Mittwoch, 4. Februar 2015

Unvergessliche Begegnungen: Der evangelische Pfarrrer Gerhard Bennertz hat in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten mit rund 50 jüdischen Mülheimern, die den Holocaust überlebt hatten

Am 27. Januar 1945 befreien sowjetische Soldaten die letzten Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Auschwitz wurde zum Synonym für den Holocaust und seine sechs Millionen Opfer. „Sechs Millionen. Das ist eine allgemeine und unfassbare Zahl. Erst Einzelbeispiele zeigen, was der Holocaust bedeutete, nämlich das unschuldige Menschen aus der Mitte der Gesellschaft nur deshalb ermordet wurden, weil sie Juden waren“, sagt Gerhard Bennertz.

Der evangelische Theologe hat in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten rund 50 jüdische Mülheimer interviewt, die den Holocaust überlebten und später in Israel, USA, Australien, Südafrika und Südamerika eine neue Heimat fanden. Aus dem, was sie ihm bei Begegnungen in Mülheim oder in Israel berichteten, wurde das Fundament einer biografischen Spurensuche, die den Mülheimer Holcaust-Opfern ein Gesicht gibt. Erst diese Pionier- und Grundlagenarbeit machte die späteren Dokumentationen über Jüdisches Leben und die Holocaust-Opfer aus Mülheim möglich.

In Gesprächen mit Mülheimer Holocaust-Überlebenden, wie Alfred Cohn, spürte Bennertz, „wie dankbar sie dafür waren, dass sie ihre eigene Geschichte erzählen konnten und dass darüber in Deutschland geschrieben und berichtet wurde.“ Unvergessen bleibt Bennertz die erste Begegnung mit Alfred Cohn im Jahr 1982. Nach dem Gespräch in seinem neuen Heimatort bei Tel Aviv sagte ihm Cohn damals: „Sie sind der erste Deutsche, dem ich dem Krieg die Hand gebe.“ Bennertz hörte und notierte seinen Leidensweg, der den 1921 in Mülheim geborenen Alfred Cohn im September 1943 als Häftling Nr. 151896 nach Auschwitz brachte und dort den sogenannten Todesmarsch im Januar 1945 überleben ließ. Cohn wuchs als Sohn eines jüdischen Getreidehändlers auf, der für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. Er besuchte dort das heutige Otto-Pankok-Gymnasium. Dort erlebte er im April 1933, wie alle Bücher jüdischer Autoren aus der Schulbücherei geholt und auf dem Schulhof verbrannt wurden. Cohn erfuhr am eigenen Leibe, wie die NS-Propaganda auf seine Mitschüler wirkte und sie ihm immer mehr entfremdete. Obwohl er gerne das Abitur gemacht hätte, musste er die Schule 1937 verlassen. Auch seine Lehre bei einem jüdischen Eisenhändler konnte er nicht abschließen, weil die Firma „arisiert“ wurde. So ließ er sich notgedrungen in der Landwirtschaft ausbilden und ging 1939 nach Holland. Doch von dort aus deportierten ihn die deutschen Besatzer 1943 nach Auschwitz, wo er nur mit Glück Hunger, Gewalt, Krankheit und harte Arbeit, etwa in der Gummiherstellung für die IG Farben überlebte, weil es immer wieder Menschen gab, die ihm halfen und etwas zu essen gaben.

Auch nach seiner Zeit in Auswitz musste er eine Odysee durch diverese Lager und die knochenharte Zwangsarbeit an einem Bergstollen im Harz überleben, in dem die Vergeltungswaffe V2 für den „deutschen Endsieg“ hergestellt werden sollte. Erst im April 1945 konnte Cohn nach seiner zwischenzeitlichen Flucht, die er mit Hilfe einer deutschen Bauernfamilie in der Tschechien überlebte, von US-Truppen befreit werden. Anders, als seine 1941 nach Riga deportierte Mutter (der Vater war schon vor dem Krieg gestorben) sollte Alfred Cohn, wie seine nach England geflohene Schwester, den Holocaust überleben. Mit seiner Jugendfreundin Adah, die er 1947 heiratete, konnte er ein neues Leben anfangen. Das führte ihn und seine Frau, die später drei Kindern das Leben schenken sollten, zunächst in die USA und dann nach Israel, wo der erst vor wenigen Jahren verstorbene Alfred Cohn als Fachmann für die Herstellung von Milchprodukten Molkereibetriebe leitete.

Im Rückblick auf seine Gespräche mit den Mülheimer Holocaust-Überlebenden sagt Bennertz: „Ich habe damals begriffen, dass es immer falsch ist Vorurteilen und ideologischen Zerrbildern zu folgen. Stattdessen muss man sich im Leben immer ein eigenes Bild machen, einfach hingehen und hinschauen, um den anderen kennenzulernen und zu verstehen, damit der Hass, der am Ende ins Verderben führt, erst gar keine Chance bekommt.“

1933 hatte die Jüdische Gemeinde Mülheims noch 517 Mitglieder. 270 jüdische Mülheimer sollten bis 1945 dem Holocaust zum Opfer fallen. Rund 150 von ihnen wurden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Heute zählt die jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen, die zu mehr als 90 Prozent aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion und ihren Nachkommen besteht, rund 2800 Mitglieder.

Dieser Text erschien am 26. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung  

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