Donnerstag, 20. Juni 2013

Medikamente alleine reichen nicht aus: Wie gezielte Ergotherpie Kindern mit ADHS helfen kann: Ein Gespräch mit Petra Werchohlad

Dass die Verschreibung von Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche, laut des Arzneimittelreportes der Barmer Ersatzkasse zwischen 2005 und 2012 um 41 Prozent angestiegen ist, wie die NRZ berichtete, macht die Ergotherapeutin Petra Werchohlad betroffen. „Man kann nicht sagen, das Kind bekommt Medikamente und damit sind alle Probleme erledigt“, sagt seit 30 Jahren praktizierende und seit 15 Jahren in Heißen ansässige Ergotherapeutin.

Ihre Erfahrung zeigt ihr, dass viele der Kinder, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, mit Hilfe einer Ergotherapie eine Medikamentierung mit Methylphenhydat überwinden oder sogar von vorneherein vermeiden können. „Allerdings“, so betont Werchohlad auch, „darf man hier keinem Schwarz-Weiß-Denken folgen. Denn Kinder bei denen die Reizfilterstörung ADHS besonders stark ausgeprägt ist, weil ihr Dopaminstoffwechsel im Gehirn nicht richtig funktioniert, brauchen dieses Medikament erst einmal, um überhaupt therapierbar zu werden.“

Ob es heute mehr hyperaktive Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten gibt, bezweifelt Werchohlad. „Die hießen damals nur anders“, erinnert sie sich. Sie geht aber auch davon aus, dass unser zunehmend bewegungsarmer und von äußeren Reizen und geistiger Beanspruchung geprägter Alltag den Leidensdruck der betroffenen Kinder verstärkt.

In ihrer Ergotherapie, die sich, je nach Schwere des Falls über zehn bis 30 Schulstunden erstreckt, versuchen Werchohlad und die Mitarbeiterinnen ihrer Praxis an der Kruppstraße Kindern und Eltern Handlungsstrategien zu vermitteln, die ihren Tagesablauf strukturieren und so leichter machen.

ADHS-Kinder, so ihre Erfahrung, brauchen stark ritualisierte und strukturierende Handlungsabläufe. An sie können sie sich in den entsprechenden Alltagssituationen dann erinnern und sie immer wieder automatisch wiederholen. So werden diese entlastenden Handlungsstrategien auf lange Sicht verinnerlicht. Das führt wiederum zu mehr Ruhe und Routine.

Solche Gedächtnisstützen und Handlungshilfen können zum Beispiel Fotos sein, die an einer Wäscheleine aufgehängt werden und zum Beispiel zeigen, welche Kleidungsstücke das Kind morgens nacheinander aus dem Schrank holen und anziehen oder abends wieder in den Schrank zurücklegen muss. Das können ergonomische Griffstützen aus Gummi sein, die ein entspannteres Schreiben ermöglichen oder auch gelbe Klebezettel, die gleich auf den ersten Blick zeigen, wo Hausaufgaben im Heft eingetragen werden müssen oder was aktuell anliegt, etwa mit dem Satz: „Heute denke ich besonders daran schöner zu schreiben.“

Mindestens genauso wichtig, wie solche Hilfestellungen, ist aus Sicht der Ergotherapeutin die Zuwendung und das Lob der Eltern: „Lass uns doch mal überlegen, was du aus deinem Schultornister brauchst und wo du es auf deinem Schreibtisch hinlegen kannst, um deine Hausaufgaben zu erledigen. Das hast du wirklich gut gemacht. Das sieht doch schon viel besser aus, als das letzte Mal.“ Auch gezielter Körperkontakt (etwa die Hand auf einem Arm des Kindes) oder auch nur die spürbare Nähe von Mutter oder Vater können aus ihrer Sicht ADHS-Kindern den Halt und die Ruhe geben, die sie brauchen, um sich entweder auf die Hausaufgaben oder auch auf das gemeinsame Spiel zu konzentrieren.

Dabei gibt sich Werchohlad keinen Illusionen darüber hin, dass viele berufstätige Eltern bei dieser sehr zeitintensiven Zuwendung zu ihrem Kind schnell an ihre Grenzen stoßen können.

