Sonntag, 23. September 2012

Warum engagiert sich Sparkassenchef Martin Weck ehrenamtlich als Vorsitzender des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften?

Warum engagiert sich der Sparkassenchef als Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins. Darüber sprach ich für die NRZ mit Martin Weck in einer Woche, in der 1995 auch mit Unterstützung der Neuen Ruhr Zeitung ins Leben gerufene Verein Gäste aus den Partnerstädten Tours und Kouvola (vormals Kuusankoski) in Mülheim willkommen heißt, weil kleine Besuch die Freundschaft erhält, die mit Tours vor 50- und mit Kuusankoski vor 40 Jahren begründet wurde.


Warum tun Sie sich Ihr Ehrenamt an?


Weil wir als Sparkasse in der Stadt aktiv sein wollen. Und für mich ist damit auch das Ehrenamt verbunden und die Bereitschaft öffentlich zu agieren.

Sind Sie so etwas wie Mülheims Außenminister?

Als ich mein Ehrenamt antrat, habe ich das nur unter der Bedingungung getan, dass ich nicht ständig alle Partnerstädte bereisen muss. Ich wurde damals eher als Innenminister gewählt, der die Aktivitäten des Städtepartnerschaftsvereins koordiniert und die Fäden zusammenhält.

Was ist der persönliche Mehrwert ihres ehrenamtlichen Engagements?


Mein Ehrenamt macht Spaß, weil man in dieser Funktion, wie hetzt, immer wieder mit Besuchern aus anderen Ländern und Kulturen in Kontakt kommt.

Bringt Ihr Ehrenamt Synergieffekte mit sich, die Ihnen auch in Ihrmen Hauptamt nutzen?


Ja. Die Praktikantenbörse, die wir jetzt haben, hilft uns natürlichauch, Firmen international zusammenzubringen und Ideen zu spielen, die man in den Mittelstand hineinbringt, um in unserer Stadt internationalen Austausch zu bekommen, etwa durch den Kontakt von Schulen und Ausbildungsbetrieben. Die Praktikanten, die zum Beispiel aus unseren Partnerstädten kommen und hier in Betrieben arbeiten und in Gastfamilien wohnen, fungieren in ihrer Heimat natürlich auch als wichtige Türöffner für die Wirtschaftsunternehmen in unserer Stadt.

Profitiert auch die Sparkasse von dieser Praktikantenlobby in den Partnerstädten?


Nein. Das haben wir bisher ganz bewusst nicht so gemacht, weil ich meine hauptamtlichen Interessen nicht mit Hilfe meines Ehrenamtes positionieren möchte. Ich möchte mit meinem Ehrenamt Ideen und Möglichkeiten in die Stadtgesellschaft hineinbringen.

Haben wir als Mülheimer im Moment nicht genug mit uns selbst zu tun? Warum brauchen wir sechs Partnerstädte?


Weil die Gesellschaft nicht da endet, wo wir ein Schuldenproblem haben, sondern dort beginnt, wo sie sich auf den Weg macht, Vorurteile abzubauen und neues kennenzulernen. Das tun wir als Städtepartnerschaftsverein, in dem wir zum Beispiel erhebliche Gelder für Jugendbegegnungen ausgeben. Denn auch wenn es der Stadt finanziell schlecht gehet, darf man gerade dem gesellschaftlichen Miteinander in Europa nicht als erstes die Leitung durchtrennen.

Sind sechs Partnerstädte nicht eigentlich schon zu viel?


Man kommt an Grenzen heran. In den Partnerstädten gibt es aber auch fast immer, wie bei uns, privat organisierte Vereine, wie die Deutsch-Französische Gesellschaft in Tours oder die Deutsch-Finnische Gesellschaft in Kuusankoski, dass jetzt in Kouvola eingemeindet ist oder die Freunde um Tom Nutt in Darlington. Hier hat es sich bewährt, wenn hier wie dort privates und ehrenamtliches Engagement aufeinander trifft, weil dadurch besonders enge Beziehungen entstanden sind. Ob wir am Ende vier, sechs oder zehn Partnerstädte brauche, hängt davon ab, ob wir als Stadtgesellschaft wenige enge Einzelkontakte haben wollen oder auf Vielfalt setzen. Für mich hat sich die Vielfalt bewährt, die Mülheim mit seiner internationlen Vernetzung erreicht hat.

Profitieren am Ende nicht nur wenige Bürger von Städtepartnerschaften?

