in Mülheim funktioniert, sieht er an christlichen und muslimischen Kindern, die ganz selbstverständlich in seinen Schulgottesdiensten nebeneinander sitzen oder an einem christlich-muslimischen Paar, das er getraut hat. Nicht akzeptieren kann er aber, wenn in mehrheitlich muslimischen Ländern christliche Kirchen überfallen und geplündert werden.
Helmut Kämpgen, evangelischer Pfarrer in Eppinghofen, sieht das Hauptproblem darin, „dass die Extremisten medial stärker präsent sind, als die große Mehrheit der Menschen, die problemlos und tolerant miteinander leben.“ Er glaubt, „dass wir noch viel mehr miteinander machen müssen, um uns besser kennen zu lernen, weil wir aufeinander angewiesen sind und uns alle brauchen.“ Das Grundgesetz und die deutsche Sprache sind für ihn der Rahmen, in dem Toleranz gelebt wird „und soziale Entwicklungschancen entstehen können.
Ahmed Gassa von der Marokkanischen Gemeinde an der Aktienstraße meint: „Gott sei Dank haben wir in Mülheim keine Extremisten. Und Menschen, die wirklich Ahnung von ihrer Religion haben, haben kein Problem damit ihre christlichen oder jüdischen Nachbarn zu tolerieren. Denn wir treffen uns an vielen Punkten und haben einen Gott, der uns geschaffen hat.“ Als besonders toleranzfördernd empfindet er das Mülheimer Bündnis der Religionen und Begegnungen bei christlichen und muslimischen Festen oder in Kirchen, Moscheen und Synagogen.
Das Abrahamskonzert „Engel der Kulturen“ war für Stadtdechant Michael Janßen ein gutes Beispiel dafür, „dass sich Christen, Muslime und Juden in Mülheim auf den Weg gemacht haben, tolerant miteinander zu leben und im Gespräch zu bleiben.“ Der interreligiöse Dialog könne aber nur dann zur gelebten Toleranz führen, wenn jeder seine eigene Religion wirklich kenne. „Die Anerkennung des Grundgesetzes ist das A und O“, ist Janßen überzeugt und wünscht sich die dort garantierte Religionsfreiheit auch für Christen in allen mehrheitlich muslimischen Ländern.
Cafer Önen vom Styrumer ATIP-Moscheeverein ist sich mit Janßen einig, dass Fundamentalismus und Intoleranz für jede Religion eine Gefahr darstellen, die vor allem durch fehlende Bildung und mangelnde soziale Integration gefördert würden. „Jeder muss erst mal mit sich selbst ins Reine kommen“, beschreibt er die Voraussetzung für gelebte Toleranz. Intoleranz beginnt neginnt für ihn mit dem Gift der Verallgemeinerung. Önen ist davon überzeugt, dass mehr als 95 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime das Grundgesetz vorbehaltlos anerkennen. „Heute“, betont er, „leben 15 Millionen Muslime in Europa. Und damit gehört der Islam genau so zu unserem Kontinent wie das Christentum.“
Dieser Text erschien in der NRZ vom 3. Oktober 2012
„Die Religionen müssen sich von ihren Dogmen freischwimmen. Wir müssen lernen, unsere Enttäuschung darüber, dass wir nicht eins sind, zu ertragen. Religionsfreiheit heißt auch, Widerspruch zu ertragen“, beschreibt Pastor Meinolf Demmel aus der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz die Voraussetzung für Toleranz. Er hat das Gefühl, dass die Nachbarschaft zwischen Christen und Muslimen oft auch „mit einer Portion pragmatischer Gleichgültigkeit eigentlich ganz gut funktioniert.“
Für Pfarrer Manfred von Schwartzenberg, aus St. Barbara kann Toleranz „als Lebenselexier des friedlichen Nebeneinanders, das nicht unbedingt ein Miteinander sein muss“ nur auf der Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stattfinden. Bildung und berufliche Integration könnten ein tolerantes Zusammenleben fördern. Die Interkulturelle Woche und gegenseitige Besuche in Kirchen und Moscheen sieht er als „schönes Beispiel für gelebte Toleranz.“ Mit Sorge sieht er aber die „radikalen Kräfte im Keller“ des Islams und die fehlende Religionsfreiheit für Christen in vielen islamisch dominierten Länderm.
Der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan, der seit fast 50 Jahren in Mülheim lebt, „wirbt für einen differenzierten Blick auf den Islam, der unsere kulturellen Unterschiede anerkennt und nicht immer das Negative in den Vordergrund stellt.“ Für ihn steht fest: „Terror hat keine Religion und dort, wo ein Machtanspruch ins Spiel kommt, wird Toleranz kaputt gemacht.“ Eraslan sieht Information und gegenseitiges Interesse als Fundament für gelebte Toleranz. Deren Grenzen würden durch unsere Verfassung gesetzt.
