Sonntag, 4. Juli 2021

Kultur als Lebensmittel

 "Kultur und Literatur sind der Regenschirm, der uns vor der Scheiße des Lebens schützt!" So hat es der Literaturkritiker Dennis Scheck keck, aber korrekt formuliert. Tatsächlich werden wir uns im Rückblick auf unser Leben eher an Begegnungen und inspirierende Kulturerlebnisse erinnern, denn an Überstunden, Lohnabrechnungen und Kontoauszüge.

Früh übt sich deshalb auch der Literaturgenuss, den nicht nur die Leiterin der Jugendstadtbibliothek, Elke Hoffmann, zurecht "als Kino im Kopf", bezeichnet, "das uns mit unserer Phantasie in andere Welten abtauchen lässt." Gut also, dass die im Medienhaus am Synagogenplatz und in vier Stadtteil- und Schulbüchereien ansässige Stadtbibliothek, auch im zweiten Corona-Jahr nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch ihre Eltern- und Großeltern zum generationsübergreifenden Lesen verführt und mit finanzieller Hilfe ihres Förderers Westenergie die kleinen und großen Leseratten mit einem Überraschungsgeschenk belohnen kann.

Energie fürs Leben

Es stimmt, wenn die Kommunalbetreuerin der Westenergie, Simone Kastner-Zens,  bei der Vorstellung des inzwischen sechsten Sommerleseclubs das Lesen und die damit verbundene Bildung "als eine der wichtigsten Energien unserer Gesellschaft" charakterisiert.

Energie im Sinne eines nachweislich gesundheitsfördernden Lachens gibt uns auch das 1990 von Volkmar Spira ins Leben gerufene und heute von Michael Bohn geleitete Backsteintheater des Evangelischen Krankenhauses, wenn es jetzt am 3. und 4. Juli-Wochenende seine freche und fröhliche Komödie "Ewig Jung" auf die Bretter bringt, die die Welt bedeuten. Diese Bretter befinden sich in diesen Corona-Zeit aber nicht im Kasino-Theater des Evangelischen Krankenhauses, sondern in der Freilichtbühne an der Dimbeck.

Mit Theater fing alles an

Vor 85 Jahren wurde die im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme errichtete Freilichtbühne, die ursprünglich eine Müllkippe werden sollte, auch mit einem Theaterstück, Shakespeares "Sommernachtstraum", eröffnet. Die Kooperation zwischen der Regler-Produktion, die die Freilichtbühne seit 2014 mit ihren Netzwerkpartnern betreibt und dem Backsteintheater ist ein Gewinn für alle Beteiligten, zu denen auch das Publikum gehört. Michael Bohn spricht in diesem Zusammenhang von "Aufbruchstimmung".

Ironie der Corona-Geschichte. Aufgrund der Hygieneregeln können pro Vorstellung nur 200 Zuschauer das Theatervergnügen, Marke Backstein, in der Freilichtbühne genießen. Das sind genauso viele Zuschauer, wie sonst im Kasino des Evangelischen Krankenhauses Platz finden. Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.reglerproduktion.de und unter: www.backsteintheater.de


Mülheimer Woche im Juni & Juli 2021

Samstag, 3. Juli 2021

Beispielhaftes Bauen und Planen

Im Rahmen meiner Berichterstattung für den Niederrheinanzeiger konnte ich jetzt in Dinslaken ein gutes Beispiel für klimaangepasstes Planen und Bauen kennenlernen. Die Stadt will das 150.000 Quadratmeter große Areal der 1954 eröffneten Trabrennbahn ab 2022 als Wohnquartier umwidmen. Der Rat hat die Verwaltung 2018 auf den Grundsatz der klimaangepassten Stadtplanung verpflichtet.