ADHS-Kinder reagieren automatisch auf jeden Reiz, von der Türklingel bis zum Verrücken eines Stuhls. Sie können diese Reize nur schwer sortieren oder ausblenden. Folge: Extreme Reizbarkeit, chaotische Handlungs- und Arbeitsweise, fehlende Frustrationstoleranz und aggressive Überreaktionen, die Unfähigkeit, sich an Regeln zu halten oder Aufgaben auszuführen. Solche Symptome können aus der Sicht der Ergotherapeutin Werchohlad aber nur dann ein Hinweis auf ADHS sein, wenn sie sich in allen Lebensbereichen eines Kindes zeigen. Wenn sie allerdings nur in einem bestimmten Bereich, etwa der Schule, feststellbar sind, ist nicht selten Überforderung die eigentliche Ursache.


Dieser Text erschien am 19. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 18. Juni 2013

Was unsere Kinder brauchen und was sie (und uns alle) krank macht: Ein Gespräch mit den beiden Mülheimer Kinderärzten Ulrike Breckling und Jürgen Hower

Der Arzneimittelreport der Barmer Ersatzkasse schlägt Alarm. Er wirft Ärzten vor, Kindern und Jugendlichen zu schnell Psychopharmaka zu verschreiben, obwohl dies nicht immer medizinisch notwendig sei. Laut Barmer wurden 2012 41 Prozent mehr Neuroleptika für Kinder und Jugendliche verschrieben als noch 2005.


Die beiden Kinderärzte Jürgen Hower (69) und Ulrike Breckling (44) bestätigen, dass sie in ihrer Praxis immer öfter mit psychisch auffälligen Kindern zu tun haben. „Als ich 1976 meine Praxis eröffnet habe, kamen vielleicht fünf Prozent meiner Patienten mit psychischen und psychosomatischen Problemen zu mir. Heute sind es schon 30 Prozent“, beschreibt Hower die Entwicklung. Seine Kollegin will sich zwar auf keine Zahl festlegen, sieht aber auch eine Zunahme des Problems. Beide Ärzte räumen ein, dass sie es bei der geistigen und seelischen Gesundheit mit Symptomen zu tun haben, bei denen die Grenzen zwischen normaler Verstimmung oder Charaktereigenschaft und manifester psychischer Erkrankung fließend sein können. Sie denken dabei etwa an Bauch- und Magenschmerzen, Schulverweigerung, Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität, Schlaflosigkeit, Selbstverletzung, Angst und Aggression.

Hower spricht von einer „Sozial- und Umweltdiagnose“ und stellt fest: „Bei der geistigen Gesundheit geht es auch um die Frage: Was ist eine Gesellschaft bereit, noch als normal zu akzeptieren und was nicht?“ Breckling und Hower sind sich einig, dass die Zunahme psychischer und psychosomatischer Krankheitssymptome vor allem soziale Ursachen hat. „Der Leistungs- und Erwartungsdruck ist enorm. Kinder sollen vor allem Abitur und Karriere machen. Sie sollen funktionieren und haben oft ein volles Programm. Aber sie dürfen kaum noch Kinder sein. Das ist keine gute Entwicklung“, kritisiert Hower.

Und seine Kollegin weiß aus ihrer Praxis: „Die Masse der Kinder leidet unter der Schulzeitverkürzung. Es bleibt ihnen heute zu wenig Zeit für Bewegung, Sport und Begegnung mit Freunden, die einen Ausgleich zum Lernen schaffen. Und wenn ein Kind in der Schule nicht mehr mitkommt, wird als erstes der Sport gestrichen.“

Breckling hat sich unter anderem auf die Behandlung von Kindern spezialisiert, die unter einem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden, bei dem Methylphenhydat verschrieben wird. Aber sie räumt ein, dass die Diagnose dieser hirnorganischen Störung, die auf den Mangel bestimmter Botenstoffe im Gehirn zurückzuführen ist, sehr komplex und langwierig ist und nur mit kinder- und jugendpsychiatrischer Unterstützung sowie der Befragung von Eltern und Lehrern möglich ist. Hierfür werden unter anderem Fragebögen mit solchen oder ähnlichen Fragen eingesetzt, wie sie im Kasten aufgeführt sind.

Dabei ist sich Breckling der Gratwanderung zwischen Psychosomatik und tatsächlicher Erkrankung bewusst. „Ich war da früher viel großzügiger, bin aber jetzt sehr zurückhaltend geworden“, sagt ihr Kollege Hower über seine Verschreibungspraxis bei Psychopharmaka. Wie seine Kollegin verschreibt er nur noch sehr restriktiv, gezielt und zeitlich befristet und setzt vor allem auf die heilende Wirkung des Gesprächs. Breckling hat auch gute Erfahrungen mit dem Einsatz von Entspannungstechniken gemacht. Beide Kinderärzte warnen aber auch davor, Psychopharmaka grundsätzlich zu verteufeln.

