Sonntag, 13. Februar 2011

Quo vadis Stadkirche? Quo vadis Priesteramt: Ein Gespräch mit Mülheims Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg, der seit 1971 Priester ist



Die katholische Kirche sucht sie, findet sie aber hierzulande immer seltener Priester. Im letzten Jahr wurde im Ruhrbistum nur ein Priester geweiht. 2011 werden es gerade mal zwei sein. Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg wurde vor 40 Jahren zum Priester geweiht. Für die NRZ sprach ich mit ihm über die Sonnen- und Schattenseiten eines Berufes, der für ihn bis heute Berufung und Traumberuf geblieben ist.


War das Priesteramt immer schon Ihr Traumberuf?
Nein. Ich wollte erst Theaterwissenschaftler und Regisseur werden, angeregt durch das Vorbild zweier Lehrer, die mit uns Theater gespielt und kreative Sachen gemacht haben.


Warum sind Sie dann doch Priester geworden?
Der Tick des Heiligen Geistes kam bei mir durch die besagten Lehrer und zwei Priester, die ich im Essener Münster kennen gelernt habe. Das waren Menschen, die ich nicht nur als fromm, sondern auch als kreativ erlebte und die mich darin bestärkten, dass ich ein Stück Berufung in mir haben könnte. Dieses Gefühl hat sich dann während meines Studiums verstärkt, in dem ich auch einen Chor für neue liturgische Musik aufbauen konnte.


Was begeistert Sie für Ihren Beruf?
Seine Vielschichtigkeit. Ich würde auch im Rückblick nicht behaupten, dass ich ein sehr frommer Mensch gewesen wäre, der seinen Hauptgenuss im Beten und Meditieren gefunden hätte. Mir hat es immer Freude gemacht, mich Menschen zuzuwenden und ihnen helfen zu können, aber auch mit ihnen die Freude am Glauben zu teilen und Feste zu feiern.


Was macht einen guten Priester aus?
Das Wichtigste ist, dass man sich für Menschen Zeit nimmt und ihnen zuhört. Das tut ihnen gut und macht mir Freude, auch wenn man an dem Leid, mit dem man als Priester konfrontiert wird, oft nicht viel ändern kann.


Haben Sie 1971 so etwas, wie Aufbruchstimmung erlebt?
Wir hatten ein enormes Selbstbewusstsein. Mit unserem Studium begann auch die Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils, das für eine Erneuerung der Kirche sorgte. "Wandelt euch durch neues Denken." Dieses Paulus-Wort war damals in aller Munde.


Erleben Sie Ihre Kirche heute im Abbruch?
Wir arbeiten in unserer Gemeinde derzeit an einem Pastoralplan, in dem wir auch der Frage nachgehen, wie kann kirchliches Leben in Zukunft organisiert werden. Zurzeit spüren wir noch keine Not. Denn wir haben für jede Gemeinde einen Pastor. Doch in fünf Jahren wird das schon anders aussehen und in 20 Jahren wird es in Mülheim nur noch eine Pfarrgemeinde geben, St. Mariae Geburt, in der sich alle katholischen Christen versammeln. Wir werden weniger Gläubige und damit auch weniger hauptamtliches Personal, weniger Kirchen und Gemeindehäuser haben.


Frustriert Sie diese Aussicht?
Wir müssen die Situation realistisch sehen, um keine falschen Erwartungen zu wecken und damit Frustration zu erzeugen. Mein Lebensprinzip ist es, in neuen Situationen immer wieder neue Antworten zu finden. Man darf nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen. Denn dabei geht nur der Kopf kaputt.

Was bedeutet das für die Kirche der Zukunft?
Die Kirche der Zukunft wird ganz anders sein als heute. Wir werden nicht mehr überall einen Pastor und eine Kirche haben. Die Laien werden einen Lernprozess durchmachen und künftig noch mehr Leitungsfunktionen in der Kirche übernehmen. Dann werden die Gottesdienstbesucher vielleicht die Kommunion für einen kranken Nachbarn selbst mitnehmen und es werden sich vielleicht auch mehr private Haus- und Bibelkreise gründen. Viele neue Formen von Kirche sind denkbar und nötig, ohne das man heute schon sagen könnte, wie diese Formen konkret aussehen.


Könnte die Aufhebung des Pflichtzölibates den Priestermangel beheben?
Es gibt sicher viele Priester, die den Zölibat nicht um des Zölibates Willen auf sich nehmen, sondern weil ihnen das Priesteramt und das Mittun in der Kirche etwas bedeuten. Der Kirche in Deutschland würde es sicher weiterhelfen, wenn man auch verheirateten Männern, die das wollen, den Zugang zum Priesteramt ermöglicht. Warum auch nicht? Aber das hätte Konsequenzen für die gesamte Weltkirche. Und das ist der Haken daran. Ich glaube aber auch, dass der Zölibat nicht ausschlaggebend dafür ist, dass sich heute nur wenige Männer zum Priesteramt berufen fühlen. Früher wurden Priesteramtskandidaten viel mehr von der Gesellschaft getragen und mussten sich nicht die Frage gefallen lassen: "Bist du verrückt?" Die jungen Männer, die aber trotzdem heute Priester werden, sind oft besonders fromm und würdig, Priester zu sein.


Weshalb kommt es dann zu Missbrauchsfällen und sexuellen Entgleisungen katholischer Priester?
Die größte Gefahr sehe ich in der Einsamkeit, wenn ein Priester sich in seiner Gemeinde nicht anerkannt, sondern isoliert und missverstanden fühlt. Dann besteht das Risiko, dass er sich die Anerkennung wo anders sucht und im Extremfall in kriminelle Entgleisungen abdriftet, die etwa in einen Missbrauch münden können. Oft ist es aber so, dass solche Priester sich ihre Anerkennung dann in einer Partnerschaft suchen und damit den Zölibat und ihr Amt aufgeben.


