Sonntag, 12. April 2015

Michael Bohn: Der Mann mit dem karierten Maiglöckchen

Erst ehrenamtlicher Schauspieler, dann hauptamtlicher Leiter: Michael Bohn erlebt beim Backstein-Theater am Evangelischen Krankenhaus in Mülheim sein Happy End.

Michael Bohn ist sehr entspannt. Kein Wunder. Der hauptamtliche Leiter des Backsteintheaters schaut auf eine erfolgreiche Premiere zurück. Der Auftakt zum Jubiläumsjahr ist gelungen. Seit 25 Jahren leistet sich das Evangelische Krankenhaus einen eignen Kulturbetrieb . „Das ist ein kariertes Maiglöckchen, das es so nicht noch einmal gibt“, sagt der Mann, der vor 25 Jahren als ehrenamtlicher Schauspieler zum Backsteintheater kam, das er seit 2008 hauptamtlich leitet.
Bohn ist Regisseur und Manager der Großen Bühne. Ob Inszenierung, Bühnenbild, Technik, Programmheft oder Pressearbeit. Bohn ist beim Backsteintheater als Mann für alle Fälle gefordert. „Bei uns stehen nicht nur 30 Leute auf der Bühne, sondern auch 30 Leute hinter der Bühne, die im Bereich Maske, Technik und Produktionsassistenz mitarbeiten.“ Sie arbeiten ehrenamtlich und er organisiert den gesamten Theaterbetrieb, zu dem seit 2012 auch eine Junge Bühne mit theaterbegeisterten Schülern gehört, als hauptamtlicher Koordinator.

„Ich bin kein Regisseur, der bei den Proben auf einem Klappstuhl sitzt und den Schauspielern sagt, was sie zu machen haben. Ich gehe auch mit auf die Bühne und wir probieren gemeinsam verschiedene Dinge aus“, beschreibt er seinen Arbeitsstil. Das überrascht nicht. Denn er stand als Schauspieler fast 20 Jahre selbst auf der Bühne des Backsteintheaters. „Meine Lieblingsrolle war die als Diener zweier Herren, weil die so lebhaft ist und viel Lebensfreude ausstrahlt“, erinnert sich Bohn an die Produktion aus dem Jahr 1993.

Weil er selbst lange auf der Bühne stand und weiß, was es bedeutet, Text zu lernen und sich die Seele aus dem Leib zu spielen, weiß er auch, was es braucht, eine gleichermaßen ehrenamtliche und professionelle Schauspielertruppe zusammenzuhalten. „Wertschätzung“ ist für ihn das Schlüsselwort. „Das sind alles wilde Hengste und Fohlen, die sehr viel Zeit, Energie und Kreativität in ihre Arbeit einbringen“, weiß Bohn. Warum tun sie das? Warum investieren Ärzte, Juristen, Studenten, Pfarrer, Orthopädiemechanikerinnen oder Personaltrainer für jede Spielminute auf der Bühne 100 Proben-Minuten?“ Das hat in Bohns Augen nicht nur mit dem Gefühl von Wertschätzung und der Tatsache zu tun, „dass nichts mehr verbindet als der Erfolg“, sondern auch mit der Erfahrung, „dass man sich in einem solchen Ensemble sehr nah ist und sich gegenseitig trägt und damit selbst getragen wird.“

Das sei, so glaubt der Theatermann aus dem Evangelischen Krankenhaus, heute eine seltene und deshalb besonders wertvolle Erfahrung in „einer Wohlstandsgesellschaft, in der sich viele Menschen eher abschotten und als Einzelkämpfer unterwegs sind, weil sie Angst vor Nähe und dem Verlust ihres Wohlstandes haben.“

Dass sich „erbauliches Theater“ am und im Krankenhaus auszahlt, sieht Bohn daran, dass das mit Stiftungsmitteln finanzierte Backstein-Theater dem Evangelischen Krankenhaus nicht nur einen enormen Image-Gewinn und sogar eine Auszeichnung durch die Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen (Unesco) eingebracht hat.
Er sieht es auch daran, dass sehr viele Zuschauer, die das eintrittsfreie Theater im Evangelischen Krankenhaus genießen, den Fortbestand der Bühne mit zum Teil großzügigen Spenden absichern und so gleichzeitig Menschen einen Theaterbesuch ermöglichen, die sich kein reguläres Theaterticket leisten könnten, zumal, wenn sie mit ihrer ganzen Familie einen Theaterabend erleben möchten.

