Montag, 31. Dezember 2012

Das Beispiel von Dirk und Heike Hempel zeigt: Das Thema Pflege betrifft nicht nur ältere Menschen und geht uns alle an

Es gibt Tage, die ein Leben total verändern. Einen solchen Tag erlebten Heike Hempel (55) und ihr Mann Dirk (56) am 4. Dezember 2007. Damals waren sie gerade mal eineinhalb Jahre verheiratet, hatten in Saarn ein Haus gebaut und zehrten von den schönen Erinnerungen an einen gemeinsamen Urlaub auf Ibiza. Beide hatten einen Beruf, der sie erfüllte und ernährte. Sie als Friseurin, er als Mitarbeiter des Kommunalen Sozialen Dienstes. Alles schien perfekt. Doch dann kam dieser Schicksalstag, an dem Heike in dem Friseursalon, in dem sie damals arbeitete plötzlich bewusstlos zusammenbrach: Wir hatten fünf Minuten vorher noch miteinander telefoniert, erinnert sich Dirk Hempel. Als dann kurz darauf noch mal das Handy klingelte, fragte ich nur: „Ist noch was, Heike?“ Doch am anderen Ende der Leitung war nicht Heike, sondern ein Kollege aus dem Friseursalon, der ihm mitteilte: „Mit deiner Frau ist etwas schlimmes passiert und es sieht gar nicht gut aus.“ Plötzlich hatte ich Todesangst und alles lief wie in einem Film ab, erinnert sich Hempel an seine Gefühlslage im damaligen Ausnahmezustand.


In der Klinik stellte man eine Gehirnblutung fest und musste die Schädeldecke öffnen, um das Blut, das sich in Heikes Gehirn gestaut hatte, ablaufen zu lassen. Sie musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Doch es kam noch schlimmer. Drei Tage später erlitt Heike einen Schlaganfall, der sie halbseitig lähmte. Der junge Arzt, der mir die Diagnose am Telefon mitteilte, hat sie wie einen Wetterbericht vorgelesen und eine seiner Kolleginnen meinte nur: „Was wollen Sie, ihre Frau wird nie wieder gehen oder sprechen können.“

Noch heute ärgert sich Hempel über das fehlende Einfühlungsvermögen der jungen Ärzte. Gott sei Dank sollten sie nicht Recht behalten. Fünf Jahre nach ihrem Schlaganfall kann sich Heike Hempel mit ihrem Mann wieder unterhalten, und mit einer Gehhilfe einige Meter zu Fuß zurücklegen. Für Fremde klingt ihre Sprache verwaschen, aber ich kann sie schon wieder gut verstehen. Man hört sich da relativ schnell ein, sagt Dirk Hempel. Dass sie mich vielleicht gar nicht mehr versteht oder erkennt, war damals meine größte Angst, erinnert sich Hempel an die fünf Wochen, in denen seine Frau im Koma lag. Sie selbst kann sich im Rückblick nur noch an Sirenengeheul, an ihre Lieblingsmusik von Café del Mare, die ihr Mann mit ins Krankenhaus brachte und daran erinnern, dass sie in einem Todesnähenerlebnis wie magisch von einem warmen und kraftvollen Licht angezogen wurde, bevor ihr bedeutet wurde: Du musst zurück ins Leben. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.

Wer Dirk und Heike Hempel anschaut, merkt sofort, dass sie durch den gemeinsam getragenen Schicksalsschlag stark geworden sind und sich auch ohne Worte verstehen. Im Zweifel reicht ihnen eine Geste oder ein Lächeln. Unsere Beziehung ist stärker und intensiver geworden, sind sich beide einig. Doch sie beschönigen ihre Situation auch nicht. Wir haben nur noch wenige Freunde. Viele sogenannte Freunde haben sich zurückgezogen, weil sie mit der belastenden Situation nicht umgehen konnten, berichtet Dirk Hempel. Ich habe doch nichts Ansteckendes, sagt seine Frau Heike. Sie findet es schade, dass viele Menschen, mit denen sie auch durch ihren früheren Beruf persönlich verbunden war, den Kontakt zu ihr abgebrochen haben. Ich habe meinen Beruf, den ich aufgeben musste, und den damit verbundenen Umgang mit Menschen immer geliebt, erinnert sich Heike Hempel. Und ihr Mann Dirk meint: Man ist in einer Situation, wie der unseren schon verdammt allein. Wenn man ihn nach Menschen fragt, denen er in seinen schwersten Stunden vorbehaltlos sein Herz ausschütten konnte, fallen ihm nur seine 83-jährige Mutter und ein Krankenhausseelsorger ein.

