Mittwoch, 28. November 2012

So gesehen: O Tannenbaum, o Tannenbaum

O Tannenbau, o Tannenbaum. Dein Kleid will mich was lehren.“ An diese weihnachtlichen Liedzeilen musste ich denken, als ich gestern über die Schloßstraße ging und plötzlich einen 13 Meter hohen Weihnachtsbaum mit Lichtern, Kugeln und kleinen Paketen vor mir sah.


Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen: Der Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße steht vor der Tür und mit ihm der Advent. Dabei ist sicher nicht nur mir noch gar nicht weihnachtlich zu Mute, vor allem, wenn ich in unserer Zeitung dauernd über steigende Gebühren, Preise und Steuern lesen muss.

Wenn alles steigt, nur nicht so schnell wie das Einkommen, dann möchte man nicht nur zur Weihnachtszeit am liebsten auf die Palme gehen. Doch die sind ja hier eher selten. Doch wer weiß, wofür es gut ist: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt und Apotheker. Mensch, ärgere dich nicht. Da beruhigt der besinnliche Ausblick auf den schön geschmückten und allen düsteren Finanzprognosen zum Trotz sogar wieder festlich beleuchteten Weihnachtsbaum auf der Schloßstraße. Der sorgt zumindest für einen Lichtblick in der Innenstadt. Doch was zeigen die Geschenkpakete an seinen Ästen? Etwa: Geben ist seliger als nehmen - auch als Gebühren- und Steuerzahler?  

Dieser Text erschien am 17. November in der NRZ 

Montag, 26. November 2012

So gesehen: Heute beginnt der Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße oder: Kinder, heute wird's was geben

Schreib doch mal eine Tagesbetrachtung zum Montag, aber bitte nichts Pastorales, sagt mir mein Kollege. Na dann. In Gottes Namen Amen. Ich spitze meine Feder und denke darüber nach, was uns dieser heutige Montag wohl bringen mag. Da kommt mir eine Erleuchtung. Natürlich. Kinder, heute wird’s was geben, nämlich den Weihnachtsmarkt. auf der Schloßstraße. Na, wenn das kein Lichtblick ist. 50 000 Leuchten in der City. Wann gibt es das schon, wenn nicht zur Weihnachtsmarktzeit. Baum und Buden stehen ja schon und das nicht nur auf der Schloßstraße, sondern auch auf dem Adventsmarkt in der Altstadt. Mal geht es rund auf dem Karussell, wie im richtigen Leben, nur etwas gediegener und langsamer. Und mal gibt es Bier, Glühwein und Würstchen oder da und dort echte Handarbeit für feinsinnige Weihnachtsmarkttraditionalisten. Die regen sich ja gerne über vermeintliche Fressbuden auf und die profanen Weihnachtsmarktbesucher, denen es nur um die Wurst geht. Doch wenn sich die bildungsbürgerlichen Bedenken über diese Freundes der Fleischeslust und darüber gelegt haben, was Advents- und Weihnachtsmärkte eigentlich mit dem Advent und Weihnachten zu tun haben, lassen auch sie es sich gut schmecken. Der Geist ist eben willig. Aber das Fleisch ist schwach, auch auf dem Weihnachtsmarkt. Aber das klingt wohl schon wieder zu pastoral. Und deshalb höre ich jetzt lieber auf, ehe ich von meinen Redaktionskollegen den Segen von Kloster Kamp bekomme oder gar gefragt werde, ob ich sie noch alle auf dem Christbaum habe.

Dieser Text erschien am 26. November 2012 in der NRZ



Sonntag, 25. November 2012

In Mülheim will man die Pflege mit einem kommunalen Prüfdienst und mit einer moralischen Selbstverpflichtung menschlicher machen

Sozialamt, stationäre Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste, pflegende Angehörige und Krankenkassen wollen im Rahmen der Dialogoffensive Pflege, die sich aus der kommunalen Pflegekonferenz heraus gebildet hat, die Pflege in Mülheim menschenwürdiger machen. Der beim Sozialamt für die kommunale Sozialplanung zuständige Jörg Marx stellte gestern im Seniorenbeirat eine Mülheimer Erklärung vor. Diese bekennt sich ausgehend von der grundgesetzlich geschützten Menschenwürde zum Recht der Pflegebedürftigen auf selbstbestimmtes Leben sowie eine angst- und stressfreie Pflege, zur Anerkennung und Entlastung pflegender Angehöriger sowie zu besseren Arbeitsbedingungen für hauptamtliche Pflegekräfte.