„Das Backstein Theater hat soziales und kulturelles Leben ins Krankenhaus gebracht. Es ist inzwischen nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in der Bürgerschaft fest verankert“, sagt Bohn im Blick auf 25 Jahre Backsteintheater. Dafür sprechen auch die Kooperationen, die inzwischen eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem städtischen Kulturbetrieb und den Mülheimer Schulen haben entstehen lassen. „Auf der Bühne“, davon ist Bohn überzeugt, „lernen Jugendliche fürs Leben, weil sie dort lernen, sich selbstbewusst, authentisch und klar auszudrücken und zu bewegen.“

Michael Bohn wurde 1957 in Ost-Berlin geboren. Er kam aber schon im Jahr des Mauerbaus (1961) mit seinen Eltern und seinen drei Schwestern nach Westdeutschland, wo ihn sein Weg nach dem Abitur ins Ruhrgebiet führte. Eigentlich wollte er schon nach der Schule Schauspieler werden, traute sich diesen Weg dann aber doch nicht zu und studierte stattdessen Politikwissenschaften und Sozialarbeit ab der Universität Duisburg-Essen. Gleichzeitig nahm er an einem Schauspielkurs der Volkshochschule Essen teil. 1990 kam er durch eine Bekannte als ehrenamtlicher Schauspieler zum Mülheimer Backsteintheater und fand 1992 als Direktionsreferent am Evangelischen Krankenhaus nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern mit der Öffentlichkeitsreferentin Regina Bollinger auch die Frau fürs Leben.

Dieser Text erschien am 27. März in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 11. April 2015

Auch Shakespeare hätte gelacht: Das Artelier Rudziok feierte mit einer neuen Premiere sein zehnjähriges Bestehen

Wir haben es immer schon geahnt. Das Wort Theater kommt nicht von ungefähr. Martina Rudzioks Komödie „Viel Lärm um überhaupt nichts“, die am Samstag im Artelier Rudziok am Heelweg Premiere feierte, hat uns davon überzeugt und begeisterte 25 Zuschauer im kleinen Zimmertheater, das mit seiner 9. Produktion in sein 10. Jahr geht.

Eigentlich erinnerte nur der Titel des Stücks an den Shakespeare-Klassiker. Vielleicht schaute das von Armin Rudziok gemalte Shakespeare-Portrait ja auch deshalb so grimmig von der Bühnenwand. Doch wahrscheinlich hätte Shakespeare selbst seinen Spaß daran gehabt, wäre er an diesem kurzweiligen Abend unter den Zuschauern gewesen. „Das ist mal was anderes, als zu Hause vor dem Fernsehen zu sitzen“, freute sich Theatergängerin Patricia Paulus. Denn Martina Rudziok (alias Bella Donna), ihr Mann Armin (in der Rolle des überheblichen und misanthropischen Regisseurs) Anica Isermann (als Helena), Patrick Palamidas (als Lorenzo) und Sandra Westermann als Frau Müller, „die putzt, wie ein Knüller“, hielten der Schauspielzunft den Spiegel vor. Mit pointenreichem Wortwitz brachten sie ein Fegefeuer der Eitelkeiten auf die kleine Bühne. Da wurden „brüllend komisch“, wie Zuschauerin Sarah Brock in der Pause sagte, die Komplexe und Allüren der Kulturschaffenden auf die Schüppe genommen.

Herrlich blasiert und süffisant spielte Armin Rudziok den Regisseur, der sich für gottgleich hält und dem hautnah am Bühnengeschehen sitzenden Publikum gleich zu Beginn der Aufführung verriet: „Ich hasse Schauspieler! Sie auch?“ Nicht hassen, sondern lieben musste man Martina Rudziok, Anica Isermann und Patrick Palamidas, wie sie sich gegenseitig die Pointen und Gehässigkeiten zuspielten.