In diesem Sinne wird die Planung des künftigen Wohnquartiers auf der ehemaligen Trabrennbahn im Rahmen eines digitalen Bürgerbeteiligungsverfahren mithilfe der Internetseite: www.zukunft-trabrennbahn.de sowie mithilfe von Video-Workshops rund um die Themen: Mobilität, Energie und Klimaschutzvorangetrieben. Bürger können auf diesen Plattformen ihre Ideen für die Planung des künftigen Wohnquartiers einbringen können. Der gesamte Planungsprozess wird von externen Fachbüros begleitet und mit deren Know-How, etwa mit dem Errechnen von Kaltluftströmungsmodellen gespeist.

Diskutiert wird zum Beispiel, wie man im Wohnquartier CO2-arme Mobilität und Energieversorgung organisieren und die neue Siedlung vor dem Hintergrund des Klimawandels und seiner extremen Wetterlagen wetterfest machen kann.


Konkret soll das zum Beispiel nur die Einplanung von Grün- und Freiflächen sowie von zentralen Parkplätzen am Rande des Quartiers sowie dessen optimale Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und an das regionale Radwegenetz erreicht werden. Über die Anbindung an Car-Sharing-Systeme wird ebenso nachgedacht, wie über erneuerbare u nd dezentrale Energieträger, die Nutzung der Geothermie und des Grubenabwassers der ehemaligen Zeche Lohberg. Eine defensive und verdichtete Bauweise soll Freiflächen schaffen, um die Lebensqualität im Wohnquartier durch Kaltlufträume und Regenrückhalteflächen zu erhöhen. Das Ziel ist eine angemessene lokale Antwort auf das globale Problem des Klimawandels, um die Erderwärmung im Geist des Pariser Klimaabkommens  auf maximal 2 Grad Celsius zu begrenzen und damit der Entstehung von sommerlichen urbanen Hitzeinseln entgegenzuwirken. Die jüngste Hitzewelle im Nordwesten Kanadas mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius machen die Notwendigkeit einer klimaangepassten Stadt- und Bauplanung deutlich.


LK/NRA, Juni 2021  

Freitag, 2. Juli 2021

Wie fair ist der Verkehr?

 2020 sind auf Deutschlands Straßen 2724 Menschen ums Leben gekommen. Auch wenn das, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes  10,6 Prozent weniger Verkehrstote waren, als im Jahr zuvor, ist diese Zahl für die Verkehrswacht alarmierend genug, um für die Verkehrssicherheit auf die Straße zu gehen. Auch die von Prof. Dr. Gunter Zimmermeyer geführte Ortsgruppe war beim bundesweiten Aktionstag am 19. Juni mit von der Partie. Besonders wichtig war Zimmermeyer, der Hinweis, dass in Mülheim die Zahl der im Straßenverkehr verunglückten Fußgänger und Radfahrer angestiegen ist.

Folgt man der Mülheimer Verkehrsunfallstatistik der Polizei für die Jahre 2019/2020, so ist die Zahl der Verkehrsunfälle von 6155 auf 5090 gesunken. Die Zahl der Verletzten sank von 478 auf 453. Die Zahl der Verkehrstoten blieb mit jeweils einer Person gleich. Allerdings stieg die Zahl der Schwerverletzten von 76 auf 91, die Zahl der verunglückten Fußgänger von 76 auf 79 und die Zahl der verunglückten Fahrradfahrer von 109 auf 133.

Auf dem Kurt-Schumacher-Platz bot die Verkehrswacht, am 19. Juni zusammen mit den beiden Polizeibeamtinnen Mandy Kaiser und Ruth Krobok auf einem mobilen Parcours ein Rollatortraining sowie Hör- und Sehtestes für motorisierte Verkehrsteilnehmer an. Allein zwischen 10 und 12 Uhr nutzten 16 Passanten dieses Test-Angebot. Kaiser und ihre Kollegin nutzten auch die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass ihr Kollege Hans-Joachim Ruhl von Polizei Essen-Mülheim ein aufsuchendes Rollator- und Mobilitätstraining für Senioren anbietet. Ruhl ist bei der Polizeidienststelle an der Von-Bockstraße 50 unter der Telefonnummer: 0201-829-4137 oder per E-Mail an: vupo@polizei.nrw.de erreichbar.

