Montag, 22. Dezember 2025

Außer man tut es

 Sie leben Erich Kästners Erkenntnis: "Es geschieht nicht Gutes, außer man tut es!" Die ehrenamtlich Aktiven des Malteser Hilfsdienstes, der Sankt-Sebastianus-Schützen und der Mülheimer Baumscheibenpaten. .Mit Preisgeldern in einer Gesamthöhe von 15.000 € beweist aber auch das Land Nordrhein-Westfalen mit seinem heimatpreis, dass es das ehrenamtliche Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger nicht nur mit guten Worten zu würdigen weiß.

In seiner Laudatio vor dem Stadtparlament bescheinigte Bürgermeister Markus Püll den drei Preisträgern: "Sie leisten einen Beitrag zu einem identitätsstiftenden Miteinander in unserer Stadtgesellschaft."

So machen die rund 100 ehrenamtlichen Baumscheibenparten mit ihren Pflanz- und Grünpflegearbeiten am Straßenrand unsere Stadt etwas grüner und schöner, während die Sankt Sebastianus Schützen mit ihrer generationsübergreifenden Gemeinschaft alljährlich ein Kinder- und Schützenfest in Selbeck ausrichten. Und die in Speldorf ansässigen Malteser unterstützen Bedürftige und Senioren mit Kleidung, Lebensmittel und geselligen Angeboten in Zeiten, in denen immer mehr Menschen unter Einsamkeit leiden. So darf man gewiss sein, dass die Preisgelder sinnvoll investiert werden, etwa in die Sozialarbeit der Malteser, in die Öffentlichkeitsarbeit der Baumscheibenpaten und in eine neue Vereinsfahne der Sankt-Sebastianus-Schützen, die im kommenden Jahr ihrem 125-jährigen Vereinsgeburtstag feiern können.

Ehrenamtlich aktive Vereine und Einzelpersonen, die den Heimatpreis verdient haben, können sich ab Sommer 2026 unter www.muelheim-ruhr.de oder www.cbe-mh.de bei der Stadt Mülheim an der Ruhr oder beim Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) für den Heimatpreis 2026 bewerben oder dafür vorgeschlagen werden. Der Jury gehören Bürgermeister Markus Püll, die Bezirksbürgermeister Elke Oesterwind, Edgar Simon und Armend Plana, der Geschäftsführer des CBEs Michael  Schüring, Stadt Dechant Michael Janssen und Superintendent Michael Manz an.

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Der Markt zum Fest

Das Jesuskind im Stall von Bethlehem hätte sich sicher gewundert, wenn es geahnt hätte, dass man eines Tages zu seinem Wiegenfest Weihnachtsmärkte veranstalten würde. Wie dem auch sei. Dieser Zugeständnis des Frohen Festes in Zeiten der Marktwirtschaft gehört heute für viele zur Einstimmung auf das Weihnachtsfest. 

Schon um 1900 gab es auf dem Mülheimer Rathausmarkt so etwas wie einen Weihnachtsmarkt. Der war damals in den Wochenmarkt integriert, der dort seit den 1830er Jahren seine Waren an den Mann und die Frau brachte. Dieser Weihnachts- im Wochenmarkt dauerte aber nur vier Tage, vom 20. bis zum 24. Dezember. Zu Kaisers Zeiten wurden hier noch Hampelmänner und Schaukelpferde an den Vater und die Mutter gebracht, zwecks Bescherung am Heiligabend oder am ersten Weihnachtstag.

Denn in katholischen Familien begann das Frohe Fest erst mit der Mitternachtschristmette. Auch der geschmückte Christbaum zum Geburtsfest des Heilands bürgerte sich bei ihnen erst in den 1890er Jahren ein. 

Der Mülheimer Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße war ein Kind der 1970er Jahre. Vier Jahre, nachdem die Schloßstraße zur Fußgängerzone geworden war, eröffnete der damalige Oberbürgermeister Dieter aus dem Siepen am 30. November 1978 dort den ersten Weihnachtsmarkt, der sich 1995 mit 60 Holzbuden auf die angrenzende Leineweberstraße ausdehnte. 