Während Dirk Hempel durch seinen Beruf viele soziale Kontakte hat, beschränken sich die sozialen Kontakte seiner Frau auf ihn, eine Pflegekraft, die drei Mal pro Woche ins Haus kommt, ihre Sprache- und Bewegungstherapeuten und auf die hochbetagten Teilnehmer einer Tagespflegegruppe im Ruhrgarten. Das geht schon ans Selbstbewusstsein, wenn man das Gefühl hat, nicht mehr zu können, was man früher konnte und nur wenige etwas mit einem zu tun haben wollen, sagt Heike Hempel. Deshalb hat sie auch lange mit ihrem Schicksal gehadert. Heute kann ich mit meinem Schicksal schon etwas besser umgehen. Aber lange Zeit war ich sauer und habe mich immer wieder gefragt: Warum ist gerade mir das passiert, erinnert sich die 55-Jährige.

Heute regen wir uns nicht mehr über alltägliche Lappalien auf, sondern wissen, dass der wahre Reichtum darin besteht, ein ganz normales Leben zu führen, beschreiben die Eheleute die wichtigste Veränderung in ihrem Leben vor und nach dem 4. Dezember 2007. Die schönsten Stunden in unserem Leben sind die, in denen wir das Gefühl haben, am normalen Leben teilzunehmen, etwa bei Eisessen im Café oder bei einem Restaurantbesuch. Und in diesem Sommer waren sie nach fünf Jahren Zwangspause zum ersten Mal wieder auf ihrer Lieblingsinsel Ibiza. Der Reiseveranstalter und die Fluggesellschaft haben sich wirklich gut auf uns eingestellt, aber versuchen Sie mal auf Ibiza eine behindertengerechte Toilette zu finden, schildert Hempel seine Urlaubserinnerungen jenseits von Sonne und Strand.

Für ihren Alltag wünscht sich Heike Hempel vor allem mehr soziale Kontakte zu gleichaltrigen Leidensgenossen. Die meisten Pflegeangebote sind heute auf alte und demente Menschen ausgerichtet, weiß Dirk Hempel. Deshalb arbeiten seine Frau und er derzeit daran, mit Hilfe des kommunalen Pflegestützpunktes an der Bülowstraße in Broich und eines Pflegedienstes daran, einen privaten Kreis von jüngeren Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen aufzubauen. Dirk Hempel räumt ein, dass dieses Anliegen nicht nur einen sozialen, sondern auch einen finanziellen Mehrwert für die Betroffenen haben könnte, wenn sie so gemeinsam ein oder zwei Pflegekräfte finanzieren könnte. Denn neben der sozialen und psychologischen Dimension hat das Thema Pflege auch einen erheblichen finanziellen Aspekt. Da kommen erhebliche Kosten auf einen zu, weiß Dirk Hempel. Er schätzt, dass er mit Blick auf Betreuung, Therapien und Hilfsmittel monatlich genauso viel privat aufbringen muss, wie er von der Pflegeversicherung bekommt, nämlich rund 1200 Euro. Man muss sich vor Augen führen, dass die Pflegeversicherung nur eine Teilkaskoversicherung ist und das pflegende Angehörige helfen, sehr viel höhere Kosten für eine stationäre Pflege zu sparen, betont Hempel.

Die Hempels, die gerade auf ihren ersten gemeinsamen Waldspaziergang seit 2007 hinarbeiten, wissen bei aller Liebe und Zuwendung füreinander, dass man immer wieder den Akku aufladen und neue Kraft schöpfen muss, um gemeinsam durchzuhalten und ans Ziel zu kommen.Die Gewichte in unserem Alltag haben sich verschoben. Früher hat sich jeder selbst um seine Belange gekümmert. Heute ruht mehr Arbeit auf meinen Schultern. Das fängt schon beim morgendlichen Waschen, Anziehen und frühstücken an, erzählt Dirk Hempel. Das habe ich immer gerne gemacht, betont Heike Hempel, wenn ihr Mann erzählt, dass seine Frau ihn früher auch essenstechnisch immer verwöhnt habe. Heute muss er zu Hause das Küchenregiment führen und setzt dabei auf die schnelle Küche mit kleinen Mahlzeiten. Kann ihr Mann gut kochen? Heike Hempel beantwortet die Frage mit einem eindeutigen Lachen und schüttelt den Kopf. Aber Liebe geht ja Gott sei Dank nicht nur durch den Magen. Man merkt es, wenn Heike und Dirk Hempel auf der Terrasse ihres Hauses die sanfte Dezembersonne genießen. Und sich schon mal auf ihren ersten Waldspaziergang freuen.