Regelmäßig testen lassen

Vor allem ältere Autofahrer mit einer langen Fahrpraxis unterschätzen die Beeinträchtigung ihrer Reaktionsfähigkeit, wenn Seh- und Hörkraft altersbedingt nachlassen. "Für mich war der Rillenteil des Parcours die größte Herausforderung. Ich habe hier wirklich wertvolle Tipps bekommen, wie man seinen Rollator so lenken, anheben und abbremsen kann, um auf jedem Untergrund stabil auf den Beinen zu bleiben", sagte Jürgen Rosendahl nach seinem Rollatortraining. "Ich komme mit dem Auto in die Stadt und fahre dann mit dem Rollator im Aufzug aus der Tiefgarage. Den Rollator brauche ich vor allem für mein Kreuz, damit ich mich während meines Stadtbummels immer wieder hinsetzen kann", beschreibt Rosendahl seinen persönlichen Mobilitätsmix.

Auch Arno Klare, SPD-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Verkehrsausschuss des Parlaments, schaute am Kurt-Schumacher-Platz vorbei. Im Gespräch mit dem Verkehrswächter Zimmermeyer wird schnell klar: "Mülheim ist bei der Radwegen auf einem guten Weg, aber noch weit entfernt von einer Verkehrswende mit einem sicheren Verkehrsradwegenetz, die das Klima und alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen schützt und sicher ans Ziel bringt."

Beispiel Niederlande

"Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, hin zu mehr gegenseitige Rücksichtnahme auf unseren Straßen", sind sich Zimmermeyer und Klare einig. Klare hat in den Niederlanden selbst erfahren, wie autofreie Innenstädte und Fahrradstraßen mit einer Grünen Welle für Radfahrer eine umwelt- und menschenfreundliche Verkehrswende voranbringen kann." Zimmermeyer macht klar: "Wir wollen niemandem das Autofahren verbieten oder alle Menschen aufs Fahrrad zwingen, aber wir brauchen einen gleichberechtigten Mobilitätsmix und einen Straßenverkehr, in dem alle Verkehrsteilnehmer nicht nur auf sich, sondern auch auf die anderen Verkehrsteilnehmer achten." Um sichere und rücksichtsvolle Mobilität in einem geschützten Raum trainieren zu können, plädiert Gunter Zimmermann für einen Verkehrsübungsplatz, der dem Mobilitätsmix und Mobilitätsbedarf einer 172.000-Einwohner-Stadt entspricht.

Das sieht der auch im Verein Fuss e.V. für die Mobilitätsrechte von Fußgängern kämpfende Verkehrswächter Wolfgang Packmohr so. "Wir bekommen die Verkehrswende nur hin, wenn wir allen Verkehrsteilnehmern einen eigenen, geschützten Öffentlichen Raum einräumen, in dem sie sich gut, gerne und sicher bewegen können. Doch das wird nur funktionieren, wenn wir dem dominierenden Autoverkehr etwas Platz wegnehmen", unterstreicht Packmohr.

Mit den jungen Verkehrswächtern André Romahn und Alina Migecheva besetzte er am Tag der Verkehrssicherheit den zweiten Infostand, den die Verkehrswacht auf dem Radruhrschnellweg aufgebaut hatte, um zum Beispiel für das Tragen eines Fahrradhelms und ein E-Bike-Training zu werben. "Wie konnten heute einige Fahrradhelme an die Frau und den Mann bringen. Aber leider tragen immer noch viele Radfahrer, die auf dem Radruhrschnellweg unterwegs sind, keinen Helm, auch wenn sie sich einsichtig zeigen, sobald man sie auf dieses Sicherheitsdefizit anspricht", berichtet André Romahn. Für seine an diesem Samstag auf dem Kurt-Schumacher-Platz aktive Kollegin Susanne Kluge ist die fast 100 Mitglieder zählende "heute wichtiger denn je, um Verkehrsteilnehmern aller Generationen zu vermitteln, wie sie in unserer Stadt sicher und rücksichtsvoll mobil sein können."

