Die Zahl der Kirchenaustritte ist auch im Jahr 2014 deutlich angestiegen. Das geht aus den Zahlen des Amtsgerichtes und der Stadtkirchen in Mülheim hervor. Danach verließen im vergangenen Jahr 601 Katholiken und 675 Protestanten ihre Kirche. Zum Vergleich: 2013 verzeichnete die katholische Stadtkirche nur 413 und die evangelische Stadtkirche 362 Austritte.
Die Ursachen für den deutlichen Anstieg der Kirchenaustritte seien, so der evangelische Superintendent Helmut Hitzbleck und der katholische Stadtdechant Michael Janßen vor allem finanziell begründet. Die beiden Pfarrer und ihre Dümptener Kollegin Gundula Zühlke aus dem evangelischen Kreissynodalvorstand weisen in diesem Zusammenhang auf die 2013 vom Gesetzgeber novellierte Besteuerung von Kapitalerträgen hin.
Seit Anfang 2014 müssen Banken ihre Kunden darüber informieren, dass der neunprozentige Kirchensteueranteil an ihren Zinseinkünften automatisch an das Finanzamt und von dort an die Kirchen abgeführt wird, wenn sie dieser Praxis nicht ausdrücklich beim Bundeszentralamt für Steuern widersprechen und ihre Kapitalertragssteuern, wie bisher selbstständig im Rahmen ihrer Einkommensteuererklärung angeben. „Viele haben deshalb irrtümlich geglaubt, dass es sich um eine zusätzliche Kirchensteuer handelt, was ja definitiv nicht der Fall ist,“ sagt Janßen. Pfarrerin Zühlke räumt ein: „Da haben wir als Kirche einen Fehler gemacht, weil wir das den Menschen nicht gut genug erklärt haben und sich so viele überfallen fühlten.“
Für die Banken ist das „Mehrarbeit, zu der wir vom Gesetzgeber verpflichtet sind“, betont Sparkassensprecher Frank Hötzel. Er macht aber auch deutlich, dass Kapitalertragssteuern und damit der entsprechende Kirchensteueranteil nur dann fällig werden, wenn Kunden mehr als 801 Euro Zinsen pro Jahr bekommen. Wer weniger Zinseinnahmen hat, muss aber nur dann keine Kapitalertragssteuern zahlen, wenn er über seinen Bankberater einen Freistellungsauftrag erteilt hat.
Hötzel geht davon aus, dass die 75 000 Sparkassenkunden ein Spiegelbild der Mülheimer Stadtgesellschaft darstellen. Von den rund 168 000 Mülheimern sind heute nur noch 49 000 Mitglied der Evangelischen und knapp 52 000 Mitglied der katholischen Kirche. Zwar hat es in den vergangenen Jahren auch Kircheneintritte in Mülheim gegeben, beispielsweise im Jahr 2013 bei den Katholiken 23 und bei den Protestanten 119. Für 2014 liegen derzeit nur Zahlen vom Evangelischen Kirchenkreis vor, der 90 neue Mitglieder aufgenommen hat. Aber diese Zahlen fallen nicht ins Gewicht im Vergleich zu den Austritten. Nur noch gut 60 Prozent der Mülheimer gehören heute einer der beiden großen christlichen Kirchen an.
Dieser Text erschien am 15. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 5. März 2015
Dienstag, 3. März 2015
Thomas Straßmann: Das närrische Multitalent
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| Thomas Straßmann Foto: Privat |
Egal, ob man im Karneval einen Stimmungssänger, einen Hoppediz, der in die Bütt steigt, einen Clown für den Kinderkarneval oder einen Sitzungspräsidenten braucht. Thomas Straßmann ist zur Stelle. Nicht nur in seiner eigenen Gesellschaft Blau Weiß, deren Präsident er ist, weiß man das karnevalistische Multitalent zu schätzen. „Im richtigen Leben bin ich ein ruhiger und zurückhaltender Mensch, aber wenn ich auf der Bühne stehe, lege ich den Schalter um und werde zur Rampensau“, beschreibt der 52-Jährige, der bei Daimler in der Karnevalshochburg Düsseldorf arbeitet, die zwei Seiten seines Wesens.
Mit dem Bazillus Carnevalensis ist Straßmann schon als Knirps infiziert worden. Auch Vater Franz zog schon als Sänger und Redner auf die Bühne. Das Idol seiner Kindheit, war der blau-weiße Kinderclown Fipsi, der einst in einem Zelt an der Duisburger Straße den Nachwuchs närrisch machte. Als der kleine Thommy größer geworden war und mit seinen Freunden Ally Hamann, Joachim Pütz und Herbi Hövelmann erst im Musikzug der KG Blau Weiß und später in den Bands Tramp 2000 und Blue Moon den Ton angab, trat er selbst als Kinderclown die Nachfolge seines Vorbildes Fipsi an. „Da habe ich erst mal gemerkt, wie schwer es ist Menschen gut zu unterhalten“, erinnert sich Straßmann an seine ersten Erfahrungen als Entertainer. Doch die Bühnenluft hat ihn süchtig gemacht. „Das tut natürlich auch dem Ego gut, wenn man Leute begeistern kann und Applaus bekommt. Dann sind alle Probleme und jeder Alltagsstress vergessen“, erklärt Straßmann, warum er sich auch heute auf jeden Auftritt freut.
Natürlich macht der Spaß auch Arbeit. „Eigentlich müsste ich schon im Sommer anfangen, aber meistens beginne ich erst im Oktober mit den Sessionsvorbereitungen“, erzählt Straßmann. Dann sieht er sich nach Feierabend immer wieder in sein Musikzimmer zurück und übt einen Karnevalsschlager nach dem anderen oder studiert die Lokalpresse, um Stoff für seine Büttenrede zu finden. Baustellen, Ruhrbania oder der Nahverkehr waren in den letzten Jahren seine Lieblingsthemen. „Die Karnevalsschlager muss man bis zum Umfallen üben, damit man auf der Bühne nicht mehr über den Text nachdenken muss, sondern einfach lossingen und auf die Leute im Saal zugehen kann,“ beschreibt der Vollblutkarnevalist den Fleiß, der vor dem Preis des Applauses kommt. Nur seine selbst geschriebenen Karnevalsschlager, wie etwa „Da ist der Dieter da“ braucht er nicht mehr zu üben.
Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Montag, 2. März 2015
Alle Schäfchen im Trockenen? Die Kirche zwischen Steuereinnahmen und Sparzwang: Eine Bestandsaufnahme
Immer weniger Kirchenmitglieder, immer weniger Kirchensteuereinnahmen? Die Antwort scheint logisch ganz klar „Ja“ zu sein. Doch so einfach ist es nicht auf eine Formel zu bringen. Denn: Mit der Zahl der Kirchenmitglieder sinken nicht automatisch auch die Kirchensteuereinnahmen. Die seien nämlich immer auch von der konjunkturellen Entwicklung und den steuerrechtlichen Rahmenbedingungen abhängig. Darauf weisen sowohl die evangelische als auch katholische Kirche hin. Zudem sei auch nicht jedes Kirchenmitglied zugleich ein Kirchensteuerzahler.
Und während man beim Bistum im statistischen Durchschnitt mit 211 Euro Kirchensteuereinnahmen pro Kirchenmitglied rechnet und für das laufende Jahr einen Kirchensteuerrückgang von neun Prozent prognostiziert, verbucht man beim evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr dagegen ein Plus – nämlich 2013 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) mit 15,55 Millionen Euro ein Kirchensteueraufkommen, das gut eine Million Euro über dem von 2003 lag.
Doch auch wenn die finanzielle Situation der evangelischen Kirche auf den ersten Blick gut aussieht, warnt Superintendent Helmut Hitzbleck vor voreiligen Schlüssen, weil die Lohnkosten, die im Schnitt mehr als 70 Prozent der kirchlichen Haushalte ausmachten, die zwischenzeitlichen Steuergewinne übersteigen und am Ende „unter dem Strich zu einem Minus führen.“ Deshalb sieht er auch für die Zukunft eine Entwicklung die dazu führt, „dass wir als Kirche mit weniger Menschen an weniger Orten, weiterhin die Arbeit leisten, die uns wichtig ist.“ Dazu gehört „neben der Verkündigung des Evangeliums vor allem für die Menschen da zu sein und sie dort, wo sie sozial abgehängt werden, wieder an die Gesellschaft anzukoppeln.“ Nicht ohne Stolz weist Hitzbleck darauf hin, dass man in den vergangenen Jahren trotz Personalabbau niemanden entlassen und sich auch aus keinem Bereich zurückgezogen habe.
Auch für den katholischen Stadtdechanten Michael Janßen steht fest: „Kirche muss weiter im Stadtbild präsent sein und ihre pastorale und soziale Arbeit vor Ort leisten.“ Doch angesichts der Prognose, dass die katholischen Pfarrgemeinden bis 2030 auf 50 Prozent ihrer aktuellen Kirchensteuermittel in Höhe von je 350?000 Euro verzichten müssen, denkt Janßen über kreative Lösungen nach. So kann er sich zum Beispiel vorstellen, aus den drei Pfarrverwaltungen eine zentrale Kirchenverwaltung zu machen und dort, wo das möglich ist, auch Gemeindezentren und Gemeindesäle aufzugeben und stattdessen Kirchen zu erhalten und sie in multifunktionale Gemeinderäume umzugestalten. Denkbar ist für ihn auch, die katholische Heilig-Geist-Kirche in Holthausen künftig ökumenisch zu nutzen. Im Frühjahr beginnen Gespräche zwischen Stadtkirche und Bistumsleitung. Sie sollen bis Ende 2017 zu konkreten Vorschlägen führen.
Doch nicht erst seit gestern passen die Stadtkirchen ihre Strukturen den veränderten demografischen und finanziellen Rahmenbedingungen an. Auf katholischer Seite wurden 2006 aus 15 eigenständigen Pfarrgemeinden drei Großpfarreien mit Gemeinden und Filialkirchen. Auf evangelischer Seite fusionierten die Gemeinden Holthausen, Altstadt und Menden-Raadt zur Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde. Die Gemeinden Broich und Saarn schlossen sich zusammen. Und Styrum, Johannis und Dümpten bildeten die neue Lukaskirchengemeinde. Gleichzeitig wurden im Laufe der letzten Dekade die 12 Gemeindezentren und Kirchen aufgegeben, damit die zuständigen Gemeinden Bauunterhaltungskosten sparen konnten. In einigen Fällen, wie etwa am Schöltges Hof in Dümpten, an der Walkmühlenstraße oder zuletzt im Fall der Friedenskirche am Humboldthain wurden Gemeindeimmobilien verkauft und zum Beispiel für neuen Wohnraum an der Walkmühlenstraße oder eine privat betriebene Urnenbegräbnisstätte am Humboldthain umgewidmet.
Im Mai diesen Jahres steht die Entwidmung der Christuskirche und ihres Gemeindezentrums am Lindenhof in Saarn an. Die katholische Kirche machte im Rahmen ihrer Gemeindeumstrukturierung 2006 aus der damaligen Pfarrkirche Heilig Kreuz eine Urnenkirche, in der aber weiterhin Gottesdienste gefeiert werden. Gleichzeitig wurde die Pfarrkirche St. Raphael an der Hingbergstraße profaniert und fortan als Caritas-Zentrum genutzt.
Erheblich schmerzhafter waren die Schließung des katholischen Jugendamtes und die Streichung der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit. Die katholischen Gemeindekindergärten wurden damals in einen Zweckverband des Bistums überführt, während die evangelischen Kitas weiter von den Gemeinden finanziert werden müssen. Wie berichtet sucht die Lukaskirchengemeinde für ihr Haus der kleinen Leute am Klöttschen jetzt einen neuen Träger, um sich finanziell zu entlasten.
Die Zahl der Mülheimer Protestanten ist zwischen 2003 und 2013 von rund 60?000 auf rund 51?000 zurückgegangen. Gleichzeitig sank die Zahl der Mülheimer Katholiken von 58 613 auf 51 751. Superintendent Helmut Hitzbleck und Stadtdechant Michael Janßen sind sich darin einig, dass die beiden großen christlichen Kirchen künftig noch mehr auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Gemeindemitglieder angewiesen sein werden.
Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt. Hier wurde eine hauptamtliche Küsterstelle durch eine 450-Euro-Kraft ersetzt, die von 20 ehrenamtlichen Helfern aus der Gemeinde unterstützt wird. Gleichzeitig baute die Gemeinde drei Hausmeisterstellen ab und reduzierte die vierte Hausmeisterstelle von Voll- auf Teilzeit.
Im Bereich der Ev. Stadtkirche wurden in den letzten Jahren drei Pfarrstellen eingespart, weil ein Pfarrer in den Ruhestand und zwei weitere in andere Kirchenkreise gingen und durch drei Mülheimer Pfarrer ersetzt werden konnten, deren bisherige Pfarrstellen im Zuge von Umstrukturierungen und Gemeindefusionen aufgegeben wurden. Aktuell gibt es im evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr 26 Gemeinde- und Funktions-Pfarrstellen.
