Freitag, 11. Juli 2014

"Brasilien ist ein Land mit einem großen Potenzial": Ein Gespräch mit Michael Könen, der mit seinem Verein Kinder helfen Kindern grenzenlos seit vielen Jahren im Süden Brasiliens die Sozialarbeit der Salesianer Don Boscos unterstützt


Michael Könen hat sich gerade in Porto Alegre den französischen 3:0-Sieg über Honduras angeschaut. Als nächstes stehen die Partien Niederlande gegen Australien und Russland gegen Algerien auf seinem WM-Spielplan. Doch der 46-jährige Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater aus dem Ruhrgebiet ist zurzeit weniger als Fußballfan, denn als Entwicklungshelfer im Süden Brasiliens unterwegs. Denn mit seinem Verein Kindern helfen Kindern, grenzenlos unterstützt er seit mehr als 15 Jahren die Sozial- und Jugendarbeit, die die Salesianer Don Boscos im Süden Brasiliens in Belle Itajai, Viamao, Ascurra, Joinville, Curitiba und Guarapuava leisten. Über die Motivation für sein persönliches Engagement und die soziale Lage im Land der Fußballweltmeisterschaft äußerte er sich jetzt im Gespräch mit der Tagespost.
Wie kam es zu Ihrem persönlichen Engagement für die Salesianer Don Boscos im Süden Brasilien?

Vier Jahre nach meinem Abitur am Essener Don-Bosco-Gymnasium habe ich 1992 in Brasilien einen Freund besucht und dabei die Sozialarbeit der Salesianer in Belle Itajai kennengelernt. Im Jahr darauf machte ich dort ein achtwöchiges Praktikum. Das war der Anfang.

 Wer trägt Ihren Verein?

Wir haben im Moment rund 50 Mitglieder, die durch ihre eigenen Mitgliedsbeiträge und durch ihre Mund-zu-Mund-Propaganda, etwa in Schulen, Gemeinden oder bei unterschiedlichen Veranstaltungen vom Festival Brasil bis zum Weltkindertag jedes Jahr 5000 bis 10.000 Euro für die gute Sache zusammenbringen.

Was ist die gute Sache?

Die Salesianer Don Boscos betreiben im Süden Brasilien fünf Sozialstationen, die alle in sogenannten Armenviertel (Favelas) liegen. Hier bekommen Kinder und Jugendliche nicht nur eine Mahlzeit, eine werteorientierte Erziehung und eine sinnvolle Freizeitgestaltung, sondern auch eine Schul- und Berufsausbildung und damit eine Chance für ihr weiteres Leben.

Können viele diese Chance nutzen?

Dort, wo die Salesianer arbeiten, entwickeln junge Leute eine positive Lebenseinstellung, die sie an ihre Zukunft glauben und in ihre Zukunft investieren lässt. Das sieht man schon daran, wenn die Menschen beginnen, ihre Hütten durch den Bau eines Steinhauses zu ersetzen. Viele brauchen noch nicht mal eine zwei- oder dreijährige Berufsausbildung als Friseur, Bäcker oder Sekrtärin. Oft reicht schon der Anschub durch ein mehrmonatiges Berufstraining, um ihnen einen Arbeitsplatz zu verschaffen.

Wie unterstützen Sie diese Sozialarbeit?

Durch die 5000 bis 10.000 Euro, die wir jährlich als Spenden zusammentragen und 1:1 den Salesianern im Süden Brasiliens zur Verfügung stellen, konnten wir schon diverse Arbeitsgeräte von der Druckmaschine über einen Backofen bis zum Lieferwagen, aber auch die Errichtung von Spiel- und Sportplätzen, den Bau einer Begegnungsstätte oder die Anschaffung von Schulmaterialien, Sportgeräten und Musikinstrumenten finanzieren. Das Geld bringe ich jedes Jahr persönlich nach Brasilien und bespreche die aktuellen Projekte mit dem Pater Provinzial. Derzeit müssen zum Beispiel Sanitäranlagen renoviert werden.

Warum protestieren die fußballverrückten Brasilianer auf einmal gegen die WM?

Wenn der Ball rollt, ist der Brasilianer Fußballer. Das war so. Das ist so. Und das bleibt so. Aber die Proteste haben mich nicht überrascht. Denn immer mehr Menschen in Brasilien erkennen, dass die WM und die Olympischen Spiele 2016 für sie eine geeignete Plattform sind, um öffentliche und politische Aufmerksamkeit für ihre berechtigten Interessen zu bekommen. Hinzu kommt, dass im Oktober Präsidentschafts- und Parlamentswahlen anstehen. Da müssen die Politiker auf Proteste reagieren.

