Dienstag, 31. März 2015

So gesehen: Machen wir kein Drama daraus

Als Knirps fragte ich meine Mutter: „Mutti, warum bist du eigentlich so alt?“ Damals war sie Mitte 40 und ich 8 und alle anderen Muttis, die ich kannte, wesentlich jünger, als meine Mutter! Heute bin ich selbst Mitte 40 und fühle mich eigentlich gar nicht alt, auch wenn ich in bestimmten Lebenslagen schon mal alt aussehe. „Mein Gott, so alt sind Sie schon“, sagte mir jüngst eine erheblich ältere Dame, als sie mich nach meinem Alter fragte. Nach dem ersten Schrecken nahm ich ihre Feststellung als Kompliment für mein jugendliches Aussehen. Und in Zeiten des demografischen Wandels wird der Begriff „jung“ ja ohnehin zunehmend relativ. Wie tröstlich auch die Einsicht, die mir das Backstein-Theater jetzt mit seinem jüngsten Stück „Ewig jung“ vermittelte. Auch im Alter kann man noch jede Menge Spaß haben, wenn man kein Drama daraus macht, sondern das Leben als das sieht, was es ist, eine Komödie mit tragischen Einschlägen, in der jeder auftritt, seine Rolle spielt, und irgendwann wieder abtritt.

Dieser Text erschien am 18. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Sonntag, 29. März 2015

Alt werden ist nichts für Feiglinge: Das Backsteintheater begeisterte mit der musikalischen Tragikkomödie "For ever young"

„26 Inszenierungen mit 364 Aufführungen in 25 Jahren. In Zeiten knapper Kassen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich das Evangelische Krankenhaus ein Theater leistet“, sagt Backstein-Theaterleiter Michael Bohn. Damit bekommt er zurecht den ersten Applaus des Abends, an dem der Theatergründer Vokmar Spira ebenfalls zurecht in der ersten Reihe sitzt.
Und dann wird es ernst oder heiter oder beides zugleich.

Denn die Backstein-Schauspieler Robert Külpmann, Nadine Kellerberg, Klaus Wehling, Martin Iwanow, Wolfgang Bäcker und Marie Elisabeth Zipp sehen an diesem Abend, an dem Erik Gedeons Komödie „Ewig jung“ Premiere hat, verdammt alt aus. Kein Wunder. Denn sie spielen sich selbst, allerdings im Jahre 2040 als Insassen ihres ehemaligen Theaters, das den Schauspielern jetzt als Altenheim dient. Sabine Dams und Karmen Laco haben in der Maske ganze Arbeit geleistet.
Es ist für die Schauspieler, zu denen auch Schwester Ursula, alias Ursula Bönte, gehört, kein leichter Abend. Denn sie müssen in eine Rolle schlüpfen, die sie mit Alter, Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit konfrontiert. Nicht nur diese Herausforderung meistern sie. Sie singen auch und das gut. Dem Training mit der ausgebildeten Musical-Sängerin Marie Zipp sei Dank.
Mit Musik geht eben alles leichter. Und so kommt nicht nur Schwung auf die Bühne, sondern auch ins Publikum, als Herr Bäcker, Herr Wehling und Herr Iwanow bei „Saturday Night Fever“ von gebrechlichen Greisen zu Travoltas werden. Auch bei anderen Ohrwürmern, wie: „I love Rock’n roll“, „Hey, Mister Tamborin-Man“, „For ever young“ und „I will survive“ werden nicht nur bei den Oldies auf der Bühne, sondern auch bei ihren nicht mehr ganz jungen Zuschauern Lebenserinnerungen wach.

Kein Wunder, dass Frau Kellerberg, die ihre Mitbewohner schon mal gerne mit „Arschgesicht“ und anderen unzitierbaren Unflätigkeiten traktiert, plötzlich ganz weich wird. „Früher war es besser. Was war das doch geil, als wir auf einem Baum saßen, um den Bau einer Autobahn zu verhindern und ich mit einem Typen zusammen war, dessen Dreadlocks so fettig waren, dass man damit eine Fahrradkette hätte schmieren konnte.“

