Samstag, 5. Oktober 2013

Offen sein für die Vielfalt oder: Man sollte sich immer ein eigenes Bild machen statt Meinungen zu übernehmen: Ein Gespräch zur Interkulturellen Woche

Offen zu sein für Vielfalt. Dafür wirbt zurzeit der Integrationsrat mit einer Interkulturellen Woche. Doch oft hindern uns Vorurteile daran, offen für die Vielfalt einer Gesellschaft zu sein, die schon aufgrund des demografischen Wandels älter und bunter wird. Was könnte uns in diesem Sinne offener für Vielfalt und damit als Gesellschaft erfolgreicher machen? Darüber sprach ich jetzt mit der in Afghanistan geborenen Mathematik- und Biologie-Lehrerin Hosniya Aycicek (32) und der aus einer türkischen Arbeiterfamilie stammenden Fachkollegin Banu Gazioglu (35), die gemeinsam an der Willy-Brandt-Schule in Styrum unterrichten.

Frage: Die Sozialpsychologin Beate Küpper hat zu Beginn der Interkulturellen Woche eine Langzeituntersuchung zur „gruppenbezognen Menschenfeindlichkeit“ vorgestellt, die zeigt, dass es Menschen gibt, die dazu neigen, bestimmte Gruppen (etwa Zuwanderer, Behinderte, Homosexuelle oder Langzeitarbeitslose) abzuwerten, um ihren eigenen Status aufzuwerten, eigene vermeintliche Vorrechte zu verteidigen und sich der Auseinandersetzung mit bestimmten Probleme zu entziehen. Wie kommt es zu solchen Ausgrenzungstendenzen?

Aycicek: Ich glaube das hat immer mit der Angst vor Fremdem zu tun. Ich glaube, da hilft es nur, selbst offen auf andere zuzugehen.

Gazioglu: Es gibt natürlich auf der einen wie auf der anderen Seite immer wieder Menschen, die andere ausgrenzen oder sich selbst ausgrenzen. Aber denen kann man nur dazu raten, offener zu sein. Denn sobald man eigene Erfahrungen mit Menschen aus der Gruppe macht, vor der man vielleicht Angst hat, erledigen und widerlegen sich viele Vorurteile von selbst.

Frage: Hatten Sie selbst schon mal das Gefühl, in Ihrem Alltag auf Ihre Herkunft reduziert zu werden?

Aycicek: Ich habe das noch nie erlebt. Ich hatte hier noch nie das Gefühl, Ausländerin zu sein. Das hängt sich auch davon ab, wie man selbst auf Menschen zugeht. Aber ich hatte das Glück, auf Menschen zu treffen, die mir nie das Gefühl gegeben haben: Du bist anders.

Gazioglu: Dem kann ich mich anschließen. Ich bekomme im Gegenteil sogar Hochachtung von deutschen und türkischen Bekannten zu spüren, die es toll finden, dass ich als Mutter und Lehrerin Familie und Beruf unter einen Hut bekomme.

Frage: Sind Sie mit Ihrer Berufsbiografie auch Vorbild für Ihre Schüler?

Aycicek: Ich glaube schon, dass wir gerade für unsere Schüler mit Migrationshintergrund ein Vorbild dafür sein können, dass einem keine Schranken gesetzt werden, nur, weil man aus einem anderen Land kommt und das man sich in jedem Beruf etablieren kann, wenn man bereit ist, dafür etwas zu leisten.

Gazioglu: Die Schüler nehmen uns erst mal nur als Lehrer wahr, die sie untterrichten und ihnen sagen: Ihr müsst selbst was tun. Wenn ihr euch hinsetzt und gute Noten bekommt, könnt ihr auch weitermachen. Erst später kommt dann schon mal die Erkenntnis: Sie stammen auch aus einer türkischen Familie? Das ist ja gut. Vielleicht kann ich es dann später auch mal so weit bringen.

Frage: Erleben Sie als Pädagoginnen im Unterricht schon mal Ausgrenzungstendenzen?

Aycicek: Ich glaube, das ist normal, dass sich immer mal wieder Gruppen bilden, die sich bewusst voneinander abgrenzen und sich nicht so gut verstehen. Da muss man als Lehrerin dann auch drauf eingehen und zum Beispiel in einem Stuhlkreis mit der ganzen Klasse darüber sprechen, dass es normal ist, wenn man jemanden nicht mag. Das es aber darauf ankommt, mit dem anderen im Gespräch zu bleiben und ihm zumindest Respekt entgegenzubringen.

Gazioglu: Diesen Respekt müssen Schüler nicht nur im Elternhaus, sondern auch vonseiten der Lehrer erfahren, wenn sie erleben, dass man sie respektiert und ihre Bedürfnisse wahrnimmt, auch wenn man sie nicht immer und in jedem Fall in den Vordergrund stellen kann.

Frage: Ab wann werden Zuwanderern zu Mitbürgern, über deren Integration wir nicht mehr diskutieren brauchen?

Aycicek: Das kann man nicht allgemein beantworten. Jeder Zuwanderer hat seine eigene Geschichte. Ich hatte das Glück, schon mit neun Jahren nach Deutschland zu kommen und die Sprache nach einem Jahr recht gut zu beherrschen. Aber es gibt auch Fälle, wo das nach 20 oder 30 Jahren noch nicht der Fall ist. Das hängt immer auch vom jeweiligen Bildungsstand und von der individuellen Bereitschaft ab, etwas neues dazuzulernen.

Gazioglu: Das hängt von der jeweiligen Lebensgeschichte ab und welche Ziele jemand hat Mein Mann hat zum Beispiel erst in der Türkei und dann in Deutschland Maschinenbau studiert. Anschließend hat er sich noch entschieden, ein Referendariat zu machen und als Lehrer zu arbeiten.

Frage: Was beugt in Ihren Augen Vorurteilen am besten vor?

Gazioglu: Man sollte sich immer die jeweilige Person anschauen und immer daran denken, dass niemand eine 0815-Schablone, sondern immer eine Persönlichkeit mit eigener Geschichte ist.

Aycicek: Man sollte sich immer ein eigenes Bild machen und nicht einfach Meinungen übernehmen, die zum Beispiel in den Medien transportiert werden und uns beeinflussen. Aber das kostet Zeit und Energie

Frage: Reden wir am Ende zu viel über die Integration bestimmter Gruppen und behindern sie damit eher als sie zu befördern?

Aycicek: Man muss natürlich über bestimmte Probleme sprechen Aber man darf über bestimmte Dinge auch nicht zu viel reden, weil man sie dann manchmal auch schlimmer als besser macht, in dem Sinne dass man Themen so lange ausschlachtet, bis nichts mehr da ist.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft unserer bunter werdenden Stadtgesellschaft?

Gazioglu: Das Reden und Zuhören wird in der multikulturellen Gesellschaft das A und O sein. Dazu kann auch eine Interkultutrelle Woche beitragen.

Aycicek: Es wird darauf ankommen, dass wir uns mehr füreinander öffnen und uns nicht verschließen. Denn jede positive oder negative Aktion wird wieder eine entsprechende Reaktion hervorrufen. Wir müssen lernen, im anderen jeweils den Menschen zu sehen, dem wir das zugestehen, was wir uns für uns selbst wünschen.

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