Zur Person: Der in Essen aufgewachsene Manfred von Schwartzenberg (66) wurde nach seinem Theologie- und Philosophiestudium in Münster, Bonn und Bochum am 15. Januar 1971 vom ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach in St. Engelbert zum Priester geweiht. Nach ersten Kaplansjahren in Gelsenkirchen, kam er 1976 als Kaplan und Stadtjugendseelsorger erstmals nach Mülheim, wo er bis 1982 in der Gemeinde St. Mariae Rosenkranz tätig war, ehe er für zehn Jahr als Militärseelsorger zur Bundeswehr wechselte. Doch 1992 kam er als Pfarrer von St. Barbara zurück nach Mülheim und übernahm 1993 für 15 Jahre zusätzlich das Amt des Stadtdechanten. Seit 2006 steht er an der Spitze der neuen Nord-Pfarrei St. Barbara, zu der neben St. Barbara (Dümpten) auch die Gemeinden St. Mariae Rosenkranz (Styrum), Christ König (Winkhausen) und St. Engelbert (Eppinghofen) mit insgesamt knapp 20 000 Seelen gehören. 2008 wurde von Schwartzenberg zum Ehrenstadtdechanten ernannt und im Jahr darauf für seine Verdienste als Seelsorger mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnet. Er hat das Libretto für ein Musical über den 1945 ermordeten Widerstandskämpfer Nikolaus Groß geschrieben, das seit 1998 von Gemeindemitgliedern aus St. Barbara fast 60 Mal aufgeführt worden ist.


Dieser Text erschien am 29. Januar 2011 in der NRZ

Samstag, 5. Februar 2011

Ein Blick über den Tellerrand nach Lateinamerika: Ein Interview mit dem brasilianischen Bischof Alfredo Schaffler



Der langjährige Weihbischof und ehemalige Vorsitzende von Adveniat, Franz Grave, nutzt seinen geistlichen Ruhestand als Seelsorger in der Mülheimer Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt. Doch seine langjährige Bindung zu Lateinamerika, das er auch aus eigener Anschauung kennt, hat der 78-jährige Theologe nicht verloren und deshalb im Dezember 2010 den brasilianischen Bischof Alfredo Schaffler (Foto) zu einer Lateinamerika-Woche ins Ruhrbistum eingeladen. Bei einem Einkehrtag in der Mülheimer Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt suchten Priester und Laien das Gespräch mit Schaffler, um Impulse für die eigene Gemeindearbeit zu bekommen. Für Die Tagesspost traf den brasilianischen Bischof bei dieser Gelegenheit zu einem Interview und lernte einen Gottesmann kennen, der uns nicht über Lateinamerika viel zu sagen hat.


Wie wird man als Österreicher Bischof in Brasilien?
Ich bin durch das Fernsehen in Brasilien gelandet. Man sieht: Das Fernsehen hat auch seine guten Seiten. Dort habe ich während des Zweiten Vatikanischen Konzils einen brasilianischen Bischof gesehen und sprechen gehört, der mit 16 aus Österreich nach Brasilien gegangen- und dort Priester geworden war. Das hat mich damals aus meiner europäischen Ruhe gebracht. Das war der Grund, warum ich mein Leben umgekrempelt und neu angefangen habe. So wurde auch ich nach meinem Studium Priester in Brasilien und später Bischof.


Was nehmen Sie von Ihrem Besuch im Ruhrbistum mit nach Brasilien?
Dankbarkeit, Freude und die Überzeugung, dass die Welt zu einem globalen Dorf geworden ist, in dem wir enger zusammenrücken müssen, in dem wir aber auch voneinander lernen und geschwisterlich zusammenleben können, wenn wir aufeinander hören.


Was haben Sie hier selbst gelernt?
Es gibt soviel positives in Deutschland, was in Jahrhunderten christlicher Verkündigung gewachsen ist und sich heute als Grundgedanke in der Wirtschaft, in der Politik oder in der Schule wiederfindet. Ich habe aber auch viele engagierte Gemeindemitglieder kennengelernt, die sich einbringen, weil sie erkannt haben, dass die Kirche nicht nur aus Priestern besteht und das wir alle als Gläubige in einem Schiff stehen, jeder an seinem Platz.


Aber ohne Priester funktioniert Kirche auch nicht und wir haben hier im Gegensatz zu Brasilien einen Priestermangel.

Das Priester fehlen ist sicher auch ein Zeichen Gottes. Er will uns vielleicht dahin führen, dass wir wieder stärker von der Taufe ausgehen, damit jeder Gläubige seinen Beitrag dazu leistet, dass die Kirche immer wieder eine lebendige und fußwaschende Kirche ist, die als Zeichen der Hoffnung für die Menschen wahrgenommen wird, in dem wir durch die Kirche immer wieder neu lernen, dass wir geschwisterlich in einer Welt zusammenleben können.

Was kann die katholische Kirche in Brasilien und Lateinamerika von der Kirche in Deutschland lernen und umgekehrt?
Es steht mir nicht zu, zu sagen, was die deutsche Kirche von uns lernen kann. Aber was wir von der Kirche in Deutschland lernen können, das sind viele Elemente. Ich denke zum Beispiel an die gute Organisation, die man hier hat. Wir können hier von der Gründlichkeit lernen, mit der man zu einer Sache steht und sie überzeugend weiterführt. Aber wir können auch von der Offenheit der Menschen für unsere Welt lernen. Wie viele Menschen hier haben im Laufe der Jahrzehnte gelernt, über Grenzen zu sehen und Horizonte zu erkennen. Als Mitglied der Bischofskonferenz Brasiliens kann ich nur dankbar sein. Denn was wäre unsere Kirche in Brasilien und in Lateinamerika ohne das Dahinterstehen der vielen Katholiken Deutschlands, durch Adveniat, Miserior oder andere Aktionen. Wir wären sicher nicht die Kirche, die wir heute sind. Wir sind sicher nicht nur eine heilige, sondern auch eine sündige Kirche. Aber wir haben sicher viele Zeichen der Heiligkeit, der Hoffnung und der Veränderung setzen können, weil wir aus dem Hintergrund durch die Aktion Adveniat in 50 Jahren viel Hilfe erfahren haben. Dafür empfinden wir tiefe Dankbarkeit. Und das war auch ein Grund für mich, der Einladung zu folgen, um Danke zu sagen. Das ist eine Brücke, die geschlagen worden ist. Aber eine Brücke wird nur durch Pfeiler getragen. Und so ein Pfeiler ist Franz Grave. Solche Pfeiler sind aber auch die beiden Priester aus dem Ruhrbistum, die heute in meiner Diözese durch ihren überzeugenden Einsatz segensreich wirken.