„Könnten Sie mal versuchen, nicht dick zu sein? Denn die Gefahr, dass man Sie für die schöne Helena hält, besteht bei Ihnen ja wohl nicht“, giftete Bella Donna gegen die pummelige Helena. Die ließ sich vor der ersten Probe lieber von ihrem Buch „Torten von A bis Z“ inspirieren, statt ihren Text zu lernen. „Könnten Sie mal versuchen, kein Miststück zu sein“, gab die junge Schauspielerin der schnippischen Diva zurück und überzeugte den selbstverliebten Regisseur mit ihrer Erkenntnis: „Der Regisseur hat immer Recht.“

Ihren Ex-Geliebten, den selbstbewussten Lorenzo: „Ich erwarte hier keine Konkurrenz!“ fertigte Bella Donna mit der Feststellung ab: „Wie schön, dass du deinen Humor nicht verloren hast, wenn dir schon dein Talent abhanden gekommen ist.“ Das brachte den Mann aber nicht aus dem Konzept: „Kennt man eine Miss Theatralika, kennt man alle. Du gehörst doch zu den Schauspielerinnen, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich gelassen haben,“ konterte er ihre Bosheit.

Kein Wunder, dass der Regisseur immer wieder beteuerte: „So kann ich nicht arbeiten. Ich sehe hier keine Tiefe, sondern nur Abgründe.“ Doch die offenbarte der größenwahnsinnige Meister selbst, wenn er die Handlung kurzerhand von einer Kirche in die Sparkasse verlegte, „weil wir heute sowieso nur noch den Mammon anbeten“ oder ankündigte: „Wir werden das Stück nackt spielen, weil wir nichts zu verstecken haben und so absolute Transparenz herstellen.“

Da wunderte auch nicht mehr, dass er auf die Idee verfiel, Frau Müller mit der weiblichen Hauptrolle zu betrauen. Müller, die nicht nur putzt wie ein Knüller sondern auch weiß: „Das kann man doch so nicht machen. Ihr Schauspieler habt wirklich alle einen an der Klingel.“ Denn sie hatte so schön aus Shakespeares „Romeo und Julia“ zitiert. Dass das ein ganz anderes Stück ist, spielte für ihn keine Rolle, „denn hier entsteht schließlich Hochkultur.“ Der Rest war Lachen.


Komödie geht immer:Ein Rückblick auf zehn Jahre Artelier Rudziok


Warum gründet man ein Theater? „Ganz einfach. Ich wollte immer schon mal Regie führen“, sagt die Theaterwissenschaftlerin und Germanistin Martina Rudziok. Weil sie das in ihrem Beruf als PR- und Marketing-Fachfrau nur bedingt kann, eröffnete sie mit ihrem Ehemann Armin vor zehn Jahren im eigenen Haus am Heelweg in Winkhausen ein Zimmertheater, das gerne auch als Kunstgalerie genutzt wird.

Denn nicht nur Martina,- sondern auch ihr Mann Armin Rudziok, der hauptberuflich als Finanzbeamter arbeitet, ist ein kreativer Kopf. Er malt und schreibt, auch gerne mal Kurzgeschichten, bei denen man sich gruseln kann.

Ganz ohne Subventionen und mit viel Idealismus haben die Rudzioks einen kleinen Kulturbetrieb aufgezogen, der drei- bis fünfmal pro Monat mit Theateraufführungen, Ausstellungen und Lesungen von sich reden macht.

„Die Welt ist schon tragisch genug. Deshalb wollen wir unseren Gästen eine unterhaltsame Auszeit vom Alltag gönnen“, erklärt Martina Rudziok, warum sie seit zehn Jahren konsequent auf die Komödie setzt, „in der man auch ernste Themen sehr gut ansprechen kann.“

Das Konzept der Theatermacher und Kulturschaffenden, die ihre Stücke selbst schreiben und bei ihren Inszenierungen mit professionellen und semi-professionellen Schauspielern arbeiten, kommt beim Publikum an.

„Anfangs haben wir auch schon mal nur für vier Zuschauer gespielt. Später hatten wir im Durchschnitt zwölf Zuschauer pro Vorstellung. Und heute sind aufgrund positiver Mundpropaganda und auch aufgrund des lokalen Presseechos in der Regel 22 unserer insgesamt 25 Theaterplätze besetzt“, beschreibt Martina Rudziok die Entwicklung.