Die Mülheimer Erklärung soll schrittweise in Vereinen, Verbänden und Gremien diskutiert und einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht und anschließend zur selbstverpflichtenden Unterschrift öffentlich ausgelegt werden. Die Autoren der Erklärung Anke Klein (Seniorenbeirat), Jörg Marx, Saskia auf der Heiden (Sozialamt), Oskar Dierbach (Altenheim Ruhrgarten) und Martin Behmenburg (Pflegedienst) wollen mit der Erklärung, wie Marx sagte, „eine humanitäre Bürgerbewegung für eine gute Pflege“ in Gang setzen.

Diesem Ziel soll auch der Antrag für einen kommunalen Prüfdienst der Pflegedienste und Pflegeheime dienen. Er soll als Modellprojekt finanziert werden. Der Dienst soll, laut Marx, „nicht nur die Pflegedokumentation, sondern die konkrete Pflege am Bett prüfen und darüber hinaus die überprüften Pflegedienste und -einrichtungen auch beraten, wie ihre Pflege verbessert werden könnte.“ Der Sozialplaner schätzt die Kosten, die die Einrichtung einer entsprechenden Stelle mit sich bringen würde, auf etwa 100.000 Euro pro Jahr. Das NRW-Gesundheitsministerium und die für die Akkreditierung der Prüfdienste zuständige Knappschaft haben bereits wohlwollendes Interesse signalisiert.  

Dieser Text erschien am 20. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG 

Freitag, 23. November 2012

In Memoriam Hans Fischer: Ein Nachruf auf den Vorsitzenden des Mülheimer Geschichtsvereins

Wer etwas über die Stadtgeschichte erfahren will, begegnet immer wieder dem Namen Hans Fischer. Als langjähriger Vorsitzender des Geschichtsvereins hat der pensionierte Pädagoge und promovierte Germanist Bücher und Aufsätze zu zahlreichen Themen der Mülheimer Vergangenheit veröffentlicht, ob zum Kloster Saarn, über Gerhard Tersteegen oder über den Stadtteil Styrum, in dem er am 2. Dezember 1931 als Sohn eines Buchhalters das Licht der Welt erblickte. 1952 machte er am heutigen Karl-Ziegler-Gymnasium sein Abitur, studierte anschließend in Köln Germanistik und Latein und begann dann seine Lehrtätigkeit am Gymnasium Broich.


Bis zuletzt hat sich Fischer auch im Styrumer Geschichtsgesprächskreis engagiert, der sich freitags in der Feldmannstiftung trifft und seit 2001 vier Bände zur Stadtteilgeschichte herausgegeben hat. Jetzt ist Fischer, der später mit seiner Familie in Saarn lebte, nach langer und schwerer Krankheit gestorben. „Nur wer weiß, wo er her kommt, weiß auch, wo er hin will,“ hat er einmal über seine Leidenschaft für die Mülheimer Geschichte und den Erhalt ihrer Zeugen und Wahrzeichen gesagt und gefragt: „Was wäre unsere Stadt heute ohne Schloss Broich oder das Tersteegenhaus?“ Beide Baudenkmäler konnten seinerzeit nur unter maßgeblichem Einsatz des Geschichtsvereins erhalten werden. Fischer begann sein eigenes Engagement für den Geschichtsverein in den frühen 80er Jahren. Seine historischen Exkursionen und Vorträge waren gefragt und gern gehört. 1998 übernahm er den Vorsitz des Vereins, der zurzeit rund 780 Mitglieder zählt und mit Fischer jetzt seinen Vormann und Vordenker verloren hat.

 Dieser Text erschien am 23. November 2012 in NRZ und WAZ 

Dienstag, 20. November 2012

Wie heilsam kann die Heilige Schrift sein? Ein Seminar des Katholischen Bildungswerkes betrachtet den medizinischen Fortschritt aus biblischer Sicht

Wir werden immer älter, statistisch gesehen. Der medizinische Fortschritt macht es möglich. Doch was macht unseren Leib und unsere Seele wirklich gesund und heil? Die an der Ruhruniversität Bochum lehrende und forschende Theologin und Bibelwissenschaftlerin Dr. Esther Brünenberg-Bußwolder (36) wird am 24. November in einem Tagesseminar des Katholischen Bildungswerkes Mülheim den Medizinischen Fortschritt aus biblischer Sicht beleuchten und diskutieren. Im Vorfeld sprach das Ruhrwort mit ihr darüber, was man als moderner Mensch im Zeitalter des oft als zweischneidig empfundenen medizinischen Fortschritts aus den Heils- und Heilungsgeschichten der Bibel lernen kann.