Dieser Text ist am 29. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG erschienen


Sonntag, 30. Dezember 2012

Der Historiker Thomas Urban will am Beispiel des Zehntweglagers die Geschichte der Zwangsarbeit bei Thyssen beleuchten. Er sucht dafür Fotos und andere Zeitzeugnisse

Der an der Universität Bonn lehrende Sozial- und Wirtschaftshistoriker Thomas Urban beschäftigt sich zurzeit im Rahmen eines von der Fritz-Thyssen-Stiftung und der Thyssen-Stiftung für Industriegeschichte geförderten Forschungsprojektes mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkrieges in der Rüstungsproduktion bei Thyssen schuften mussten.


Bei seinen Nachforschungen ist Urban darauf gestoßen, dass allein beim Mülheimer Thyssenwerk, das nach 1933 unter dem Namen Deutsche Röhrenwerke firmierte, 3000 Zwangsarbeiter, eingesetzt wurden. Sie kamen vor allem aus der Sowjetunion, aber auch aus Frankreich, Italien, den Niederlanden und Belgien und wurden in elf Lagern einquartiert. 1400 Zwangsarbeiter lebten im größten Lager, das 1943 am Zehntweg errichtet wurde. Zu diesem Lager sucht Urban jetzt Erinnerungen und Fotomaterial von Zeitzeugen oder deren Nachfahren. Aus der Dokumentation „Widerstand und Verfolgung in Mülheim an der Ruhr“, die 1987 von Doris und Michael Doetsch, Helmut Hermann, Vera Herzogenrath, Ralf Kurbach, Karl-Heinz Schröer und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) herausgegeben worden ist, weiß Urban, dass die Insassen des Zwangsarbeiterlagers am Zehntweg Misshandlungen und Schikanen ausgesetzt waren, aber in der Nachbarschaft auch Menschen fanden, die ihnen jenseits des Lagers zivile Arbeit und Brot gaben.

Zu den grausamsten Vorkommnissen im Zehntweglager gehörte, laut Urban, die Hinrichtung von fünf Zwangsarbeitern, denen im September 1944 Diebstahl vorgeworfen wurde. Ob solcher Gewalt wundert es nicht, dass sich manche Zwangsarbeiter nach Kriegsende an ihren Peinigern rächten.

Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit will Urban in der zweiten Jahreshälfte 2013 als Buch herausgeben und auch in der vom Stadtarchiv veranstalteten Vortragsreihe zur Mülheimer Geschichte vorstellen.   Wer Thomas Urban mit Fotos oder mit anderen Zeitzeugnissen und Erinnerungsstücken helfen kann, die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers am Zehntweg zu beleuchten, sollte sich unter der Rufnummer 023?02/17613?22 oder per E-Mail an: thomas.urban@uni-bonn.de an ihn wenden.  

Dieser Text erschien am 28. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 28. Dezember 2012

Schwitzen statt Sitzen? Was der Mülheimer Jurist Jochen Hartmann von den jüngsten Reformvorschlägen des NRW-Justizmisters Thomas Kutschaty hält

Straftaten sollen nicht nur mit Freiheitsentzug und Bußgeldern, sondern auch mit Führerscheinentzug und gemeinnützigem Arbeitseinsatz, etwa bei der Reinigung von Grünflächen, geahndet werden. Über diesen aktuellen Vorschlag des NRW-Justizministers Thomas Kutschaty sprach ich für die NRZ mit dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Richterbundes, Jochen Hartmann (54). Der Mülheimer arbeitet seit 1991 als Staatsanwalt.


Stimmen Sie dem Minister zu?

Ich habe dagegen nichts einzuwenden. Insbesondere der Entzug der Fahrerlaubnis macht Sinn. Das trifft Straftäter härter als das Ableisten von Sozialstunden, weil es hier um die Einschränkung ihrer Selbstständigkeit und Mobilität geht.

Kutschaty will Straftäter auch zu gemeinnützigen Arbeiten heranziehen.

Es gibt sicher eine Menge gemeinnütziger und auch unangenehmer Arbeiten, die Straftäter im Interesse der öffentlichen Gemeinschaft leisten könnten. Ich fände es sinnvoll, wenn zum Beispiel Jugendliche die Graffitischmierereien, mit denen sie den öffentlichen Raum verschandelt haben, selbst wieder beseitigen müssten oder sie auch zum Reinigen von Spielplätzen herangezogen würden, um so auch Vandalismusschäden wieder zu beseitigen.