Sie haben bei Ihrem Besuch aber auch mit Erfolg um finanzielle Unterstützung für den Zisternenbaum in Ihrem Bistum geworben. Warum?
Wir leben in einer ausgesprochenen Trockenzone, in der es sechs Monate im Jahr nicht regnet und in der die Menschen nicht einfach den Wasserhahn aufdrehen können, um Wasser zu trinken. Was ist aber Leben. Also bauen wir Zisternen, mit denen wir Regenwasser auffangen können, damit Familien in den Trockenmonaten Regenwasser haben, das sie nutzen können, um zu waschen, zu trinken und zu kochen. Für 400 Euro kann man schon eine Zisterne bauen, die etwa 15.000 Liter Regenwasser auffängt. Dass bedeutet, dass die Leute die Trockenzeit überstehen und nicht in die Städte abziehen oder sogar ihr Land verlassen müssen. Sie können bleiben, um ihre Kinder großzuziehen und ihr Land zu bestellen. Das bedeutet Leben. Natürlich haben wir auch Sozialzentren, in denen wir Kinder aufnehmen, deren Zuhause die Straße ist, in denen wir Näh- oder Kochkurse geben und den Leuten zum Beispiel zeigen, wie man einen Gemüsegarten anlegt. Denn was man mit der einen Hand empfängt, das muss man mit der anderen Hand weitergeben, um den Menschen Hoffnung zu geben.


Wie beurteilen Sie als katholischer Bischof das Verhältnis zwischen Kirche und Staat im Brasilien des jetzt aus seinem Amt geschiedenen sozialistischen Präsidenten Lula?
Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist ein relativ friedvolles. Man sucht den Dialog und die Bischofskonferenz wird mit viel Respekt vom Präsidenten angehört. Aber leider bleibt es dann oft auch dabei und geht nicht in die Realität hinein.

Zuletzt machten menschenunwürdige Verhältnisse in Brasilien Gefängnissen Schlagzeilen. Wie ist es um die Menschenrechte in Brasilien bestellt?
Ich war vor zehn Monaten in einer Haftanstalt. Da saßen 158 Männer ein. Von denen waren 60 Prozent jünger als 25 und nur 30 rechtskräftig verurteilt. Die anderen warteten auf ihren Prozess. Das kann oft Jahre dauern, auch wenn die Menschen unschuldig sind. So verlieren auch unschuldige Menschen oft zwei oder drei Jahre ihres Lebens, in denen sie nichts positives für ihr Leben lernen können. Das ist gegen die Menschenrechte. Und diesbezüglich sehen wir bei der amtierenden Regierung nicht viele Fortschritte, weil es an Grundwerten fehlt. Ich meine damit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Wir haben leider sehr viel Betrug und Korruption. Und Lüge wird oft solange erzählt, bis sie als Wahrheit verkauft wird.


Was erwarten Sie von der Nachfolgerin Lulas, Dilma Rousseff?
Als Kirche müssen wir immer eine hoffende Kirche sein, um Hoffnung zu schenken. Und so hoffen wir, dass sie als Frau vielleicht eine größere Sensibilität hat, um ihre Mitarbeiter zum Handeln zu bringen, damit es zum Beispiel im Gesundheitssystem besser wird. Das was auf dem Papier steht, muss auch umgesetzt werden, nämlich, dass auch der arme Mensch die Möglichkeit hat, eine medizinische Behandlung zu bekommen, dass sich das Schulwesen verbessert und wir weniger Analphabeten haben. Das wir weniger Korruption haben und das mit mehr Ehrlichkeit gewirtschaftet wird und es weniger Unterschlagung gibt. Das erwarten wir.

Wie versucht die katholische Kirche in Lateinamerika auf die Herausforderung durch die evangelikalen Sekten zu reagieren?
Die fünfte lateinamerikanische Bischofskonferenz hat einen Impuls gegeben, damit wir wieder etwas mehr zu einer missionarischen Kirche werden. Wir dürfen uns nicht an Kirche gewöhnen. Denn wenn man sich an etwas gewöhnt, besteht die Gefahr, dass man schläft. Und die Kirche darf nicht schlafen. Die Evangelisierung war bei uns oft oberflächlich. Das Herz des Brasilianers gehört Jesus Christus, aber der Kopf dem, der als erster kommt und das waren nicht immer wir, weil wir nicht immer mit missionarischem Elan ausgezogen sind. Wir haben in Brasilien aber auch eine Verfassung, die allen Religionsgemeinschaften Steuerfreiheit gewährt, aber nicht genau definiert, was eine Religionsgemeinschaft ist. Und so kann jeder an der nächsten Straßenecke die Kirche von den blauen Augen Gottes aufmachen, um seine Steuern hinterrücks zu verstecken. Denn die meisten Sekten sind ein rein finanzielles Unternehmen und dem können wir nur entgegenwirken, in dem wir wieder stärker eine missionarische Kirche werden.