Wo hakt es im Land des fünffachen Fußball-Weltmeisters?

Beim Stadienbau für die WM ist viel Geld dumm verbraten worden, während die versprochenen Investitionen in die Infrastruktur von Straßen und Flughäfen weiter auf sich warten lassen. Aber auch im Gesundheits- und Bildungssektor muss dringend investiert werden. Die Gesundheitsversorgung ist teuer und schlecht. Die Renten- und Krankenversicherung ist in Brasilien nicht ansatzweise mit der unseren zu vergleichen. Die Salesianer helfen den Armen zum Teil mit einer kostenlosen Gesundheitsversorgung. Aber die Ärzteverteilung im Land ist nicht optimal. Und es gibt zu wenige Krankenhäuser und zu viele Kliniken, die bereits marode sind. Auch Bildung ist in Brasilien ein Wirtschaftsgut. Wer seinen Kindern eine gute Ausbildung verschaffen will, wird tunlichst vermeiden, sie auf staatliche Schule zu schicken. Doch für die Ausbildung an privaten Schulen und Hochschulen muss man tief in die Tasche greifen. Die monatlichen Studiengebühren liegen bei umgerechnet rund 1000 Euro, der gesetzliche Mindestlohn bei etwa 250 Euro pro Monat. Und die Preise in Brasilien sind im Schnitt mit denen bei uns vergleichbar.

Wie sehen Sie die Zukunft Brasiliens, unabhängig davon, ober der WM-Gastgeber diesmal auch Fußballweltmeister wird?

Das Land hat ein großes Potenzial. Der Mittelstand ist in den letzten Jahren gewachsen. Es gibt viele Rohstoffe und eine junge und wachsende Bevölkerung, die mit ihrer riesigen Binnennachfrage die Wirtschaft ankurbelt. Die Zivilgesellschaft hat Fortschritte gemacht. Immer mehr Brasilianer engagieren sich und haben erkannt, dass sie ihre Lebensbedingungen durch eigenes Zutun verbessern können und das politische Korruption kein Naturgesetz, wie das tägliche Auf- und Untergehen der Sonne ist. Ich kenne zum Beispiel einen Rechtsanwalt, der mit einem privaten Verein die Ausgaben des Bürgermeisters von Itajai kontrolliert. Allerdings hat Brasilien den Fehler gemacht, seine Märkte zu sehr nach außen abzuschotten. Damit wird es natürlich schwer, neue Technologien ins Land zu bekommen.

(Weitere Informationen gibt es unter www.grenzenlose-hilfe.de im Internet oder direkt bei Michael Könen  unter der Rufnummer  0 173/32 15 00 8)
Dieser Text erschien am 28. Juni 2014 im Neuen Ruhr Wort und in der Tagespost

Mittwoch, 9. Juli 2014

Die Fußball-Weltmeisterschaft als Anschub zur Hilfe: Michael Könen und sein Verein Kinder helfen Kindern grenzenlos unterszützt seit vielen Jahren die Sozialarbeit, die die Salesianer Don Boscos im Süden Brasiliens leisten


Seit Michael Könen 1992 einen Freund in Brasilien besuchte, hat ihn das Land nicht mehr los gelassen. „Die Brasilianer sind fröhlicher und offener, als ich das von den Deutschen kenne“, sagt der 46-jährige Ökonom und Unternehmensberater. Mindestens einmal pro Jahr ist der Mülheimer im Land der Fußball-Weltmeisterschaft. Auch jetzt weilt er in Brasilien und hat sich bereits einige WM-Spiele angeschaut. Doch das ist nicht sein eigentliches Ziel.

Könen besucht im Süden Brasiliens fünf Sozialprojekte der Salesianer Don Boscos. Die katholischen Ordensleute kümmern sich in Belle Itajai, Viamao, Ascurra, Joinville, Curitiba und Guarapuava um Kinder und Jugendliche in den Favelas. Mit Schulunterricht, Berufsausbildung, sinnvoller Freizeitgestaltung, kostenlosen Mahlzeiten und kostenfreier Gesundheitsversorgung sorgen die Salesianer dafür, dass Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien eine Lebensperspektive bekommen. „Dort, wo die Salesianer aktiv sind, kann man beobachten, dass mehr Menschen in den Favelas Arbeit bekommen und ihre Holzhütten durch Steinhäuser ersetzen“, beschreibt Könen den positiven Einfluss der sozialen Arbeit, die er Mitte der 90er Jahre als Student während eines achtwöchigen Praktikums kennen lernte.