Die Frage beantwortet sich allein schon mit Blick auf die Schulen in Mülheim und seinen Partnerstädten. Allein in diesem Bereich bewerkstelligen wir jedes Jahr 20 bis 30 Austausche mit 400 bis 500 Teilnehmern, wobei wir von Jahr zu Jahr immer wieder unterschiedliche Schülergenerationen erreichen. Hinzu kommen viele Kontakte, die von Vereinen gepflegt werden. Allein schon mit unseren 300 eigenen Vereinsmitgliedern erreichen wir 77 Familien. Der Aufwand lohnt sich auf jeden Fall. Die Zahlen und Fakten (siehe Kasten) sprechen für sich

Dieser Beitrag erschien am 21. September 2012 in der NRZ


Zahlen, Daten und Fakten zur Arbeit des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften

Die Stadt Mülheim fördert ihre sechs Städtepartnerschaften mit Darlington (seit 1953), Tours (seit 1962), Kuusankosi (seit 1972), Oppeln (seit 1989), Kfar Saba (seit 1993) und Beykoz (seit 2008) zurzeit mit jährlich 7500 Euro und einer halben Mitarbeiterstelle. Sie wird von Sabine Kuzma besetzt. Kuzma hat ihr Büro bei Mülheim und Business an der Wiesenstraße 35. Dort ist sie montags bis freitags von 8 Uhr bis 12.30 Uhr sowie donnerstags von 14 bis 16 Uhr unter der Rufnummer 0208/48 48 56 und per Mail an: sabine.kuzma@muelheim-ruhr.de oder: info@staedtepartner-mh.de erreichbar. Sie führt die Geschäftsstelle des Städtepartnerschaftsvereins. Dieser hat seit seiner Gründung im Jahr 1995 Mitgliedsbeiträge in Höhe von 204 000 Euro, Spenden in Höhe von 116 000 Euro und Zuschüsse in Höhe von 244 000 Euro für die Förderung der städtepartnerschaftlichen Kontakte gewinnen und investieren können. Weitere Informationen zum Thema findet man im Internet unter: www.muelheim-ruhr.de und unter: www.staedtepartner-mh.de

Dieser Beitrag erschien am 21. September 2012 in der NRZ.


Samstag, 22. September 2012

Vor 80 Jahren wählte eine Mehrheit der Mülheimer Hindenburg zum Reichspräsidenten, um Hitler zu verhindern: Die Machtübernahme der Nazis sollte dadurch aber nur aufgeschoben werden

Am 18. März 2012 haben Hannelore Kraft, Barbara Steffens, Ulrike Flach und Anton Schaaf als Mülheimer Mitglieder der Bundesversammlung den neuen Bundespräsidenten gewählt. Vor 80 Jahren hatten die Mülheimer selbst die Wahl. Sie mussten mit entscheiden, ob der Amtsinhaber Paul von Hindenburg Reichspräsident bleiben oder der Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler sein Nachfolger werden sollte. Neben Hindenburg und Hitler standen beim ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 auch der Kommunistenführer Ernst Thälmann, der Deutschnationale Theodor Duesterberg und der Vertreter des Bundes der Inflationsgeschädigten, Gustav Winter, auf ihrem Stimmzettel.


Mit dem Reichspräsidenten der Weimarer Republik wählten sie nicht nur ein repräsentatives Staatsoberhaupt, sondern den damals mächtigsten Politiker des Deutschen Reiches. Er war nicht nur Oberbefehlshaber der Armee, sondern konnte auf der Grundlage des Verfassungsartikels 48 auch Notverordnungen erlassen, die ohne Zustimmung des Reichstages Gesetzeskraft erlangten. Auf dieser Basis regierte der damalige Reichskanzler Heinrich Brüning seit 1930 ohne Parlamentsmehrheit und allein gestützt auf das Vertrauen des 85-jährigen Reichspräsidenten von Hindenburg.