Aus Howers Sicht sind die meisten psychischen Störungen bei Kindern auf die Überforderung in der Schule zurückzuführen. Deshalb bespricht er mit Eltern oft die Frage, ob ein Schul- oder Schulformwechsel nicht die Lösung des Problems sein könnte. „Nicht alle Kinder sind in einem bestimmten Alter gleich und deshalb muss man auch jedem Kind seine eigene Entwicklungsgeschwindigkeit zugestehen“, betont er. Doch nicht nur Schulstress und überzogene Elternerwartungen, sondern auch die soziale Unsicherheit und fehlende emotionale Geborgenheit in einer schnelllebigen und zunehmend urbanen Umwelt machen Kinder aus seiner Sicht krank: „Da kommt keine Ruhe rein.“

Dieser Text erschien am 13. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung



Montag, 17. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: sind die Preisträger der Bürgerstiftung, so, wie zum Beispiel Felix Bruns

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat. Einer von ihnen ist Felix Bruns und seine Kollegen aus der Bigband der Luisenschule.


Eigentlich ist Felix Bruns einer von 25 Preisträgern. Denn in der Kategorie Geisteswissenschaften haben die Bürgerstiftung und ihr Preisgeldsponsor RWE die Bigband der Luisenschule ausgezeichnet, in der 25 Mädchen und Jungen zusammen musizieren. „Das ist ein echter Erfolg. Denn wir haben 2009 mit fünf Leuten angefangen, aus denen dann wenig später zehn geworden sind“, erinnert sich der 17-Jährige.

Die Idee, an seiner Schule eine Bigband zu gründen, hatte der junge Schlagzeuger zusammen mit vier Mitschülern, die wie er in der Bigband der Mülheimer Musikschule Tonart musizieren. „Was wir hier machen, können wir eigentlich auch an unserer Schule machen“, sagte sich das Quintett und fand mit Musiklehrerin und Saxophonspielerin Regina Poupette die richtige Frontfrau für den Aufbau einer Bigband AG. „Anfangs haben wir nur im Treppenhaus unserer Schule gespielt“, erzählt Felix. Heute spielt die inzwischen zum regulären Unterrichtskurs aufgewertete Bigband nicht nur in der neuen Schulaula, etwa bei Abiturfeiern, Tagen der offenen Tür oder im Rahmen von Schulkonzerten. Auch bei den Mülheimer Jazztagen, im Jazzclub an der Kalkstraße, bei Veranstaltungen des Lionsclubs oder bei Kulturfestivals ist sie gerne gehört. Ihren nächsten Auftritt haben die ausgezeichneten Musiker von der Luisenschule am 5. April 2013 im Rahmen des Festivals Kulturflash , das in der Heinrich-Thöne-Volkshochschule an der Bergstraße über die Bühne ging.

„Wir bestreiten inzwischen 15 bis 20 Auftritte pro Jahr“, berichtet Bruns und sieht die musikalische Vielseitigkeit als das Markenzeichen der Luisenschulband. Dixie- und Swing-Jazz bringt sie ebenso zu Gehör, wie Melodien aus der Pop- und Rockmusik. Auch vor dem guten alten Bossa Nova oder dem Funk hat die Band, die inzwischen sogar eine eigene Junior-Band ins Leben gerufen hat, keine Angst. „Wir sind auf kein Genre festgelegt. Und das macht die Sache ja auch reizvoll. Alles andere würde vielleicht rasch langweilig“, findet Felix.

Das gemeinsame Musizieren in der Bigband vergleicht er mit einem „Mannschaftssport, der auch eine soziale Komponente hat, weil man genau aufeinander hören muss und nur gemeinsam etwas schaffen kann, das sich dann auch gut anhört.“ Der 17-Jährige, der nicht nur in der Luisenschulband, sondern auch in einer Band der Folkwangschule und der Musikschule Tonart mit seinem Schlagzeug für den Rhythmus sorgt, bei dem man mit muss, lässt keinen Zweifel daran, dass die gemeinsamen Auftritte ihn selbstbewusster gemacht haben. Diese musikalische Vitaminspritze fürs Selbstbewusstsein zahlt sich auch im Schulalltag, etwa beim Halten von Referaten aus. Viel wichtiger und wertvoller sind Felix aber die Kontakte und Freundschaften, die er auch jahrgangsübergreifend in der Bigband der Luisenschule knüpfen konnte.