Dieses Erfahrung inspirierte ihn vor 15 Jahren zusammen mit Freunden den Verein Kinder helfen Kindern, grenzenlos ins Leben zu rufen. „Wir sind zwar längst keine Kinder mehr, haben dafür aber inzwischen selbst Kinder“, sagt Könen mit Blick auf die rund 50 Mitglieder des Vereins, die nicht nur mit reger Mund-zu-Mund-Propaganda, sondern auch bei Veranstaltungen vom Weltkindertag in der Müga über das Styrumer Familienfest bis zum Markt der guten Taten im Forum für die finanzielle Unterstützung der sozialen Basisarbeit in Brasilien werben.

Nicht ohne Erfolg. Seit seiner Gründung hat der Verein nach Könens Angaben jährlich 5000 bis 6000 Euro zusammengetragen, die in Brasilien Fußball- und Spielplätze entstehen ließen oder den Salesianern geholfen haben Sportmaterial und Arbeitsgeräte von der Druckmaschine bis zum Backofen oder auch Musikinstrumente anzuschaffen.

„Egal, ob die Jugendlichen aus den Favelas bei den Salesianern das Friseur- oder das Bäckerhandwerk erlernen oder sich zur Sekretärin ausbilden lassen. Sie müssen gar nicht unbedingt eine dreijährige Ausbildung machen, um mit den dort erworbenen Grundkenntnissen Arbeit zu finden“, weiß der sozial engagierte Ökonom zu berichten.

Die sozialen Proteste im Vorfeld der Fußball-WM überraschen den Brasilienfreund nicht. „In einer Stadt mit einem viertklassigen Fußballclub hat man für die WM ein riesiges Stadion gebaut und viel Geld dumm verbraten, das anderswo dringend gebraucht würde“, ärgert sich Könen. Nicht nur in der Verkehrsinfrastruktur, sondern auch im Bildungs- und Gesundheitssektor sieht er in Brasilien Investitionsbedarf. „Eltern, die für ihre Kinder eine gute Ausbildung wollen, müssen sie auf private Schulen schicken und dafür tief in die Tasche greifen. Die monatlichen Studiengebühren liegen bei 1000 Euro. Und auch eine gute medizinische Versorgung muss privat bezahlt werden“, schildert er die sozialpolitische Ausgangslage im wirtschaftlich ambitionierten Land, das aus seiner Sicht schon aufgrund einer günstigen Demografie und einer enormen Binnennachfrage „ein großes Potenzial hat.“

Werden die Proteste der Brasilianer, die nicht auf der Sonnenseite des Wirtschaftswunders leben, die Fußball-WM beeinflussen? Könen meint: „Brasiliens Demokratie ist noch jung. Und die Menschen entdecken langsam, dass sie durch ihr eigenes Zutun politisch etwas bewirken können. Deshalb werden sie die WM auch als Plattform für Proteste nutzen, zumal im Oktober Präsidentschaftswahlen anstehen. Aber wenn der Ball rollt, ist der Brasilianer Fußballer.“

Weitere Informationen unter www.grenzenlose-hilfe.de oder direkt bei Michael Könen unter der Rufnummer 0173/3215008


Dieser Text erschien am 25. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 7. Juli 2014