Wen und was wollen Sie mit ihrem Tageseminar über den medizinischen Fortschritt aus biblischer Sicht erreichen?

Diese spirituelle Dimension eröffnen die biblischen Texte sehr stark.
Sie vermag mehr als ein Denkanstoß in eigener wie miterlebter Krankheit zu sein.

Was faziniert Sie selbst als Theologin an diesem Thema?

In glücklicher, gesunder Zeit, in der es uns gut geht, fallen uns Gottesbegegnung und Gotteserfahrung leicht. Die biblischen Texte aber zeigen, wie gerade in der Verletzlichkeit des Lebens, in Grenz- und Krankheitssituationen, Gotteserfahrung spürbar wird.

Was können Ärzte und Patienten heute aus den Heils- und Heilungsgeschichten der Bibel lernen?

Menschliches Leben ist geschenktes, unverfügbares Leben - kein Fall, keine Nummer, kein Forschungsobjekt. Heilung hat etwas mit Heil-Werden zu tun.Ein Arzt, wie ihn die Bibel in den Heilungsgeschichten vorstellt, nimmt die Menschen ernst, nimmt sich Zeit für Begegnung und Gespräch, für Berührung und Gestik. Die Bitte um Heilung und die Voraussetzung zur Heilung - der Glaube -, gehen aber initiativ von den Kranken aus. Heilung erschöpft sich nicht in medizinischem Fortschritt.

Wie können wir als moderne Menschen die Wunderheilungen Jesu verstehen und begreifen?

Die Wunderheilungen erzählen von der Wirkmächtigkeit Gottes und vom Vertrauen der Menschen in die göttliche Heilungskraft. Ihre historische Substanz ist zum Teil strittig. Ihre literarische Gestaltung zeigt aber die Intention der Evangelisten: In der Erinnerung des Schrift gewordenen Ereignisses zu vergegenwärtigen, worin Hoffnung und Vertrauen, Sehnsucht und Bitten des Menschen liegen. Und es wird eine weitere Dimension deutlich: Wunderheilungen zeigen, dass es letztlich auf den Glauben ankommt - damals wie heute: "Dein Glaube hat dich geheilt." (Mk 5,34). Hierin zeigen sich Zuspruch wie Anspruch, Ruf und Antwort, eine enge Gott-Mensch-Beziehung vorausgesetzt.

Fehlt unserem auf medizintechnische und ökonomische Optimierung fixierten Gesundheitswesen der Geist des barmherzigen Samariters?

Die Erzählung vom barmherzigen Samariter betont ja vor allem zweierlei: einen zugewandten Blick auf den Menschen, an dem alle anderen vorbeigelaufen sind, und die Rührung des Herzens, aus der ein selbstloses, am notleidenden Menschen orientiertes Handeln folgt. So wichtig die Medizintechnik für die Möglichkeiten der Heilung eines erkrankten Menschen ist, so wenig zu leugnen die Bedeutung der Ökonomie ist: Die Rührung des Herzens aber setzt ein Menschenbild voraus, das den Menschen in seiner Geschöpflichkeit sieht, in seinem physischen wie psychischen Schmerz, in seinen Beziehungsgefügen und Emotionen. Es gilt, den Menschen anzuschauen, nicht über ihn hinwegzuschauen.

Weitere Auskünfte und Anmeldung zum Tagesseminar Krankheit und Heil(ung) aus der Sicht des Alten und Neuen Testaments – oder: Von den Möglichkeiten Gottes“ im Katholischen Bildungswerk Mülheim, das sich im Katholischen Stadthaus am der Althofstraße 8 findet, gibt es dort unter den Rufnummern 0208/3083-136 oder 0208/85996-37 Die Tagungsgebühr von 30 Euro beinhaltet auch ein Mittagessen und Kaffee. Die Veranstaltung beginnt am 24. November um 9 Uhr und endet gegen 17 Uhr.