Dieser Text erschien am 28. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Und während man beim Bistum im statistischen Durchschnitt mit 211 Euro Kirchensteuereinnahmen pro Kirchenmitglied rechnet und für das laufende Jahr einen Kirchensteuerrückgang von neun Prozent prognostiziert, verbucht man beim evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr dagegen ein Plus – nämlich 2013 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) mit 15,55 Millionen Euro ein Kirchensteueraufkommen, das gut eine Million Euro über dem von 2003 lag.
Doch auch wenn die finanzielle Situation der evangelischen Kirche auf den ersten Blick gut aussieht, warnt Superintendent Helmut Hitzbleck vor voreiligen Schlüssen, weil die Lohnkosten, die im Schnitt mehr als 70 Prozent der kirchlichen Haushalte ausmachten, die zwischenzeitlichen Steuergewinne übersteigen und am Ende „unter dem Strich zu einem Minus führen.“ Deshalb sieht er auch für die Zukunft eine Entwicklung die dazu führt, „dass wir als Kirche mit weniger Menschen an weniger Orten, weiterhin die Arbeit leisten, die uns wichtig ist.“ Dazu gehört „neben der Verkündigung des Evangeliums vor allem für die Menschen da zu sein und sie dort, wo sie sozial abgehängt werden, wieder an die Gesellschaft anzukoppeln.“ Nicht ohne Stolz weist Hitzbleck darauf hin, dass man in den vergangenen Jahren trotz Personalabbau niemanden entlassen und sich auch aus keinem Bereich zurückgezogen habe.
Auch für den katholischen Stadtdechanten Michael Janßen steht fest: „Kirche muss weiter im Stadtbild präsent sein und ihre pastorale und soziale Arbeit vor Ort leisten.“ Doch angesichts der Prognose, dass die katholischen Pfarrgemeinden bis 2030 auf 50 Prozent ihrer aktuellen Kirchensteuermittel in Höhe von je 350?000 Euro verzichten müssen, denkt Janßen über kreative Lösungen nach. So kann er sich zum Beispiel vorstellen, aus den drei Pfarrverwaltungen eine zentrale Kirchenverwaltung zu machen und dort, wo das möglich ist, auch Gemeindezentren und Gemeindesäle aufzugeben und stattdessen Kirchen zu erhalten und sie in multifunktionale Gemeinderäume umzugestalten. Denkbar ist für ihn auch, die katholische Heilig-Geist-Kirche in Holthausen künftig ökumenisch zu nutzen. Im Frühjahr beginnen Gespräche zwischen Stadtkirche und Bistumsleitung. Sie sollen bis Ende 2017 zu konkreten Vorschlägen führen.
Doch nicht erst seit gestern passen die Stadtkirchen ihre Strukturen den veränderten demografischen und finanziellen Rahmenbedingungen an. Auf katholischer Seite wurden 2006 aus 15 eigenständigen Pfarrgemeinden drei Großpfarreien mit Gemeinden und Filialkirchen. Auf evangelischer Seite fusionierten die Gemeinden Holthausen, Altstadt und Menden-Raadt zur Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde. Die Gemeinden Broich und Saarn schlossen sich zusammen. Und Styrum, Johannis und Dümpten bildeten die neue Lukaskirchengemeinde. Gleichzeitig wurden im Laufe der letzten Dekade die 12 Gemeindezentren und Kirchen aufgegeben, damit die zuständigen Gemeinden Bauunterhaltungskosten sparen konnten. In einigen Fällen, wie etwa am Schöltges Hof in Dümpten, an der Walkmühlenstraße oder zuletzt im Fall der Friedenskirche am Humboldthain wurden Gemeindeimmobilien verkauft und zum Beispiel für neuen Wohnraum an der Walkmühlenstraße oder eine privat betriebene Urnenbegräbnisstätte am Humboldthain umgewidmet.
Im Mai diesen Jahres steht die Entwidmung der Christuskirche und ihres Gemeindezentrums am Lindenhof in Saarn an. Die katholische Kirche machte im Rahmen ihrer Gemeindeumstrukturierung 2006 aus der damaligen Pfarrkirche Heilig Kreuz eine Urnenkirche, in der aber weiterhin Gottesdienste gefeiert werden. Gleichzeitig wurde die Pfarrkirche St. Raphael an der Hingbergstraße profaniert und fortan als Caritas-Zentrum genutzt.
Erheblich schmerzhafter waren die Schließung des katholischen Jugendamtes und die Streichung der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit. Die katholischen Gemeindekindergärten wurden damals in einen Zweckverband des Bistums überführt, während die evangelischen Kitas weiter von den Gemeinden finanziert werden müssen. Wie berichtet sucht die Lukaskirchengemeinde für ihr Haus der kleinen Leute am Klöttschen jetzt einen neuen Träger, um sich finanziell zu entlasten.
Wie sich der Sparzwang auf die kirchlichen Strukturen auswirkt
Die Zahl der Mülheimer Protestanten ist zwischen 2003 und 2013 von rund 60?000 auf rund 51?000 zurückgegangen. Gleichzeitig sank die Zahl der Mülheimer Katholiken von 58 613 auf 51 751. Superintendent Helmut Hitzbleck und Stadtdechant Michael Janßen sind sich darin einig, dass die beiden großen christlichen Kirchen künftig noch mehr auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Gemeindemitglieder angewiesen sein werden.
Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt. Hier wurde eine hauptamtliche Küsterstelle durch eine 450-Euro-Kraft ersetzt, die von 20 ehrenamtlichen Helfern aus der Gemeinde unterstützt wird. Gleichzeitig baute die Gemeinde drei Hausmeisterstellen ab und reduzierte die vierte Hausmeisterstelle von Voll- auf Teilzeit.
Im Bereich der Ev. Stadtkirche wurden in den letzten Jahren drei Pfarrstellen eingespart, weil ein Pfarrer in den Ruhestand und zwei weitere in andere Kirchenkreise gingen und durch drei Mülheimer Pfarrer ersetzt werden konnten, deren bisherige Pfarrstellen im Zuge von Umstrukturierungen und Gemeindefusionen aufgegeben wurden. Aktuell gibt es im evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr 26 Gemeinde- und Funktions-Pfarrstellen.
Dieser Text erschien am 28. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 28. Februar 2015
"Setzen Sie sich auch heute für unser Christentum ein und zeigen Sie klare Kante. Denn die Frohe Botschaft hat es verdient": Ein Bericht vom Stadtkatholikenempfang 2015
„Wie sollen wir vor Gott und den Menschen bestehen, wenn wir
heute nicht unser Leben einsetzen?“, zitiert Wolfgang Feldmann den seligen
Widerstandskämpfer Nikolaus Groß, der vor 70 Jahren von den Nazis ermordet
wurde. Und Feldmann fügt hinzu: „Wir werden hoffentlich nie wieder Zeiten
erleben, in denen wir, so wie Nikolaus Groß, wirklich unser Leben einsetzen
müssen. Aber ich bitte Sie, setzen Sie sich auch heute für unser Christentum
ein und zeigen Sie klare Kante. Denn die Frohe Botschaft hat es verdient.“
Der Mann, der das beim Neujahrsempfang der Mülheimer
Katholiken vor rund 130 Zuhörern sagt, setzt sich seit fast 40 Jahren für die
katholische Kirche und die christliche Botschaft ein. Deshalb verleihen ihm an
diesem Sonntag Stadtdechant Michael Janßen und der gastgebende Pfarrer von St.