Wie beurteilen Sie die Lage der katholischen Kirche in lateinamerikanischen Ländern, die wie Venezuela, von einem neosozialistischen Regime regiert werden und in denen es eine Frontstellung zwischen Kirche und Regierung gibt?
In Brasilien haben wir jetzt nach sehr vielen Jahren ein Konkordat, in dem das juristische Verhältnis von Kirche und Start definiert ist. Was wir auf der lateinamerikanischen Ebene hören, von Leuten, die dort her kommen, so ist die wirtschaftliche Lage in Venezuela sehr schlecht und die Armut groß. Das ist ein sozialistisches System, in dem Präsident Chavez oft mit Schikanen und Gewalt das existierende Konkordat mit Füßen tritt. Das ist zwar ein internationales Abkommen, aber er macht das auch mit anderen Ländern. Für uns ist das natürlich eine Sorge, so einen Mann an der Regierung zu haben, der um Anhänger wirbt, aber auch nicht so viele Anhänger hat. Da sind wir als Kirche näher dran an den Menschen, weil man merkt: Da wird zwar viel gesprochen, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Für die Kirche ist das eine schwierige Situation. Denn es gibt so gut wie keine Opposition. Alle Nachrichten werden kontrolliert. Die Demokratie wird mit Füßen getreten. Denn zur Demokratie gehört Meinungsfreiheit und die wird nicht angenommen. Und diesbezüglich hat es natürlich auch gewisse Tendenzen in Brasilien. Die zukünftige Präsidentin hat jetzt gesagt: Der Lärm auf der Straße ist besser als das Schweigen in der Diktatur. Sie hat ja selbst unter einer Diktatur gelitten. Wir hoffen, dass sie ihr Wort auch durchhält. Aber es gibt gewisse Tendenzen bei uns, dass man die Meinungsfreiheit beschneiden und das Nachrichtenwesen kontrollieren will. Das macht uns Sorge.


Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der Alternative Nobelpreis für Ihren brasilianischen Bischofskollegen aus der Diözese Xingu, Erwin Kräutler, der sich ja für den Erhalt der tropischen Regenwälder und die Rechte der Indios einsetzt?
Dieser Preis ist für ihn wichtig, damit sein Wort vielleicht etwas mehr gehört wird. Konkret: Denn man versucht in seiner Gegend ein riesiges Stauwerk aufzubauen. Das wird jetzt gemacht, obwohl ihm der Präsident versprochen hat, dass es nicht gemacht wird. Die Folge: Es werden da 30.000 Menschen durch das Wasser aus ihren Häusern vertrieben. Und da ist kein Plan vorhanden, was mit diesen Leuten geschehen soll. Da stellt er sich hin und fragt: Kann man da zu stimmen? Das hat er auf friedliche Weise getan. Die Firmen, die diesen Bau machen und daran interessiert sind, sehen ihn natürlich nicht gerne. Er muss mit Polizeibewachung gehen. Man muss bedenken. In den Überschwemmungsgebieten leben Indianerstämme, für die es wichtig ist, dort zu leben, wo ihre Ahnen begraben sind. Würden sie von ihrem Land vertrieben, käme das in ihrem Bewusstsein einer Ausrottung ihres Stammes gleicht. Und dagegen erhebt sich der Bischof Kräutler. Aber leider wird er trotz aller Versprechungen bei den öffentlichen Stellen Brasiliens nicht immer gehört.


Zur Person: Alfredo Schaffler wurde 1941 im österreichischen Waldhofen geboren und ist damit ein Landsmann seines ebenfalls aus Österreich stammenden brasilianischen Bischofskollegen Erwin Kräutler, der jetzt für seinen Einsatz für die Rechte der Indios und den Erhalt der tropischen Regenwälder mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden ist.
Nach seinem Hauptschulabschluss ging Schaffler 1955 nach Wien, um dort der Kongregation der christlichen Schulbrüder beizutreten. Von 1963 bis 1966 arbeitete er als Religionslehrer und Erzieher in Feldkirch. Danach entschloss er sich Österreich zu verlassen, um als Priester in Brasilien zu arbeiten. Nach seiner Weihe 1966 war er zunächst im brasilianischen Bistum Picos tätig, ehe er 1978 für ein kirchenrechtliches Aufbaustudium nach Rom ging.
Zurück in Brasilien, übernahm Schaffler die Aufgabe eines Bischofsvikars für Wirtschaftsfragen und war gleichzeitig als Pfarrer in Teresina tätig. Seit 1985 leitet er die 1944 gegründete und 20.500 Quadratkilometer große Diözese Parnaiba im Nordosten Brasiliens. Hier leben rund 550.000 Menschen, von denen etwa 80 Prozent katholisch sind, sechs Prozent mehr als im brasilianischen Landesdurchschnitt.


Die katholische Tageszeitung DIE TAGESPOST hat im Januar 2011 eine gekürzte Fassung dieses Gespräches veröffentlicht. Weiterführende Informationen finden Sie im Internet unter: www.die-tagespost.de und: www.adveniat.de

Montag, 31. Januar 2011

Kirche im Umbruch: Evangelische Gemeinden fusionieren: Zum Beispiel links der Ruhr

Gemeindefusionen können auch problemlos über die Bühne gehen. "Das ist so harmonisch abgelaufen, dass es schon unheimlich ist", sagt der Saarner Pfarrer David Rudat. Und sein Broicher Kollege Gerald Hillebrand bilanziert die Gemeindeversammlungen am Lindenhof und an der Wilhelminenstraße, bei denen am Sonntag die Fusionspläne diskutiert wurden, mit den Worten: "Es gab einige kritische Nachfragen, aber keinen Widerspruch."Vor diesem Hintergrund schritten die beiden Presbyterien noch am Sonntagabend zur Tat und beschlossen die Fusion. Die Gemeindefusion links der Ruhr kommt nicht von ungefähr. Die ersten Gespräche wurden vor zehn Jahren geführt. Seit dem existiert auch die gemeinsame Kirchenmusik Links der Ruhr, an der auch die Gemeinde Speldorf beteiligt ist. Intensiviert wurden diese Gespräche, als 2006 zwei Pfarrer in den Ruhestand gingen.