Die Auszeichnung durch die Bürgerstiftung empfindet er als „einen Ansporn, weil sie uns zeigt, dass unsere Arbeit gesehen, gehört und geschätzt wird und weil sie auch den älteren Bürgern zeigt, dass es viele junge Leute gibt, die etwas gutes machen und nicht nur herumhängen.“

Und auch das Preisgeld des Sponsors RWE findet bei Felix und seinen Bandkollegen natürlich Anklang. Denn 2015 wollen die Luisenschulmusiker zusammen mit der amerikanischen Bluelakeband durch die USA touren. Da kommen die 3000 Euro von RWE als Anschubfinanzierung für die Reisekasse gerade recht.

Apropos Geld, Band und Touren. Könnte sich Felix, der schon als Sechsjähriger auf den Kochtöpfen seiner Eltern den Rhythmus vorgab, auch eine Karriere als Profimusiker vorstellen? „Das wäre natürlich ein Traum“, sagt er. Aber Felix könnte sich auch ein Leben vorstellen, in dem die Musik sein Hobby bleibt. Dass dieses Hobby aber auch in einen Beruf einfließen könnte, mit dem sich Geld verdienen lässt, hat er im vergangenen Jahr bei einem Praktikum in einem Ton- und Musikstudio erlebt.

Dieser Text erschien am 3. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 16. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: Das sind die diesjährigen Preisträger der Bürgerstiftung, wie zum Beispiel Mara Büßemeyer

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat. Die NRZ stellt sie vor. Heute zum Abschluss unserer kleinen Serie: Mara Büßemeyer.

„Es ist einfach cool, wenn man helfen kann und Menschen kennenlernt“, erklärt Mara Büßemeyer, wenn man sie nach der Motivation für ihr soziales Engagement fragt. Für das ist die 17-jährige jetzt von der Bürgerstiftung und ihrem Preisgeldgeber, der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft (MWB) ausgezeichnet worden.

„Es geschieht nichts Gutes, außer man tut es“, wissen wir seit Erich Kästner. Und wenn man sich mit der 17-jährigen Schülerin, die das Gymnasium Heißen besucht, darüber unterhält, was sie Gutes getan hat, kommt schon einiges zusammen.

Seit der siebten Klasse leistet sie im Sanitätsdienst ihrer Schule Erste Hilfe, immer dann, wenn Not am Mann oder an der Frau ist, egal ob in Schulpausen, bei Sportfesten oder an Tagen der offenen Tür. „Bisher ist Gott sei Dank noch nichts Dramatisches passiert. Mal muss man ein Pflaster, mal einen kleinen Verband anlegen“, erzählt Mara. Sie hat im Sanitätsdienst bereits eine solche Professionalität gewonnen, dass sie inzwischen jüngere Schüler zu Sanitätern ausbilden kann. Außerdem engagiert sie sich inzwischen auch jenseits des Schulsanitätsdienstes in der Jugendarbeit des Arbeitersamariterbundes, etwa bei der Organisation von Ferienspielaktionen. „Wenn man damit bei den Kindern gut ankommt, macht das einfach Spaß“, findet Mara.

Doch nicht nur mit jungen, sondern auch mit den alten Mitmenschen versteht sich die Schülerin gut. So engagiert sie sich neben dem Unterricht auch in einem Altenprojekt ihrer Schule. Einmal pro Monat besucht sie zusammen mit anderen Jugendlichen Senioren aus ihrem Stadtteil. Dann wird miteinander gesprochen und gespielt oder auch gemeinsam gekocht und gebacken. Zurzeit arbeiten Schüler und Senioren übrigens an einem Buchprojekt mit dm Arbeitstitel „Lebensschätze.“

Generationen im Gespräch
Was sie an den Gesprächen mit den alten Menschen begeistert, „ist das Interesse, das die Senioren an unserem Alltag zeigen“, aber auch ihr Lebensmut, mit dem sie sich „auch unter oft sehr schwierigen Rahmenbedingungen“ durchgesetzt haben. Mara hat den Eindruck, „dass das Leben früher weniger durchge- und verplant war als heute“ und die Menschen trotzdem ihren Weg gefunden haben.