Halbherzige Verkehrswende

Wie halbherzig die Stadt ihre neue umwelt- und menschenfreundlichere Mobilitätsinfrastruktur aufbaut, kann man an einigen, alles andere als leicht begeh- und befahrbaren Zugängen zum Radschnellweg und an einem Aufzug sehen, der für ein Lastenrad zu klein und zu allem Überfluss oft auch defekt ist. Dann müssen Radfahrer ihr Rad über eine Metalltreppe auf den Radruhrschnellweg hieven.

Ein anderes Beispiel für die gut gemeinte, aber oft nicht gut gemachte Verkehrswende ist auch die am Kahlenberg besonders enge Mendener Straße, die mit rotweißen Baken zur Fahrradstraße gemacht worden ist, ohne den motorisierten Verkehr von der für alle Verkehrsteilnehmer zu schmalen Straße zu nehmen. So kommen sich Auto,- Bus- und Radfahrer bei Ausweich- und Einfädelungsmanövern immer wieder gefährlich nahe und in die Quere. "Um wirklich sicher zu sein, müssen Geh- und Fahrwege mindestens jeweils 2,50 Meter breit sein", sagt Wolfgang Packmohr, der als pensionierter Polizeibeamter heute an der NRW-Hochschule für Polizei und Verwaltung Verkehrs- und Einsatzlehre unterrichtet.

Auch in der Innenstadt sieht der Packmohr einen kontraproduktiven Mobilitätsmix, der allen schadet und niemanden nutzt. Er erinnert uns daran: "Als Touristen fühlen wir uns doch auch in den Städten am wohlsten, in denen wir ungestört und sicher fußläufig unterwegs sein oder in ein Café oder Restaurant einkehren können. Das schafft Lebens- und Aufenthaltsqualität. Es müssen sich nicht alle Verkehrsteilnehmer überall in die Quere kommen. Einige 100 Meter zu Fuß zum nächsten Parkplatz oder zur nächsten Haltestelle zu gehen, ist doch für niemanden ein Problem."

Weiterführende Informationen zum Thema bieten die Internetseiten: www.verkehrswacht-muelheim.de, www.essen.polizei.nrw.de und: www.fuss-ev.de


MW/LK, 20.06.2021

Sonntag, 27. Juni 2021

Bibliotheken bleiben

 In Zeiten leerer Kassen sind gute Nachrichten aus dem Rathaus selten. Doch am 17. Juni konnte genau so eine Nachricht verkündet werden. Die vier Stadtteilbüchereien, die dem Spardiktat zum Opfer fallen sollten, bleiben erhalten und sollen Teil von Familien-Grundschulzentren werden, in deren Rahmen sie mit acht Grundschulen kooperieren werden. Die Stadt hat einen entsprechenden, von der Bezirksregierung unterstützten Förderantrag beim Land gestellt.

Die erfreuliche Wende im Bibliotheken-Streit zwischen Rat, Verwaltung und der im März neu gegründeten Stadtelternpflegschaft der Mülheimer Grundschulen konnte durch Verhandlungen erreicht werden, in die neben der Stadtelternpflegschaft und dem Verwaltungsvorstand auch die Ratsfraktionen eingebunden waren.