Deshalb machte sich seine Regierung für die Wiederwahl Hindenburgs stark, um eine Wahl des NSDAP-Kandidaten Hitler zu verhindern. Auch in Mülheim bildete sich ein Hindenburg-Ausschuss zur Unterstützung des Amtsinhabers. In seinem Wahlaufruf, der am 5. März 1932 in der Mülheimer Zeitung veröffentlicht wurde, hieß es: „Hindenburg verkörpert deutsches Soldatentum, deutsche Einigkeit, Manneszucht und Treue. Sein Name bedeutet den Auslandsdeutschen und der ganzen Welt deutsche Gottesfurcht, deutsches Pflichtbewusstsein und Glaube an die deutsche Zukunft. Deshalb wählen wir Hindenburg als den Träger des deutschen Freiheitswillens und der deutschen Geltung in der Welt.“ Das wichtigste Argument seiner Anhänger lautete: „Hindenburg steht über den Parteien. Mit ihm kämpfen wir für Deutschlands Einigkeit und Größe.“

In einem Aufruf der Anhänger Hitlers hieß es dagegen: „Wir verstehen manche Kritik an der NSDAP. Aber wir erblicken im Nationalsozialismus die größte deutsche Freiheitsbewegung seit 100 Jahren. Auch der Nichtwähler stützt das Brüning-Regime. Wie jeder nationale Deutsche bei den Landtagswahlen nur die Gegner dieses Systems wählen kann, so muss er sich folgerichtig auch bei der Reichspräsidentenwahl für den einzigen Kandidaten gegen das System, für Adolf Hitler, entscheiden.“

Unter welchen Vorzeichen die Reichspräsidentenwahlen 1932 stattfanden, wird deutlich, wenn man auf den Seiten der Mülheimer Zeitung von Verhandlungen über den Abbau der Reparationslasten des verlorenen Ersten Weltkriegs oder von Notverordnungen zur Stärkung der Wirtschaft und der Kommunen liest. Sechs Millionen Deutsche waren damals arbeitslos.

Vor diesem Hintergrund entschieden sich 35?306 Mülheimer bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 für Hindenburg und 20?843 für Hitler. 15?119 Wähler stimmten für den KPD-Kandidaten Thälmann und 7450 für den Deutschnationalen Duesterberg, während der Vertreter der Inflationsgeschädigten, Winter, nur 159 Stimmen erhielt. Da Hindenburg am 13. März 1932 die absolute Mehrheit knapp verpasst hatte, musste er am 10. April 1932 in einem zweiten Wahlgang gegen Hitler und Thälmann antreten. An diesem entscheidenden Wahltag titelte die Mülheimer Zeitung: „Deutscher Michel, schlafe nicht. Auf jede Stimme kommt es an. Zuhause bleiben, wenn dich das Vaterland braucht? Nein! Das wäre Fahnenflucht.“

An diesem denkwürdigen Wahltag sollte das Mülheimer Ergebnis als reichsweit erstes Wahlkreisresultat um 20.58 Uhr an den Wahlleiter in Berlin übermittelt werden. Danach hatten 36?625 Mülheimer für Hindenburg, 27?346 für Hitler und 8732 für Thälmann gestimmt.

Hindenburg blieb Reichpräsident. Er sollte seinen unterlegenen Gegenkandidaten Hitler aber schon im Januar 1933 zum Reichskanzler ernennen und zusammen mit ihm Ehrenbürger Mülheims werden.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der zwielichtigen Rolle, die er 1933 bei der Machtübernahme der Nazis spielte, sollte die Mülheimer Hindenburgstraße aber bereits ab 1949 den Namen seines sozialdemokratischen Amtsvorgängers Friedrich Ebert tragen.

Dieser Beitrag erschien am 13. März 2012 in der NRZ

Mittwoch, 19. September 2012

Die Markuskirchengemeinde in Winkhausen ist aus einer Krise gestärkt hervorgegangen und konnte jetzt unbeschwert den 50. Geburtstag ihres Gemeindezentrums am Knappenweg feiern

Die Kirchen sind Kummer gewöhnt. Meistens machen sie Schlagzeilen mit Kirchenaustritten, rückläufigen Kirchensteuereinnahmen oder wegsterbenden Gemeindemitgliedern. Da überrascht es, wenn Pfarrer Hans-Joachim Norden sagt: „Uns ist es schon lange nicht mehr so gut gegangen und wir haben einen locker gestrickten Haushalt.“


Das überrascht umso mehr, da er als Pfarrer einen Gemeindebezirk der Markuskirchengemeinde in Winkhausen leitet, dessen Gemeindezentrum am Knappenweg noch vor eineinhalb Jahren aus finanziellen Gründen zur Disposition stand. Das Presbyterium trat zurück und die Markuskirchengemeinde wurde übergangsweise von einem Bevollmächtigtenausschuss geleitet.