Barbara, Manfred von Schwartzenberg, die Nikolaus-Groß-Medaille. Mit ihr
zeichnet die Stadtkirche außergewöhnlich engagierte Kirchenmitglieder aus.
Schwartzenberg weiß, was er an seinem Kirchenvorstandskollegen Feldmann hat. Er
nennt ihn „einen Mann der anzieht und ausstrahlt.“
Feldmann, der keinen Zweifel daran lässt, dass er seine
ehrenamtliche Arbeit für Kirche, Glauben und Gesellschaft nicht ohne die
Inspiration und Rückendeckung durch seine Frau Margret hätte leisten können,
hat nicht nur als langjähriger Pfarrgemeinderatsvorsitzender in St. Barbara und
als Katholikenratsvorsitzender in Mülheim Akzente gesetzt. Auch überregional
war er zum Beispiel im Diözesanrat und im Zentralkomitee der Deutschen
Katholiken aktiv.
Bis heute engagiert sich der 63-Jährige im Team der
katholischen Ladenkirche und im Kuratorium des Barbaramahls, das jedes Jahr
Spenden für die Hospizarbeit sammelt. Darüber hinaus sammelt er regelmäßig
Spenden für den Förderverein seiner Heimatgemeinde St. Barbara und gibt dort
auch Senioren konkrete Hilfestellungen, leistet hier und da Alltagsassistenz
oder fährt Senioren, die nicht mehr mobil sind sonntags zum Gottesdienst.
Rolf Völker, der im vergangenen Herbst sein Nachfolge als
Katholikenratsvorsitzender angetreten hat, lässt mit Blick auf die
zurückgehenden Kirchenmitgliedszahlen keinen Zweifel daran, dass die
katholische Stadtkirche, die heute noch rund 52.000 Mitglieder zählt, künftig
mehr so aktive Laien, wie Wolfgang Feldmann braucht, um ihre religiöse und
soziale Bedeutung nicht zu verlieren. „Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand
stecken, sondern müssen die Gestaltung unserer Kirche selbst in die Hand
nehmen“, fordert Völker.
Auf der Basis der Haushaltszahlen des Bistums geht er davon
aus, dass die drei Pfarrgemeinden Mülheims im Jahr 2030 nur noch die Hälfte der
heutigen Kirchensteuereinnahmen von jeweils jährlich 350.000 Euro haben werden.
Angesichts der demografischen Entwicklung und der Tatsache, dass sowohl die
katholische als auch die evangelische Stadtkirche deutlich mehr
Kirchenaustritte und Bestattungen, als Kircheneintritte und Taufen zu
verzeichnen hat, fordert Völker mehr Ökumene vor Ort. So wirbt er zum Beispiel
für eine ökumenische Ladenkirche, einen ökumenischen Kirchentag und einen
ökumenischen Neujahrsempfang. Dass sich auch Mülheimer Katholiken und
Protestanten angesichts begrenzter kommunaler Finanzmittel ehrenamtlich in der
Flüchtlingshilfe engagieren und die Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt 2014
ihr leer stehendes Hildegardishaus als Übergangsunterkunft für Flüchtlinge zur
Verfügung gestellt hat, sieht der neue Katholikenratsvorsitzende als
wegweisend. Armin Laschet als Gast beim Stadtkatholikenempfang
„Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Achtsamkeit und Wachsamkeit“, sagt Stadtdechant Michael Janßen mit Blick auf die Anschläge von Paris. Beim katholischen Neujahrsempfang im Pfarrsaal von St. Barbara wirbt er angesichts einer nicht nur in Mülheim zunehmend multikulturellen Gesellschaft für „eine schöpferische Pluralität auf dem Boden des Grundgesetzes.“ Er macht deutlich, dass Freiheit und Religionsfreiheit, aber auch Frieden, Toleranz und Offenheit für Zuwanderer, „die bei uns eine gute Zukunft suchen und mitgestalten wollen“ untrennbar zusammengehören. Auch CDU-Landeschef Armin Laschet wirbt als Gastredner des katholischen Neujahrsempfang für ein selbstbewusstes, aber auch weltoffenes Christentum. „Wir müssen die christliche Botschaft nicht nur immer wieder in unsere Zeit übersetzen und selbstbewusst vertreten, sondern auch leben“, sagt Laschet. Dabei weist er auf das Lebensbeispiel von Nikolaus Groß hin. Der habe mit Hilfe von Bildung den sozialen Aufstieg vom Bergmann zum Gewerkschaftsführer und Chefredakteur geschafft. „Kindern, unabhängig von ihrer Herkunft einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen“, sieht der Christdemokrat auch künftig als eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Aufgaben an. Dabei glaubt Laschet, dass die Grundwerte des christlichen Menschenbildes, wie die unveräußerliche persönliche Menschenwürde, die Freiheit, aber auch die soziale Eingebundenheit, etwa in die Familie und ihre Generationensolidarität, auch für Menschen außerhalb der christlichen Kirchen konsens- und tragfähig sein können.Dienstag, 10. Februar 2015
„Du nix Jude. Du blond. Du deutsch“ – Schwester Johanna Eichmann zog die Zuhörer in der katholischen Akademie Die Wolfsburg in ihren Bann
Kann man nach Auschwitz noch
glauben? Schwester Johanna Eichmann sagt Ja, obwohl die 1926 als Jüdin geborene
Ordensfrau ihren Großvater und ihren Onkel in Auschwitz verloren hat. „Der
Mensch ist in letzter Konsequenz frei und wir können nicht erwarten, dass Gott
die große Kehrmaschine heraus holt, wenn auf der Welt etwas schief geht“,
begründet sie ihre Glaubenshaltung. 70 Jahre nach der Befreiung des
Konzentrationslagers Auschwitz liest Schwester Johanna am 27, Januar 2015 in
der katholischen Akademie Die Wolfsburg aus ihren Lebenserinnerungen, die Sie
unter dem Titel: „Du nix Jude. Du blond. Du deutsch.“ veröffentlicht hat. Der
Titel ist der Satz eines russischen Soldaten, den sie nach Kriegsende 1945 in
Berlin zu hören bekam, als sie ihn darauf hinwies, dass sie Jüdin sei. Das
Argument ließ der Sowjetsoldat nicht gelten, ersparte ihr aber das Schicksal
einer Vergewaltigung, das viele Frauen in Deutschland damals zu erleiden
hatten.