Aufbau von Familien-Grundschul-Zentren mithilfe des Landes

Der jetzt gefundene Kompromiss sieht vor, dass in jeder Stadtteilbibliothek eine Vollzeit-Fachkraftstelle erhalten bleibt, die vom pädagogischen Personal der Caritas und der Diakonie im Rahmen des Offenen Ganztags unterstützt wird. So sollen die Stadtteilbibliotheken in Zusammenarbeit mit den acht Grundschulfamilienzentren, verstärkt als Kommunikations,- Begegnungs,- Lern- und Unterstützungsorte in die Stadtteile hineinwirken. Bei den zunächst acht Grundschulen, die Teil eines Familien-Grundschul-Zentrums werden sollen, handelt es sich um die Grundschulen GGS Styrum, GGS Dichterviertel, Brüder-Grimm-Schule, Martin-von-Tours-Schule, GGS Zunftmeisterstraße und Astrid Lindgren-Schule, Erich Kästner-Schule und GGS Filchnerstraße. Im Zuge der jetzt beantragten Landesfördrung könnten für jeden dieser Grundschulstandorte eine halbe Stelle und jeweils 8000 Euro Sachkosten finanziert werden.

Finanzpolitisch bedeutet der Kompromiss, der dem Rat am 1. Juli zur Abstimmung vorgelegt wird, dass im Bereich Stadtbibliothek jährlich nur 300.000 Euro statt der ursprünglich geplanten 400.000 Euro eingespart werden. "Die verbleibenden 100.000 Euro müssen jetzt im Gesamtkonzern Stadt eingespart werden", erklärt Stadtkämmerer Frank Mendack. Er bedankt sich bei der Vorsitzenden der Stadtelternpflegschaft der Grundschulen, Julia Othlinghaus und ihren Stellvertretern Frank Elberzhagen und Daniel Steinbring "für ihr bei den Verhandlungen gezeigtes Verständnis für die finanzpolitischen Einsparungsziele, die die Stadt bis 2023 im Rahmen des NRW-Stabilisierungspaktes Kommunalfinanzen erreichen muss."

Hohe Lernkurve für alle Beteiligten

Die Vertreter der Stadtelternschaft, die nach dem Bekanntwerden der geplanten Bibliotheksschließungen ein Bürgerbegehren auf denWeg gebracht hatten, bedankten sich ihrerseits bei ihren Gesprächspartnern aus Rat und Verwaltung "für offene Ohren und eine fruchtbare Kommunikation, die bei ihnen in Sachen kommunaler Finanzpolitik für eine hohe Lernkurve gesorgt" habe.

Oberbürgermeister Marc Buchholz und der Beigeordnete Peter Vermeulen zeigten sich zufrieden darüber, "das aus einer Krise und einer Konfrontation jetzt eine echte Chance geworden ist." In diesem Zusammenhang machte OB Buchholz noch einmal deutlich, dass die angestrebten Personalkürzungen zur Entlastung des Stadthaushaltes nicht durch betriebsbedingte Kündigungen, sondern durch die Nicht-Besetzung von Stellen erreicht werden, die durch die Pensionierung der bisherigen Stelleninhaber freiwerden. 

Derweil haben die Vorstände der Stadtelternpflegschaft der Mülheimer Grundschulen die Einleitung ihres Bürgerbegehren gestoppt und zugesagt, um Mitglieder für den Freundeskreis der Stadtbibliothek zu werben, der die Stadtbibliothek finanziell unterstützt. Außerdem hoffen Julia Othlinghaus, Frank Elberzhagen und Daniel Steinbring, dass sie auch in ihrer künftigen Arbeit für die Mülheimer Grundschulen auf einen konstruktiven Dialog mit Rat und Verwaltung bauen können.


Mülheimer Woche, 18.06.2021

Mittwoch, 23. Juni 2021

In Memoriam: Dr. Hildegunde Nuth

 Hildegunde Nuth war innerhalb der Dozentenschaft der Heinrich-Thöne-Volkshochschule eine Institution. Sie gehörte zu den ersten Nachkriegslehrenden, als die VHS noch dezentral in Mülheimer Schulen, ihre Kurse abhielt. Über 50 Jahre hat sie dort Mülheimern die englische Sprache vermittelt. Auch im katholischen Bildungswerk auf dem Kirchenhügel war sie als Englisch-Dozentin gefragt. Hauptberuflich verdiente die aus Ostfriesland stammende Hildegunde Nuth ihren Lebensunterhalt als kaufmännische Angestellte und Fremdsprachenkorrespondentin bei Klöckner.