Zeitgleich etablierte sich seit den 1970er Jahren in Saarn der Nikolausmarkt auf der Düsseldorfer Straße. Auch in Speldorf, Styrum und Heißen versuchte man sich mit Martins- und Adventsmärkten. 1999 erlebte der Adventsmarkt in der Altstadt seine Premiere. Der Verein Pro Altstadt macht ihn seitdem alle Jahre wieder möglich. Während der Adventsmarkt in der Altstadt einen Aufstieg erlebte, erlebte der Mülheimer Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße das Gegenteil.

2013 war endgültig die Luft raus. Der Weihnachtsmarkt schrumpfte zum Weihnachtstreff vor dem Forum. Zeitgleich etablieren sich mit der Broicher Schlossweihnacht und der Mülheimer Schiffsweihnacht weihnachtsmarktähnliche Veranstaltungsformate der 2001 gegründeten Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft MST. 

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Letzte Hilfe

 "Sie schenken Hoffnung und Trost, wo beides oft nur noch wie ein Streif am Horizont vorhanden ist." So begründen Stadtdechant Michael Janßen und Suprintendent Michael Manz", warum die 110 Frauen und Männer, die sich als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im 1996 gegründeten Ambulanten Hospiz und im 2012 an der Friedrichstraße eröffneten Stationären Hospiz engagieren, den mit 1000 Euro dotierten Ökumenischen Hoffnungspreis der christlichen Stadtkirchen verdient haben.

Sie begleiten sterbenskranke Menschen auf der letzten Etappe ihres irdischen Lebens und entlasten damit nicht nur Angehörige, sondern auch die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stationären Hospizes. "Ohne diese Unterstützung könnten wir unsere Arbeit nicht leisten", erklärt der Pflegedienstleiter Christoph Franke.

Wer mit Menschen aus diesem qualifizierten und psychosozial begleiteten ehrenamtlich aktiven Kreis ins Gespräch kommt, hört von Zeit und Zuwendung, vom Zuhören, vom Handhalten und vom Umarmen, von Dankbarkeit, von Wertschätzung für das eigene Leben, von Erfahrungen mit dem Verlust lieber Menschen, von dem Gefühl, gebraucht zu werden und sterbenden Menschen bis zuletzt ein menschenwürdiges Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen. 

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.ambulantes-hospiz-mh.de und: www.hospiz-mh.de 


Dienstag, 16. Dezember 2025

Ambivalente Persönlichkeit

"Eigentlich hättest du in einem Knzentrationslager ums Leben kommen müssen. Mein liebes Kind, dort wo ich gestanden habe, habe ich größeres Übel verhindert und die Reste unseres Kultur- und Rechtsstaates gerettet."

Dieser vom Archivpädagogen und Historiker, Patrick Böhm, zitierte Wortwechsel ereignete sich im Jahr 1956 zwischen dem ehemaligen Oberbürgermeister Edwin Hasenjäger und seiner Tochter Margarete. Er veranschaulicht die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Diktatur und den daraus erwachsenen Generationenkonflikt in der Nachkriegszeit.


1956 lag die Amtszeit Edwin Hasenjägers als Mülheimer Oberbürgermeister (1936-1946) schon ein Jahrzehnt zurück.

Der 1888 in Pommern geborene Juristen und Verwaltungsfachmann Edwin Hasenjäger hatte, um ein Wortbild des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu bemühen, die Ungnade der späten Geburt. Hasenjäger gehörte zur Generation, die im monarchischen Obrigkeitsstaat des Deutschen Kaiserreiches sozialisiert und in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus Verantwortung zu tragen hatte.

Patrick Böhm beleuchtete mit seinem Vortrag im Haus der Stadtgeschichte die ambivalente Persönlichkeit Hasenjägers auf der Grundlage der Quellen, die das Stadtarchiv und das Landesarchiv hergeben. Überraschend stellte er fest, dass es keine, sonst übliche, Zusammenfassung des Entnazifizierungsverfahrens Hasenjägers gebe. Hasenjäger war bis 1933 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und ab Mitglied 1937 der NSDAP. Ein Jahr zuvor war er als Oberbürgermeister von Rheydt nach Mülheim an der Ruhr gewechselt, um dort den städtischen Haushalt zu sanieren, den sein nationalsozialistischer Vorgänger, der Reichsbahnbeamte, Wilhelm März ruiniert hatte.  