Inzwischen hat Rudziok bereits sieben und ihr Mann Armin zwei Komödien, deren Handlung immer aus dem echten Leben kommt, geschrieben und auf ihre kleine Bühne gebracht. „Wir schreiben unsere Stücke auch deshalb selbst, um Tantiemen zu sparen und stattdessen unseren Schauspielern zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen zu können“, betont die Autorin und Regisseurin.


Dieser Text erschien am 23. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 10. April 2015

Zwei Kirchtürme - Eine Botschaft: Ökumene auf dem Kirchenhügel

Der Kirchenhügel ist der historische Kern Mülheims. Hier wurde im 13. Jahrhundert die Petrikirche und Ende der 1920er Jahre die heutige Marienkirche erbaut. Die beiden Gotteshäuser, die auch für nicht kirchlich gebundene Mülheimer Wahrzeichen ihrer Stadt sind, stehen nah bei einander.

Diese Nähe ist heute auf dem Kirchenhügel ökumenischer Alltag. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit musste allerdings über Jahrhunderte hinweg errungen werden. Nachdem die Petrikirche Mitte des 16. Jahrhunderts evangelisch geworden war, gab es über 200 Jahre kein katholisches Leben auf dem Kirchenhügel. Und auch danach blieb Ökumene für viele ein Fremdwort.

Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das Pfarrer Michael Janßen von St. Mariae Geburt, auch als „ökumenisches Konzil“ bezeichnet, setzte sich der Gedanke der gleichberechtigten und vorurteilsfreien Koexistenz der beiden großen christlichen Kirchen durch. Auch überkonfessionelle Ehen wurden damit selbstverständlich. Inzwischen hat der soziale und demografische Wandel die Ökumene beschleunigt. Heute gehören nur noch rund 104?000 der insgesamt 166?000 Mülheimer der evangelischen oder katholischen Kirche an.

Wie berichtet, verließen in Mülheim alleine im vergangenen Jahr 601 Katholiken und 675 Protestanten ihre Kirche. Angesichts der damit verbundenen Strukturprobleme regte der neue Katholikenratsvorsitzende Rolf Völker beim Stadtkatholikenempfang im Januar eine verstärkte ökumenische Zusammenarbeit, etwa in Form einer gemeinsamen Ladenkirche, eines ökumenischen Kirchentages und eines ökumenischen Neujahrsempfanges, an.

Wie ökumenische Zusammenarbeit in der Praxis funktionieren kann, lässt sich auf dem Kirchenhügel studieren. So wird dort nicht nur ein gemeinsames Osterfeuer entzündet, sondern auch ein gemeinsames Gemeindefest gefeiert, das katholische und evangelische Gemeindemitglieder ebenso selbstverständlich zusammenbringt, wie die gemeinsame Bibelarbeit in einem ökumenischen Gesprächskreis oder gemeinsame Fahrten, die katholische und evangelische Christen zum Beispiel Rom, den Altenberger Dom oder das Kloster Stiepel in Bochum entdecken ließen.

Auch in der Krankenhausseelsorge wird eng zusammengearbeitet und nicht nach der Konfession von Patienten gefragt. Die Konfession spielt auch in Chören und Singschulen keine Rolle.

Ebenso arbeiten Katholiken und Protestanten im örtlichen Netzwerk der Generationen oder in der Hospizbewegung selbstverständlich zusammen oder beziehen gemeinsam Stellung, wenn es etwa um den Schutz des Sonntags oder den Umgang mit Flüchtlingen geht.