„Die alten Menschen haben sehr großen Respekt vor den hohen Leistungsansprüchen, mit denen Jugendliche heute in der Schule konfrontiert sind“, berichtet Büßemeyer aus dem Gespräch der Generationen. In dem zeigt sich aber auch, dass manches Teenagerproblem, etwa die Frage, wie lange man abends ausgehen darf, zeitlos aktuell zu sein scheint.

Mara engagiert sich zudem als Mitglied der Schulkonferenz des Gymnasiums Heißen für die Belange von Mitschülern, egal, ob es um die Einrichtung eines Oberstufenraumes oder um die Organisation einer Mittelstufenparty geht.

„Ich bin selbstbewusster geworden und kann gut auf Menschen zugehen“, beschreibt sie den aus ihrer Sicht wichtigsten menschlichen Mehrwert ihres ehrenamtlichen Engagements, mit dem sie auch ganz nebenbei ihr Organisationstalent trainiert. Die Preis der Bürgerstiftung sieht Büßemeyer vor allem als ein gutes Zeichen dafür, „dass die Leute gemerkt haben, dass man was tut und das auch anerkennen und damit vielleicht auch andere Jugendliche motivieren, die sich sagen: Eigentlich müsste ich auch mal was tun.“

Und was möchte Mara selbst nach der Schule tun? Sie will, das überrascht bei ihrem Engagement, nicht etwa in einen sozialen oder pädagogischen, sondern in einen naturwissenschaftlichen Beruf. Sie möchte gerne chemische Biologie studieren und anschließend vielleicht in die Forschung gehen. Erste Praktikumserfahrungen hat sie bereits beim Max-Planck-Institut für Kohlenforschung gesammelt und „wollte dort am liebsten gar nicht mehr weggehen.“

Dieser Text erschien am 9. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 15. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: Die Preisträger der Bürgerstiftung: Zum Beispiel Russlan Vibly

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat. Einer von ihnen ist  Russlan Vibly.

„Es hat klick gemacht und ich habe einfach losgelegt“, schildert Russlan Vibly den Moment, als er einer Freundin spontan zur Hilfe kam und damit Schlimmeres verhütete. Es war in den Sommerferien 2012. Vibly und einige Freunde machten sich einen schönen Tag am Ruhrstrand und grillten. Doch plötzlich fing das 15-jährige Mädchen Feuer, weil Spiritus in die Grillflamme geraten war und eine Verpuffung ausgelöst hatte.

Russlan sah die gleichaltrige Freundin in Flammen und handelte sofort. Mit einer Decke erstickte er das Feuer und zerrte das vom Schmerz traumatisierte Mädchen in die Ruhr, um ihre Wunden im Wasser zu kühlen. Wenige Minuten später traf der Rettungswagen ein.

„Wenn du das, was du getan hast, nicht getan hättest, hätte sie vielleicht lebenslange Folgen davongetragen“, sagte ihm später ein Arzt, als er sie im Krankenhaus besuchte. Es blieb nicht bei einem Besuch. Denn das beim Grillunfall am Ruhrufer verletzte Mädchen musste über viele Wochen im Krankenhaus seine Verbrennungen auskurieren.

Dass diese Verbrennungen keine dauerhaften Folgen hinterlassen oder das Mädchen sogar entstellt haben, hat sie dem beherzten und mutigen Eingreifen ihres Freundes zu verdanken.

„So besonders ist das nicht“, kommentiert Russlan sein Handeln. Dass es Menschen gibt, die in einer vergleichbaren Situation, etwa nach einem Verkehrsunfall, nicht spontan helfen, sondern in eine Schockstarre verfallen oder gar wegschauen, kann er weder erklären noch verstehen.

Umso erstaunter war der 15-Jährige, der mit seiner Familie in Saarn lebt und dort die Gesamtschule besucht, als er davon erfuhr, dass ihn die Mutter des Mädchens für den Preis der Bürgerstiftung vorgeschlagen hatte, der in der Kategorie Zivilcourage von der Grillo-Stiftung mit 3000 Euro dotiert wird.

„Ich stehe nicht so gerne vor so vielen Menschen“, erinnert sich Russlan an die Preisverleihung im Haus der Wirtschaft. Doch über die Auszeichnung und das damit verbundene Geld hat er sich dann doch gefreut. Denn so konnte er sich ein neues Handy leisten, nachdem das alte kaputtgegangen war. Und außerdem braucht er Geld für seinen Führerschein, den er demnächst in Angriff nehmen will.