Dieses Interview erschien am 17. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT


Samstag, 17. November 2012

Der Arbeitskreis Behinderter und Nichtbehinderter AKKB zeigt seit 40 Jahren mit seiner Arbeit, wie Integartion im Alltag funktionieren kann

Mülheim. Jesus erklärt einem Schriftgelehrten, dass Gottes- und Nächstenliebe als die wichtigsten Gebote zwei Seiten der selben Medaille sind und nicht ohne einander funktionieren. Das Sonntagsevangelium nach Markus ist wie geschaffen für den Tag, an dem der AKKB in der Saarner Klosterkirche St. Mariae Himmelfahrt und dem nahegelegenen Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte seinen 40. Geburtstag feiert. 1972 als Arbeitskreis für Körperbehinderte gegründet, steht AKKB heute für Arbeitskreis Behinderter und Nichtbehinderter.

Der Name hat sich geändert. Das Anliegen ist geblieben. Menschen mit und ohne Behinderung gestalten gemeinsam ihre Freizeit, lernen sich kennen und bauen dabei Vorurteile oder Berührungsängste ab. Man unternimmt Ausflüge, kocht und spielt zusammen, geht zum Kegeln, ins Kino oder in die Kneipe. „Inklusion ist ein neues Wort, das meint, das Menschen mit und ohne Behinderung zusammengehören und gemeinsam an einem Strick ziehen müssen. Sie leben dieses Prinzip der Inklusion bereits seit 40 Jahren“, bescheinigt Weihbischof Franz Vorrath den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern des AKKBs. Und der ehemalige Generalvikar Dieter Schümmelfeder, der als Stadtjugendseelsorger 1972 zu den Mitbegründern des AKKBs gehörte, spricht „von einem Stück gelebtem Evangelium und einer der glücklichsten Erfahrungen in meinem priesterlichen Dienst.“

Man staunt und erschreckt zugleich, wenn Schümmelfeder und Paul Heidrich, der damals als Vertreter des Spastikerverbandes den Anstoß zur Gründung des AKKBs gab, davon berichten, wie schwer es vor 40 Jahren war ein öffentliches Interesse und eine politische Lobby für die Belange behinderter Menschen und ihre Integration aufzubauen und das man damals noch dazu tendierte, behinderte Menschen zu verstecken.

Und wie sieht die Zukunft des AKKBs aus, aus dessen Finanzierung sich das Bistum zurückgezogen hat und der deshalb mehr denn je auf ehrenamtliche Helfer, Spender, Sponsoren, Mittel der Stadt Mülheim und auf Geld aus der Stiftung Kloster Saarn sowie auf die Unterstützung seiner Heimat, der Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt angewiesen ist, um seine Arbeit mit zunehmend auch älteren Menschen aufrechterhalten zu können? Der ehemalige Stadtdechant und Generalvikar Schümmelfeder macht deutlich: „Diese Arbeit aufzugeben, wäre für die Kirche eine Bankrotterklärung. Das können wir uns nicht leisten.“

Weitere Auskünfte zum AKKB geben dessen unter der Rufnummer 0208/481744 oder per E-Mail an: jz-treffpunkt.h@t-online.de erreichbaren hauptamtlichen Mitarbeiter Carsten Lewrick und Renate Schlieper, die den seit 1985 existierenden Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte an der Landsberger Straße 19 in Mülheim-Saarn leiten.

Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.treffpunkt-saarn.de

Dieser Text erschien am 9. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT


Donnerstag, 15. November 2012

Was uns die Sportjournalistin und Autorin Evi Simeoni mit ihrem Roman "Schlagmann" über das zu sagen hat, was in unserer Gesellschaft aus dem Ruder läuft

Ein Tabu ist es nicht, viele Worte werden aber um Magersucht auch nicht gemacht. Evi Simeoni macht das anders. Ihr Roman „Schlagmann“ (siehe Kasten), den sie am 14. November in Saarn vorstellt hat, zeigt am Beispiel eines Hochleistungsruderers, der sich mit seiner Magersucht ums Leben bringt, wie leicht das Leben aus dem Ruder laufen kann. Dabei sieht sie den Leistungssport „nur als Essenz und Bild“ für eine zunehmend „gefährliche Grenzüberschreitung seelischer und körperlicher Belastungsgrenzen und einer Selbstinstrumentalisierung, die die Betroffenen von ihren eigenen Gefühlen abschneidet.“ Das, sagt Simeoni, kann man auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen finden. Auch in Mülheim.