„Wir haben einen gemeinsamen Gott. Und Toleranz kann funktionieren, wenn wir aufeinander zugehen und miteinander sprechen und uns über die Gemeinsamkeiten unserer Religionen austauschen“, glaubt der Vorsitzende des Fatih-Moscheevereins, Ergün Öztürk. Dass das funktioniert, hat er bei christlich-muslimischen Begegnungen erlebt. Mit Blick auf die Mohammed-Karikaturen findet er es bedauerlich, dass sich Menschen auf Kosten einer Religion bekannt machen und bereichern. „Was Menschen heilig ist, sollte nicht verunstaltet werden“, findet er.
Für den Vorsitzenden des Integrationsrates, Enver Sen, darf es nicht nur um Toleranz gehen. Für ihn geht es „um Anerkennung und Akzeptanz.“ Sen erinnert daran, „dass auch Moses und Jesus als Propheten im Islam hoch geschätzt werden“ Toleranz entsteht für ihn dort, wo Christen und Muslime ihre Religion ernst nehmen und begreifen, „das Religion das Leben der Menschen organisieren und verbessern will.“
Für Georg Jöres von der katholischen Caritas bedeutet Toleranz, „den jeweils anderen so zu akzeptieren, wie er ist und auch seine Verletzbarkeiten zu kennen und deshalb bestimmte Grenzen nicht zu überschreiten.“ Toleranz erlebt er etwa in Styrumer Grundschulen, wo christliche und muslimische Kinder die Feste ihrer Religion gemeinsam feiern, ohne das irgend jemanden „religiöse Inhalte aufgepfroft werden oder ein Einheitsbrei angerührt würde.“
Der evangelische Pfarrer Michael Manz aus Heißen, erinnert daran, dass die Goldene Regel, wonach man seine Mitmenschen so behandeln solle, wie man selbst behandelt werden möchte, nicht von ungefähr in den heiligen Schriften von Christen, Muslimen und Juden zu finden sei. Er meint mit Blick auf die aktuelle Kontroverse: „Über Karikaturen muss man auch als Religionsgemeinschaft lachen können. Aber den Schmähfilm über Mohammed muss man sich nicht anschauen.“ Dass Toleranz in Mülheim funktioniert, sieht er an christlichen und muslimischen Kindern, die ganz selbstverständlich in seinen Schulgottesdiensten nebeneinander sitzen oder an einem christlich-muslimischen Paar, das er getraut hat. Nicht akzeptieren kann er aber, wenn in mehrheitlich muslimischen Ländern christliche Kirchen überfallen und geplündert werden.
Helmut Kämpgen, evangelischer Pfarrer in Eppinghofen, sieht das Hauptproblem darin, „dass die Extremisten medial stärker präsent sind, als die große Mehrheit der Menschen, die problemlos und tolerant miteinander leben.“ Er glaubt, „dass wir noch viel mehr miteinander machen müssen, um uns besser kennen zu lernen, weil wir aufeinander angewiesen sind und uns alle brauchen.“ Das Grundgesetz und die deutsche Sprache sind für ihn der Rahmen, in dem Toleranz gelebt wird „und soziale Entwicklungschancen entstehen können.
Ahmed Gassa von der Marokkanischen Gemeinde an der Aktienstraße meint: „Gott sei Dank haben wir in Mülheim keine Extremisten. Und Menschen, die wirklich Ahnung von ihrer Religion haben, haben kein Problem damit ihre christlichen oder jüdischen Nachbarn zu tolerieren. Denn wir treffen uns an vielen Punkten und haben einen Gott, der uns geschaffen hat.“ Als besonders toleranzfördernd empfindet er das Mülheimer Bündnis der Religionen und Begegnungen bei christlichen und muslimischen Festen oder in Kirchen, Moscheen und Synagogen.
Das Abrahamskonzert „Engel der Kulturen“ war für Stadtdechant Michael Janßen ein gutes Beispiel dafür, „dass sich Christen, Muslime und Juden in Mülheim auf den Weg gemacht haben, tolerant miteinander zu leben und im Gespräch zu bleiben.“ Der interreligiöse Dialog könne aber nur dann zur gelebten Toleranz führen, wenn jeder seine eigene Religion wirklich kenne. „Die Anerkennung des Grundgesetzes ist das A und O“, ist Janßen überzeugt und wünscht sich die dort garantierte Religionsfreiheit auch für Christen in allen mehrheitlich muslimischen Ländern.
Cafer Önen vom Styrumer ATIP-Moscheeverein ist sich mit Janßen einig, dass Fundamentalismus und Intoleranz für jede Religion eine Gefahr darstellen, die vor allem durch fehlende Bildung und mangelnde soziale Integration gefördert würden. „Jeder muss erst mal mit sich selbst ins Reine kommen“, beschreibt er die Voraussetzung für gelebte Toleranz. Intoleranz beginnt neginnt für ihn mit dem Gift der Verallgemeinerung. Önen ist davon überzeugt, dass mehr als 95 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime das Grundgesetz vorbehaltlos anerkennen. „Heute“, betont er, „leben 15 Millionen Muslime in Europa. Und damit gehört der Islam genau so zu unserem Kontinent wie das Christentum.“
Dieser Text erschien in der NRZ vom 3. Oktober 2012
Dienstag, 9. Oktober 2012
Dorothea Bertz: Eine Frau mit Tatendrang und Froher Botschaft verstärkt das Pastoralteam der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt
In der katholischen Kirche gibt es keine Frauen im Priesteramt. Mit der neuen Gemeindereferentin Dorothea Bertz gibt es in der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt jetzt aber eine Seelsorgerin.