Musikalisch begleitet von Coline Hardelauf (Gesang) und Pascal Schweren (Klavier), die Gedichte der 1944 in Auschwitz ermordeten Jüdin Ilse Weber vortragen, zieht Schwester Johanna an diesem Abend 400 Zuhörer im vollbesetzten Auditorium der Wolfsburg mit ihrer Lebensgeschichte in ihren Bann.
Diese Lebensgeschichte des jüdischen Mädchens, das, wie Edith Stein, zur katholischen Ordensfrau wird, beeindruckt, weil Schwester Johanna sie ohne Pathos und moralischen Fingerzeig erzählt. Es ist die Geschichte von Ruth Eichmann, die als Tochter einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters in Recklinghausen aufwächst. Damals heißt sie noch Ruth. Den Namen Johanna wird sie erst annehmen, als sie 1952 in die Ordensgemeinschaft der Ursulinen eintritt. Warum sie diesen Weg ging, wird aus ihrem Lebensweg deutlich. Zunächst galt im Elternhaus das Wort der jüdischen Großmutter: „Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen.“ Doch dann kamen 1933 die Nazis an die Macht. Noch auf dem Sterbebett ermahnte die Großmutter ihre Tochter und ihren Schwiegersohn: „Ihr müsst das Kind taufen lassen!“ So geschah es im September 1933 in der Petruskirche von Recklinghausen. Dennoch erlebte Ruth in der Volksschule aufgrund ihrer jüdischen Herkunft manche Diskriminierung. Erst als sie 1936 zu den Ursulinen aufs Gymnasium nach Dorsten kam, wurde es besser: „Auch Jesus war Jude. Die Juden sind das auserwählte Volk Gottes und du bist ein Kind dieses Volkes“, sagte ihr damals die mit Edith Stein korrespondierende Schuldirektorin und Oberin Mater Petra Brüning. „Das hat mein Selbstbewusstsein ungemein gestärkt. Denn wenn man überleben will, muss man auch an sich selbst glauben“, sagt Schwester Johanna heute. Das Gott- und Selbstvertrauen, das ihr die Ursulinen mit auf den weiteren Lebensweg gaben, trug sie auch, als der Orden die Schulleitung an die Nazis abgeben und Ruth Eichmann die Schule verlassen musste. Doch sie hatte Glück im Unglück, konnte in Essen eine Ausbildung als Dolmetscherin machen, zunächst beim Französischen Kommissariat in Berlin und später als Sekretärin in einem Berliner Handwerksbetrieb unterkommen. Nach Kriegsende gab es zumindest für Mutter Martha, Vater Paul und Tochter Ruth in Marl, wo der Vater Paul Eichmann, von den Amerikanern inzwischen zum Oberbürgermeister ernannt worden war, ein glückliches Wiedersehen. Auch wenn der Vater, der seine Tochter zwischenzeitlich tot geglaubt hatte, sich anfangs schwer damit tat, dass aus seiner Tochter Ruth die Ursulinenschwester Johanna wurde, war er später doch mächtig stolz, als sie mit nur 38 Jahren zur Leiterin der Ursulinen-Schule in Dorsten berufen wurde.
40 Jahre, nachdem ihr Großvater Albert und ihr Onkel Paul in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden waren, fand Schwester Johanna 1983 die Kraft dazu, dort auf ihren Spuren zu wandeln, und die Stätten des „Grauens, an das man sich niemals gewöhnen kann“, selbst in Augenschein zu nehmen. „Was in Auschwitz geschehen ist“, sagt Schwester Johanna, „zeigt uns Menschen, welchen Weg wir suchen müssen und welchen wir auf keinen Fall gehen dürften.“ Ihre Biografie als Christin, die in der biblischen Glaubenstradition auch Jüdin geblieben ist, sieht sie als Auftrag. Diesen Auftrag hat sie nicht nur als Mensch, Pädagogin und Zeitzeuge, sondern auch als Pädagogin und Gründerin des Jüdischen Museums Westfalen erfüllt. Der Direktor der Wolfsburg, Michael Schlagheck, sprachwohl vielen Zuhörern aus dem Herzen, als er nach der Veranstaltung mit Schwester Johanna Eichmann feststellte. „Dieser Abend war ein Geschenk und ein Dienst an unserer kollektiven Erinnerung.“
Johanna Eichmann hat ihre Autobiografie „Du nix Jude. Du blond. Du deutsch.“ 2011 im Essener Klartextverlag veröffentlicht. Sie war nach ihrer Zeit als Schulleiterin in Dorsten (1964-1991) unter anderem Oberin des Ursulinenordens und Leiterin des von ihr mitbegründeten Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten. Für ihr Lebenswerk wurde sie 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2006 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Die Stadt Dorsten und der Kreis Recklinghausen haben sie 2007 und 2011 zur Ehrenbürgerin ernannt.
Dieser Text erschien am 31. Januar 2015 im Neuen Ruhrwort
Musikalisch begleitet von Coline Hardelauf (Gesang) und Pascal Schweren (Klavier), die Gedichte der 1944 in Auschwitz ermordeten Jüdin Ilse Weber vortragen, zieht Schwester Johanna an diesem Abend 400 Zuhörer im vollbesetzten Auditorium der Wolfsburg mit ihrer Lebensgeschichte in ihren Bann.
