Montag, 7. Oktober 2013

Post aus Afrika: Wie und warum der Mülheimer Klaus Grütjen als Briefwähler seine Stimme für die Bundestagswahl in Burundi abgab

Echt bequem diese Briefwahl. Man wirft seinen Wahlbrief in den Briefkasten an der nächsten Ecke und ab geht die Post. Laut Wahlamt haben bis zum 17. September bereits 8700 Mülheimer von dieser zur Bundestagswahl 1957 eingeführten Möglichkeit der Stimmabgabe Gebrauch gemacht.

Einer von ihnen ist Klaus Grütjen. Doch der Mann konnte nicht so einfach seinen Wahlbrief in die Post geben. Denn der Mann aus Mülheim lebt und arbeitet zurzeit im afrikanischen Burundi D
as Auswärtige Amt schreibt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen über das gut 6500 Kilometer von Deutschland entfernte Land im Herzen Afrikas: 

„In Burundi besteht weiterhin die Gefahr terroristischer Anschläge. Besondere Vorsicht und Wachsamkeit ist deshalb beim Besuch von öffentlichen Einrichtungen mit potentiellem Symbolcharakter geboten. Es wird empfohlen, Menschenansammlungen (Märkte, Busbahnhöfe und Straßenbars) zu meiden und abendliche Ausgänge auf das Notwendige zu beschränken.“

Wie das Auswärtige Amt auf Nachfrage bestätigt, gehört Burundi zu den Ländern, in denen man nicht von einem geordneten Postverkehr ausgehen kann. Deshalb hat Klaus Grütjen seinen Wahlbrief bereits am 10. September in der deutschen Botschaft in der Hauptstadt Bujumbura dem deutschen Botschafter Bruno Brommer zu treuen Händen übergeben. Der gab ihn am 13. September dann auf den amtlichen Kurierweg, der das Auswärtige Amt in Berlin mit den deutschen Botschaften in aller Welt verbindet. Das bedeutet: An diesem Tag wurde Grütjens Wahlbrief im Postsack der Botschaft zum Flughafen gefahren und von dort aus nach Berlin geflogen. Dort wurde er von der Poststelle des Auswärtigen Amtes in den normalen deutschen Postverkehr gegeben. Das bedeutet: Per LKW wurde er mit allen anderen wahlbedingten und wahlunabhängigen Briefen in das für Mülheim zuständige regionale Briefzentrum nach Essen gebracht. Von dort aus trat der Wahlbrief aus Burundi  wieder per Lieferwagen seinen Weg zum Hauptpostfach der Stadt an. Und von der Hauptpost am Hauptbahnhof zum Wahlamt im Rathaus war es dann nur noch ein Katzensprung. Postsprecher Dieter Pietruck weist darauf hin, dass Wahlbriefe, die noch am kommenden Wahlwochenende im Essener Briefzentrum landen, von dort per Kurier direkt an die Wahlämter ausgeliefert werden.

Normale Briefe aus Afrika werden, laut Pietruck, über das internationale Briefzentrum in Frankfurt auf die 82 regionalen Briefzentren verteilt. Aus dem Vergleich der internationalen Brieflaufzeiten, in denenBurundi aber nicht aufgeführt wird, weiß er, dass Post aus Afrika, je nach Absenderland bis zu zehn Tage unterwegs sein kann, während 95 Prozent aller Briefe innerhalb Deutschlands innerhalb eines Tages ihr Ziel erreichten.
 
Wer ist eigentlich unser Mann in Burundi? Wie wir jetzt von Klaus Grütjen per E-Mail erfahren, lebt der Jurist und Verwaltungswissenschaftler, der sein Abitur am Gymnasium Broich gemacht hat, seit Februar 2013 mit seiner Frau Adji Rose in der burundischen Hauptstadt Bujumbura. Im Auftrag des belgischen Entwicklungshilfedienstes Belgischen Technischen Kooperation (CTB) berät er dort das Agrarwissenschaftliche Institut Burundis bei seiner Verwaltungs- und Organisationsreform.

Das 1962 unabhängig gewordene Burundi war bis zum Ersten Weltkrieg Teil von Deutsch-Ostafrika und wurde im Krieg von belgischen Truppen besetzt. Doch im Ersten Weltkrieg wurde die deutsche Kolonie von belgischen Truppen besetzt. Deshalb stellte der Völkerbund das Land nach der deutschen Kriegsniederlage von 1918 im östlichen Zentralafrika unter belgische Verwaltung. Durch diese gemeinsame Geschichte bestehen bis heute enge Beziehungen zu Belgien und Deutschland.

CTB-Mitarbeiter Grütjen hat durch seine Eltern und andere Verwandte, die in Mülheim leben, immer noch engen Kontakt zu seiner alten Heimatstadt.

Sein Wahlbrief aus Mülheim erreichte ihn auf dem Umweg seines Arbeitgebers in Brüssel mit der belgischen Diplomatenpost. Die Briefwahl in seiner alten Heimatstadt ist Grütjen wichtig, weil sie für ihn „nicht nur ein Ausdruck der weiterhin bestehenden Zugehörigkeit zur deutschen Gemeinschaft, sondern auch des Willens ist, im Rahmen unserer verfassungsmäßigen Ordnung den weiteren Weg Deutschlands mitzubestimmen.“ Morgen gibt es, wie Grütjen, schreibt in Bujumbura in einem Restaurant mit deutschem Fernsehempfang, eine von der deutschen Botschaft organisierte Wahlparty der aus etwa 170 Personen bestehenden kleinen aber dynamischen Gemeinschaft. Dort soll mit Wein von der Mosel auf das Wahlergebnis angestoßen werden.
 
Dieser Text erschien am 19. und 21. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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