Wo sehen Sie die rechtlichen Grenzen solcher sozialen Strafen?

Man kann nicht alle Delikte auf diese Weise ahnden. Es muss bei schweren Straftaten zur Abschreckung auch Haftstrafen ohne Bewährung geben. Aber bei kleineren Straftaten wie Vandalismus können klamme Straftäter, die ihre Bußgelder nicht zahlen können, schon jetzt den Antrag stellen, zu schwitzen statt zu sitzen, indem ihre Ersatzfreiheitsstrafe in gemeinnützige Arbeit umgewandelt wird. Das spart auch Steuergelder. Denn ein Gefängnistag in NRW kostet den Steuerzahler 110 Euro.

Dieser Text erschien am 28. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Donnerstag, 27. Dezember 2012

So gesehen: Eine Stadt sucht ihre Richtung oder: Lieber leiten als leiden

Wenn der Teufel im Detail steckt, schaut man lieber auf das große Ganze und wird gerne mal grundsätzlich.


Und deshalb sind es viele engagierte Mülheimer, die ihre Stadt lieben und gestalten wollen, leid, sich von der täglichen Quadratur des Kreises frustrieren zu lassen. Statt die vielen Baustellen und das wenige Geld in der Stadtkasse zu betrachten, haben sie sich jetzt mit Zeit und Energie dem Leitbild gewidmet. Das will uns zeigen, wo es für unsere Stadt in Zukunft lang gehen soll. Doch das schönste Leitbild ist nur so viel wert, wie das Bild, das sich Bürger im ganz profanen Alltagsleben vor ihrer Haustür von ihrer Stadt machen müssen. Denn das Papier, auf dem das Leitbild geschrieben wird, ist nun mal geduldiger als die Menschen, die schon heute wissen wollen, wie es in ihrer Stadt weitergeht. Da halten es nicht nur die Frommen mit einem altbewährten Leitbild, der Bibel: „Am ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Dieser Text erschien am 14. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Warum das Fernsehen, das vor 60 Jahren in Deutschland seinen regelmäßigen Sendebetrieb aufnahm für den Heißener Arnold Fessen mehr als nur ein technisches Gerät und ein Massenmedium ist

Vor 60 Jahren begann in der Bundesrepublik das Fernsehzeitalter. Gerade mal 10.000 Zuschauer sahen am 25. Dezember 1952 das erste regelmäßige Fernsehprogramm, das damals vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Der Erste Fernsehabend dauerte gerade mal 58 Minuten und bot dem Publikum eine Sendung über die Entstehung der Weihnachtsliedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ und das Tanzspiel „Max und Moritz.“ Tags darauf wurde die erste Tagesschau ausgestrahlt. Für Arnold Fessen sind 60 Jahre deutsche Fernsehgeschichte ein elementarer Teil seiner eigenen Lebensgeschichte. Fessen und das Fernsehen. Das ist ist fast so etwas wie eine Liebesgeschichte.

Wenn es nach seinem Vater gegangen wäre, hätte Arnold Fessen sein Berufsleben als Beamter bei der Bundesbahn verbracht. Und tatsächlich hat der heute 69-jährige Bezirksbürgermeister einige Jahre im Fahrdienst der Bundesbahn gearbeitet, eher er sich Ende der 50er Jahre entschloss, seiner großen Liebe zu folgen. „Ich habe mich in die Radio- und Fernsehtechnik verliebt“, sagt Fessen.

Schon als Junge bastelte er gerne an alten Röhrenradios herum. Und dann gab es ab 1952 nicht nur etwas zu hören, sondern auch zu sehen, im Fernsehen. „Der erste Mülheimer, der damals ein Fernsehgerät bekam, war der Heißener Elektrogroßhändler Werner Göntgen“, erinnert sich Fessen.

Ein Philipps-Fernsehgerät aus dem Baujahr 1952, das Fessen zu seiner aus 40 alten Geräten bestehenden Fernsehsammlung zählt, kostete damals 1500 Mark Mark. Er selbst verdiente 1958 bei der Bundesbahn 360 Mark im Monat. „Das Fernsehen war anfangs nur etwas für wohlhabende Leute. Aber es konnte im Wirtschaftswunder schnell seinen Siegeszug antreten, weil die Menschen damals mit Blick auf ihre sicheren Arbeitsplätze Ratenkäufe vereinbaren konnten. Damals hatte man einfach mehr Planungssicherheit“, erzählt Fessen.