„Es gab damals eine große Unruhe. Viele waren schockiert und fragten sich, warum jetzt das Gemeindezentrum mit dem Familienzentrum, das sehr gut angenommen wurde, nicht mehr erhalten bleiben sollte“, erinnert sich Christina Schäfermeier an den Herbst 2010, als sie eine Sprecherin der Gemeindeinitiative Winkhausen24 war, die forderte: „Lasst die Kirche im Dorf.“

Im Rückblick hat sie keinen Zweifel daran, dass sich der Widerstand gelohnt hat. „Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass es richtig war, die Umstimmigkeiten in den damals vorgelegten Zahlen noch einmal nachzurechnen und am Ende herauszufinden, dass es der Gemeinde finanziell besser geht, als ursprünglich angenommen.“

Schäfermeier, die seit Februar dem neu gewählten Presbyterium angehört, hat das Gefühl, dass die Gemeinde durch den Kampf um ihr Gemeindezentrum zusammengerückt ist und viele neue Freundschaften entstanden sind.

„Wir haben uns wirklich darüber gewundert, wie viele Familien uns unterstützt haben, auch solche, die gar keine Kinder bei uns haben“, erinnert sich Brigitte Schwarz, die seit fast 30 Jahren den Gemeindekindergarten Unter dem Regenbogen leitet. „Da ist eine große Nähe entstanden, wo es früher etwas distanzierter zuging“, betont Schwarz.

Dass sich die finanzielle Situation der Gemeinde entspannt hat, führen Schäfermeier und Norden auf verschiedene Faktoren zurück. Zum einen konnte sich der Förderverein, der sich für den Erhalt des Gemeinde- und Familienzentrums am Knappenweg stark gemacht hatte, durch Spenden, Mitgliedsbeiträge sowie Veranstaltungs- und Mieteinnahmen rund 30?000 Euro aufbringen. Außerdem hat der Verkauf des Gemeindezentrums Rolands Kamp an die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Dümpten den Gemeindehaushalt entlastet. Unterhaltskosten von jährlich 45.000 Euro fallen weg. Und Zinserträge in Höhe von 80.000 Euro, die aus dem Verkaufserlös stammen, können als Rücklage dem Haushalt zugeführt werden. Hinzu kommt, dass die Markuskirchenpfarrerin Esther Kocherscheidt, die damals als verantwortliche Vorsitzende des Presbyteriums in der Kritik stand, inzwischen zur Lukaskirchengemeinde gewechselt ist. Damit wurde der Überhang einer Pfarrstelle in Markus beseitigt.

Also alles in Butter? Nicht ganz. „Der Streit, der in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurde, weil sich das aus der Dynamik der Entwicklung so ergeben hat, hat auch Risse hinterlassen, die wir jetzt wieder kitten müssen“, sagt Pfarrer Norden. „Ich mache das Affentheater nicht mehr mit. So gehen Christen nicht miteinander um“, hat er zu hören bekommen. Drei Gemeindeglieder sind in Folge des Winkhauser Kirchenstreits in eine andere Gemeinde gewechselt. Doch deutlich mehr Menschen haben sich mit dem Kampf um das Gemeinde- und Familienzentrum am Knappenweg solidarisiert, in dem sie in die evangelische Kirche eingetreten sind oder vom passiven zum ehrenamtlich aktiven Gemeindemitglied wurden. „Ich habe noch nie eine so lebendige und engagierte Gemeinde erlebt“, versichert Vikar Sebastian Gutzeit, der erst im Oktober 2011 nach Winkhausen kam und derzeit am neuen Internetauftritt der Gemeinde bastelt.

Auch das gehört zu den vertrauensbildenden Maßnahmen, die sich Norden und seine Markuskirchen-Kollegin Petra Jäger auf die Fahnen geschrieben haben. Presbyteriumsbeschlüsse werden heute schneller und breiter kommuniziert, etwa in einsehbaren Sitzungsprotokollen, im Gemeindeblatt und im Schaukasten vor der Kirche. „Ich bin erstaunt, wie offen wir diskutieren und am Ende Lösungen finden, mit denen alle leben können“, sagt Neu-Presbyterin Christina Schäfermeier.

Mehr gemeinsame Feste, Veranstaltungen und Gottesdienste, zuletzt das Gemeindefest, mit dem das Gemeindezentrum am Knappenweg am Wochenende seinen 50. Geburtstag feierte, sollen dazu beitragen, dass die 5000 Protestanten zwischen Springweg und Knappenweg sich als eine Markuskirchengemeinde erleben.