Sie lebte das lebenslange Lernen. Im Rentenalter studierte sie An glistik an der Universität Duisburg-Essen und wurde dort mit einer Dissertation zur deutsch-britischen Wirtschaftsgeschichte promoviert. 2019 engagierte sie sich im Rahmen eines am Ende erfolgreichen Bürgerbegehrens für den Erhalt der VHS an der Bergstraße. Dort hatte die Heinrich-Thöne-Volkshochschule 1979 ein eigenes Haus der Erwachsenenbildung und ihren heutigen Namen erhalten.

Hildegunde Nuth wäre am 10. Mai 2021 100 Jahre alt geworden. Doch sie starb, acht Tage vor ihrem runden Geburtstag im Franziskushaus an der Ruhr. Dort hat sie letzten Lebensmonate verbracht, nachdem sie zuvor über Jahrzehnte am Broicher Ruhrufer gewohnt hatte.

Ein echter Kumpel

Nach Hans Meinolf erhält der langjährige Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie und Leder (IGBCE), Willi Bruckhoff, als zweiter Mülheimer die Hans-Böckler-Medaille des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Mit der höchsten DGB-Auszeichnung wird das jahrzehntelange Engagement des heute 84-jährigen Gewerkschafters geehrt. Die Auszeichnung wird am 2. Juli im Saal des Bürgergartens verliehen.

„Komm mir gar nicht nach Hause, ehe du dich hast organisieren lassen.“ Diese Mahnung bekam Willi Bruckhof als Dreizehnjähriger von seinem Großvater Johann mit auf den Arbeitsweg zu seinem ersten Tag unter Tage. Die Mahnung kam nicht von ungefähr. Denn Johann Bruckhoff hatte zu den Organisatoren des Bergarbeiterstreiks von 1889 gehört. Damals mussten die Kumpel an der Ruhr noch für die Legalisierung ihrer Gewerkschaft, ihres Mai-Feiertages und für die Einführung des Achtstundentages kämpfen. Streikende wurden damals  mit der Entlassung bedroht. „Bevor ich meine erste Arbeitnehmernummer als Bergmann auf der Zeche Rose blumendelle, hatte ich meine Mitgliedsnummer bei der Industriegewerkschaft Bergbau“, erinnert sich Bruckhoff. Wie sein Großvater Johann und sein Vater Wilhelm, wurde Willi Bruckhoff gleich nach dem Abschluss der Volksschule zum Kumpel. „Ich bin am 1. April 1948 zu meiner ersten Schicht auf Rosenblumendelle angefahren und im Juli 1948 14 Jahre alt geworden. Ab diesem Zeitpunkt musste ich die volle 8-Stunden-Schicht unter Tage arbeiten“, berichtet Bruckhoff.

Hans Böckler, den ersten DGB Vorsitzenden, hatte Bruckhoff 1946 bei einer Gewerkschaftsveranstaltung im Essener Ruhrkohle Haus kennengelernt. „Ich hab sein Gesicht noch genau vor Augen, aber ich habe damals als kleiner Knirps nicht mit ihm geredet“, erinnert sich der Bergmann aus Winkhausen.

Bruckhoff, für den die Bezeichnung Kumpel ich nur eine Berufsbezeichnung, sondern eine Lebensaufgabe wurde, hat Solidarität erfahren und gelebt. In den 1950er Jahren konnte er miterleben, wie die Gewerkschaften die betriebliche Mitbestimmung und den arbeitsfreien Samstag durchsetzen. Am Beginn seines Berufslebens hatte die Arbeitswoche noch 48 Stunden und nur der Sonntag war arbeitsfrei. Erst 1957 konnte der DGB mit der Parole „Samstags gehört Vati mir“ den arbeitsfreien Samstag erkämpfen.