Seine erste Fernseherfahrung war das Berner WM-Finale im Juli 1954, als Deutschland zum ersten Mal Fußballweltmeister wurde. Damals sah der 14-jährige Arnold die Helden von Bern über eine Fernsehmattscheibe laufen, die in einer Heißener Gaststätte flimmerte. „Viele Gastwirte haben sich damals relativ schnell ein Fernsehgerät in ihre Gaststätte gestellt, weil sie Angst hatten, dass die Leute sonst zu Hause bleiben würden. Allerdings hat das Fernsehen die Leute in den ersten Jahren auch näher zueinander gebracht. Denn wer kein Fernsehgerät hatte, konnte problemlos bei Nachbarn mitgucken,“ weiß Fessen aus der Frühzeit des Fernsehens zu berichten. Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen. Bis zur ZDF-Gründung im Jahr 1963 gab es in Deutschland nur ein Fernsehprogramm, dass auch nur einige Stunden am Abend sendete.

Ab 1955 konnte man sich zum Radio- und Fernsehtechniker ausbilden lassen. Fessen begann seine Ausbildung, die er 1965 mit der Meisterprüfung und der anschließenden Selbstständigkeit abschließen sollte. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Im Laufe von vier Berufsjahrzehnten, in denen er auch schon mal das Fernsehgerät unter dem Weihnachtsbaum reparieren musste oder von kleinen Kindern in die Hacken getreten wurde, weil der böse Onkel den Fernsehapparat der Familie einfach mitnahm. „Sie konnten einfach nicht begreifen, dass ich das Gerät nur mitnehmen wollte, um es zu reparieren“, erzählt Fessen mit einem Augenzwinkern.

Allerdings hat Fessen im Laufe seiner Berufsjahre auch so manches alte Fernsehschätzchen, das nicht mehr repariert, sondern nur noch ausgemustert werden konnte, mit dem Einverständnis der Vorbesitzer mitgenommen und in seinen Fernsehkeller geschafft, um sie irgendwann wieder zu aktivieren.

Andere Fernsehschätze, wie das kombinierte Fernseh- und Radiogerät der Firma Markoni aus dem Baujahr 1939, einen Saba-Fernsehprojekt, Baujahr 1956, oder besagten Philipps-Fernseher aus dem Baujahr 1952, hat Fessen, mal als Schnäppchen, mal für viel Geld auf Trödelmärkten oder bei Sammlerbörsen erworben, ebenso, wie manches alte Ersatzteil.

„Immer wenn ich ein Fernsehgerät repariere, bewundere ich die Leute, die diese Technik entwickelt haben“, sagt Fessen. Gerade an den alten Röhren und Transistorgeräten fasziniert ihn, dass man anders, als bei modernen digitalen Fernsehgeräten „Funktionsweise und Fehlerquellen viel schneller und leichter nachvollziehen kann.“ Deshalb geht er auch als Rentner gerne in seinen Fernsehkeller, um alte Fernseher wieder zum Flimmern zu bringen, obwohl er glaubt, „dass ich bestimmt nicht mehr alle meine Fernsehgeräte reparieren werde.“

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Dienstag, 25. Dezember 2012

Wie das eigentlich als Oma und Opa die Schulbank drückten? Ein Besuch im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße in Styrum

Marlies Pesch-Krebs kommt nicht von der Schule los. Fast 40 Jahre hat die heute 63-jährige Pädagogin als Lehrerin gearbeitet. Als Ruheständlerin kehrt sie an eine ihrer alten Wirkungsstätten zurück. Von 1992 bis 2002 leitete sie als Rektorin die damalige Grundschule an der Schlägel- und Meißelstraße. In dieser Zeit richtete sie zur 100-Jahr-Feier der Schule (1996) zusammen mit August Weilandt vom Styrumer Geschichtsgesprächskreis in einer ehemaligen Hausmeisterwohnung an der Schlägelstraße das Historische Klassenzimmer ein. 2012 hat sie die Leitung des kleinen, aber feinen Schulmuseums von ihrem inzwischen 95-jährigen Mitstreiter übernommen. Warum sie sich dazu entschlossen hat, erklärtz sie so:


Ich möchte seine Arbeit hier fortführen, weil das unser gemeinsames Kind ist und weil ich hier das tun kann, was ich immer gerne getan habe, nämlich mit Kindern arbeiten, natürlich in etwas anderer Form als früher.
Früher ist das richtige Stichwort. Wer das Historische Klassenzimmer an der Schlägelstraße betritt, fühlt sich gleich um 100 Jahre zurückversetzt. An der Tafel steht in Sütterlinschrift Ohne Fleiß kein Preis. Auf dem Lehrerpult steht eine schwere Glocke, mit der früher der Schulmeister oder das Fräulein Lehrerin zum Unterricht läuteten. Dahinter sieht man eine Buchstabentafel und einen großen Rechenschieber. An den Wänden hängen Landkarten und fotorealistische Darstellungen aus Flora und Fauna. Wer auf den Sitzbänken mit integriertem Schreibpult und Tintenfasshalter Platz nimmt, begreift sofort, was es bedeutet, die Schulbank zu drücken. Die Schulbänke, die noch aus dem Gründungsjahr der damaligen Volksschule an der Schlägelstraße stammen, zwingen zum Geradesitzen und erlauben nur den Blick nach vorn.