Außerdem hat er nach einem erfolgreichen Praktikum als Fliesenleger auch schon seinen Traumberuf fest im Blick. Den möchte er gerne nach seiner Fachoberschulreife an der Gesamtschule Saarn erlernen. „Ich wünsche mir einen Beruf, in dem ich etwas mit meinen Händen tun kann und nicht den ganzen Tag im Büro sitzen muss“, betont Russlan. Dass er handwerkliches Geschick besitzt, hat er schon bewiesen, als er zusammen mit seinem Vater Fahrräder repariert oder Regale für sein Zimmer gebaut hat.

Und wenn es mit der Handwerkslehre nicht klappen sollte, könnte sich Russlan auch vorstellen, zur Bundeswehr zu gehen. Auch das wäre eine Entscheidung, die viel Mut voraussetzen würde. Doch den hat der in der Ukraine geborene Russlan schon als kleiner Junge bewiesen, als er 2003 mit seiner Familie nach Deutschland kam. Hier musste er sich von heute auf morgen in einem fremden Land mit einer fremden Sprache integrieren, in dem er immer wieder auf Menschen zuging und fragte, wenn er etwas nicht verstand. Damals konnte er nur „Hallo“ und „Danke“ sagen. Heute spricht er fließend Deutsch.

Ohne eine gesunde Portion Mut, die er nach seiner eigenen Einschätzung durch die Erziehung seiner Eltern mit auf den Lebensweg bekommen hat, hätte er dieses Ziel nicht erreichen können. „Mut“, sagt Russlan, „heißt, vor Problemen nicht wegzulaufen, sondern auf sie zuzugehen und Menschen auch dann zu helfen, wenn man vielleicht selber Probleme hat.“

Dieser Text erschien am 28. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 13. Juni 2013

Jung und ausgezeichnet: Das sind die Preisträger der Bürgerstiftung; Zum Beispiel der Otto-Pankok-Schüler Henrik Heelweg

Es gibt Menschen, die uns mit ihrem Engagement Mut machen. Zu diesen Menschen gehören die vier jungen Preisträger, die die Bürgerstiftung ausgezeichnet hat, zum Beispiel Heute: Henrik Heelweg.

„Ich bin ein ganz normaler 16-Jähriger“, versichert Henrik Heelweg und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Aber jeder hat ja so seine Macke.“ Was der Zehntklässler von der Otto-Pankok-Schule seine „Macke“ nennt, ist eine erstaunliche naturwissenschaftliche und mathematische Begabung, um die ihn manche seiner Mitschüler beneiden mögen.

Schon als Kind spielte der Sohn einer Biologielehrerin und eines kaufmännischen Angestellten mit einem Kosmosexperimentierkasten, nahm Marienkäfer unter die Lupe und las Bücher über das Schicksal der Dinosaurier. „Meine Eltern haben schon früh gemerkt, dass ich mich für Naturwissenschaften interessiere und mich immer gefördert“, erinnert sich Henrik. Und aus diesem Satz hört man ehrliche Dankbarkeit heraus.

Heelweg berichtet von naturwissenschaftlichen und mathematischen Kursen der Academia Generalis, die er ab der vierten Klasse in seiner Freizeit besuchte und die ihn auf den Geschmack brachten, weil sie seinen Wissenshunger stillten.

So inspiriert hat er bereits mehrfach an den Bundeswettbewerben Mathematik und Jugend forscht teilgenommen, beschäftigte sich in diesem Zusammenhang nicht nur mit Zahlen und Formeln, sondern auch mit der Fossilienwelt am Kassenberg, mit umweltfreundlicher Wärmeisolation oder mit der Wechselwirkung zwischen Ernährung und Reaktionsfähigkeit. Doch nicht nur an mathematisch-naturwissenschaftlichen Wettbewerben, sondern auch am Bundeswettbewerb Latein hat Henrik bereits mit Erfolg teilgenommen und war zumindest auf Landesebene ganz vorne dabei. Für die Endrunde auf Bundesebene hat es bisher noch nicht ganz gereicht. Aber mit 16 darf und muss man ja noch Ziele haben, die auf ihre Realisierung warten. „Ich bin ein ehrgeiziger Mensch“, sagt Heelweg über sich selbst. Doch was ihn an Wettbewerben reizt, ist nicht die Aussicht auf einen Preis, sondern „die Möglichkeit, Kontakte zu Leuten zu knüpfen, die so ähnlich gestrickt sind wie man selbst und mit denen ich meine Interessen teilen kann.“ Henrik lässt keinen Zweifel daran, dass er sich über die Auszeichnung und die damit verbundenen 3000 Euro von der Mülheimer Bildungsstiftung freut. „Solche Anerkennung zu bekommen, ist ein schönes Gefühl, das anspornt und das erst mal sacken muss.“