Vor allem in dem Künstler Otto Pankok fand Hasenjäger nach dem Krieg einen Fürsprecher. Denn als Oberbürgermeister hatte er Pankoks Werke für das städtische Kunstmuseum angekauft, als der 1893 in Saarn geborene Maler, Grafiker und Bildhauer den Nationalsozialisten als "entarteter" Künstler galt, nachdem er in seiner Passion vom NS-Regime verfolgte Künstler in der Person des gekreuzigten Jesu dargestellt hatte. Auch wenn er im November 1938 die Brandschatzung der Synagoge am damaligen Viktoriaplatz nicht verhindern konnte, fällt doch auf, dass er in seiner Zeit als Oberbürgermeister im pommerschen Stolp zwangspensioniert worden war, nachdem er gegen den nationalsozialistischen Kaufboykott gegen jüdische Geschäftsinhaber vorgegangen war. 

Den Mülheimern bleibt Hasenjäger vor allem deshalb in guter Erinnerung, weil die Versorgungslage im Mülheim der Kriegsjahre unter seiner Führung vergleichsweise gut war.

Konsequenterweise ließ der Oberbürgermeister kurz vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 11 April 1945 die von der Stadt gehorteten Lebensmittel an die Bevölkerung verteilen. Und obwohl er nach dem Einmarsch der US-Truppen, der für Mülheim das Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Herrschaft brachte, seines Amtes enthoben und in Frankreich interniert wurde, zeigt seine Reaktivierung als Oberbürgermeister durch die britische Besatzungsmacht am 11. Oktober 1945, das Hasenjäger auch in den Augen der britischen Militärregierung kein lupenreiner Nationalsozialist gewesen ist. 

Dennoch holte ihn die Tatsache ein, dass er als Oberbürgermeister an der Spitze der von der Staatspartei NSDAP gleichgeschalteten Stadtverwaltung gestanden hatte. Eine Ratsmehrheit aus Sozialdemokraten und Kommunisten zwang Hasenjäger am 30. April 1946 zum Rücktritt. Dabei war die Kontroverse um die Wiedereinführung der konfessionellen Volksschulen, die von den Nationalsozialisten zugunsten einer Gemeinschaftsschule abgeschaft worden waren, nur ein äußerer Anlass. Obwohl Hasenjäger noch bis zu seinem Tod, im Jahr 1972, in seiner wahlheimat Mülheim an der Ruhr lebte, strebte er nach seinem Rücktritt kein kommunalpolitisches Comeback an. Stattdessen war er als Wirtschaftsberater und in verschiedenen Aufsichtsräten tätig.


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Sonntag, 7. Dezember 2025

Vielfalt macht stark

 Ein schwarzer Rassismusforscher und Diversitätsberater spricht über Diskriminierung. Das könnte ein hartes Schwarzbrot werden, vor allem für die weißen Männer im Publikum, wird es aber nicht. Wird es aber nicht, weil Prof. Dr. Lorenz Narku-Laing sein Publikum beim Jahresempfang der christlichen Stadtkirchen im Altenhof zum Lachen bringt.

Indem der Sozialwissenschaftler seinen eigenen Diskriminierungserfahrungen anekdotisch berichtet, führt er seinem Auditorium selbsterklärend vor Augen, warum Rassismus und Diskriminierung dumm, kontraproduktiv und christlich betrachtet eine Gotteslästerung ist.

Der 33-jährige Hochschullehrer und Familienvater berichtet, wie er als kleiner schwarzer Junge aus Rheinhessen von einem alten weißen Mann dafür gelobt wurde, "dass er als Ausländer so gut Deutsch" spreche. Er erinnert sich an seine Wohnungssuche, die erst erfolgreich war, als er sich nicht als Herr Narku-Laing, sondern als Herr Lorenz um das gewünschte Mietobjekt bewarb.

Der an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum lehrende und als Diversitätsberater arbeitende Narku-Laing gibt sein entlarvendes Gespräch mit einem Rassisten wider.

"Die liegen uns nur auf der Tasche...Aber ich arbeite und zahle Steuern...Umso schlimmer, die nehmen uns die Arbeit weg...Die bleiben nur unter sich und integrieren sich nicht...Aber ich bin doch mit einer weißen deutschen Frau verheiratet...Umso schlimmer, die nehmen uns die Frauen weg!"