Als ich 1956 eingeschult wurde, habe ich noch auf solchen Schulbänken gesessen. Wir waren damals 64 Kinder in meiner Klasse,

erinnert sich Pesch-Krebs.

Was glaubt sie, können Schulkinder und Lehrer aus dem Schuljahr 2012/13 im Historischen Klassenzimmer lernen?
Sie können sehr anschaulich erleben, wie das Leben und die Schule früher waren. Und wenn sie das mit ihren heutigen Erfahrungen vergleichen, schafft das Geschichtsbewusstsein und die Grundlage für ein Gespräch mit Eltern und Großeltern, antwortet Pesch-Krebs und stellt fest: Kinder, die hier eine historische Schulstunde, wie vor 100 Jahren erleben, staunen immer wieder darüber, wie streng es früher in der Schule zuging. Sie wundern sich darüber, dass die Schüler morgens strammstehen und den Lehrer gemeinschaftlich begrüßen mussten. Sie wundern sich auch darüber, dass die Lehrer vor dem Unterricht die Sauberkeit von Händen und Ohren überprüften und das die Schüler immer wieder nachsprechen mussten, was ihnen die Lehrer vorsagten.

Auch wenn Pesch-Krebs ihr Lehrerleben 1974 in den Hochzeiten der antiautoritären Erziehung begann und sich damals vornahm,
anders, als in meiner Schulzeit soll kein Kind vor mir als Lehrerin Angst haben, weil Angst keine gute Lehrmeisterin ist,
kann sie der alten Schule auch Positives abgewinnen.
Die Kinder haben damals mit weniger Technik, aber dafür viel sinnlicher gelernt. Da wurden Lieder gesungen und Gedichte auswendig vorgetragen. Da ging man raus, um die Natur zu erkunden und Blätter zu sammeln oder Tiere zu beobachten. Auch gespielt wurde draußen auf der Straße. Das wäre heute undenkbar. Da hätten die meisten Eltern viel zu viel Angst um ihre Kinder.
Tatsächlich fällt im Historischen Klassenzimmer auf, dass die zur Verfügung stehenden Schulmaterialien ausgesprochen überschaubar sind.
Damals hatten die Kinder einen Griffel, ihre Schiefertafel und eine Fibel in ihrem Ranzen. Heute schleppen sie einen halben LKW mit sich rum, zieht die Lehrerin den Zeitvergleich zwischen den Schuljahren der Großeltern- und der Enkelgeneration.
Die Kinder begreifen beim Schulbesuch im Historischen Klassenzimmer, dass Schulmaterialien damals sehr begrenzt und deshalb auch sehr wertvoll waren und dass es beim Lernen nicht ohne Disziplin und Aufmerksamkeit geht,
berichtet Pesch-Krebs.

Zum Staunen bringen kann die Lehrerin ihre Zeitreisenden, die meistens aus den Klassen 1 bis 6 kommen, wenn sie davon berichtet, dass die meisten Kinder früher nur ein oder zwei Kleidungsstücke hatten und die Mädchen deshalb in der Schule eine Schürze tragen mussten, um ihre Alltagskleidung zu schonen, während die Jungs meistens eine robuste Lederhose anhatten, bei der es nicht so genau darauf ankam.

War die vermeintlich gute alte Zeit in der Schule besser als heute?
Sie war wohl nur anders, nicht besser,
glaubt Pesch-Krebs und weist beiläufig darauf hin, dass auf den alten Klassenfotos, die im Historischen Klassenzimmer neben alten Schulzeugnissen mit Fächern wie Schönschrift und Handarbeit hängen, keine lachenden Kinder zu sehen sind.