"Wir haben natürlich auch die Speldorfer gefragt und hätten sie gerne dabei gehabt. Doch dort sieht man zurzeit noch keinen Handlungsbedarf und hat uns gesagt: Macht ihr mal", erklärt Pfarrer Hillebrand, warum die Linksruhr-Gemeinde Speldorf vorerst nicht mit in dem Fusionsboot sitzt. Broich und Saarn sind auch deshalb zur Fusion bereit, weil beide Gemeinden jährlich 100 Gemeindeglieder verlieren, sie sterben oder treten aus der Kirche aus.Warum sich bei den Gemeindeversammlungen kein Widerstand gegen die Fusion regte, liegt auf der Hand. Im Grunde kann fast alles so weiter gehen wie bisher.

"Wir haben einen soliden Haushalt und sind keine armen Schlucker", sagt Hillebrand. Der Broicher Gemeindehaushalt hat ein Volumen von einer Million Euro und der von Saarn beläuft sich auf 1,5 Millionen Euro. Deshalb können in Broich und Saarn auch alle Kirchen, Gemeindezentren und Kindertagesstätten erhalten und alle Mitarbeiter weiter beschäftigt werden. Bei der Aufteilung der Pfarrbezirke und seelsorglichen Aufgaben können die Mitglieder des Pfarrerteams noch mehr als bisher schon Synergieeffekte nutzen. So war der Broicher Pfarrer Hillebrand bereits als Seelsorger für rund 400 Gemeindeglieder im Norddeutschen Viertel Saarns rund um die Schleswiger Straße zuständig.

Gerade er kann seine Aufgaben jetzt etwas entspannter angehen, war er doch nach dem Weggang seines Kollegen Klaus Rosorius seit November als Pfarrer in Broich Einzelkämpfer.Aus der zurzeit vakanten halben Jugendleiterstelle in Broich und der zeitlich befristeten halben Jugendleiterstelle in Saarn will die neue Gemeinde eine volle Jugendleiterstelle machen. Außerdem stehen in den Gemeindekindergärten am Lindenhof, an der Reich-, der Calvin- und an der Otto-Pankok-Straße Aus- und Umbauarbeiten für Betreuungsplätze von Unter-Dreijährigen auf der Agenda. Die erst im letzten Jahr eingebaute neue Orgel in der Saarner Dorfkirche und die vor zehn Jahren restaurierte Kirche an der Wilhelminenstraße sehen Rudat und Hillebrand als Pfunde, mit denen die Gemeinde wuchern kann, ohne dafür in den nächsten Jahren Geld in die Hand nehmen zu müssen.

Außerdem zahlt es sich jetzt angesichts des demografischen Wandels aus, dass die Gemeinde Broich bereits 2005 die 1965 erbaute Kirche an der Calvinstraße aufgegeben und abgerissen hatte. "Wir agieren auf gleicher Augenhöhe. Wir haben einen besseren Blick auf die Gesamtgemeinde und sparen uns viele Sitzungen und Satzungen", freut sich Hillebrand auf die Kooperation in der neuen Gemeinde, die von August bis zur Neuwahl des Presbyteriums im Frühjahr 2012 von einem paritätisch besetzten Bevollmächtigtenausschuss geleitet wird. Einen weiteren Vorteil der Fusion sieht Hillebrands Kollege Rudat darin, "dass wir unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter in der neuen Gemeinde zeitlich nicht so fordern müssen, wie wir das tun würden, wenn jede Gemeinde für sich alleine weiterarbeiten würde."


Die neue Gemeinde Broich-Saarn wird zum 1. August gebildet. Sie wird 11?500 Gemeindeglieder haben, rund 4600 in Broich und rund 6900 in Saarn. Die Pfarrer Gerald Hillebrand (Broich), David Rudat, Thomas Jantzen, Verena Jantzen und Jürgen Krämer teilen sich 3,7 Pfarrstellen und entsprechen damit der landeskirchlichen Vorgabe, wonach auf 3000 Gemeindeglieder eine Pfarrstelle kommt. Die neue Gemeinde links der Ruhr wird knapp 50 Mitarbeiter beschäftigen sowie drei Kirchen, drei Gemeindezentren und vier Kindertagesstätten unterhalten. Die Kirchen und Gemeindezentren sind am Lindenhof, an der Holunderstraße und an der Wilhelminenstraße, die Kitas an der Calvin-, an der Otto-Pankok-und an der Reichstraße.


Dieser Beitrag erschien am 25. Januar 2011 in der NRZ

Sonntag, 30. Januar 2011

Kirche im Umbruch: Evangelischen Gemeinden fusionieren: Zum Beispiel im Norden


"Wir haben erkannt, dass eine Fusion die beste Möglichkeit ist, um langfristig leistungs- und funktionsfähig zu bleiben", betont die Dümptener Pfarrerin Gundula Zühlke (Foto), die den Bevollmächtigtenausschuss der neuen Gemeinde leitet. "Wir haben einen größeren Spielraum," glaubt ihr Ausschusskollege und Finanzkirchmeister Hans-Joachim Behr und verweist darauf, dass die neue Lukasgemeinde mit ihrem 2,5-Millionen-Euro-Haushalt in Person von Simon Sandmann jetzt einen neuen hauptamtlichen Jugendleiter einstellen konnte und fast 40 Mitarbeiter aus den alten in die neue Gemeinde mitgenommen wurden. Nur eine Büro- und eine Reinigungskraft sowie ein Hausmeister haben ihren Arbeitsplatz verloren.

Außerdem hat sich die neue Gemeinde im Zuge des Fusionsprozesses von den Gemeindezentren an der Neustadtstraße in Styrum, an der Helenenstraße in Dümpten und am Goetheplatz im Dichterviertel getrennt. Für 2013 ist auch die Aufgabe des Jugendhauses Oase an der Aktienstraße geplant. Erhalten bleiben die Kirchen und Gemeindehäuser an der Oberheidstraße 231, an der Kaiser-Wilhelm-Straße 21a und der Albertstraße 86 sowie an der Aktienstraße 136. Der Verkauf der aufgegebenen Immobilien sowie eines ehemaligen Gemeindehausgrundstücks an der Mellinghofer Straße sollen neues Geld in die klammen Kirchenkassen bringen. Angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen und Gemeindegliederzahlen geht Finanzkirchmeister Behr davon aus, dass die Lukasgemeinde in den nächsten fünf Jahren rund 450.000 Euro einsparen muss. Rechnet er den Haushalt der Markuskirchengemeinde dazu, deren Beitritt noch in diesem Jahr als wahrscheinlich gelten darf, kommt er auf eine Einsparungssumme von etwa 700.000 Euro für die nächsten fünf Jahre.