So gesehen: Die Sehnsucht nach dem Happy End


Wenn Sie sich in diesen Tagen als Fußballfan outen und die Hoffnung ausdrücken, Deutschland möge nach 1954, 1974 und 1990 doch mal wieder Weltmeister werden, wird ihnen eine fast 100-prozentige Zustimmung in Schwarz-Rot-Gold sicher sein. Wenn Sie sich aber als Mitglied einer Religionsgemeinschaft oder einer politischen Partei outen, müssen Sie im Zweifel mit Widerspruch, Hohn und mancher Schwarz-Weiß-Malerei rechnen. Das Gespräch mit Pfarrer und Fußballfan Michael Manz (siehe unten) gewährt interessante Einsichten in die deutsche Volksseele. Und aus dieser Volksseele kommen ja auch die Volksmärchen, die meistens ein Happy End haben. Und weil die Deutschen im Spiel des Lebens von manchem Spielführer so manches Märchen erzählt bekommen haben, das sich am Ende als Horrorgeschichte entpuppte, wollen sie heute lieber mit König Fußball, der ihnen im Gegensatz zu anderen Spielfeldern klare Regeln und Ergebnisse garantiert, ein Sommermärchen mit Happy End erleben. Und selbst, wenn es damit nicht klappt, bleibt ihnen die Gewissheit, dass nach dem Spiel immer vor dem Spiel ist und wir deshalb früher oder später auf jeden Fall Weltmeister werden.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 6. Juli 2014

Brot und Spiele: Warum schafft der Fußball, was Politik und Kirche oft nicht gelingt, nämlich die Menschen zusammenzubringen und zu begeistern? Ein Gespräch mit dem Styrumer Pfarrer und Fußballfan Michael Manz


Wer zurzeit durch die Stadt geht, sieht an allen Ecken und Enden Schwarz-Rot-Gold. Die Fußball-Weltmeisterschaft macht es möglich. Warum können sich so viel mehr Menschen mit hoch bezahlten Profifußballern identifizieren als zum Beispiel mit Kirchen und Parteien, die mit ihren Pfarrern und Politikern qua Amt für soziale Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen sollten? Liegt es nur am Unterhaltungswert? Ein Gespräch mit dem evangelischen Pfarrer und Fußballfan Michael Manz, der seit vielen Jahren und auch bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft zum Public Viewing ins Gemeindehaus einlädt.

Frage: Warum begeistert und vereint die Fußball-WM so viele Menschen aus unterschiedlichen Schichten?

Antwort: Das ist das Prinzip Brot und Spiele. Die Menschen erleben die Fußball-WM als eine befreiende und reinigende Ablenkung vom harten Alltag.

Frage: Wovon geht diese befreiende und reinigende Wirkung aus?

Antwort: Bei einer Fußball-WM kann man vor dem Fernsehen, im Stadion oder beim Public Viewing gemeinsam schreien, lachen, weinen und jubeln, ohne das einen jemand schräg anguckt.

Frage: Warum können hoch bezahlte Fußballer mehr Menschen hinter sich vereinen als Politiker, Pfarrer oder Verbandsfunktionäre?

Antwort: Weil sie als „unsere Jungs“ in einem Stellvertreterkampf für uns alle gewinnen oder verlieren und damit ein großes Gefühl der Verbundenheit schaffen, das Menschen die Siege und Niederlagen der Fußballer als persönlichen Erfolg oder Misserfolg erleben lässt. Als Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wurde, waren wir plötzlich Papst und wenn die deutsche Mannschaft das WM-Turnier gewinnt, werden wir Weltmeister sein.

Frage: Liefert die Fußball-WM den Menschen also die Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnisse, die sie im Alltag vermissen?

Antwort: Richtig. Wenn ich zum Public Viewing einlade, kommen schon mal 120 Leute. Beim Gottesdienst sind es höchstens die Hälfte. Obwohl Fußballspiele und Gottesdienste viele Gemeinsamkeiten haben. Man singt gemeinsam. Man steht in bestimmten Momenten kollektiv auf oder setzt sich wieder und ein Mann in Schwarz, entweder der Schiedsrichter oder der Pfarrer, leitet das Spiel. Ich stelle beim Public Viewing immer wieder fest, dass man schneller das Eis brechen und mit den Menschen ins Gespräch kommen kann, weil sie fröhlich und gelöst sind und auch Leute, die alleine kommen, tauchen plötzlich ins Wir ein.

Frage: Warum finden die Menschen dieses Wir nicht auch in Kirchen, Parteien und Verbänden?

Antwort: Eine Fußball-WM ist etwas außergewöhnliches. Politik und Kirche sind Alltag. Der Fußball lässt die Menschen Lebensfreude spüren. Da verzeihen sie einem Uli Hoeneß auch schon mal, dass er Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hat, während sie im Zweifel nicht nur aus der katholischen, sondern auch aus der evangelischen Kirche austreten, weil ein Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst Kirchensteuergeld verschwendet hat. Da wird vieles miteinander verrührt. Aber wir machen sicher nicht nur in der Kirche oft den Fehler, nur auf Sachthemen zu setzen und zu wenig die Gefühle anzusprechen. Deshalb lade ich auch zum Public Viewing ins Gemeindehaus der Immanuelkirche ein, um den Leuten zu zeigen, dass Kirche nicht nur eine verkopfte Veranstaltung ist.