Auch wenn sie den Lärmpegel heutiger Schulklassen noch gut im Ohr hat und sich manchmal etwas mehr von der Disziplin der alten Schule wünscht, ist die Pädagogin auch mit Blick auf die Schule davon überzeugt,
dass man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann, weil Veränderung zum Leben dazugehört.
Und so findet sie es zum Beispiel ausgesprochen richtig,
dass Kinder heute schon frühzeitig lernen, mit Computer und Internet umzugehen oder im Sinne von Integration und Inklusion ganz selbstverständlich zusammen mit Klassenkameraden aus einem anderen Land oder mit einem Handicap zu lernen. Wir müssen viel mehr in Bildung investieren und lernen, alle Kinder mit ihren Möglichkeiten zu fördern, weil wir als Gesellschaft darauf angewiesen sind, dass möglichst alle Kinder einen guten Schulabschluss machen, um später mit ihrer Arbeit Geld verdienen und Steuern bezahlen zu können.
Als Vorbild sieht sie dabei das skandinavische Ganztags- und Gesamtschulsystem, das mit weniger Selektion, dafür aber mit mehr Binnendifferenzierung, mehr Lehrern, mehr Sozialarbeitern und vor allem mit kleineren Klassen arbeite.

Wir haben uns in Deutschland da erst sehr spät auf den Weg gemacht und haben es deshalb jetzt vor allem in finanzieller Hinsicht oft schwerer,
meint die Pädagogin.
Schon vor 100 Jahren wurden hier Arbeiterkinder aus Polen, den Niederlanden und Italien integriert, deren Eltern in der Styrumer Industrie arbeiteten,
 erinnert Pesch-Krebs. Dass es damals mit der sozialen Gleichberechtigung aber noch viel weniger weit her war, als heute, erklärt sie mit dem Hinweis darauf, dass damals nur eine kleine Minderheit das Abitur machen konnte und die allermeisten Kinder nicht über die achtjährige Volksschule hinauskamen.
Wenn Kinder im Historischen Klassenzimmer vergleichen können, wie sie heute in der Schule lernen und wie früher in der Schule gelernt wurde, werden sie vielleicht nachdenklich und hinterfragen auch ihre eigenen Verhaltensweisen, obwohl ich nicht glaube, dass sie allzu viel daran ändern werden,
 resümiert die Schulmeisterin aus dem Historischen Klassenzimmer.

Besuche im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße kann man mit Marlies Pesch-Krebs telefonisch unter der Rufnummer 0208/384177 vereinbaren.

Dieser Text erschien am 22. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Sonntag, 23. Dezember 2012

Bei den Albertustagen 2012 zeigte sich die Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz von ihrer internationalen Seite und lud zu einer geistlichen Entdeckungsreise ein

Styrum ist ein multikultureller Stadtteil, wie es viele im Ruhrbistum gibt. Und die Kirche St. Mariae Rosenkranz steht mittendrin. „Die Arbeit mit Zuwanderern hat sich für uns als Gemeinde aus diesen Rahmenbedingungen ergeben. Und wir haben daraus einen Gewinn gemacht“, sagt Pastor Norbert Dudek, dessen Vorfahren einst aus Polen zuwanderten.

Schon als der Industrielle August Thyssen 1894 half, die Marienkirche zu bauen, war Styrum eine durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus aller Herren Länder geprägte Bürgermeisterei. Heute, so schätzt Gemeindemitglied Hans Hanisch, seien je ein Drittel der Einwohner katholisch und evangelisch oder muslimisch. „Für uns ist es wichtig, Weltkirche zu pflegen, wo man lebt und so selbst seinen Horizont zu erweitern und zu erfahren, wie man Glauben gemeinsam leben und feiern kann,“ unterstreicht Pastor Dudek.

Dass das in St. Mariae Rosenkranz keine leeren Worte sind, konnte man in der vergangenen Woche erleben, als sich bei den Albertustagen Vertreter der in Styrum beheimateten polnischen, kamerunischen und kroatischen Gemeinde vorstellten.

Schon der Veranstaltungsort, das Gemeindehaus der Filialkirche Albertus Magnus, die seit zwölf Jahren die geistliche Heimat der kroatischen Gemeinde ist, und das Veranstaltungsmotto: „Unsere Kirche ist irgendwie anders“ sprachen für sich.

„Mir ist noch einmal klar geworden, dass die Vielseitigkeit und Buntheit unserer Gemeinde eine erfrischende Stärke ist“, beschreibt der ehemalige Gemeinderatsvorsitzende Hanisch den wichtigsten Impuls, den er aus den Gesprächsrunden mit den katholischen Glaubensgeschwistern, die aus Polen, Kamerun und Kroatien kamen und jetzt im Ruhrgebiet zu Hause sind, mitgenommen hat. Für Gemeinderätin Marie-Luise Tebbe, die selbst mehrere Jahre als Lehrerin in Zimbabwe gearbeitet hat, war es vor allem interessant, „etwas über die historischen Hintergründe zu erfahren, die dazu geführt haben, dass die Menschen, die heute bei uns leben, zu uns gekommen sind.