Sein Preisgeld, das bereits auf sein Sparbuch gewandert ist, will er auch in seine weitere Ausbildung investieren. Derzeit liebäugelt er mit einem Chemiestudium, „weil man da eine Einbindung in alle Lebensbereiche hat.“ Jetzt hat Henrik erst mal seine Leistungskurse für die Oberstufe (Mathematik und Chemie) gewählt. Mathematik fasziniert ihn, „weil man mit ihr einfache Lösungen für komplizierte Frage erarbeiten kann.“ Genau darum geht es auch in dem Duisburger Softwareunternehmen, in dem er nach den Osterferien ein Praktikum machen wird. Angesichts seiner Vielseitigkeit, die sich auch in einem Notendurchschnitt von 1,0 widerspiegelt, räumt er ein: „Es ist gar nicht so einfach, sich für einen bestimmten beruflichen Weg zu entscheiden, auch wenn ich jetzt glaube, mit der Chemie einen guten Punkt getroffen zu haben.“ Doch mit der Berufswahl kann und will sich der 16-Jährige, der sich in seiner Freizeit unter anderem beim Laufen und Zeichnen entspannt, ja auch noch etwas Zeit lassen.

Dieser Text erschien am 26. März 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 11. Juni 2013

Was Hans Meinolf und seinem Enkel Sven Deege zum 150. Geburtstag ihrer Partei, der SPD, einfällt

Hans Meinolf und sein Enkel Seven Dege

150 Jahre Mülheimer SPD. Das wurde am 9. Juni 2013 im Kino Rio gefeiert. Vor der Geburtstagsfeier ihrer Partei ließen der ehemalige Fraktionschef der Sozialdemokraten, Hans Meinolf, (82) und sein Enkel Sven Deege (27) in einem Gespräch, das ich für die NRZ mit ihnen führte ihren ganz persönlichen SPD-Geburtstagsfilm ablaufen.

Frage: Wann und wie haben Sie die SPD als ihre politische Heimat erlebt?

Antwort: Meinolf: Ich denke an geselligen Abende der Falkenjugend im Haus Freundschaft am Uhlenhorst, an denen wir gemeinsam sangen, an unsere Zeltlager im Sommer, an meine Fortbildung als Jugendvertreter der IG-Metall in der DGB-Bundesschule, an den Konsum an der Weseler Straße, in dem wir einkauften und an einen Streik, in dem wir 1951 für die betriebliche Mitbestimmung gekämpft haben. 1952 bin ich dann in die SPD eingetreten. Gerne erinnere mich auch an große Veranstaltungen der Mannesmann-Betriebsgruppe mit Willy Brand und Helmut Schmidt.

Antwort: Deege: Ich bin durch meine sozialdemokratische Familie geprägt worden. Mein Großvater hat den Ortsverein in Eppinghofen und die SPD-Betriebsgruppe der Mannesmann-Röhrenwerke gegründet. Ich bin im Kinderwagen zum Wahlkampf mitgenommen worden und als ich laufen konnte, habe ich die ersten Flugblätter verteilt. Mit mit 14 bin ich dann in die SPD eingetreten.

Frage: Warum tun sich junge Menschen heute so schwer mit Parteien, Politik und auch mit der SPD?

Antwort: Deege: Anders, als in meiner Familie, war Politik für die meisten meiner Klassenkameraden an der Luisenschule kein Thema. Ich glaube, dass hat damit zu tun, dass die meisten Jugendlichen Demokratie und Freiheit als Selbstverständlichkeit ansehen, für die man nicht mehr kämpfen muss. Politik und Parteien empfinden die meisten Jugendlichen als uncool, weil sie dort vor allem alte Männer und Frauen über Dinge diskutieren sehen und hören, die am Ende dann doch nicht passieren. Ich selbst bin zwar Parteimitglied, aber im Moment politisch nicht aktiv, weil mir mein Beruf als kaufmännischer Angestellter zu wenig Zeit dafür lässt.

