Samstag, 11. April 2015

Auch Shakespeare hätte gelacht: Das Artelier Rudziok feierte mit einer neuen Premiere sein zehnjähriges Bestehen

Wir haben es immer schon geahnt. Das Wort Theater kommt nicht von ungefähr. Martina Rudzioks Komödie „Viel Lärm um überhaupt nichts“, die am Samstag im Artelier Rudziok am Heelweg Premiere feierte, hat uns davon überzeugt und begeisterte 25 Zuschauer im kleinen Zimmertheater, das mit seiner 9. Produktion in sein 10. Jahr geht.

Eigentlich erinnerte nur der Titel des Stücks an den Shakespeare-Klassiker. Vielleicht schaute das von Armin Rudziok gemalte Shakespeare-Portrait ja auch deshalb so grimmig von der Bühnenwand. Doch wahrscheinlich hätte Shakespeare selbst seinen Spaß daran gehabt, wäre er an diesem kurzweiligen Abend unter den Zuschauern gewesen. „Das ist mal was anderes, als zu Hause vor dem Fernsehen zu sitzen“, freute sich Theatergängerin Patricia Paulus. Denn Martina Rudziok (alias Bella Donna), ihr Mann Armin (in der Rolle des überheblichen und misanthropischen Regisseurs) Anica Isermann (als Helena), Patrick Palamidas (als Lorenzo) und Sandra Westermann als Frau Müller, „die putzt, wie ein Knüller“, hielten der Schauspielzunft den Spiegel vor. Mit pointenreichem Wortwitz brachten sie ein Fegefeuer der Eitelkeiten auf die kleine Bühne. Da wurden „brüllend komisch“, wie Zuschauerin Sarah Brock in der Pause sagte, die Komplexe und Allüren der Kulturschaffenden auf die Schüppe genommen.

Herrlich blasiert und süffisant spielte Armin Rudziok den Regisseur, der sich für gottgleich hält und dem hautnah am Bühnengeschehen sitzenden Publikum gleich zu Beginn der Aufführung verriet: „Ich hasse Schauspieler! Sie auch?“ Nicht hassen, sondern lieben musste man Martina Rudziok, Anica Isermann und Patrick Palamidas, wie sie sich gegenseitig die Pointen und Gehässigkeiten zuspielten.

„Könnten Sie mal versuchen, nicht dick zu sein? Denn die Gefahr, dass man Sie für die schöne Helena hält, besteht bei Ihnen ja wohl nicht“, giftete Bella Donna gegen die pummelige Helena. Die ließ sich vor der ersten Probe lieber von ihrem Buch „Torten von A bis Z“ inspirieren, statt ihren Text zu lernen. „Könnten Sie mal versuchen, kein Miststück zu sein“, gab die junge Schauspielerin der schnippischen Diva zurück und überzeugte den selbstverliebten Regisseur mit ihrer Erkenntnis: „Der Regisseur hat immer Recht.“

Ihren Ex-Geliebten, den selbstbewussten Lorenzo: „Ich erwarte hier keine Konkurrenz!“ fertigte Bella Donna mit der Feststellung ab: „Wie schön, dass du deinen Humor nicht verloren hast, wenn dir schon dein Talent abhanden gekommen ist.“ Das brachte den Mann aber nicht aus dem Konzept: „Kennt man eine Miss Theatralika, kennt man alle. Du gehörst doch zu den Schauspielerinnen, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich gelassen haben,“ konterte er ihre Bosheit.

Kein Wunder, dass der Regisseur immer wieder beteuerte: „So kann ich nicht arbeiten. Ich sehe hier keine Tiefe, sondern nur Abgründe.“ Doch die offenbarte der größenwahnsinnige Meister selbst, wenn er die Handlung kurzerhand von einer Kirche in die Sparkasse verlegte, „weil wir heute sowieso nur noch den Mammon anbeten“ oder ankündigte: „Wir werden das Stück nackt spielen, weil wir nichts zu verstecken haben und so absolute Transparenz herstellen.“

Da wunderte auch nicht mehr, dass er auf die Idee verfiel, Frau Müller mit der weiblichen Hauptrolle zu betrauen. Müller, die nicht nur putzt wie ein Knüller sondern auch weiß: „Das kann man doch so nicht machen. Ihr Schauspieler habt wirklich alle einen an der Klingel.“ Denn sie hatte so schön aus Shakespeares „Romeo und Julia“ zitiert. Dass das ein ganz anderes Stück ist, spielte für ihn keine Rolle, „denn hier entsteht schließlich Hochkultur.“ Der Rest war Lachen.


Komödie geht immer:Ein Rückblick auf zehn Jahre Artelier Rudziok


Warum gründet man ein Theater? „Ganz einfach. Ich wollte immer schon mal Regie führen“, sagt die Theaterwissenschaftlerin und Germanistin Martina Rudziok. Weil sie das in ihrem Beruf als PR- und Marketing-Fachfrau nur bedingt kann, eröffnete sie mit ihrem Ehemann Armin vor zehn Jahren im eigenen Haus am Heelweg in Winkhausen ein Zimmertheater, das gerne auch als Kunstgalerie genutzt wird.

Denn nicht nur Martina,- sondern auch ihr Mann Armin Rudziok, der hauptberuflich als Finanzbeamter arbeitet, ist ein kreativer Kopf. Er malt und schreibt, auch gerne mal Kurzgeschichten, bei denen man sich gruseln kann.

Ganz ohne Subventionen und mit viel Idealismus haben die Rudzioks einen kleinen Kulturbetrieb aufgezogen, der drei- bis fünfmal pro Monat mit Theateraufführungen, Ausstellungen und Lesungen von sich reden macht.

„Die Welt ist schon tragisch genug. Deshalb wollen wir unseren Gästen eine unterhaltsame Auszeit vom Alltag gönnen“, erklärt Martina Rudziok, warum sie seit zehn Jahren konsequent auf die Komödie setzt, „in der man auch ernste Themen sehr gut ansprechen kann.“

Das Konzept der Theatermacher und Kulturschaffenden, die ihre Stücke selbst schreiben und bei ihren Inszenierungen mit professionellen und semi-professionellen Schauspielern arbeiten, kommt beim Publikum an.

„Anfangs haben wir auch schon mal nur für vier Zuschauer gespielt. Später hatten wir im Durchschnitt zwölf Zuschauer pro Vorstellung. Und heute sind aufgrund positiver Mundpropaganda und auch aufgrund des lokalen Presseechos in der Regel 22 unserer insgesamt 25 Theaterplätze besetzt“, beschreibt Martina Rudziok die Entwicklung.

Inzwischen hat Rudziok bereits sieben und ihr Mann Armin zwei Komödien, deren Handlung immer aus dem echten Leben kommt, geschrieben und auf ihre kleine Bühne gebracht. „Wir schreiben unsere Stücke auch deshalb selbst, um Tantiemen zu sparen und stattdessen unseren Schauspielern zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen zu können“, betont die Autorin und Regisseurin.


Dieser Text erschien am 23. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

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