Diese Lebensgeschichte des jüdischen Mädchens, das, wie Edith Stein, zur katholischen Ordensfrau wird, beeindruckt, weil Schwester Johanna sie ohne Pathos und moralischen Fingerzeig erzählt. Es ist die Geschichte von Ruth Eichmann, die als Tochter einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters in Recklinghausen aufwächst. Damals heißt sie noch Ruth. Den Namen Johanna wird sie erst annehmen, als sie 1952 in die Ordensgemeinschaft der Ursulinen eintritt. Warum sie diesen Weg ging, wird aus ihrem Lebensweg deutlich. Zunächst galt im Elternhaus das Wort der jüdischen Großmutter: „Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen.“ Doch dann kamen 1933 die Nazis an die Macht. Noch auf dem Sterbebett ermahnte die Großmutter ihre Tochter und ihren Schwiegersohn: „Ihr müsst das Kind taufen lassen!“ So geschah es im September 1933 in der Petruskirche von Recklinghausen. Dennoch erlebte Ruth in der Volksschule aufgrund ihrer jüdischen Herkunft manche Diskriminierung. Erst als sie 1936 zu den Ursulinen aufs Gymnasium nach Dorsten kam, wurde es besser: „Auch Jesus war Jude. Die Juden sind das auserwählte Volk Gottes und du bist ein Kind dieses Volkes“, sagte ihr damals die mit Edith Stein korrespondierende Schuldirektorin und Oberin Mater Petra Brüning. „Das hat mein Selbstbewusstsein ungemein gestärkt. Denn wenn man überleben will, muss man auch an sich selbst glauben“, sagt Schwester Johanna heute. Das Gott- und Selbstvertrauen, das ihr die Ursulinen mit auf den weiteren Lebensweg gaben, trug sie auch, als der Orden die Schulleitung an die Nazis abgeben und Ruth Eichmann die Schule verlassen musste. Doch sie hatte Glück im Unglück, konnte in Essen eine Ausbildung als Dolmetscherin machen, zunächst beim Französischen Kommissariat in Berlin und später als Sekretärin in einem Berliner Handwerksbetrieb unterkommen. Nach Kriegsende gab es zumindest für Mutter Martha, Vater Paul und Tochter Ruth in Marl, wo der Vater Paul Eichmann, von den Amerikanern inzwischen zum Oberbürgermeister ernannt worden war, ein glückliches Wiedersehen. Auch wenn der Vater, der seine Tochter zwischenzeitlich tot geglaubt hatte, sich anfangs schwer damit tat, dass aus seiner Tochter Ruth die Ursulinenschwester Johanna wurde, war er später doch mächtig stolz, als sie mit nur 38 Jahren zur Leiterin der Ursulinen-Schule in Dorsten berufen wurde.
40 Jahre, nachdem ihr Großvater Albert und ihr Onkel Paul in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden waren, fand Schwester Johanna 1983 die Kraft dazu, dort auf ihren Spuren zu wandeln, und die Stätten des „Grauens, an das man sich niemals gewöhnen kann“, selbst in Augenschein zu nehmen. „Was in Auschwitz geschehen ist“, sagt Schwester Johanna, „zeigt uns Menschen, welchen Weg wir suchen müssen und welchen wir auf keinen Fall gehen dürften.“ Ihre Biografie als Christin, die in der biblischen Glaubenstradition auch Jüdin geblieben ist, sieht sie als Auftrag. Diesen Auftrag hat sie nicht nur als Mensch, Pädagogin und Zeitzeuge, sondern auch als Pädagogin und Gründerin des Jüdischen Museums Westfalen erfüllt. Der Direktor der Wolfsburg, Michael Schlagheck, sprachwohl vielen Zuhörern aus dem Herzen, als er nach der Veranstaltung mit Schwester Johanna Eichmann feststellte. „Dieser Abend war ein Geschenk und ein Dienst an unserer kollektiven Erinnerung.“
Johanna Eichmann hat ihre Autobiografie „Du nix Jude. Du blond. Du deutsch.“ 2011 im Essener Klartextverlag veröffentlicht. Sie war nach ihrer Zeit als Schulleiterin in Dorsten (1964-1991) unter anderem Oberin des Ursulinenordens und Leiterin des von ihr mitbegründeten Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten. Für ihr Lebenswerk wurde sie 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2006 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Die Stadt Dorsten und der Kreis Recklinghausen haben sie 2007 und 2011 zur Ehrenbürgerin ernannt.
Dieser Text erschien am 31. Januar 2015 im Neuen Ruhrwort
Mittwoch, 4. Februar 2015
Unvergessliche Begegnungen: Der evangelische Pfarrrer Gerhard Bennertz hat in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten mit rund 50 jüdischen Mülheimern, die den Holocaust überlebt hatten
Am 27. Januar 1945 befreien sowjetische Soldaten die letzten Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Auschwitz wurde zum Synonym für den Holocaust und seine sechs Millionen Opfer. „Sechs Millionen. Das ist eine allgemeine und unfassbare Zahl. Erst Einzelbeispiele zeigen, was der Holocaust bedeutete, nämlich das unschuldige Menschen aus der Mitte der Gesellschaft nur deshalb ermordet wurden, weil sie Juden waren“, sagt Gerhard Bennertz.
Der evangelische Theologe hat in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten rund 50 jüdische Mülheimer interviewt, die den Holocaust überlebten und später in Israel, USA, Australien, Südafrika und Südamerika eine neue Heimat fanden. Aus dem, was sie ihm bei Begegnungen in Mülheim oder in Israel berichteten, wurde das Fundament einer biografischen Spurensuche, die den Mülheimer Holcaust-Opfern ein Gesicht gibt. Erst diese Pionier- und Grundlagenarbeit machte die späteren Dokumentationen über Jüdisches Leben und die Holocaust-Opfer aus Mülheim möglich.
In Gesprächen mit Mülheimer Holocaust- Überlebenden, wie Alfred Cohn, spürte Bennertz, „wie dankbar sie dafür waren, dass sie ihre eigene Geschichte erzählen konnten und dass darüber in Deutschland geschrieben und berichtet wurde.“ Unvergessen bleibt Bennertz die erste Begegnung mit Alfred Cohn im Jahr 1982. Nach dem Gespräch in seinem neuen Heimatort bei Tel Aviv sagte ihm Cohn damals: „Sie sind der erste Deutsche, dem ich dem Krieg die Hand gebe.“ Bennertz hörte und notierte seinen Leidensweg, der den 1921 in Mülheim geborenen Alfred Cohn im September 1943 als Häftling Nr. 151896 nach Auschwitz brachte und dort den sogenannten Todesmarsch im Januar 1945 überleben ließ. Cohn wuchs als Sohn eines jüdischen Getreidehändlers auf, der für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. Er besuchte dort das heutige Otto-Pankok-Gymnasium. Dort erlebte er im April 1933, wie alle Bücher jüdischer Autoren aus der Schulbücherei geholt und auf dem Schulhof verbrannt wurden. Cohn erfuhr am eigenen Leibe, wie die NS-Propaganda auf seine Mitschüler wirkte und sie ihm immer mehr entfremdete. Obwohl er gerne das Abitur gemacht hätte, musste er die Schule 1937 verlassen. Auch seine Lehre bei einem jüdischen Eisenhändler konnte er nicht abschließen, weil die Firma „arisiert“ wurde. So ließ er sich notgedrungen in der Landwirtschaft ausbilden und ging 1939 nach Holland. Doch von dort aus deportierten ihn die deutschen Besatzer 1943 nach Auschwitz, wo er nur mit Glück Hunger, Gewalt, Krankheit und harte Arbeit, etwa in der Gummiherstellung für die IG Farben überlebte, weil es immer wieder Menschen gab, die ihm halfen und etwas zu essen gaben.