Antwort: Aber wir müssen auch in unserem Alltag daran arbeiten, den Menschen mehr Lebensfreude zu vermitteln. Das sollte uns als Kirche mit der Frohen Botschaft eigentlich nicht allzu schwer fallen.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 5. Juli 2014

Fußball ist ihr Leben: Ein Gespräch mit Manfred Weides vom Kreisligisten 1. FC Mülheim-Styrum über die alltäglichen Herausforderungen an der Fußball-Basis


Wenn sich Detlef Weides in diesen Tagen im Fernsehen die Spiele der Fußballweltermeisterschaft anschaut, hat er immer wieder den Eindruck: „Das ist ganz weit weg. Das hat gar nichts mit uns zu tun.“ Dabei geht es doch um Fußball, ob bei der WM in Brasilien oder beim 1. FC Mülheim in Styrum.

Heute ist der 59-jährige Weides Geschäftsführer des Traditionsclubs, sein Bruder Manfred ist Vorsitzender. „Der Verein und der Fußball sind mein Leben. Ich bin hier aufgewachsen, war schon mit 13 als Mannschaftsbegeleiter dabei und spielte später in der A-Jugend“, erinnert sich Weides.

Der Unterschied zwischen den WM-Kickern und den Kreisliga-Kickern in Styrum liegt vor allem in etlichen Millionen, die sich aus Eintrittsgeldern, Werbeeinnahmen und Fernsehübertragungsrechten speisen. „Wenn ich höre, dass der argentinische Fußballer Lionel Messi 24 Millionen Euro pro Jahr verdient oder das der Deutsche Fußballbund dem ehemaligen Bundestrainer Bert Vogts eine monatliche Lebensrente von 3000 Euro zahlt, frage ich mich schon: Ist das vertretbar. Warum macht man so was?“

Von 250 Millionen Euro Jahresumsatz, schrieb die NRZ, als der Deutsche Fußballbund 2010 zu seiner bisher letzten Jahresbilanz-Pressekonferenz einlud. „Davon kommt hier unten nichts an. So weit gehen die nicht runter, aber der DFB kann auch nicht alle Amateurvereine retten“, sagt Weides ohne Bitterkeit. Bei seinem Engagement an der Fußballbasis hält er es mit John F. Kennedy: „Frage nicht, was der Verein für dich tun kann, frage, was du für den Verein tun kannst?“

Fünf Väter und eine Mutter sehen das genauso, wie er. Sie haben Zeit und Geld in einen Lehrgang investiert, um eine Trainerlizenz zu erwerben und jetzt ein- bis zweimal pro Woche eine Kinder- oder Jugendmannschaft des 1. FC Mülheims unentgeltlich zu trainieren. Selbst der Trainer der ersten Mannschaft, die in der Kreisliga A kickt, bekommt derzeit nur seine Fahrtkosten erstattet. „Wir bekommen zwar vom Landessportbund eine Übungsleiterpauschale. Aber das sind im Jahr vielleicht 350 Euro. Das würde nicht ausreichen, um als Verein davon Trainer zu bezahlen“, sagt Weides.

Über Zahlen möchte der Geschäftsführer des 1. FC Mülheim eigentlich gar nicht sprechen. Aber so viel wird im Gespräch mit ihm dann doch deutlich. Ganz ohne Sponsoren geht es auch bei einem Amateurclub nicht. Denn auch Trikots, Bälle, Fußballschuhe, Fußballtore, Startgelder, Sportversicherung, Fahrtkosten oder Schiedsrichtergebühren wollen bezahlt sein. Wenn man weiß, dass der Eintritt zu den Heimspielen des 1. FC Mülheims bei zwei Euro und der Monatsbeitrag der rund 200 Vereinsmitglieder bei sechs Euro liegt, weiß man, dass der Club mit seinen Bordmitteln keine großen Sprünge machen kann.