Doch die neue Lukasgemeinde will nicht nur sparen, sondern auch investieren. So soll der Styrumer Immanuelkirchturm weiter restauriert und die Kindertagesstätte Kunterbunt am Schildberg für die Betreuung von Unter-Dreijährigen um- und ausgebaut werden. Das Nachbargebäude, das früher von der evangelischen Familienbildungsstätte genutzt wurde, soll für die bisher an der Helenenstraße beheimatete Jugendetage hergerichtet werden. Der Um- und Ausbau der Kita Kunterbunt schlägt mit 620.000 Euro zu Buche, von denen die Gemeinde 225.000 Euro tragen muss. Zu 100 Prozent wird die Gemeinde dagegen die mit 300.000 Euro veranschlagte Turmrestaurierung in Styrum finanzieren müssen.

Zühlke, Behr und Kirchbaumeister Volker Schrödter sind sich darin einig, dass der Beitritt der ebenfalls im Norden gelegenen Markuskirchengemeinde sinnvoll und wünschenswert ist und signalisieren die Gesprächsoffenheit der neuen Lukasgemeinde. Sozialvermarktungskonzepte, wie jetzt für das Winkhauser Gemeindezentrum am Knappenweg diskutiert, hält Schrödter in Zeiten sinkender Kirchensteuereinnahmen für eine grundsätzlich bedenkenswerte Option zur Lösung von Finanzierungsproblemen.

Die neue Lukasgemeinde: Die am 1. Januar 2011 im Mülheimer Norden gebildete evangelische Lukasgemeinde besteht aus den bisherigen Gemeinden Dümpten, Johannis und Styrum. Die neue Gemeinde hat 12?000 Mitglieder und fünf Pfarrer. Ab 2013 werden es noch vier sein. Zum Vergleich: 2005 hatten die drei alten Teilgemeinden der neuen Lukasgemeinde zusammen noch knapp 13?800 Mitglieder. Sollte die Markuskirchengemeinde zum 1. Juni beitreten, hätte die neue Nord-Gemeinde 17?000 Mitglieder und weitere drei Pfarrer aus Markus.Bis zur Wahl eines neuen Presbyteriums 2012 wird die Gemeinde von einem Bevollmächtigtenausschuss geleitet, der sich unter dem Vorsitz von Pfarrerin Gundula Zühlke aus jeweils fünf Vertretern der alten Teilgemeinden zusammensetzt und durch den Kreissynodalvorstand berufen worden ist. Die Mitglieder dieses Bevollmächtigtenausschusses wurden am 30. Januar, mit einem Gottesdienst in der Styrumer Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße in ihr Amt eingeführt.

Samstag, 29. Januar 2011

Weil die Helfer Hilfe brauchen oder wie nicht nur ein Benefizkonzert der Caritas-Stiftung helfen kann



Weil mit der Zahl der Kirchenmitglieder auch die Zahl der Kirchensteuerzahler zurückgeht, bekommen auch die Sozialdienste der Caritas erheblich weniger Geld vom Bistum als noch vor Jahren. "Wir wollten nicht an die Klagemauer treten und uns statt dessen auf unsere Kreativität besinnen", erinnert sich Caritas-Vorstand Hans-Theo Horn an die Gründung der Caritas-Stiftung.

Nach einem Vorlauf von drei Jahren ging sie 2007 an den Start und hat inzwischen ein Stammkapital von 60.000 Euro angesammelt. Neben privaten Spenden und Zustiftungen flossen dem Stiftungskapital auch Erlöse aus bisher sechs Benefizkonzerten zu, die jeweils unter dem Motto: "Noten gegen die Not" Geld für die gute Sache einspielten. Das siebte Benefizkonzert geht am 30. Januar, um 17 Uhr in St. Mariae Geburt an der Althofstraße unter der musikalischen Leitung von Werner Schepp (Foto) über die Bühne.


Musikfreunde, die mit ihren 15 Euro für die Konzertkarte nicht nur Gutes hören, sondern auch Gutes tun können, erwartet ein klangvolles Programm mit weihnachtlicher Chormusik aus England und Chormusik von Johann Sebastian Bach. Musikalisch mit von der Partie sind ein Projekt- und der Jugendchor der Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt, deren Kantor Werner Schepp uns sein Kollege Jens Christian Vogel aus St. Mariae Geburt sowie die Folkwangstudierenden Jens Hilger (Klavier) und Juliane Uthmann (Harfe).

Die Zahl der Konzertbesucher sieht Caritas-Vorstand Horn auch "als ein Barometer für die Wertschätzung für die Sozialarbeit der Caritas." Bei den sechs vorangegangenen Benefizkonzerten war die Marienkirche auf dem historischen Kirchenhügel stets gut besucht. Obwohl die Caritas-Stiftung in diesem Jahr erstmals Erträge ausschütten wird, braucht man angesichts des aktuellen Zinsniveaus keine große Phantasie zu entwickeln, um sich vorzustellen, dass mit dem gegenwärtigen Stammkapital noch keine großen Sprünge zu machen sind. Deshalb gilt bei der Caritas-Stiftung derzeit weiter das Prinzip Hoffnung, Hoffnung auf steuerlich begünstigte Spenden, Zustiftungen oder auch projektbezogene Zuwendungen.