Dieser Beitrag erschien am 17. September 2012 in der NRZ

Dienstag, 18. September 2012

In Memoriam Horst Borgsmüller - Abschied von einem leisen Lyriker, der die kleine Form meisterhaft beherrschte

Der Tag war schön mit Sonne, Regen, Lachen. Selbst Tränen habe ich heute bei dir entdeckt. Wir haben viel gesehen von dieser bunten, lauten Welt. Wir sahen alles. Das Kind mit den Murmeln, die Taube auf einem Bein und die Katze, die wohlig in der Sonne lag. Der Tag war schön. Doch jetzt wird es noch schöner. Denn du sagst: Wir gehen heim.“ Diese Gedichtzeilen mit dem Titel „Wir gehen heim“ stammen aus der Feder Horst Borgsmüllers.


Am 11. September ist der ehemalige Hauptamtsleiter und Lyriker im Alter von 81 Jahren gestorben.

In den 80er Jahren wurde der Beamte und Poet einem größeren Publikum bekannt. Damals erschienen seine Gedichte nicht nur in kleinen Bänden mit so poetischen Titeln, wie „Ich möchte so wenig“, „Gesichter“, „Sommerwiese“ oder „Machtbäume“, sondern wurden 1000fach auf Brötchentüten, Bierdeckel, Litfasssäulen und Lesezeichen gedruckt.

Die Wiener Literaturkritikerin Brigitte Pixner schrieb damals: „Horst Borgsmüllers konzentrierte Sprache ist ein Sturmlauf gegen die laue Flachheit unserer Existenz, gegen das tägliche Achselzucken, mit dem wir uns abschirmen.“ Tatsächlich wurden seine Gedichte mit der Zeit immer kürzer, intensiver und konzentrierter.

Den Rohstoff für seine Poesie sammelte Borgsmüller am liebst als Spaziergänger in Mülheim, so lange es seine Gesundheit zuließ. Dabei sammelte er Augenblicke und Eindrücke, die er in Versen festhielt. Festgehalten hat der Beamte in seiner Dienstzeit auch alte Bürogeräte von der Schreib- bis zur Rechenmaschine, mit denen er 1977 im Rathausturm ein Büromuseum einrichtete, das jetzt aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen werden musste.

„Ich habe mir meine Kultur bewahrt“, antwortete Borgsmüller einmal auf die Frage, warum er Gedichte schreibe. Er selbst verstand das Schreiben auch als Therapie, in dem er in seinen Gedichten Gefühle ausdrückte, um seine Ängste und Hoffnungen mit seinen Lesern zu teilen.

Ursprünglich wollte der gebürtige Mülheimer, den sein Vater in die sichere Beamtenlaufbahn gedrängt hatte, Schauspieler werden. Von 1947 bis 1949 hatte er die Schauspielschule besucht und dabei die Liebe zur Literatur entdeckt. Ab 1960 begann er dann damit Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben, die später nicht nur in Buchform, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt wurden. Zuletzt veröffentlichte Borgsmüller 2006 den Gedichtband „Überleben.“ Jetzt ist sein irdischer Lebensweg zu Ende gegangen. Der laufende Lyriker ist „heim gegangen.“ Seine Gedichte bleiben.

Dieser Beitrag erschien in der NRZ vom 13. September 2012

Montag, 17. September 2012

Wie verkauft sich eigentlich das Buch der Bücher: Eine Umfrage im Buchhandel aus Anlass der Mülheimer Bibeltage

Vergebung und Versöhnung. Unter diesem Leitthema beschäftigten sich theologisch ge- und unverbildete Menschen am 15. und 16. September bei den Bibeltagen im Altenhof an der Kaiserstraße mit dem Buch der Bücher. Doch ist die Bibel in unser säkularen Zeit ein Beststeller oder ein Ladenhüter? Allein die Deutsche Bibelgesellschaft hat 2011 bundesweit 400.000 Bibeln unter das Volk gebracht.


Oskar Dierbach, der die Mülheimer Bibeltage organisiert, entdeckte den christlichen Glauben als 18-Jähriger durch eine geschenkte Bibel neu und ließ sich mit 21 taufen. Gekauft hat er seine letzte Bibel vor sieben Jahren, eine modernde Übersetzung, mit dem schönen Titel Hoffnung für alle. „Ich verschenke auch schon mal Bibeln, aber nur, wenn ich das Gefühl habe, dass sich jemand ernsthaft dafür interessiert“, sagt er.