Auch nach seiner Zeit in Auswitz musste er eine Odysee durch diverese Lager und die knochenharte Zwangsarbeit an einem Bergstollen im Harz überleben, in dem die Vergeltungswaffe V2 für den „deutschen Endsieg“ hergestellt werden sollte. Erst im April 1945 konnte Cohn nach seiner zwischenzeitlichen Flucht, die er mit Hilfe einer deutschen Bauernfamilie in der Tschechien überlebte, von US-Truppen befreit werden. Anders, als seine 1941 nach Riga deportierte Mutter (der Vater war schon vor dem Krieg gestorben) sollte Alfred Cohn, wie seine nach England geflohene Schwester, den Holocaust überleben. Mit seiner Jugendfreundin Adah, die er 1947 heiratete, konnte er ein neues Leben anfangen. Das führte ihn und seine Frau, die später drei Kindern das Leben schenken sollten, zunächst in die USA und dann nach Israel, wo der erst vor wenigen Jahren verstorbene Alfred Cohn als Fachmann für die Herstellung von Milchprodukten Molkereibetriebe leitete.
Im Rückblick auf seine Gespräche mit den Mülheimer Holocaust-Überlebenden sagt Bennertz: „Ich habe damals begriffen, dass es immer falsch ist Vorurteilen und ideologischen Zerrbildern zu folgen. Stattdessen muss man sich im Leben immer ein eigenes Bild machen, einfach hingehen und hinschauen, um den anderen kennenzulernen und zu verstehen, damit der Hass, der am Ende ins Verderben führt, erst gar keine Chance bekommt.“
1933 hatte die Jüdische Gemeinde Mülheims noch 517 Mitglieder. 270 jüdische Mülheimer sollten bis 1945 dem Holocaust zum Opfer fallen. Rund 150 von ihnen wurden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Heute zählt die jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen, die zu mehr als 90 Prozent aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion und ihren Nachkommen besteht, rund 2800 Mitglieder.
Dieser Text erschien am 26. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Der evangelische Theologe hat in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten rund 50 jüdische Mülheimer interviewt, die den Holocaust überlebten und später in Israel, USA, Australien, Südafrika und Südamerika eine neue Heimat fanden. Aus dem, was sie ihm bei Begegnungen in Mülheim oder in Israel berichteten, wurde das Fundament einer biografischen Spurensuche, die den Mülheimer Holcaust-Opfern ein Gesicht gibt. Erst diese Pionier- und Grundlagenarbeit machte die späteren Dokumentationen über Jüdisches Leben und die Holocaust-Opfer aus Mülheim möglich.
In Gesprächen mit Mülheimer Holocaust-
Auch nach seiner Zeit in Auswitz musste er eine Odysee durch diverese Lager und die knochenharte Zwangsarbeit an einem Bergstollen im Harz überleben, in dem die Vergeltungswaffe V2 für den „deutschen Endsieg“ hergestellt werden sollte. Erst im April 1945 konnte Cohn nach seiner zwischenzeitlichen Flucht, die er mit Hilfe einer deutschen Bauernfamilie in der Tschechien überlebte, von US-Truppen befreit werden. Anders, als seine 1941 nach Riga deportierte Mutter (der Vater war schon vor dem Krieg gestorben) sollte Alfred Cohn, wie seine nach England geflohene Schwester, den Holocaust überleben. Mit seiner Jugendfreundin Adah, die er 1947 heiratete, konnte er ein neues Leben anfangen. Das führte ihn und seine Frau, die später drei Kindern das Leben schenken sollten, zunächst in die USA und dann nach Israel, wo der erst vor wenigen Jahren verstorbene Alfred Cohn als Fachmann für die Herstellung von Milchprodukten Molkereibetriebe leitete.
Im Rückblick auf seine Gespräche mit den Mülheimer Holocaust-Überlebenden sagt Bennertz: „Ich habe damals begriffen, dass es immer falsch ist Vorurteilen und ideologischen Zerrbildern zu folgen. Stattdessen muss man sich im Leben immer ein eigenes Bild machen, einfach hingehen und hinschauen, um den anderen kennenzulernen und zu verstehen, damit der Hass, der am Ende ins Verderben führt, erst gar keine Chance bekommt.“
1933 hatte die Jüdische Gemeinde Mülheims noch 517 Mitglieder. 270 jüdische Mülheimer sollten bis 1945 dem Holocaust zum Opfer fallen. Rund 150 von ihnen wurden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Heute zählt die jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen, die zu mehr als 90 Prozent aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion und ihren Nachkommen besteht, rund 2800 Mitglieder.
Dieser Text erschien am 26. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 24. Januar 2015
Schüler dürfen Fehler machen oder: Was man gerne macht, macht man am Ende auch wirklich gut: Ein Gespräch mit der neuen Rektorin der Realschule Stadtmitte Sabine Dilbat
| Sabine Dilbat |
"Schule
hat mir immer schon Spaß gemacht, weil ich gerne unter Menschen bin und mit
Menschen arbeite“, sagt Sabine Dilbat.
Gute Voraussetzungen für die neue Rektorin der Realschule Stadtmitte. Zum 1.
Dezember hat sie in der Schule an der Oberstraße die Nachfolge von Gebhard
Lürig angetreten, der sich in den Ruhestand verabschiedet hat.
Was will die Neue neu machen? „Ich will hier das Rad nicht neu erfinden, sondern mir die Schule genau anschauen und sehen, was geht, was gewünscht wird und was nicht geht.“ Gehen könnte aus ihrer Sicht zum Beispiel eine verstärkte Kooperation mit dem benachbarten Berufskolleg Stadtmitte oder (da spricht die Sportlehrerin) die Einrichtung einer Triathlon AG.
Doch wenn die Pädagogin, die neben ihrer Leitungstätigkeit nicht nur Sport, sondern auch Biologie unterrichtet, sich etwas für ihre Schule wünschen könnte, dann vor allem mehr pädagogisches Personal. Das scheint dringend notwendig an einer Ganztagsschule mit vier Inklusionsklassen und derzeit zwölf Seiteneinsteigern. Seiteneinsteiger nennt man die Flüchtlingskinder, die mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, aber immer ohne deutsche Sprachkenntnisse in das realexistierende deutsche Schulsystem geworfen werden.
Bisher werden diese Seiteneinsteiger in Regelklassen unterrichtet. Doch weil man sich nicht nur an der Realschule Stadtmitte auf mehr Seiteneinsteiger einstellen muss, die bei mehr oder weniger Null anfangen müssen, plant man dort für das zweite Schulhalbjahr die Einrichtung einer eigenen Seiteneinsteigerklasse.