„Damals gab es in Mülheim 10 Ortsgruppen der IG Bergbau, die alle mehr als 1000 Mitglieder hatten“, erinnert sich Bruckhoff an den gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Wirtschaftswunder-Jahre. Er selbst wurde als Betriebsrat und ab 1962 auch als Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes für seine Kollegen aktiv. Über die Gewerkschaften kam er 1965 zur Sozialdemokratie, für die er von 1974 bis 1989 in der Bezirksvertretung 2 (Rechts-Ruhr Nord) mitarbeitete. Sich für die Belange seiner Kollegen und Nachbarn einzusetzen, das war und ist das Lebenselixier des Willi Bruckhoff.

Er lässt keinen Zweifel daran, dass er mit der digitalen Kommunikationswirklichkeit 2021 hadert. „Die Leute wollen persönlich angesprochen werden. sie wollen persönlich betreut werden. Ich habe immer Wert darauf gelegt, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ein offenes Ohr für ihre Sorgen zu haben und ihnen zu ihren Ehrentagen ein kleines Präsent zu überreichen Nur so kann man die Leute für die Gewerkschaft gewinnen und bei der Stange halten“, ist Bruckhoff überzeugt. Es bereitet ihm Schmerzen, dass diese Basis- und Kommunikationsarbeit von jungen Gewerkschafts- und Parteigenossen kaum noch geleistet werden will. Aber für ihn steht fest, „dass wir als Gewerkschaften und als Sozialdemokratie nichts gewinnen können, wenn wir nicht wieder rausgehen und auf die Leute zugehen und mit ihnen darüber ins Gespräch kommen, wo sie der Schuh drückt.“

Beim sozialdemokratischen Bundesarbeitsminister Hubertus Heyl sieht Bruckhoff gute Ansätze, beklagt aber, „dass er das, was er für die Arbeitnehmer erreicht, nicht wirklich offensiv und öffentlichkeitswirksam genug vertritt.“ Gewerkschaftern und Sozialdemokraten rät Bruckhoff zu einer konsequenten zwischenmenschlichen 1:1- Kommunikation, um den Kontakt zur Basis zurückzugewinnen und für die Belange der Arbeitnehmer und Bürger politisch mobilisieren zu können.

Dabei erinnert sich der designierte Träger der Hans-Böckler-Medaille daran, dass auch die frühen Gewerkschaftsjahre, in denen der Mülheimer DGB noch von Heinrich Melzer (1890-1967) geführt wurde, kein Zuckerschlecken waren. Immer wieder musste um gerechten Lohn, Mitbestimmung, Arbeitszeit und Arbeitsschutz gekämpft werden. „Nichts kommt von allein wir dürfen nicht erwarten, dass andere uns helfen. Wir müssen uns selber helfen“, sagt Bruckhoff.

Kritisch sieht er die Individualisierung und Entsolidarisierung unserer Gesellschaft. Dass es heute Menschen gibt, für die Gewerkschaft, Sozialdemokratie und Betriebsrat Schimpfworte sind, kann er nicht nachvollziehen. „Die jungen Leute müssen einsehen, dass sie nicht nur Rechte haben, sondern auch für ihre Rechte kämpfen müssen, um sie zu erhalten oder auszubauen“, unterstreicht Bruckhoff.

Er hat den Strukturwandel am eigenen Leibe erfahren. Nachdem 1966 mit Schließung der Zeche Rosenblumendelle für den Bergbau in Mülheim Schicht im Schacht war, arbeitete er noch fast zwei Jahrzehnte als Bergmann auf Essener Zechen, zuletzt auf der Zeche Zollverein, die heute als Weltkulturerbe der UNESCO zur Ikone des Ruhrgebietes geworden ist.

Solidarität beginnt für Willi Bruckhoff nicht erst beim Gewerkschaftsmitglied, sondern auch schon in der Nachbarschaft. „Die Menschen haben früher mit ihren Nachbarn öfter zusammengesessen, sich unterhalten, gemeinsam gefeiert und gemeinsam angepackt. Das brauchen wir wieder, aber davon ist viel kaputt gegangen“ sagt Bruckhoff.