Antwort: Meinolf: Vielleicht ist das auch unsere Schuld. Vielleicht haben wir der jungen Generation zu viele Steine aus dem Weg geräumt. Als ich mit 18 Jahren politisch aktiv wurde, hatten wir nach Krieg und Diktatur einen enormen Aufholbedarf. Wir mussten unsere Gesellschaft und unser Land ja erst mal aufbauen. Wir mussten Demokratie und Freiheit ja erst mal lernen. Und wir mussten uns durchsetzen. Als ich 1957 auf einem Unterbezirksparteitag sprechen wollte, sagte mir der damals 67-jährige Oberbürgermeister Heinrich Thöne: „Lass mal. Dafür bist du noch zu jung.“

Frage: Warum erleben Sozialdemokraten keinen politischen Höhenflug, obwohl immer mehr Menschen über soziale Ungerechtigkeit klagen?

Antwort: Deege: Das liegt auch daran, dass unser Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten ist, das er hätte auslassen können. Doch das eigentliche Problem sehe ich in der Politik- und Parteienverdrossenheit, mit der viele Jugendliche schon in der Familie groß werden. Da gibt es eine weit verbreitete Lethargie. Selbst Menschen, die von Hartz IV leben müssen, haben oft das Gefühl: „Irgendwie klappt es schon. Ich komme alleine über die Runden. Viele Menschen geben heute zu schnell auf. Sie haben keine Lust mehr, Probleme über eine lange Zeit zusammen mit anderen durchzuarbeiten und zu lösen. Heute wird das Ich-Gefühl zu stark gelebt. Niemand hat das Gefühl, dass da jemand wäre, der sich um die Probleme kümmert. Hinzu kommt eine gewisse Übersättigung durch die politischen Talkshows, die täglich im Fernsehen gesendet werden. Es fängt schon in der Freizeit an, wenn Leute heute lieber zu Hause bleiben und bei Facebook mit Freunden chatten, als raus zu gehen und sich mit Freunden auf dem Fußballplatz oder in einer Kneipe zu treffen. Wir brauchen in unserer Partei und in unserer Gesellschaft einfach mehr Ausdauer und Rückgrat, wie ein Marathonläufer

Antwort: Meinolf: Einige Enkel von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner wollten oder wollen nicht mehr wahrhaben, dass die Arbeitnehmerbewegung den Ursprung der SPD bildet und das die Sozialdemokratie nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie ihre Stammwählerschaft für voll nimmt. Wir dürfen nicht vergessen, dass bessere Arbeitsbedingungen nicht vom Himmel fallen, sondern erkämpft werden müssen. Das wird aber immer schwerer, wenn es immer weniger Großbetriebe mit starken Gewerkschaften gibt und immer mehr Menschen in kleinen Betrieben oder selbstständig arbeiten und jede Berufsgruppe nur noch für sich selbst kämpft. Die Agenda 2010 hat zum Beispiel bei der Leih- und Zeitarbeit die falsche Richtung eingeschlagen. Solidarität und Gemeinschaftsgefühl müssen wieder gefestigt werden.

Frage: Warum brauchen wir die SPD?

Antwort: Deege: Als Anschub und Bindeglied dafür, dass der Starke dem Schwachen hilft und ihm dafür die Hand reicht.

Antwort: Meinolf: Weil Sie immer noch das offenste Ohr für die Armen hat.

Stationen der Mülheimer SPD


1864 wird in Mülheim der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet. Erster Vorsitzender ist der Maschinenmeister Kaspar Bergrath.

1869 wird der Gerber Wilhelm Hasenclever als erster Sozialdemokrat zum Abgeordneten in den Norddeutschen Bundestag gewählt.

1894 wird in Dümpten der erste SPD-Ortsverein gegründet.

1933 lehnen die SPD-Stadtverordneten die Ehrenbürgerschaft für Hitler und Hindenburg ab.

1944 wird der vormalige SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Wilhelm Müller wegen seines Widerstandes gegen das NS-Regime ins Konzentrationslager Neuengamme gebracht, wo er im November stirbt.

1948 wird Heinrich Thöne als erster Sozialdemokrat zum Mülheimer Oberbürgermeister gewählt. Er bleibt es bis 1969.

Dieser Text erschien am 8. Juni 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...