Ausgesprochen glücklich ist Weides deshalb, dass er mit der Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft (Medl) ein größeres Unternehmen als Sponsoren für die Jugendfußballmannschaften des Vereins gewonnen hat. Auch die Gelder der Stadt und der Sparkassenstiftung, die jetzt in den Umbau des Sportplatzes an der Moritzstraße fließen, sind für den Traditionsclub und seinen Platzpartner Croatia Mülheim Gold wert: „Denn Fußballvereine, die keinen Kunstrasenplatz haben, gehen einer ganz schwierigen Zukunft entgegen, weil die Eltern ihre Kinder nicht mehr auf Ascheplätzen spielen lassen wollen“, weiß Weides.

Ansonsten putzt er bei Kleinunternehmern und Einzelhändlern im Stadtteil die Klinken, um Kleinstsponsoren, etwa für die Plakatwerbung des Vereins zu gewinnen. „Helft uns doch, die Jungs von der Straße zu holen, damit sie zum Training kommen und am Ende nicht bei euch die Scheiben einschmeißen“, lautet eines seiner Argumente. Weides lässt keinen Zweifel daran, dass die Kinder- und Jugendtrainer oft nicht nur als Übungsleiter, sondern auch als Sozialarbeiter gefragt sind, wenn es darum geht dem Nachwuchs in der Gemeinschaft bestimmte Verhaltensregeln beizubringen.

„Wir sind dankbar, dass wir sie haben“, sagt Detlef Weides, mit Blick auf die Eltern, die sich ehrenamtlich als Trainer oder Mannschaftbegleiter engagieren. Dennoch würde er sich noch mehr Einsatz mancher Eltern wünschen, die ihre Kinder nur am Spielfeldrand abgeben, statt sie anzufeuern oder auch zu Auswärtsspielen zu begleiten.

Aber Weides ist auch Realist: „Es ist angesichts der auch zeitlich immer flexibleren Arbeitsverhältnisse für viele Menschen sehr schwer geworden, im Verein aktiv zu werden. Früher waren 90 Prozent der Leute aus Styrum bei Mannesmann. Und wenn die um 14 Uhr ihre Frühschicht hinter sich hatten, war es für sie kein Problem um 18 Uhr zum Training zu kommen“, erinnert sich Weides an alte Zeiten. Damals kamen auch noch deutlich mehr als 50 Zuschauer zu den Heimspielen, weil es keine Sonntagsspiele in der Ersten und Zweiten Bundesliga und keine Live-Spiele im Bezahlfernsehen gab.
 

Rückpass

 
„Eigentlich hat uns die schönste Zeit als Verein den größten Schaden gebracht, weil damals viele alte Mitglieder verprellt wurden, die weggegangen und nicht wieder gekommen sind“, erinnert sich Detlef Weides an die Zeit, als der 1. FC Mülheim im Styrumer Ruhrstadion gegen Manschaften, wie Bayer Uerdingen, Hannover 96, FC St. Pauli oder Arminia Bielefeld in der Zweiten Fußballbundesliga spielte. Damals waren sechsstellige Sponsorensummen und üppige Spielergehälter keine Seltenheit. Doch nach dem sportlichen kam dann mit der Insolvenz 1976 auch der wirtschaftliche Abstieg und sogar das Vereinsheim musste aufgegeben werden. Noch heute ärgert sich Weides darüber, dass er mit seinen Manschaftskameraden aus der A-Jugend 1973 nicht an der 50-Jahr-Feier seines Clubs im Handelshof teilnehmen durfte, weil das die Vereinsführung des damaligen Regionalligisten als nicht standesgemäß empfand. Weitere Informationen rund um den 1923 gegründeten 1. FC-Mülheim-Styrum, der bis zur für Ende Juli geplanten Fertigstellung des neuen Kunstrasensportplatzes an der Moritzstraße auf dem Sportplatz an der Von-der-Tann-Straße trainiert, findet man im Internet unter: www.1.fc-muelheim.de
 
Dieser Text erschien am 30. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 3. Juli 2014

Nach dem Sturm kommt die Kostenflut: Wer zahlt was?


Der Sturm ist vorüber. Die Schäden bleiben und müssen beseitigt werden. Wer zahlt eigentlich dafür? Ich fragte für die NRZ aus gegebenem Anlass bei Stadt, Feuerwehr, Mülheimer Verkehrsgesellschaft, Haus und Grund sowie beim Mülheimer Versicherungsfachmann Volker Bretz nach.

Frage: Wer zahlt für Feuerwehreinsätze?