Die Frage, wie viele Kunden sich im Buchhandel für die Bibel interessieren, ist nicht leicht zu beantworten. Bei der Frage nach Verkaufszahlen gibt sich Mirjam Berle vom Groß-Buchhändler Thalia , der im Forum und im Rhein-Ruhr-Zentrum vertreten ist, bedeckt. Sie sagt nur so viel: „Die Bibel spielt in unserem Sortiment durchaus eine relevante Rolle und ist ein Buch, das wir laufend verkaufen.“ Vor allem im Windschatten religiöser Großereignisse, wie Weltjugend- oder Kirchentagen, ziehe der Verkauf an. Und Kinderbibeln seien sogar auf Sachbuch-Bestsellerlisten zu finden.

Konkreter werden die kleineren Buchhändler. Der am Löhberg ansässige Michael Fehst , kann die Erwachsenenbibeln, die er pro Jahr verkauft, an einer Hand und die Kinderbibel an zwei Händen abzählen. Vor zehn oder 15 Jahren seien sie noch wesentlich häufiger als Geschenk für Taufen und Hochzeiten gekauft worden.

„Früher war das ein gutes Geschäft, aber seit fünf Jahren ist der Verkauf stark rückläufig“, sagt Fehsts an der Leineweberstraße ansässiger Kollege Klaus Bloem von der Buchhandlung Max Röder . Er schätzt, dass er jährlich jeweils 30 Bibeln für Kinder und Erwachsene verkauft. Gott sei Dank gebe es unter den Pastören treue Bibelkäufer, die das Buch der Bücher gleich mehrfach kauften, um es zum Beispiel an Brautpaare, Konfirmanden und Kommunionkinder zu verschenken.

Gekauft und verkauft werden Bibeln auch von der evangelischen Ladenkirche an der Kaiserstraße und von der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp. „Sie ist nicht unbedingt der Renner, aber es gibt doch eine stetige Nachfrage“, sagt Klaus Igelhorst vom ehrenamtlichen Mitarbeiterteam der k atholischen Ladenkirche . Er schätzt, dass jedes Jahr rund 20 Erwachsenen- und zehn Kinderbibeln gekauft werden. Manchmal gebe es auch die Nachfrage nach künstlerisch gestalteten Bibelausgaben, wie etwa der Chagall-Bibel. Igelhorsts hauptamtliche Kollegin von der evangelischen Ladenkirche , Nina Gutmann, schätzt, dass dort pro Jahr jeweils etwa 20 Erwachsenen- und Kinderbibel über die die Ladentheke gehen, „obwohl die Ladenkirche ja keine klassische Verkaufsstelle“ sei. Ge- und verkauft würden Bibeln vor allem in der Weihnachts- und Konfirmationszeit.

Karin Tator von den Broicher Bücherträumen an der Prinzess-Luise-Straße kann auf eine 30-jährige Berufserfahrung als Buchhändlerin zurückblicken. Sie schätzt, dass sie pro Jahr vielleicht jeweils fünf oder sechs Erwachsenen- und Kinderbibeln verkauft. Vor 20 Jahren seien es vielleicht noch viermal so viele gewesen, weil die Bibel damals ganz selbstverständlich zur Konfirmation oder zur Kommunion geschenkt worden seien. „Heute bekommen Kinder und Jugendliche lieber Geldgeschenke“, glaubt ihr Innenstadt-Kollege Bloem.     Dieser Beitrag erschien am 14. September 2012 in der NRZ

Samstag, 15. September 2012

Würde er am 6. November gewählt, wäre der Republikaner Mitt Romney der erste Mormone im Weißen Haus

52 Jahre nachdem mit dem Demokraten John F. Kennedy der erste Katholik ins Weiße Haus einzog, könnte mit dem Republikaner Mitt Romney der erste Mormone ins amerikanische Präsidentenamt gewählt werden. Wie mehr als sechs Millionen Amerikaner ist er Mitglied der Kirche Jesu Christ der Heiligen der letzten Tage. So nennt sich Glaubensgemeinschaft der Mormonen selbst. Weltweit gibt es heute rund 14 Millionen Mormonen. Rund 40.000 von ihnen leben in Deutschland.