Die ersten Erträge der Stiftung möchte ihr Vorstand Horn dem Industriecafe im Caritas-Zentrum an der Hingbergstraße zukommen lassen. Hier finden psychisch erkrankte Menschen ein tagesstrukturierendes Beschäftigungsangebot. Kommen sich Horn und seine Mitstreiter um Caritas-Direktorin Regine Arntz und Stadtdechant Michael Janßen nicht manchmal wie König Sisyphos vor, wenn sie mit ansehen, wie die Anforderungen an den katholischen Sozialverband steigen, weil die Armut zunimmt, aber die zur Verfügung stehenden Kirchensteuermittel abnehmen?


Horn beantwortet diese Frage immer wieder gerne mit seinem Lebensmotto: "Nicht das Anfangen wird belohnt, sondern das Durchhalten!" Und deshalb bleibt er auch davon überzeugt, "dass die Kirche stiften gehen muss."


Weitere Informationen zur Caritas-Stiftung bekommt man bei Hans Theo Horn unter der Rufnummer: 0208/481545, per E-Mail an: hans-theo@horn-mh.de oder im Internet unter: www.caritas-muelheim.de
Dieser Text erschien am 28. Januar 2011 im Ruhrwort: Weitere Informationen über die katholischen Wochenzeitung des Ruhrbistums finden Sie unter: www.ruhrwort.de

Freitag, 28. Januar 2011

Ein Gespräch über die Lust und die Last des Neuanfangs mit dem arbeitssuchenden Wojciech Brzeska



"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben." So hat es der Dichter Hermann Hesse in seinem "Stufen"-Gedicht geschrieben. Doch wie steht es um den Zauber des Neuanfangs, wenn man sich, wie Wojciech Breszka wenn man sich eine neue Arbeitsstelle suchen muss, weil man seinen Arbeitsplatz verloren hat. Für die NRZ sprach ich mit Brzeska über die Lust und Last des Neuanfangens in schwerer Zeit.


Wie haben Sie den Wechsel ins neue Jahr erlebt?
Der Verlust des Arbeitsplatzes ist schon ein einschneidendes Erlebnis, vor allem wenn man diese Erfahrung gleich zweimal in kurzer Zeit machen muss und das unverschuldet und aus rein betriebsbedingten Gründen. Was mir den Abschied von meiner Arbeitsstelle etwas erträglicher gemacht hat, waren die sehr herzlichen Solidaritätsbekundungen meiner Arbeitskollegen, die mir gezeigt haben, das es nicht an mir lag und das meine Arbeit sehr geschätzt wurde. Es tut gut, wenn man in so einer schwierigen Umbruchsituation merkt, dass Menschen an einen denken und mitfühlen.

Ist es schwer, sich nach so einem Rückschlag für einen Neuanfang zu motivieren?
Ich bin ein gläubiger Christ. Und das macht mich auch in dieser Situation gelassen, weil ich weiß, dass auch mein beruflicher Lebensweg durch Gott vorbestimmt ist und ich auch jetzt nicht ins Leere fallen werde. Denn ich weiß einen starken Verbündeten an meiner Seite und kann meine Sorgen so auch an eine höhere Instanz weitergeben.
Sie erleben das Wechselbad zwischen Arbeitsplatzverlust und Arbeitsplatzsuche nicht zum ersten Mal. Gibt Ihnen das so etwas wie Routine?
Ich bin heute etwas ruhiger als beim ersten Mal. Aber von Routine würde ich nicht sprechen. Denn dafür sind Arbeitsplatzverlust und Arbeitssuche eine zu ernste Angelegenheit. Aber ich werde schon durch die Erfahrung gestärkt, dass es schon einmal in meinem Leben mit dem beruflichen Neuanfang geklappt hat. Und ich bin zuversichtlich, dass es diesmal auch wieder gut ausgeht.


Haben Sie in Ihrer Situation für das neue Jahr so etwas wie gute Vorsätze?
Ich war damals nicht passiv. Und ich werde es jetzt auch nicht sein. Mein erster Vorsatz ist es, alles daran zu setzen eine Folgestelle zu bekommen, damit meine Arbeitssuche nicht zu lang wird und ich bald wieder mit beiden Beinen im Berufsleben stehen. Außerdem möchte ich die Kontakte zu meinen ehemaligen Kollegen aufrechterhalten oder wieder auffrischen. Darüber hinaus möchte ich 2011 wieder mehr Sport machen und so etwas für meine Gesundheit tun. Ich denke da zum Beispiel ans Schwimmen und ans Fahrradfahren. Denn ich bin als Schreibtischtäter in den letzten Jahre sehr unsportlich geworden.


Im richtigen Leben muss man sich auch abstrampeln, um voranzukommen. Was gibt Ihnen neben Ihrem Glauben die Kraft dazu?
Ich bin ein optimistischer Mensch. Hinzu kommt meine Familie, die mir Kraft gibt und mir immer wieder zeigt, dass sie sich mit meiner Situation auseinandersetzt und mir vor Augen führt, dass es nicht an mir gelegen hat, dass ich jetzt wieder meinen Arbeitsplatz verloren habe.

Sie haben aber als Familienvater auch eine materielle Verantwortung. Setzt Sie das bei der Arbeitssuche unter Druck?
Ich empfinde diese Verantwortung als einen gewissen Druck, aber auch als eine Motivation beim beruflichen Neubeginn und habe die Zuversicht, dass mir meine 14-jährige Berufserfahrung helfen wird rasch einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Könnten Sie sich vorstellen, auch ganz neu in einem neuen Beruf anzufangen?
Warum nicht, wenn der neue Beruf meinen Vorstellungen und Werten entspräche. Ich musste mich schließlich auch in meinem bisherigen Arbeitsleben immer wieder in neue Bereiche einarbeiten. Ich sehe den Neuanfang auch als Chance.