Antwort: Sturmbedingte Einsätze, bei denen es darum geht, Gefahren für die öffentliche Sicherheit abzuwehren, in dem zum Beispiel ein umgestürzter oder ein gegen eine Hauswand gestürzter Baum beseitigt werden muss, stellt die Feuerwehr betroffenen Hauseigentümern nicht in Rechnung. Die Kosten trägt die Stadtkasse. Die Stadt ermittelt derzeit im Auftrag des Landes die anfallenden Schadenskosten. Deren Höhe ist derzeit noch nicht absehbar. Das Land will aber Hilfsmittel der Europäischen Union beantragen und den Kommunen damit unter die Arme greifen, so dass die Stadt und ihre steuerzahlenden Bürger hoffen können, die Folgekosten nicht alleine tragen zu müssen. Ist ein Baum allerdings auf einem Privatgrundstück sturmbedingt umgestürzt, ohne das öffentliches Gelände in Mitleidenschaft gezogen worden ist, wird die Feuerwehr nicht aktiv. Dann muss der private Grundstückseigentümer den umgestürzten Baum in eigener Regie und auf eigene Kosten beseitigen lassen.

Frage: Wer zahlt für Sturmschäden an Gebäuden?

Antwort: Sturmschäden gelten grundsätzlich als höhere Gewalt. Deshalb können Hauseigentümer auch nicht die Stadt verantwortlich machen, wenn zum Beispiel ein Baum, der auf öffentlichem Grund und Boden stand, auf ihr Haus gestürzt ist und dort Schaden angerichtet hat. Das gilt auch für Bäume, die zum Beispiel auf dem Grundstück eines privaten Nachbarn standen. Die Schadenskosten muss jeder Hauseigentümer über seine Gebäudesachversicherung abdecken. Der Eigentümerverband Haus und Grund, der in den letzten Tagen über 100 Anfragen beantworten musste, geht davon aus, dass alle seine 4000 Mitglieder über eine Gebäudesachversicherung verfügen, die Sturmschäden abdeckt.

Antwort: Beim städtischen Immobilienservice schätzt man die Sturmschäden, die etwa an einigen Schulen entstanden sind, als „überschaubar“ ein, weist aber auch darauf hin, dass die Stadt diese Gebäudeschäden auf eigene Kosten reparieren lassen muss, da sie die öffentlichen Gebäude nur gegen Feuer und Einbruch, nicht aber gegen Sturmschäden versichert hat.

Frage: Wer zahlt für Sturmschäden an Kraftfahrzeugen?

Antwort: Auch hier gilt das Prinzip der höheren Gewalt und des privaten Versicherungsschutzes. Wenn das eigene Auto beschädigt oder schrottreif ist, weil es im Sturm von einem umstürzenden Baum getroffen wurde, muss der Fahrzeugeigentümer die Schadenskosten über seine Teil- oder Vollkaskoversicherung abdecken. Eine mögliche Haftpflichtversicherung greift in diesem Fall nicht.

Frage: Wer zahlt für Oberleitungsschäden?

Antwort: Der Sturm hat auf breiter Front Oberleitungen der Mülheimer Straßen- und Stadtbahnlinien beschädigt. Gegen diese höhere Gewalt hat die Mülheimer Verkehrsgesellschaft keinen Versicherungsschutz. Die Kosten, deren Höhe noch nicht feststeht, muss die MVG beziehungsweise die aus den Verkehrsgesellschaften Mülheim, Essen und Duisburg bestehende Verkehrsgesellschaft Via tragen.

Frage: Wer zahlt für sturmbedingte Schäden an Bussen und Bahnen?

Antwort: Für ihre Busse hat die MVG eine entsprechende Versicherung abgeschlossen, die im Schadensfall greift. Für ihre Straßenbahnen gibt es einen solchen Versicherungsschutz nicht. In diesem Fall hatte die MVG aber Glück im Unglück, weil der Sturm zumindest in Mülheim weder Busse noch Bahnen beschädigt hat.

 
Dieser Text erschien am 14. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 2. Juli 2014

"Dieser Sturm hat den Charakter des Hauptfriedhofes verändert", sagt dessen Leiter Wolfgang Rosenberger


„Der Friedhof ist wegen Sturmschaden bis auf Weiteres geschlossen“ steht auf einem Aushang am Seiteneingang des Hauptfriedhofes. Auch die Torbögen des Haupteingangs, durch die sonst Trauernde, Hinterbliebene und Erholungssuchende kommen und gehen, sind versperrt. Wenn der Leiter des Hauptfriedhofes, Wolfgang Rosenberger , das Rolltor am Seiteneingang für den Besucher von der Presse öffnet, sieht man sofort, warum die Sperrung Sinn macht. Nur wenige Meter hinter dem Eingangsbereich und vor dem Beginn der Eichenallee liegt ein mächtiger Silberahornbaum, dessen Wurzelwerk den Asphalt aufgebrochen hat.

