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Ein Leben in zwei Deutschlands

 Ihren ganz persönlichen Tag der Deutschen Einheit feiern Martin und Ilonka Fritz nicht am 3. Oktober, sondern am 13. November. Denn am 13. November 1989 erreichten sie mit ihrem Trabi ihre neue Heimatstadt Mülheim, in dem sie heute im Stadtteil Heißen ein Haus mit Garten ihr Eigen nennen.

Ihre ersten Tage in Mülheim verbrachten der Mann aus Merseburg an der Saale und die Frau aus dem thüringischen Frankenhain in der Notunterkunft des Technischen Hilfswerkes an der Düsseldorfer Straße. Und bis heute lassen sie dem THW jährlich einmal eine Spende zukommen, um sich für die Hilfsbereitschaft zu bedanken, die sie bei den Mülheimer Katastrophenschützern im deutschen Wendeherbst 1989 als Übersiedler aus der damals noch existierenden DDR erfuhren. „Wir bekamen damals ein eigenes Zimmer beim THW, weil ich hochschwanger war“, erinnert sich Ilonka Fritz. Ihr Sohn Maximilian kam im Januar 1990 als Mülheimer zur Welt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Paar bereits eine eigene Wohnung am Dickswall bezogen und der Wirtschaftsinformatiker Martin Fritz hatte als EDV-Fachmann einen Arbeitsplatz bei Turck in Heißen gefunden. „Wir konnten damals nicht ahnen, dass Deutschland schon bald wiedervereinigt würde und wir unsere Verwandten in Sachsen-Anhalt und Thüringen problemlos wiedersehen könnten. Als sie sich am 8. November 1989 um 4 Uhr morgens in Merseburg in ihren Trabi setzten, brachen sie offiziell mit viel Gepäck in den Urlaub in die CSSR auf. Nur ihre Eltern wussten das wahre Ziel ihrer Reise. Als sie abends um 18.13 Uhr die deutsch-tschechische Grenze bei Schirnding überquerten, sollte es noch gut 24 dauern, ehe sich die bis dahin lebensgefährlichen Grenzen der DDR durch den bekanntesten Versprecher der deutschen Geschichte ("Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich") öffnete. Als das Ehepaar Fritz am Abend des 9. November in Neuburg an der Donau von der Grenzöffnung durch den SED-ZK-Sekretär Günter Schabowski erfuhr, flossen Freudentränen. Und Martin Fritz meinte: „Jetzt kommen die alle.“

Alle DDR-Bürger kamen dann doch nicht in den Westen der am 3. Oktober 1990 wiedervereinigten Republik. Doch Familie Fritz kam nach Mülheim, weil ein Mitarbeiter der NRW-Aufnahmestelle in Unna-Massen eben die Ruhrstadt als ihren neuen Wohnort aus einem großen Karton zog. Obwohl ihre Eltern sie vor dem Ruhrgebiet gewarnt hatten: „Da ist es nicht so schön“, fühlten sie sich als ehemalige Bewohner der Chemie-Stadt Merseburg im Chemie-Dreieck zwischen Halle, Bitterfeld und Leuna in Mülheim „wie in einem Luftkurort.“

„Das war ein Dreckloch, in dem die Kinder fast immer Bronchitis hatten“, erinnert sich Martin Fritz an die damaligen Verhältnisse in seiner sachsen-anhaltinischen Heimat, in der die Häuser zerfielen, weil nichts an ihnen getan wurde und die notwendigen Baumaterialien fehlten. „Die DDR war 1989 politisch und wirtschaftlich am Ende, weil die oben nicht mehr konnten und die unten nicht mehr wollten und weil das, was die SED propagierte, nichts mehr mit dem zu tun hatte, was die DDR-Bürger in ihrem Alltag erlebten“, betont Martin Fritz. Und er fügt hinzu: „Hätte die DDR weiter existiert und hätten wir dort in den letzten 30 Jahren leben müssen, wären wir verkümmert, weil man sich in diesem von Indoktrination und Gleichschaltung geprägten System persönlich nicht entfalten konnte.“

Das hatte Martin Fritz am eigenen Leibe erfahren müssen, obwohl er als Hochschullehrer und nicht ganz feriwilliges SED-Mitglied damals zu den privilegierten Bürgern des selbsternannten Arbeiter- und Bauern-Staates gehörte. Weil er unter dem Eindruck eines Auslandsstudiums im damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) und der in der Sowjetunion Michail Gorbatschows miterlebten Perestroika, in der DDR eine breit angelegte gesellschaftliche Reformdiskussion forderte und zu den Organisatoren der Merseburger Montags-Demonstrationen gehörte, erkannte ihm seine Hochschule in Merseburg nachträglich seinen im Juli 1989 erfolgreich verteidigten zweiten Doktorgrad in Wirtschaft und Verfahrenstechnik rückwirkend ab.

„Ich habe die DDR im November 1989 auch deshalb verlassen, weil ich nicht unter Wendehälsen arbeiten wollte, die von heute auf morgen plötzlich das Gegenteil vertraten, was sie vorher gesagt und getan hatten, so wie die SED erst propagierte: ‚Von der Sowjetunion heißt siegen lernen und dann angesichts von Gorbatschows Perestroika betonte: ‚Jeder geht seinen eigenen Weg.“

30 Jahre nach der Wiedervereinigung sagt der ehemaligen Stadtverordneten und OB-Kandidat Martin Fritz: „Leider ist zum Wohlbehagen in meiner neuen Heimat Mülheim in den letzten Jahren zunehmend auch die Sorge gekommen.“

Die Mülheimer Verschuldungspolitik der letzten 20 Jahre hält der Ökonom und Inhaber eines EDV-System-Hauses für ebenso fatal wie den Euro und die Währungsunion von Nationen mit völlig unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und Finanzpolitik. Dem wiedervereinigten Deutschland wünscht er 30 Jahre nach der Einheit: „eine Politik der Offenheit und Ehrlichkeit, die Tatsachen anschaut und sie nicht beschönigt und die die Interessen der Menschen, die hier ein ganzes Leben gearbeitet haben, wieder berücksichtigt.“


Dieser Text erschien am 3. Oktober 2020 in NRZ & WAZ

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