Empfinden Sie ihre unfreiwillige Freizeit als Arbeitssuchender als Last?
Man muss die Tage bewusst strukturieren und darf die Dinge nicht auf die lange Bank schieben. Man darf nicht auf Arbeitsangebote warten, sondern muss selbst aktiv nach ihnen suchen und auf sie zugehen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass meine Zeit als Arbeitssuchender langsamer vergeht. Es macht manchmal auch Spaß, mehr Zeit für Dinge zu haben, die man im Haus erledigen muss und für die man während der Berufstätigkeit keine Zeit hatte.

Sie haben mit Ihrer Übersiedelung von Polen nach Deutschland schon einmal neu angefangen. Hilft Ihnen diese Erfahrung bei ihrem jetzigen Neuanfang?
Das war damals eine ganz andere Situation, weil es eine freiwillige und bewusst getroffenen Entscheidung war. Das war für meine Frau und mich kein Abenteuer und kein Sprung ins kalte Wasser.

Zur Person: Wojciech Brzeska wurde 1965 im polnischen Sosnowiec geboren und studierte nach dem Abitur in Krakau und Kattowitz Germanistik. 1988 entschloss er sich zusammen mit seiner Frau nach Westdeutschland zu übersiedeln. 1995 schloss er an der Universität Essen ein Magister-Studium der Fächer Germanistik und Theologie ab. Anschließend absolvierte er an der TÜV-Akademie des Rheinlandes in Düsseldorf eine Zusatzausbildung als PR-Journalist und war von 1996 bis 2006 für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Stadtkirche und der Caritas zuständig. Nach der Auflösung der katholischen Presseabteilung wechselte er 2007 zur Mülheimer Sozialholding, die die städtischen Altenheime betreibt. Hier war er bis Ende 2010 als PR-Referent und als Assistent der Geschäftsführung tätig. Brzeska ist Vater einer 15-jährigen Tochter.
Dieser Text erschien am 19. Januar 2011 in der NRZ

Donnerstag, 27. Januar 2011

Das ARTelier Rudziok bietet mit einer neuen Kriminalkomödie wieder großen Spaß auf kleiner Bühne


Der Mann lässt einen Kollegen umbringen, zumindest auf dem Papier oder besser gesagt auf der Bühne. Und das ist mit Verlaub gesagt: zum Totlachen. Die Rede ist vom Autor und Maler Armin Rudziok, der nicht von, sondern für seine Kunst lebt. Der Mann verdient seinen Lebensunterhalt als Finanzbeamter und lässt in seiner ersten Kriminalkomödie "Tod eines Finanzbeamten" ausgerechnet einen Kollegen das Zeitliche segnen."Das nehme ich mir heraus. Denn ich bin ja selbst einer", scherzt Rudziok. Er fügt aber milde hinzu: "Das Mordopfer hätte auch aus jeder anderen Berufsgruppe stammen können."Kurzweilige KomödieRudziok, der aus seinem Brotberuf weiß, "dass in jeder Steuererklärung eine Lebensgeschichte steckt", hat eine kurzweilige Komödie mit vielen schrägen Charakteren und noch mehr Wortwitz geschrieben, die im ARTelier Rudziok am Heelweg 10 in Winkhausen über die Bühne gehen wird.

Unweit der Nordstraße betreibt Rudziok zusammen mit seiner Frau Martina ein kleines Zimmertheater, in dem er bereits mit mehreren szenischen Lesungen der eher düsteren und makaberen Art zu sehen war. Das komische Fach ist für ihn Neuland. Doch das hat er, wie die Generalprobe seines Stückes zeigte, mit Erfolg betreten. Seine Frau Martina, die selbst bereits einige Komödien über "die lieben Nachbarn" oder die "besten Freundinnen" für das ARTelier geschrieben hat, führt diesmal Regie und verkörpert die gar nicht so lustige, aber gerade deshalb urkomische Witwe Frau Dr. von den Gnaden. Soviel sei schon mal verraten. Die am Standesamt promovierte Frau, die Wert auf ihren Titel legt, ist dringend tatverdächtig. Denn sie hat bei ihrer Steuererklärung ein kleines Sparbuch mit zwei Millionen Euro vergessen und deshalb ein Problem mit dem Mordopfer.

"Das ist ein echter Erbsenzähler, der nur seine Akten, aber nicht die Menschen sieht. So einen Kollegen wünscht sich kein Finanzbeamter", charakterisiert Rudziok seinen fiktiven Kollegen vom Finanzamt Mülheim-Außenstadt, den er natürlich selbst spielen wird, ebenso wie den Schrotthändler Alfons Mocke, der der flotten Wirtin Jacqueline Konstanze Koslowski (gespielt von Dana Brüning) vom Café Skurril gerne seinen Schrottplatz zu Füßen legen möchte.

Mocke, dem eine Betriebsprüfung ins Haus steht, hat ebenso ein Tatmotiv, wie die Caféhausbesitzerin. Denn der sonst so pflichtbewusste Finanzbeamte war zwar täglich bei ihr Gast, hat aber immer nur anschreiben lassen. Oder geht der Beamtenmord am Ende doch auf das Konto der mannstollen Friseurin Uschi Liebhardt, wirklich knuffig verkörpert von Anica Isermann, die den Mann vom Finanzamt gar nicht so toll findet, weil er ihrer beruflichen Selbstständigkeit immer wieder bürokratische Steine in den Weg legt.Man darf gespannt sein und bis zum Schluss mitraten und mitlachen.Apropos Lachen. Haben die Kollegen eigentlich auch gelacht, als sie von Armin Rudzioks kriminell-komischen Theaterambitionen hörten. "Ja, haben sie. Und einige haben sich sogar schon für eine Aufführung angemeldet", bestätigt der Autor.Und damit tritt er den Beweis an, dass auch Finanzbeamte durchaus Spaß verstehen.

Anmeldung (aus Platzgründen immer erforderlich) und Auskunft beim ARTelier Rudziok unter der Rufnummer: 0208/444 209 48 Weitere Informationen zum Veranstaltungskalender findet man im Internet unter: http://www.artelier-rudziok.de/

Dieser Text erschien am 20. Januar in der NRZ

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...