Je weiter man sich vom Haupteingang entfernt und vom oberen in den unteren, stärker bewaldeten Teil des 42 Hektar großen Hauptfriedhofes kommt, desto mehr umgestürzte Bäume, herunterhängende Äste und Sträucher, die wie ein Buschbarrikade Wege versperren, sieht man.

An der einen oder anderen Stelle muss man auch schon mal einen Ast anheben, um sich den Weg zu bahnen. Und dabei merkt man sofort, wie schwer und auch spitz so ein vom Pfingststurmtief heruntergerissener Ast sein kann.

„Vor einigen Tagen hätten Sie hier noch gar nicht langlaufen können“, sagt Rosenberger, während man weiter entfernt Motorsägen rattern hört. Zehn Mitarbeiter des Grünflächenamtes und sechs Mitarbeiter eines privaten Gartenbaubetriebes sind dabei, zunächst die Haupt- und dann die Seitenwege von umgestürzten Bäumen und heruntergefallenen Ästen zu befreien. Einige Seitenwege müssen ganz neu angelegt werden, weil sie vom Starkregen unterspült worden sind.

Auch das Sternenfeld, auf dem Kinder beigesetzt sind, ist von der Krone eines umgestürzten Baumes bedeckt. An den Wegesrändern sieht man zersägte Baumstümpfe umgestürzter Bäume, die am Ringweg zwischengelagert werden und auf ihren späteren Abtransport warten. „Wie wir die Massen von Grün- und Holzabfall entsorgen“, müssen wir noch entscheiden, sagt Gartenmeister Rosenberger und weist den Besucher von der Presse auf die Gefahr hin, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Vom Sturm abgerissene Äste, die lose in Baumkronen hängen und jederzeit aus mehreren Metern Höhe zu Boden stürzen können, könnten für Friedhofsbesucher im Ernstfall zur extremen Gefahr werden.

Um Unglücksfällen vorzubeugen bleibt die Öffentlichkeit derzeit am Hauptfriedhof ausgesperrt. „Wir werden den Hauptfriedhof in der nächsten Woche noch nicht öffnen können“, glaubt Rosenberger. In dieser Woche haben auf dem 1916 eröffneten Hauptfriedhof gar keine Beisetzungen stattgefunden.

In der nächsten Woche sollen allerdings einige Wege und Grabfelder im oberen Bereich des Hauptfriedhofes schon wieder so gefahrlos passier- und erreichbar sein, dass die dort geplanten sechs Beerdigungen ohne Risiko für die Trauergesellschaften durchgeführt werden können.

Wolfgang Rosenberger (57) arbeitet bereits seit 26 Jahren auf dem Hauptfriedhof und hat auch den Wirbelsturm Kyrill im Januar 2007 miterlebt. „Doch der war nicht so schlimm, wie dieser Sturm, weil der die Bäume diesmal im belaubten Zustand erwischt hat“, sagt der Gartenmeister, der in seinem ersten Berufsleben Kaufmann war. „Durch das Laub entstand eine Segelwirkung, durch die die Bäume dem Sturm eine größere Angriffsfläche geboten und seine Zerstörungskraft verstärkt haben“, erklärt Rosenberger. Vor allem alte Bäume mit einer besonders großen Baumkrone hielten dem Sturm mit einer Windgeschwindigkeit von über 120 Stundenkilometern weniger Stand als die jüngeren und biegsameren Bäume.Rosenberger geht davon aus dass rund 160 Bäume, 40 mehr als bei Kyrill, ein Opfer des Sturms geworden sind. Die Beseitigung der Sturmschäden werde noch Monate dauern. Art und Umfang der Grabschäden kann die Friedhofsverwaltung derzeit noch nicht abschätzen. „Der Sturm und seine Folgen haben den Charakter des Hauptfriedhofes verändert. Das ist eine echte Prüfung für uns“, lautet Rosenbergs vorläufige Zwischenbilanz.

Dieser Text erschien am 13. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...