„Unsere ökumenische Zusammenarbeit entspricht der Wirklichkeit, die in den Familien bereits seit langem gelebt wird“, sind sich der katholische Pfarrer Janßen und seine Amtsschwester aus der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde, Karla Unterhansberg, einig. Für beide Pfarrer geht es darum, dass die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinden „nah bei den Menschen sind und gemeinsame christliche Werte, wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit vermitteln können.“

Konkrete Nächstenliebe in Form von Rat und Hilfe für den Familienalltag leistet auch das ökumenische Familienzentrum auf dem Kirchenhügel, zu dem sich die katholische Kindertagesstätte Lummerland und die evangelische Kindertagesstätte am Muhrenkamp bereits 2007 zusammengetan haben und damit in Nordrhein-Westfalen zu den ökumenischen Vorreitern gehörten. Und auch dann, wenn das ökumenische Familienzentrum mit seinem Beratungs- und Informationsangebot nicht mehr weiterhelfen kann und deshalb an die Caritas oder Diakonie verweisen muss, gibt es eine ökumenische Abstimmung, darüber, wer was macht und keine Konkurrenz.


Dieser Text erschien am 4. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 8. April 2015

Was lässt Pfarrer an die Auferstehung glauben: Eine kleine Osterumfrage

Michael Manz war 20 Jahre Pfarrer an der Friedenskirche in Heißen, ehe er nach ihrer Aufgabe 2014 als Pfarrer an die Immanuelkirche der Evangelischen Kirchengemeinde Styrum wechselte.

Wie werden die Angehörigen der 149 Opfer und die Angehörigen des Täters Ostern erleben?
Die Botschaft der Auferstehung …
Des Sieges über den Tod …
Neues Leben …

Ein Theologe fragt:
„Warum fallen wir? Damit wir lernen, wieder aufzustehen.“

Wer liegen bleibt, der kann nicht auferstehen.

Ich kann und will nicht glauben, dass Menschen, die so jäh aus dem Leben gerissen wurden, liegen bleiben …
Sie werden auferstehen.
Ich habe eine Phantasie, ich mache mir ein Bild…

Ich sehe – auch – diese Menschen, wie sie an den Rändern liegen, den Einen durchlassen, ihn sehen, ihn hören, sich von ihm beim Aufstehen eine Hand, den Arm reichen lassen und sich aufrichten lassen, aufstehen …
Und wie sie erst zaghaft und leise, mit brüchiger Stimme, dann aber in immer deutlicher werdenden Tönen zu singen beginnen:
„Hosianna! … Halleluja!“

Und ich weiß, dass der, der da besungen und gepriesen wird, den Einen nicht liegen lassen wird …
Auch wenn es manch Andere zunächst verstummen lassen wird …

Ich wünsche mir, dass dieses mein Bild kein Bild, keine unnütze Phantasie bleiben möge …

Denn Auferstehung  von den Toten bedeutet, dass unser Leben Bedeutung hat – wie auch immer es war, wie auch immer es zu Ende gegangen ist.

Oder um es mit Worten aus dem Vorspann von “Raumschiff Enterprise” zu sagen:
“Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“
Wir werden in einem Zustand, einer Atmosphäre sein, die nie zuvor ein Mensch gesehen oder erlebt hat.


Bettina Roth ist Pfarrerin in der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim und Mitglied der rheinischen Landeskirchenleitung

Für die Bibel ist die Auferstehung Jesu eine Tatsache: Alle vier Evangelien erzählen, dass Jesus auferstanden und seinen Jüngern begegnet ist. Damit ist die Auferstehung das am besten bezeugte Ereignis im Neuen Testament. Daran kann ich gut anknüpfen. Wie die Auferstehung  Jesu genau geschehen ist, bleibt jedoch offen. Für mich ist das kein Hindernis für österliche Hoffnung. Denn entscheidend ist dies: Durch die Auferstehung Jesu wissen wir: Gott hat selbst den Tod überwunden, und schenkt neues Leben. Das feiern wir an Ostern. Daran glaube ich. Und vertraue darauf, dass Gott das durch Christus auch an uns tut – und tun wird: Uns halten, tragen, retten.  Das ist eine große und wunderbare Hoffnung! Sie tröstet, und richtet Menschen auf. Und kommt uns nahe, indem wir einfach Ostern feiern: Im Gottesdienst mit der Gemeinde. Wenn die Osterkerze leuchtet, das Osterevangelium gelesen wird und die fröhlichen Osterlieder erklingen ist da, was wir uns an diesem Tag gegenseitig wünschen: Frohe Ostern!  Probieren Sie es aus. Sie sind herzlich willkommen!