Das Vielfalt heute die soziale Realität in der bunten Bundesrepublik Deutschland ist, in deren Mülheimer Mikrokosmos Menschen aus mehr als 140 Nationen zusammenleben, macht Narku-Laing an einigen Zahlen deutlich. Zehn Prozent der Deutschen haben eine Behinderung, elf Prozent sind Muslime, 46 Prozent der deutschen Grundschüler haben einen Migrationshintergrund und 56 Prozent der deutschen Studienanfänger sind weiblich.

Mit Blick auf die Renten- und Pflegediskussion sagt der Mittdreißiger: "Ich zahle gerne Steuern und Sozialabgaben. Aber meine Generation ist zu klein, um unsere sozialen Sicherungssysteme alleine zu finanzieren. Deshalb brauchen wir als alternde Gesellschaft Zuwanderung."

Vor seinem Vortrag bekennt Superintendent Michael Manz. Ich habe Lorenz Narku-Laing, der als nichtheologisches Mitglied der rheinischen Landeskirchenleitung kennen gelernt und war so begeistert, dass ich ihn sofort zu uns eingeladen habe." Nach seinem Vortrag zeigt der euphorische Applaus und viele positive Kommentare, dass Lorenz Narku-Laing auch sein Publikum im Altenhof begeistert hat.


Mehr zu Lorenz Narku-Laing

Freitag, 5. Dezember 2025

Geschichtsunterricht, mal anders

Jugendliche interessieren sich für Geschichte und können sie klug hinterfragen, wenn man sie Ihnen anschaulich vor Augen führt. Genau das gelang der Berliner Politikwissenschaftlerin und Autorin Karin Himmler, als sie jetzt 150 Zehntklässlern der Otto-Pankok-Schule ihre Familiengeschichte erzählte. 

Die hat es in sich. Man ahnt es schon, wenn man ihren Nachnamen hört. Karin Himmler ist die Großnichte des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, der als Chef der Deutschen Polizei ab 1936 auch für die Geheime Staatspolizei und die Durchführung des Holocaust verantwortlich war. Im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern zeigt sie exemplarisch, wie unterschiedlich die Konsequenzen waren, die die Deutschen nach dem Ende der NS-Diktatur und des Holocaust aus den daraus resultierenden Erkenntnissen gezogen wurden. Schweigen, verdrängen, aufarbeiten, schönreden, glorifizieren.

So berichtet Himmler nicht nur über ihre Eltern, die sich nach 1945 vom Nationalsozialismus distanzierten und zu einer demokratischen Grundhaltung fanden, aber auch von einer Tante, die ihren Vater Heinrich Himmler bis zu Ihrem Tod (2018) verteidigte und ihre Kinder auf der Basis ihrer rechtsextremen Weltanschauung erzog.

Warum Sie ihren Familiennamen nicht abgelegt habe, will eine Schülerin wissen? Die 1967 geborene Karin Himmler, die 1979 unter dem Eindruck der Fernsehserie "Holocaust" begann das Thema Nationalsozialismus im Allgemeinen und ihre Familiengeschichte im Besonderen aufzuarbeiten und 2005 das Buch: "Die Brüder Himmler" herausgegeben hat, erklärt, dass sie ihren Familiennamen als Auftrag begreift, für die Demokratie einzutreten und über den Nationalsozialismus und seine aktuellen rechtsextremen Erben aufzuklären.

Auch wenn sie nicht verraten will, welcher politischen Partei sie nahesteht, ermutigt sie die Jugendlichen zum politischen Engagement für unsere Demokratie und lässt keinen Zweifel daran, dass sie die AFD für eine gefährliche Gegnerin unserer liberalen Nachkriegsdemokratie hält. 

Die aus den Reihen der AFD zu hörende Forderung nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" und die Charakterisierung des Nationalsozialismus als "einem Vogelschiss der deutschen Geschichte"  zeigen ihr, wes rechtsextremen Geistes diese Partei ist.


Mehr zu Karin Himmler

Außer man tut es

 Sie leben Erich Kästners Erkenntnis: "Es geschieht nicht Gutes, außer man tut es!" Die ehrenamtlich Aktiven des Malteser Hilfsdie...