Die Diplom-Psychologin und Therapeutin Ulrike Weihrauch, die bei der Fachstelle für Suchtvorbeugung Ginko an der Kaiserstraße 90 magersüchtige Jugendliche und junge Erwachsene und deren Angehörige berät und begleitet, bestätigt, dass sich der Trend zur Magersucht in den letzten Jahren verschärft hat. Sie schätzt, dass pro Jahr etwa 20 bis 30 junge Frauen und etwa zwei bis drei junge Männer zu ihr kommen, die eine Magersucht entwickelt haben „und bei denen der Blick auf die Waage bestimmt, wie der Tag wird.“

Warum machen sich gerade junge Menschen, die noch mitten in der Persönlichkeitsentwicklung stecken, dünn und werden magersüchtig?

Weihrauch begegnet immer wieder Menschen, die perfekt, schön und leistungsstark sein möchten, „damit mich alle mögen“ und die Probleme damit haben, „Gefühle auszudrücken.“

Ähnlich wie Simeoni hat auch Weihrauch die Erfahrung gemacht, dass der zunehmende Leistungsdruck, schlank, schön, stark und erfolgreich zu sein, wie man ihn nicht nur im Sport, sondern auch in Elternhäusern, Schulen und an Arbeitsplätzen finden kann, Menschen mit einer selbstzerstörerischen Magersucht anziehe und es ihnen leicht mache, mit ihrer autoagressiven Persönlichkeitsstörung oft viel zu lange unentdeckt zu bleiben.

Auch TV-Shows, die das Top-Model suchen und so ein unrealistisches Schönheitsideal propagierten, sind Weihrauch ein Dorn im Auge.

„Man sollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und Betroffenen sagen: Du hast eine Essstörung. Sondern mit ihnen die Veränderungen besprechen, die man wahrgenommen hat und zum Ausdruck bringen, dass man sich Sorgen um sie macht“, rät die Ginko-Beraterin Angehörigen, Freunden, Kollegen, Lehrern, Mitschülern oder Trainern von Magersüchtigen. Wenn Menschen ihr Leistung steigern, aber immer weniger essen und sogar Essen verstecken, sollten die Alarmglocken läuten.

Der Chef-Psychiater des St. Marien-Hospitals, Rudolf Groß, sieht Magersucht als „eine Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörung, die Folge gesellschaftlicher Rollenerwartungen, familiärer Probleme sowie eines falschen Körperbildes und einer Identitätsschwäche sein kann und in der Regel heute vor allem verhaltenstherapeutisch behandelt wird.“ Wenn die hausärztliche oder psychotherapeutische Hilfe nicht mehr ausreicht, um magersüchtigen Patienten wieder Appetit auf ihr Essen, ihre Persönlichkeit und ihr Leben zu machen, dann könne ein Klinikaufenthalt der letzte Ausweg zurück ins Leben sein. Der führt dann aber nur in Einzelfällen in die beiden Mülheimer Krankenhäuser und in der Regel in auswärtige Fachkliniken und Fachabteilungen, wie sich eine zum Beispiel an der Universitätsklinik in Essen findet.

Die Autorin und ihr Buch

Die mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnete Sportjournalistin Evi Simeoni wurde 1958 in Stuttgart geboren und arbeitet seit 1981 als Redakteurin und Reporterin für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der Fall des Ruderers Bahne Rabe, der 1988 als Schlagmann des Deutschlandachters Olympiasieger und 1991 im Vierer mit Steuermann Weltmeister wurde, hat sie als Mensch und Journalistin bewegt und beschäftigt und jetzt zu ihrem ersten Roman “Schlagmann“ inspiriert, den sie am morgigen Mittwoch, 14. November, um 19.30 Uhr in der Saarner Buchhandlung Hilberath & Lange an der Düsseldorfer Straße 111 vorstellen wird. Erzählt wird die Geschichte des Hochleistungsruderers Arne, der sich, wie Bahne Rabe (1963-2001) letztlich durch seine Magersucht zugrunde richtet: „Die Beschäftigung mit dem Thema hat meinen Blick auf den Leistungssport verändert und mir gezeigt, dass glücklich sein und Erfolg haben nicht unbedingt zwei Seiten derselben Medaille sind“, sagt Simeoni.

Dieser Text erschien am 13. November 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung


Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...