Katrin Schirmer ist Pfarrerin an der Lutherkirche und zuständig für den Speldorfer Gemeindebezirk Mitte

An die Auferstehung glauben heißt für mich zu begreifen, dass der Tod ist ein Teil des Lebens ist, ein Durchgang zu einer neuen Existenz.
Der Tod ist das Ende meiner menschlichen Gestalt, aber nicht das Ende meiner Geschichte mit Gott. Gott schenkt uns neues Leben.

Mir gibt der Glaube Kraft und Halt im Leben. Es tröstet mich zu wissen, woher ich komme und wohin ich gehe.
Mit Vernunft erklären oder beweisen kann man die Auferstehung nicht. Das ging früher nicht und das geht auch nicht heute.
Ich kann nur erzählen und sagen: Mir hilft mein Glaube – und er verbindet mich mit vielen anderen Menschen auf der Welt.
Es gibt einfach mehr, als wir Menschen mit unserem Verstand fassen können.


Dagmar Tietsch-Lipski arbeitet als evangelische Pfarrerin an der Johanniskirche in der Lukas-Kirchengemeinde und ist als Mitglied im Kreissynodalvorstand Stellvertreterin des Superintendenten

Die Ostergeschichten der Bibel erzählen uns kein Märchen von einem Scheintoten. Jesus kehrt nicht einfach in sein irdisches Leben zurück. Der Tod ist eine absolute Grenze, die niemand rückwärts überschreiten kann.
Auferstehung heißt für mich:  Jesus ist hineingenommen worden in Gottes ewiges Leben. Das ist kein geschichtliches Datum, sondern ein überzeitliches Ereignis. Darum kann man darüber auch keinen Dokumentarfilm drehen. Auch das Neue Testament schweigt darüber, wie das denn passiert ist. Wohl aber wird uns dort berichtet, was die Jünger(innen) mit dem Auferstandenen erleben. Es sind sehr unterschiedliche Berichte, die sich allerdings in einem Punkt einig sind: Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus ist dem möglich, der für das Überraschende und Neue offen ist.
Vielleicht ist es gerade das, was die Ostergeschichten der Bibel so glaubwürdig macht: Dass da eben nicht so getan wird, als ob alles ganz glatt und problemlos verlaufen wäre. Sondern dass da auch – ganz modern - von Zweifeln die Rede ist, von Skepsis, von Unglauben.
Ostern ist für mich mehr als der Blick auf das leere Grab: Der Weg, unser Weg führt über den Ostermorgen hinaus, weiter durch die Osterzeit und auch darüber hinaus. Es gilt, den Spuren des Lebens zu folgen und damit das Bekenntnis und den Sinn zu entdecken, den die Ostergeschichten der Bibel in ihrer Vielfalt immer wieder neu vermitteln können. Es geht darum, Vergangenes verabschieden und Neues wagen.

Wolfgang Sickinger ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Heißen

Weil Jesus Christen von den Toten auferweckt wurde, glaube ich auch persönlich an die Auferstehung von den Toten. Das Neue Testament berichtet überzeugend von der Auferweckung Jesu. Dem Glaubenden erweist sich Christus als der lebendige Herr, auf dessen Gegenwart Christen auch im 21. Jahrhundert vertrauen. 

Zeitgemäß vermitteln lässt sich dieser Glaube am besten durch eine verständliche Verkündigung der biblischen Botschaft. Wer mit wissenschaftlichen Fragestellungen über die Möglichkeit eines solchen Wunders nachdenken möchte, könnte grundlegende Einsichten der Quantenphysik zur Kenntnis nehmen. Danach fällt es Christen nicht schwer, der Kraft Gottes ein solches Handeln zuzutrauen.

Manfred von Schwartzenberg ist Ehrenstadtdechant und Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde St. Barbra 

Mein Glaube an die Auferstehung hängt ganz eng mit meinem Gottesbild zusammen.
Innerlich lehne ich es ab, mir Gott, Himmel und ewiges Leben konkretvorzustellen.
Das wären für mich aufgeblasene eigene (anerzogene und angelesene) Phantasien bzw. Wunschvorstellungen.