Mitt Romney ist nicht der erste Mormone, der in den USA für das Präsidentenamt kandidiert, das seinen Inhaber zum Staatsoberhaupt, Regierungschef und militärischen Oberbefehlshaber acht. Schon der Kirchengründer Joseph Smith wollte 1844 Präsident der Vereinigten Staaten werden. Doch seine Kandidatur endete tödlich. Er war erst inhaftiert und dann ermordet worden, nachdem er als Bürgermeister von Nauvoo/Illinois die Druckerpresse der örtlichen Zeitung zerstören ließ. Das Lokalblatt hatte kritisch über die Mormonen berichtet. Religions- und Meinungsfreiheit stehen nicht von ungefähr als erstes Grundrecht in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Erfolgreicher war da schon der zweite Anlauf, den ein Mormone 1968 auf das Präsidentenamt unternahm. Der Bewerber hieß damals George Romney, war republikanischer Gouverneur von Michigan und Vater von Mitt Romney. Doch anders, als sein Sohn, der später Gouverneur von Massachusetts werden sollte, unterlag Romney damals im Rennen um die republikanische Präsidentrschaftskandidatur. Die gewann Richard Nixon, der später auch Präsident werden sollte. Seinem Sohn aber gab George Romney mit auf den Lebensweg: „Du bist für die Präsidentschaft geboren.“

Dass ausgerechnet die Republikaner einen Mormonen zu ihrem Präsidentschaftskandidaten machen, wundert nicht. Rund 80 Prozent der Mormonen wählen die konservativen Republikaner, obwohl auch die liberalen Demokraten mit ihrem Fraktionsführer im Senat, Harry Reid, einen prominenten Mormonen in ihren Reihen haben.

Wenn der Republikaner Romney heute gegen Homoehe und Abtreibung oder für sparsame Haushaltspolitik und Familienwerte kämpft, agiert er auch ganz im Sinne des konservativen Weltbildes seiner Kirche. Als ehrenamtlicher Bischof in Boston soll Romney eine alleinerziehende Frau dazu gedrängt haben, ihr Kind zur Adoption freizugeben, damit es in einer traditionellen Familie aufwachsen könne. Romney und seine Frau Ann haben fünf Kinder und 18 Enkelkinder. Die Familienbande sind bei den Mormonen auch deshalb so stark, weil sie daran glauben, dass alle Familienangehörigen auch im Ewigen Leben vereint sein werden. Deshalb praktizieren sie auch eine intensive Familienforschung und die Totentaufe.

Während man im sozialstaatlich geprägten Europa kaum nachvollziehen kann, warum die Republikaner Obamas Pläne für eine staatliche Krankenversicherung ablehnen, obwohl Romney als Gouverneur in Massachusetts eine vergleichbare Krankenversicherung eingeführt hatte, stellte Romney seinen Landsleuten Europa bereits in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf 2008 als abschreckendes Beispiel vor. Bei einer Veranstaltung im Vorwahlkampf sagte er damals:

„Die USA dürfen nicht das Frankreich des 21. Jahrhunderts werden, noch immer eine bedeutende Nation, aber nicht mehr der Weltführer, nicht die Supermacht...Europa steht vor einem demografischen Desaster, als einem unvermeidlichen Produkt eines geschwächten Glaubens an den Schöpfer, gescheiterten Familien, einer Missachtung der Heiligkeit des menschlichen Lebens und einer erodierten Moral.“

Europa hat Romney unter anderem in den späten 60er Jahren selbst kennen gelernt, als er für die Mormonen als Missionar in Frankreich unterwegs war. Während er sich später als Bischof und Verwaltungschef in Massachusetts ehrenamtlich engagierte, verdiente der studierte Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler Romney in den 80er und 90er Jahren als Unternehmensberater und Investmentbanker ein Vermögen, das auf 250 Millionen Dollar geschätzt wird.

Seinen Wahlkampf finanziert der Multimillionär aber nicht nur mit eigenem Geld, sondern vor allem mit Hilfe vor allem konservativer Unternehmer, die sich Political Action Commitees organisieren, um millionenschwere Spenden für seine Wahlkampagne zu sammeln. Von über einer Milliarde Dollar und vom teuersten Wahlkampf der US-Geschichte ist die Rede. Wenn es um Moral geht, sind die Mormonen rigoros. Auf Alkohol, Zigaretten und Kaffee müsse sie ebenso verzichten wie auf vorehelichen Geschlechtsverkehr. Wenn es in diesem Wahlkampf um Moral geht wird, im Falle Romneys vor allem seine Steuermoral angezweifelt, weil er sich weigert seine Steuererklärung offenzulegen und in den vergangenen Jahren nur einen geringen Steuersatz um die 15 Prozent gezahlt haben soll.

