Dienstag, 10. Februar 2015

„Du nix Jude. Du blond. Du deutsch“ – Schwester Johanna Eichmann zog die Zuhörer in der katholischen Akademie Die Wolfsburg in ihren Bann

Kann man nach Auschwitz noch glauben? Schwester Johanna Eichmann sagt Ja, obwohl die 1926 als Jüdin geborene Ordensfrau ihren Großvater und ihren Onkel in Auschwitz verloren hat. „Der Mensch ist in letzter Konsequenz frei und wir können nicht erwarten, dass Gott die große Kehrmaschine heraus holt, wenn auf der Welt etwas schief geht“, begründet sie ihre Glaubenshaltung. 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz liest Schwester Johanna am 27, Januar 2015 in der katholischen Akademie Die Wolfsburg aus ihren Lebenserinnerungen, die Sie unter dem Titel: „Du nix Jude. Du blond. Du deutsch.“ veröffentlicht hat. Der Titel ist der Satz eines russischen Soldaten, den sie nach Kriegsende 1945 in Berlin zu hören bekam, als sie ihn darauf hinwies, dass sie Jüdin sei. Das Argument ließ der Sowjetsoldat nicht gelten, ersparte ihr aber das Schicksal einer Vergewaltigung, das viele Frauen in Deutschland damals zu erleiden hatten.

Musikalisch begleitet von Coline Hardelauf (Gesang) und Pascal Schweren (Klavier), die Gedichte der 1944 in Auschwitz ermordeten Jüdin Ilse Weber vortragen, zieht Schwester Johanna an diesem Abend 400 Zuhörer im vollbesetzten Auditorium der Wolfsburg mit ihrer Lebensgeschichte in ihren Bann.

Diese Lebensgeschichte des jüdischen Mädchens, das, wie Edith Stein, zur katholischen Ordensfrau wird, beeindruckt, weil Schwester Johanna sie ohne Pathos und moralischen Fingerzeig erzählt. Es ist die Geschichte von Ruth Eichmann, die als Tochter einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters in Recklinghausen aufwächst. Damals heißt sie noch Ruth. Den Namen Johanna wird sie erst annehmen, als sie 1952 in die Ordensgemeinschaft der Ursulinen eintritt. Warum sie diesen Weg ging, wird aus ihrem Lebensweg deutlich. Zunächst galt im Elternhaus das Wort der jüdischen Großmutter: „Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen.“ Doch dann kamen 1933 die Nazis an die Macht. Noch auf dem Sterbebett ermahnte die Großmutter ihre Tochter und ihren Schwiegersohn: „Ihr müsst das Kind taufen lassen!“ So geschah es im September 1933 in der Petruskirche von Recklinghausen. Dennoch erlebte Ruth in der Volksschule aufgrund ihrer jüdischen Herkunft manche Diskriminierung. Erst als sie 1936 zu den Ursulinen aufs Gymnasium nach Dorsten kam, wurde es besser: „Auch Jesus war Jude. Die Juden sind das auserwählte Volk Gottes und du bist ein Kind dieses Volkes“, sagte ihr damals die mit Edith Stein korrespondierende  Schuldirektorin und Oberin Mater Petra Brüning. „Das hat mein Selbstbewusstsein ungemein gestärkt. Denn wenn man überleben will, muss man auch an sich selbst glauben“, sagt Schwester Johanna heute. Das Gott- und Selbstvertrauen, das ihr die Ursulinen mit auf den weiteren Lebensweg gaben, trug sie auch, als der Orden die Schulleitung an die Nazis abgeben und Ruth Eichmann die Schule verlassen musste. Doch sie hatte Glück im Unglück, konnte in Essen eine Ausbildung als Dolmetscherin machen, zunächst beim Französischen Kommissariat in Berlin und später als Sekretärin in einem Berliner Handwerksbetrieb unterkommen. Nach Kriegsende gab es zumindest für Mutter Martha, Vater Paul und Tochter Ruth in Marl, wo der Vater Paul Eichmann, von den Amerikanern inzwischen zum Oberbürgermeister ernannt worden war, ein glückliches Wiedersehen. Auch wenn der Vater, der seine Tochter zwischenzeitlich tot geglaubt hatte, sich anfangs schwer damit tat, dass aus seiner Tochter Ruth die Ursulinenschwester Johanna wurde, war er später doch mächtig stolz, als sie mit nur 38 Jahren zur Leiterin der Ursulinen-Schule in Dorsten berufen wurde.

40 Jahre, nachdem ihr Großvater Albert und ihr Onkel Paul in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden waren, fand Schwester Johanna 1983 die Kraft dazu, dort auf ihren Spuren zu wandeln, und die Stätten des „Grauens, an das man sich niemals gewöhnen kann“, selbst in Augenschein zu nehmen. „Was in Auschwitz geschehen ist“, sagt Schwester Johanna, „zeigt uns Menschen, welchen Weg wir suchen müssen und welchen wir auf keinen Fall gehen dürften.“ Ihre Biografie als Christin, die in der biblischen Glaubenstradition auch Jüdin geblieben ist, sieht sie als Auftrag. Diesen Auftrag hat sie nicht nur als Mensch, Pädagogin und Zeitzeuge, sondern auch als Pädagogin und Gründerin des Jüdischen  Museums Westfalen erfüllt. Der Direktor der Wolfsburg, Michael Schlagheck, sprachwohl vielen Zuhörern aus dem Herzen, als er nach der Veranstaltung mit Schwester Johanna Eichmann feststellte. „Dieser Abend war ein Geschenk und ein Dienst an unserer kollektiven Erinnerung.“

Johanna Eichmann hat ihre Autobiografie „Du nix Jude. Du blond. Du deutsch.“ 2011 im Essener Klartextverlag veröffentlicht. Sie war nach ihrer Zeit als Schulleiterin in Dorsten (1964-1991) unter anderem Oberin des Ursulinenordens und Leiterin des von ihr mitbegründeten Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten. Für ihr Lebenswerk wurde sie 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2006 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Die Stadt Dorsten und der Kreis Recklinghausen haben sie 2007 und 2011 zur Ehrenbürgerin ernannt.

Dieser Text erschien am 31. Januar 2015 im Neuen Ruhrwort

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