Meine positive Grundhaltung zu Gott beziehe ich vom Menschen Jesus, so wie er von sich und Gott spricht bzw. wie ihn das neue Testament präsentiert. Dabei ist für mich das Beeindruckenste die Liebe, die er gepredigt
und gelebt hat. D.h. ich brauch mich nicht mit einem "Gott in den Höhen" gedanklich herumzuquälen.
"Wer mich sieht, sieht den Vater", hat er mal gesagt. Die Genialität der christlichen Botschaft ist es, die Menschheit
aus der Angst vor Göttern und Strafgerichten befreit zu haben und mit Jesus Christus einen "Gott auf Augenhöhe" zu verkünden. Der für mich schönste Satz: "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. " (Joh 3,16)

Zeitgemäß vermitteln kann ich diesen Glauben nicht durch Märchen. Ich kann Bilder benutzen, wie Jesus das auch getan hat
und dazu erklären wie er das gemeint hat, wenn er z.B. von den Wohnungen spricht und von sich als Weg, Wahrheit und Leben.
Und ich kann auch immer nur von meinem persönlichen Glauben sprechen. Unbedingt ist der Eindruck zu vermeiden, man habe
die Wahrheit gepachtet und wisse mehr als andere. Mir hilft allerdings die Gemeinschaft der Gläubigen und die Feier des Glaubens sehr.
Und ich sage den Leuten auch oft, warum ich Priester geworden bin. Nicht, weil ich etwas weiß, sondern weil ich von dem Gedanken
der Liebe fasziniert bin. Alles weitere überlasse ich dem Heiligen Geist.


Ein Text zu diesem Thema erschien am 4. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung



Montag, 6. April 2015

So gesehen: Als der Osterhase vernascht wurde


Ostern. Das weckt bei mir immer wieder dieselbe Erinnerung. Ein Knirps von vier oder fünf Jahren stapft mit seiner Mutter, seinen beiden großen Schwestern und seiner Tante durch den Witthausbusch. Er sucht den Osterhausen. Scheu und aus Schokolade soll er sein, bekleidet mit einem dünnen Goldpapier und einem roten Band mit Glöckchen um den Hals.
Der Knirps nimmt die Witterung auf. Schon hört er es im Gebüsch knistern und klingeln. Doch siehe da. Auch ein Eichhörnchen hat den Osterhasen gesucht und offensichtlich schneller gefunden. Das Eichhörnchen macht mit dem Osterhasen kurzen Prozess. Es reißt Meister Lampe das Goldkleid vom Leib und vernascht ihn an Ort und Stelle.
Der kleine Knirps staunt darüber, wie schnell man als Osterhase den Kopf verlieren kann, wenn man nicht auf der Hut ist. „Für einmal darf es das“, meint er und gibt sich dem Eichhörnchen geschlagen. Erst später begreift er: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, nicht nur zur Osterzeit!
Dieser Text erschien am 4. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 5. April 2015

Denk ich an Bismarck

Was haben Roberto Ciulli und Otto von Bismarck gemeinsam? Sie haben heute Geburtstag. Der Theatermann vom Raffelberg wird heute 81. Der erste Reichskanzler würde heute 200, wenn er nicht schon 1898 das Zeitliche gesegnet hätte.
Ciulli, der mit dem 1981 gegründeten Theater an der Ruhr Mülheims Namen in alle Welt getragen hat, steht für die große Schauspielkunst, die die Zeitläufte in den Blick nimmt und auf die Bühne bringt. Bismarck steht für die Staatskunst, die die Zeitläufte bestimmt hat.
Nicht nur Mülheim trug Bismarck zu seinem 80. Geburtstag 1895 die Ehrenbürgerschaft an und setzte ihm posthum mit dem 1909 am Kahlenberg errichteten Bismarckturm ein Denkmal.


Auch wenn Bismarck als Kanzler von Kriegen, Kulturkampf und Sozialistengesetzen schon zu Lebzeiten umstritten war, wurde er doch als Kanzler der ersten deutschen Einheit von 1871 von vielen Deutschen seiner Zeit verehrt, vor allem, nachdem er 1890 das Kanzleramt verlassen hatte.  Wo seit 1998 der Künstler Jochen Leyendecker arbeitet und ausstellt, genossen schon die alten Mölmschen schöne Aussichten. Immer wieder stand der Bismarckturm im Mittelpunkt politischer Kundgebungen. Hier feierte etwa die Hitler-Jugend ihre Sonnenwendfeiern. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die britische Militärregierung den Bismarckturm als Funkturm. Obwohl es in den 50er Jahren Pläne gab, den Turm abzureißen, blieb er erhalten und wurde Ende der 70er Jahre generalüberholt.