"Wir nehmen es Leuten wie ihm wirklich übel, dass sie sich entspannt zurücklehnen können, ihr Geld für sich arbeiten lassen – und dann nicht einmal Steuern zahlen wollen," sagte zuletzt Salt Lake Citys Alt-Bürgermeister Rocky Anderson in einem Bericht des ARD-Weltspiegels. Romney hat auf solche Kritik immer wieder mit dem Satz reagiert: „Ich werde mich für einen Erfolg nicht entschuldigen.“

Als Mormone glaubt Romney daran, dass sein durch Fleiß und Selbstdisziplin erreichter Erfolg Teil einer persönlichen Entwicklung ist, die den Menschen nach seinem Tod zur göttlichen Vollendung führen kann. Denn anders, als katholische und evangelische Christen sind Mormonen davon überzeugt, dass der Mensch in der Ewigkeit gottgleich werden kann.

Als ehemaliger Bürgermeister von Salt Lake City war Rocky Anderson in en Jahren 1999 bis 2002 ein enger Wegbegleiter Romneys, als der dort sein Meisterstück ablieferte. Der Manager, der mit seinem Investmentfonds Capital Bain Millionen verdient hatte, wurde als erfolgreicher Organisationschef der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City zu einer nationalen Berühmtheit. Mit diesem Popularitätsschub im Rücken konnte Romney 2002 sogar im mehrheitlich katholischen und von den Demokraten dominierten Massatchusetts gewinnen. Dort machte er sich vor allem als konsequenter Haushaltssanierer einen Namen.

Vielleicht war sein Erfolg in Salt Lake City auch darin begründet, dass die Arbeit dort für den Mormonen Romney ein Heimspiel war. Salt Lake City, wo 1893 der heutige Haupttempel der Mormonen eingeweiht wurde, ist die Hauptstadt des südwestlichen Bundesstaates Utah, der um 1850 von Mormonen gegründet wurde, aber erst 1896 in die amerikanische Union aufgenommen wurde, sechs Jahre nachdem sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage von der bis dahin praktizierten Polygamie verabschiedet hatte. Salt Lake City ist für die Mormonen das, was Rom für die katholischen Christen ist. Zwei Drittel der 2,7 Millionen Einwohner von Utah sind Mormonen. Hier gewann Romney die republikanischen Vorwahlen mit mehr als 90 Prozent der Stimmen. Hier dürfte er auch bei der Präsidentschaftswahl am ersten Dienstag im November die Nase vorn haben. In diesem Bundesstaat zeigt sich die wirtschaftliche Kraft und das gesellschaftliche Selbstbewusstsein der meist kinderreichen und gut ausgebildeten Mormonen, deren Kirchenvermögen auf rund 30 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Doch während Romney seine Religion in Utah zum Vorteil gereicht, wird sie andernorts auch als Sektiererei kritisch betrachtet. Romney selbst betont in diesem Wahlkampf immer wieder: „Ich kandidiere nicht als oberster Priester, sondern als Präsident.“ Doch vor allem bei weiblichen Wählern kommt das traditionalistische Familienbild der Mormonen nicht nur gut an. Nach einer Umfragen des PEW Research Centers aus dem Jahr 2007 sind 52 Prozent davon überzeugt, dass Mormonen eine christliche Religionsgemeinschaft sind, während 31 Prozent ihnen diesen Status absprechen. Während die um 1830 von Joseph Smith aus der Taufe gehobene Glaubensgemeinschaft der Mormonen sich als Erneuerin des Christentums sieht, stuft sie die katholische Kirche als eigenständige und mit dem Christentum nicht vereinbare Neureligion ein. Denn Mormonen sehen nicht nur die Bibel, sondern auch das durch die Offenbarungen von Joseph Smith inspirierte Buch Mormon als Heilige Schrift an. Smith bezieht sich darin auf die Mitteilungen, die er in den 1820er Jahren Gott, Jesus Christus und dem Engel Moroni bekommen haben will.

Dieser Text erschien am 8. September 2012 in der Wochenzeitung RUHRWORT


Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...