Die 55-Jährige, die mit ihrer Familie im Bereich der Holthauser Filialkirche Heilig Geist lebt, hat zuletzt zehn Jahre in der Diözesanstelle für geistliche Berufe und in der Informationsstelle des Bistums am Essener Dom gearbeitet. Zuvor war sie bereits als Gemeindereferentin einer Essener Gemeinde tätig.
Neben ihrer hauptberuflichen Erfahrung im kirchlichen Dienst, kann Bertz auch auf ein langjähriges ehrenamtliches Engagement in der Gemeindearbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern sowie im Pfarrgemeinderat zurückblicken.
Als Seelsorgerin in der Pfarrei St. Mariae Geburt, zu der auch die Gemeinde St. Joseph (Heißen) und neben Heilig Geist auch die Filialkirche St. Theresia auf der Heimaterde gehören, wird Bertz unter anderem für die Messdienerarbeit, für den Begräbnisdienst sowie für den Kommunionsunterricht, Krankenkommunion und Hausbesuche zuständig sein. „Ich möchte Menschen in Freud und Leid begleiten, indem ich ihnen meine Zeit und ein offenes Ohr gebe“, betont Bertz.
Bei ihrer Amtseinführung zitierte sie ihren Lieblingspapst Johannes XXIII, der vor 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet und damit eine Reform der katholischen Kirche eingeleitet hat, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Seine Worte: „Wer Glauben hat, der zittert nicht. Er überstürzt nicht die Ereignisse. Er ist nicht pessimistisch eingestellt. Glauben ist die Heiterkeit, die von Gott kommt“, versteht die Gemeindereferentin und Seelsorgerin als ihr geistliches Leitmotiv.
Auf die Frage nach einem Frauenpriestertum in ihrer Kirche sagt Bertz: „Ich werde noch Diakoninnen, aber wohl keine Priesterinnen erleben. Ich selbst brauche diese Weihen aber nicht, weil ich mich in meiner Kirche auch so als frei und eigenständig empfinde, um das zu tun, was mir wichtig ist, nämlich Menschen von Jesus und seiner Frohen Botschaft zu erzählen.“
Dorothea Bertz hat ihr Büro im Kirchenturm von St. Mariae Geburt an der Althofstraße 5, wo sie für die Menschen unter der Rufnummer 9413427 erreichbar ist. Dieser Text erschien am 3. Oktober 2012 in NRZ und WAZ
Die 55-Jährige, die mit ihrer Familie im Bereich der Holthauser Filialkirche Heilig Geist lebt, hat zuletzt zehn Jahre in der Diözesanstelle für geistliche Berufe und in der Informationsstelle des Bistums am Essener Dom gearbeitet. Zuvor war sie bereits als Gemeindereferentin einer Essener Gemeinde tätig.
Neben ihrer hauptberuflichen Erfahrung im kirchlichen Dienst, kann Bertz auch auf ein langjähriges ehrenamtliches Engagement in der Gemeindearbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern sowie im Pfarrgemeinderat zurückblicken.
Als Seelsorgerin in der Pfarrei St. Mariae Geburt, zu der auch die Gemeinde St. Joseph (Heißen) und neben Heilig Geist auch die Filialkirche St. Theresia auf der Heimaterde gehören, wird Bertz unter anderem für die Messdienerarbeit, für den Begräbnisdienst sowie für den Kommunionsunterricht, Krankenkommunion und Hausbesuche zuständig sein. „Ich möchte Menschen in Freud und Leid begleiten, indem ich ihnen meine Zeit und ein offenes Ohr gebe“, betont Bertz.
Bei ihrer Amtseinführung zitierte sie ihren Lieblingspapst Johannes XXIII, der vor 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet und damit eine Reform der katholischen Kirche eingeleitet hat, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Seine Worte: „Wer Glauben hat, der zittert nicht. Er überstürzt nicht die Ereignisse. Er ist nicht pessimistisch eingestellt. Glauben ist die Heiterkeit, die von Gott kommt“, versteht die Gemeindereferentin und Seelsorgerin als ihr geistliches Leitmotiv.
Auf die Frage nach einem Frauenpriestertum in ihrer Kirche sagt Bertz: „Ich werde noch Diakoninnen, aber wohl keine Priesterinnen erleben. Ich selbst brauche diese Weihen aber nicht, weil ich mich in meiner Kirche auch so als frei und eigenständig empfinde, um das zu tun, was mir wichtig ist, nämlich Menschen von Jesus und seiner Frohen Botschaft zu erzählen.“
Dorothea Bertz hat ihr Büro im Kirchenturm von St. Mariae Geburt an der Althofstraße 5, wo sie für die Menschen unter der Rufnummer 9413427 erreichbar ist. Dieser Text erschien am 3. Oktober 2012 in NRZ und WAZ
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