Dieser Text erschien am 1. April in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 3. April 2015

Neue Leitung im stationären Hospiz: Die Arbeit soll auf mehrere Schultern verteilt werden

Das stationäre Hospiz an der Friedrichstraße hat mit Ute Borghorst seit 14 Tagen eine neue Leiterin. Wie der Geschäftsführer des Hospizes, Ulrich Schreyer, bestätigt, will man die Arbeitsbelastung im Hospiz, in dem sich 15 hauptamtliche und 40 ehrenamtliche Mitarbeiter um bis zu zehn Schwerstkranke und sterbende Menschen kümmern, auf mehr Schultern verteilen. Ute Borghorst wird sich auf die organisatorischen Leitungsaufgaben und die bisherige Leiterin Marie-Luise Gerling-Kleine-König auf ihre Aufgaben in der Pflegedienstleitung des im November 2012 eröffneten Hauses konzentrieren.

Die gelernte Krankenschwester und Diplom-Pflegewirtin Ute Borghorst arbeitet seit 2003 in der Pflegedienstleitung des Evangelischen Krankenhauses und hat 2013 eine Zusatzqualifikation in der Palliativpflege erworben.

Ihre Leitungsaufgaben sieht Borghorst unter anderem darin, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit und externen Dienstleistern sicherzustellen und gleichzeitig intern etwa die Zimmerbelegung und das Qualitätsmanagement so zu steuern, dass „das gesamte Hospizteam, möglichst frei von Reibungsverlusten, seiner wertvollen Aufgabe in der Fürsorge für die Gäste nachgehen kann“.
Grundsätzlich sieht sie das stationäre Hospiz, in dem seit seiner Eröffnung 492 Menschen begleitet worden sind, vor der Herausforderung, dass die Nachfrage das Angebot an stationären Hospizplätzen bei weitem übersteigt.

„Jeden Tag“, so berichtet Borghorst, „erreichen uns neue Anfragen, auch aus Regionen weit über die Grenzen von Mülheim hinaus.“ Und sie fügt hinzu: „Natürlich nehmen wir unter Einhaltung der
Regeln von Respekt und Wertschätzung so viele der Menschen wie möglich auf, um ihnen zu helfen.“

Borghorst weist darauf hin, dass das Hospiz zehn Prozent seiner Betriebskosten über Spenden finanzieren muss und deshalb auch weiterhin auf finanzielle Unterstützung aus der Bürgerschaft angewiesen sein wird. Die Voraussetzungen dafür sind in ihren Augen günstig, „weil das Hospiz in Mülheim sehr gut verankert ist und die Öffentlichkeit unserem Empfinden nach den Umstand, ein stationäres Hospiz zu haben, sehr positiv bewertet.“

Was reizt Borghorst an ihrer neuen Aufgabe? Dazu sagt sie: „Die Aufgabe im Hospiz zeichnet sich durch eine viel stärkere Intensität bei der Erfüllung von Bedürfnissen und der Beantwortung existenzieller Fragen der Gäste, der Angehörigen sowie der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter aus. Es ergeben sich dadurch sehr viele, sehr intensive Momente, die der Krankenhausalltag in der Rolle einer Pflegedienstleitung nicht vorsieht und für die Momente bin ich wieder sehr dankbar.“

Und wo vor hat sie den meisten Respekt, wenn sie an ihre neue Aufgabe denkt? Borghorst formuliert es so: „Respekt habe ich vor jeder Begegnung mit schwerst- und todkranken Menschen, denn wir haben eine hohe Verantwortung den Menschen gegenüber. Besonders ausgeprägt empfinde ich es noch einmal darüber hinaus gehend bei einem Gast in jungem Alter, der in unserem Haus seinen letzten Lebensraum bezieht.“

Dieser Text erschien am 1. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...