Donnerstag, 10. Oktober 2013

Bekommt die Ortskirche Rückenwind aus Rom?

Er sagt Sätze, wie: „Die erste Reform muss die der Einstellung sein. Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen. Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker.“ oder: „Die Kirche hat sich manchmal in kleinen Dingen einschließen lassen, in kleinen Vorschriften. Diener dieser Kirche sollten aber vor allem Diener der Barmherzigkeit sein.“

Papst Franziskus lässt aufhorchen. Er umarmt Arbeitslose und wäscht Strafgefangenen die Füße. Er legt die Bilanzen der Vatikanbank offen und reformiert die Kurie. Er wohnt nicht im päpstlichen Palast, sondern im Gästehaus des Vatikans. Und statt eines goldenen trägt er ein eisernes Brustkreuz. In seinem Auftreten und Handeln verkörpert er eine bescheidene Kirche, die ihre theologische Selbstbezogenheit ablegt und sich als Dienstleisterin der Menschen begreift, vor allem der Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.

Inspiriert der Papst auch die Ortskirche und führt sein neuer Führungsstil zu einer Wiederannäherung an die Kirche? Mit Blick auf die Eintrittszahlen, (siehe Kasten) die immer noch erheblich geringer sind als die Austrittszahlen, wollen das Bistum und Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg noch keinen Franziskus-Effekt erkennen. „Es ist nicht auszuschließen, dass so ein Effekt eintreten könnte und ich würde mir das wünschen, aber das würde man dann frühestens in einigen Monaten ablesen können“, vermutet Schwartzenberg, der die Nordpfarrei St. Barbara leitet.

Auch Schwartzenbergs Amtsbruder Michael Clemens, der als Pastor die 5700 Seelen zählende Gemeinde St. Engelbert in Eppinghofen leitet, sieht derzeit noch keinen Franziskus-Effekt. Aber er stellt spürbare Veränderungen fest. „Wir haben als Katholische Kirche nach langer Zeit mal wieder ein positives Medienecho. Und auch Menschen, die sonst nicht viel mit Kirche zu tun haben, sind positiv überrascht und fragen interessiert nach“, schildert Clemens seine Eindrücke. Auch mit Blick auf die Bistumsleitung stellt Clemens in den letzten Monaten eine neue Offenheit für die Belange der Gemeinden fest. „Die Leute werden mehr mitgenommen und nicht mehr abgekanzelt. Der Bischof und das Generalvikariat haben erkannt, dass die Gemeinden die Keimzellen der Kirche sind, die es zu stärken gilt“, betont der Pastor.

Auch wenn der Geistliche weiß, dass die Zukunft seiner Gemeinde von den Menschen vor Ort entschieden wird, empfindet er das Pontifikat Franziskus’ „wie einen Besuch des heiligen Geistes und einen Funken, der in der Luft lag.“ Clemens hofft, dass dieser Funke auch auf resignierte Amtsbrüder überspringt, die ihr Priesteramt, manchmal, wie einen Beamtenjob ausüben. Apropos Beamter. Ganz ohne Bürokratie und Papierkrieg funktioniert auch der Kircheneintritt nicht.

Wer aus der Kirche austreten will, muss sich nur beim Amtsgericht abmelden. Wer in die Kirche eintreten will, muss nicht nur Formulare ausfüllen, um sich als Gemeindemitglied und als Kirchensteuerzahler bei seiner Kirche und beim Finanzamt zurück zu melden. Außerdem führt der Kircheneintritt immer über ein Gespräch mit dem Pfarrer der zuständigen Ortsgemeinde.

„Bei uns treten viele in der Ladenkirche an der Kaiserstraße ein und nicht in ihrer Gemeinde, weil sie das als anonymer empfinden“, erzählt der Pfarrer der evangelischen Friedenskirchengemeinde in Heißen-Heimaterde, Michael Manz.

Wie seine katholischen Amtsbrüder Clemens und Pater Josef Prinz von St. Mariä Himmelfahrt thematisiert Manz in diesen Gesprächen vor allem die Gründe, die zum Kirchenaustritt und zum Wiedereintritt geführt haben. So erfahren die Geistlichen auf der einen Seite von frustrierenden Erlebnissen mit kirchlichen Würdenträgern und kirchlichen Einrichtungen, aber auch von Wendepunkten im Leben, die den Wunsch geweckt haben, eine sozial engagierte und sinnstiftende Gemeinschaft, wie sie die christlichen Kirchen darstellen, auch als Gemeindemitglied und Kirchensteuerzahler wieder aktiv unterstützen zu wollen, um dazu zu gehören und Halt im Leben zu finden..

Auch wenn der Glauben bei den Wiederaufnahmegesprächen natürlich ein Thema ist, betonen Clemens, Prinz und Manz konfessionsübergreifend, dass sie keinen Kirchenneuling einem theologischen Examen unterziehen und seine Bibelfestigkeit überprüfen. Allerdings gehört das Sprechen des Glaubensbekenntnisses zum Wiederaufnahmeakt der katholischen Kirche.

Dieser Text erschien am 8. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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