Wie Integration gelingen kann,, hat er als Betriebsrat und Bergbau- Ausbilder ab 1960 auf Rosenblumendelle vorexerzierte. „Damals kamen die ersten türkischen Kumpel zu uns. Ich habe anfangs bei ihnen im Ledigenheim an der Rosendeller Straße übernachtet, um sie mit dem deutschen Arbeitsleben unter und übertage vertraut zu machen. Später habe ich die Kollegen auch nach Hause eingeladen, um unsere Kameradschaft zu stärken. Das hat sich ausgezahlt. Wir haben bis zum Schluss ein gutes Verhältnis gehabt und ich werde heute noch von vielen türkischen Kollegen gegrüßt, wenn sie mich in der Stadt sehen“, berichtet Bruckhoff. „Wenn man die Menschen gut behandelt, bekommt man auch viel Gutes von ihnen zurück“, beschreibt Bruckhoff eine seiner wichtigsten Lebenserfahrungen. Auch wenn die letzte Zeche in Mülheim lange geschlossen ist, pflegt er in seinem Haus in Winkhausen mit einem Garten eine alte Kumpel-Tradition. „Heute will keiner mehr einen Garten haben, aber damals war der Garten hinterm Haus für die Kumpel lebenswichtig. Alle Kollegen haben Kartoffeln, Salat Kohlrabi und Möhren angepflanzt. Viele haben auch ein Schwein oder eine Ziege gehalten, so dass sie sich weitgehend selbst versorgen konnten. Das war echtes Geld wert“, schaut Bruckhoff auf eine Zeit zurück, als er noch ein junger Kumpel war, der im 2018 beendeten Ruhrbergbau erlebte, was Herbert Grönemeyer in Willi Bruckhoffs letztem Berufslebensjahr 1984 mit der „Bochum“-Liedzeile besang: „Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt.“

Erinnerung an Hans Böckler wachhalten

Anlässlich seiner Auszeichnung mit der Hans-Böckler-Medaille wünscht sich Willi Bruckhoff auch, dass der 1970 nach dem ersten DGB-Bundesvorsitzenden Hans Böckler (1875-1951) benannte Platz in der Innenstadt wieder mehr gepflegt wird und das Schild, das auf den Namensgeber Hinweis wieder gut sichtbar wird. Gerade heute hält er es für wichtig, an die Männer und Frauen zu erinnern, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Arbeitnehmerrechte erkämpft und damit einen wichtigen Beitrag zur sozialen und politischen Stabilität unserer Gesellschaft geleistet haben.


NRZ/WAZ, 21.06.2021 

Mittwoch, 16. Juni 2021

Nationale Angelegenheit

 Ob Würstchen, Grillfleisch oder Brot. In der Werbe-Beilage, die mir jetzt ins Haus flatterte, wird plötzlich das tägliche Brot zur nationalen Angelegenheit. Hier und dort sehe ich Schwarz, Rot, Gold. Habe ich eine deutsche Meisterschaft im Lebensmittelhandel verpasst oder haben wir einen mir unbekannten Nationalfeiertag gehabt. Ach Nein. Die Europameisterschaft hat begonnen. Was wir Deutschen und sonst nicht trauen, wird zum guten Ton, sobald es König Fußball regiert. Dann zeigen wir Flagge. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, ob Jogi Löws letztes Aufgebot der schwarzrotgoldenen Kicker, bei der Europameisterschaft auch wirklich ins Schwarze trifft und am Ende die Goldmedaille und den Pokal des Europameisters gewinnen wird oder ob sie wieder, wie bei der letzten Weltmeisterschaft das harte Brot des Verlierers essen müssen und als arme Würstchen vom Platz gehen, so dass wir daheimgebliebenen Fußballfans Rot sehen, wenn wir in die Röhre schauen, die heute ein Flachbildschirm ist. 


NRZ, 14.06.2021

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...