Was den so unterschiedlichen Zuwanderern, wie der zur 5000 Mitglieder zählenden polnischen Gemeinde Essen/Mülheim gehörenden Theologin und Psychologin Eva Morawa, dem Ingenieur Mathias Tambe und der Sozialpädagogin Patience Atanga von der etwa 100-köpfigen kamerunischen Gemeinde oder dem kroatischen Pastoralreferenten Josef Vukadin und dem seinem Landsmann, dem inzwischen pensionierten Industriefacharbeiter Bozo Louric gemeinsam ist, war die politische oder wirtschaftliche Perspektivlosigkeit in ihren jeweiligen Heimatländern, die sie meist schon vor Jahrzehnten dazu veranlasste, ihr Glück im Ruhrgebiet zu suchen und meistens auch zu finden.

Denn in den Gesprächen der Styrumer Albertustage wird eines immer wieder deutlich, auch wenn die polnisch,- kroatisch- oder kamerunstämmigen Katholiken in ihren Gemeinden eine geistliche Heimat gefunden haben, fühlen sie sich auch in der deutschen Gemeinde zu Hause, fördert die eigene Gemeinde in der Gemeinde eher die Integration, als dass sie diese behindern würde. Da werden zwar nicht immer, aber doch regelmäßig gemeinsame zweisprachige Gottesdienste, Prozessionen oder Feste gefeiert. Da erleben die deutschen Katholiken in den internationalen Gemeinden eine zum Teil sehr viel emotionalere, lebhaftere und intensivere Glaubenspraxis. Auch über die Möglichkeit gemeinsamer Wallfahrten wurde übrigens bei den Albertustagen in Styrum nachgedacht. Während die polnische Gemeinde, die ihren Schwerpunkt in Essen hat und die kamerunische Gemeinde in Mülheim vor allem durch informelle Netzwerke getragen werden, scheint die aus rund 1500 Katholiken bestehende kroatische Gemeinde mit ihrer Kirche und einem Gemeindehaus in Styrum stärker institutionalisiert. Da gibt es nicht nur Gottesdienste und Gebetskreise, sondern auch Bildungsveranstaltungen, einen eigenen Fußballverein und einen kurzen Draht zur Caritas.

In den Vorträgen von Morawa und Vukadin wird deutlich wie sehr der polnische und kroatische Katholizismus durch die Erfahrung der kommunistischen Repression vor 1989 geprägt worden ist und die katholische Kirche hier über Jahrzehnte nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische, soziale und kulturelle Gemeinschaft darstellte.

Diese Prägung wirkt auch nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes und die regelmäßige Beichte sind für die Mitglieder der polnischen Gemeinde genauso selbstverständlich, wie der Zölibat und das den Männern vorbehaltene Priesteramt für die Kroaten. Und für die Kameruner versteht es sich von selbst, auch Gesang und Bewegung zum Gottesdienst gehören, der durchaus auch schon mal länger als 45 oder 60 Minuten gefeiert werden darf. Auch Applaus an der einen oder anderen Stelle ist nicht verboten.

Insgesamt fällt auf, dass die Autorität des Priesteramtes in den internationalen Gemeinden weniger in Frage gestellt wird als in der deutschen Kirche, wo man über akuten Priestermangel klagt und auch in Styrum darüber nachgedacht wird, ob nicht auch Priester aus den internationalen Gemeinden, in der Seelsorge für die deutsche Gemeinde eingesetzt werden könnten. Bemerkenswert auch, dass Kroaten und Kameruner Zeiten erlebt haben oder (in Kamerun) auch noch erleben, in denen Priester nicht aus Steuermitteln, sondern allein von den Spenden der Gemeindemitglieder bezahlt werden und mit einem entsprechen kärglichen Einkommen auskommen müssen. Tambe und Atanga erzählten, dass ein katholischer Priester in Kamerun im Monat mit 70 Euro auskommen müsse, während ein Arzt vielleicht 300 Euro verdienen könne. „Glauben leben hat mit Gemeinschaft zu tun“, sagt Patience Agant von der Kamerunischen Gemeinde trifft damit den Kern der Botschaft, die von den internationalen Gemeinde-Gesprächen dieser Albertustage in Styrum ausgeht: Der Glauben kann auch Menschen unterschiedlicher nationaler und kultureller Herkunft zu einer Gemeinschaft verbinden.

Dieser Text erschien am 24. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...