Auch die Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Handicap, macht das binnendifferenzierte Lernen für 633 Schüler und 52 Lehrer (davon 17 in Teilzeit) „zu einer Herausforderung.“ Probleme sieht Dilbat dabei vor allem bei der Integration der Kinder mit sozialem und emotionalem Förderbedarf. Da zur Zeit in ihrem Lehrerkollegium nur vier Sonderpädagogen arbeiten, kann man in den Inklusionsklassen, in denen 6 von 24 Schülern einen Förderbedarf haben, nur die Hauptfächer jeweils mit einer zweiten Lehrkraft unterrichten. In den Nebenfächern muss eine Lehrkraft die pädagogische Binnendifferenzierung mit unterschiedlichen Arbeitsaufträgen und Arbeitsgruppen, wie in den Regelklassen, alleine stemmen.
„Auch in den Regelklassen, in denen im Durchschnitt etwa 30 Schüler sitzen, sind die Zeiten, in denen Lehrer klassischen Frontalunterricht machen konnten, endgültig vorbei“, weiß Dilbat
Natürlich zieht man heute auch an der Realschule Stadtmitte mit Förderkursen, bilingualen Klassen, Berufsförderung, Betriebspraktika und als MINT-Schule mit einem Förder- und Forderschwerpunkt in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik alle pädagogischen Register. Und Dilbat ist immer wieder begeistert, „was Schüler heute alles können, wenn sie für Referate sehr professionell mit Internetrecherche und Powerpoint-Präsentation arbeiten.“
Doch das wichtigste, was Schule auch im digitalen Informationszeitalter Jugendlichen mit auf den Lebensweg geben muss, ist für die 50-jährige Pädagogin: „das Entdecken und Entwickeln der eigenen Talente.“ Aus ihrer eigenen Lebensgeschichte weiß Dilbat: „Was man wirklich gerne macht, macht man am Ende auch gut. Und mit diesem Erfolgserlebnis kann man dann auch selbstbewusst und stark durchs Leben gehen.“ Schule muss aus ihrer Sicht aber nicht nur inspirierende Erfolgserlebnisse schaffen, „sondern Schüler auch ermutigen Fehler zu machen, um aus ihnen zu lernen.“
Was will die Neue neu machen? „Ich will hier das Rad nicht neu erfinden, sondern mir die Schule genau anschauen und sehen, was geht, was gewünscht wird und was nicht geht.“ Gehen könnte aus ihrer Sicht zum Beispiel eine verstärkte Kooperation mit dem benachbarten Berufskolleg Stadtmitte oder (da spricht die Sportlehrerin) die Einrichtung einer Triathlon AG.
Doch wenn die Pädagogin, die neben ihrer Leitungstätigkeit nicht nur Sport, sondern auch Biologie unterrichtet, sich etwas für ihre Schule wünschen könnte, dann vor allem mehr pädagogisches Personal. Das scheint dringend notwendig an einer Ganztagsschule mit vier Inklusionsklassen und derzeit zwölf Seiteneinsteigern. Seiteneinsteiger nennt man die Flüchtlingskinder, die mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, aber immer ohne deutsche Sprachkenntnisse in das realexistierende deutsche Schulsystem geworfen werden.
Bisher werden diese Seiteneinsteiger in Regelklassen unterrichtet. Doch weil man sich nicht nur an der Realschule Stadtmitte auf mehr Seiteneinsteiger einstellen muss, die bei mehr oder weniger Null anfangen müssen, plant man dort für das zweite Schulhalbjahr die Einrichtung einer eigenen Seiteneinsteigerklasse.
Auch die Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Handicap, macht das binnendifferenzierte Lernen für 633 Schüler und 52 Lehrer (davon 17 in Teilzeit) „zu einer Herausforderung.“ Probleme sieht Dilbat dabei vor allem bei der Integration der Kinder mit sozialem und emotionalem Förderbedarf. Da zur Zeit in ihrem Lehrerkollegium nur vier Sonderpädagogen arbeiten, kann man in den Inklusionsklassen, in denen 6 von 24 Schülern einen Förderbedarf haben, nur die Hauptfächer jeweils mit einer zweiten Lehrkraft unterrichten. In den Nebenfächern muss eine Lehrkraft die pädagogische Binnendifferenzierung mit unterschiedlichen Arbeitsaufträgen und Arbeitsgruppen, wie in den Regelklassen, alleine stemmen.
„Auch in den Regelklassen, in denen im Durchschnitt etwa 30 Schüler sitzen, sind die Zeiten, in denen Lehrer klassischen Frontalunterricht machen konnten, endgültig vorbei“, weiß Dilbat
Natürlich zieht man heute auch an der Realschule Stadtmitte mit Förderkursen, bilingualen Klassen, Berufsförderung, Betriebspraktika und als MINT-Schule mit einem Förder- und Forderschwerpunkt in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik alle pädagogischen Register. Und Dilbat ist immer wieder begeistert, „was Schüler heute alles können, wenn sie für Referate sehr professionell mit Internetrecherche und Powerpoint-Präsentation arbeiten.“
Doch das wichtigste, was Schule auch im digitalen Informationszeitalter Jugendlichen mit auf den Lebensweg geben muss, ist für die 50-jährige Pädagogin: „das Entdecken und Entwickeln der eigenen Talente.“ Aus ihrer eigenen Lebensgeschichte weiß Dilbat: „Was man wirklich gerne macht, macht man am Ende auch gut. Und mit diesem Erfolgserlebnis kann man dann auch selbstbewusst und stark durchs Leben gehen.“ Schule muss aus ihrer Sicht aber nicht nur inspirierende Erfolgserlebnisse schaffen, „sondern Schüler auch ermutigen Fehler zu machen, um aus ihnen zu lernen.“
Sabine Dilbat
wurde 1964 in Bochum geboren. Nach dem Abitur studierte sie zunächst
Wirtschaftswissenschaften und später Sport und Biologie auf Lehramt. Weil
damals in NRW nur wenige Lehrer eingestellt wurden, wechselte sie nach
Niedersachsen, wo sie ab 2001 als Lehrerin und Konrektorin an Haupt,- Real- und
Oberschulen in Bad Bederkesa und Cadenberge arbeitete.
Zuletzt war sie in Cuxhaven tätig. „Meine Stelle in Mülheim ist für mich eine Rückkehr zu meinen Wurzeln, weil ich im Ruhrgebiet noch viele Freunde und Familienangehörige habe“, freut sich die dreifache Mutter, die sich in ihrer Freizeit gerne mit Laufen und Radfahren entspannt und fit hält.
Zuletzt war sie in Cuxhaven tätig. „Meine Stelle in Mülheim ist für mich eine Rückkehr zu meinen Wurzeln, weil ich im Ruhrgebiet noch viele Freunde und Familienangehörige habe“, freut sich die dreifache Mutter, die sich in ihrer Freizeit gerne mit Laufen und Radfahren entspannt und fit hält.
Dieser Text erschien am 13. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
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