Die Backstein-Schauspieler überzeugen vor allem in den Momenten, in denen Zuschauern das Lachen im Halse stecken bleibt, weil sich Tragik und Komik berühren. Das ist etwa so, als Frau Kellerberg und Frau Zipp im Eifer des Gefechtes plötzlich ihr Holzbein oder ihre Perücke verlieren und „Now those days are gone“ singen. Das gilt auch für die Szene, in der Herr Wehling seinen Bühnen-Kollegen Herrn Bäcker beim abendlichen Heim-Spiel ermahnt: „Es heißt: Mein und nicht ein Königreich für ein Pferd“ und der Gescholtene trocken feststellt: „Ich bin schon froh, dass ich mich noch an das richtige Tier erinnern kann.“ Wie singt es Schwester Ursula ihren Schützlingen: „Ich sag es euch ins Gesicht: Das Leben macht Spaß, das Alter nicht.“

Dieser Text erschien am 16. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 28. März 2015

Wahlen in den Mülheimer Partnerstädten Kfar Saba und Tours

Gleich zwei Partnerstädte hatten jetzt die Wahl. Die Bürger gaben ihre Stimme für die neue Knesset, das Parlament Israels, ab. Wie Mülheims Mann für Kfar Saba von seinen dortigen Freunden erfuhr, haben sich rund 56 500 von 95 000 Bürgern an der Wahl beteiligten. „Die hatten damit dort eine sehr hohe Wahlbeteiligung“, berichtet Gerhard Bennertz.

Die meisten Wähler, nämlich 34,9 Prozent, stimmten für das von Jitzchak Herzog und Tzipi Livni geführte Mitte-Links-Bündnis der Zionistische Union. Bei der letzten Kommunalwahl 2013 hatten die Mitte-Links-Parteien in Kfar Saba nur 26 Prozent der Stimmen erreicht und lagen damit nur knapp vor der konservativen Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, die damals rund 22,9- und jetzt nur 21,9 Prozent der Stimmen erreichte. Damit konnte die Zionistische Union in Kfar Saba den landesweit größten Stimmenzuwachs verzeichnen. Auf Platz 3 landeten bei der Parlamentswahl in Kfar Saba die liberale Zukunftspartei Jesh Atid, die 14,3 Prozent der Stimmen erringen konnte. Mit einem Stimmenanteil von 7,7 Prozent wurde die sozialkonservative Zentrumspartei „Wir alle“ (Kulanu) zur viertstärksten Kraft. Die linke Meretz-Partei holte in Kfar Saba 5,9 Prozent und die national-religiöse Partei Jüdisches Heim landete bei 5,5 Prozent. Für die säkular-nationalistische Partei „Unser Zuhause Israel“(Israel Beitenu) entschieden sich 3,4- und für die ultraorthodoxe Schas-Partei 2,4 Prozent der Wähler.

Da das israelische Parlament nach einem reinen Verhältniswahlrecht mit einer 3,25-Prozent-Hürde und ohne Wahlkreis-Abgeordnete gewählt wird, zieht diesmal kein Abgeordneter aus Kfar Saba in die Knesset ein. „Die Reaktionen auf das Ergebnis der Parlamentswahlen und den überraschenden Wahlsieg von Ministerpräsident Netanjahu sind sehr unterschiedlich. Einige sind nicht glücklich, andere sogar bestürzt, aber manche auch zufrieden. Und alle hoffen, dass sich die Dinge zum Guten wenden und die neue Regierung die politischen und wirtschaftlichen Anliegen des Landes voranbringen kann. Das gilt für den Friedensprozess und für die Lösung der sozialen Probleme, mit denen Israel zu kämpfen hat“, resümiert Bennertz.

Departement-Wahlen in Tours

„Tours ist eigentlich immer eine sehr bürgerliche Stadt gewesen, die 36 Jahre von dem konservativen Bürgermeister Jean Royer regiert wurde, ehe 2005 mit Jean Germain ein Sozialist zum Bürgermeister gewählt wurde. Der hat allerdings im letzten Jahre die Bürgermeister-Wahl gegen den Geschäftsführer der örtlichen Industrie-und-Handelskammer, Serge Babary, von der konservativen UMP verloren“, weiß Mülheims Madame Tours, Brigitte Mangen, zu berichten.

Diese bürgerliche Wählerstruktur hat sich auch bei den Departement-Wahlen in Tours gezeigt. Obwohl der rechtsextreme Front National (FN) in der Region Indre-et-Loire, zu der auch Tours gehört, laut Le Figaro mit 23,8 Prozent der Stimmen zur zweitstärksten Partei wurde, verfehlten die FN-Kandidaten in allen vier Wahlbezirken von Tours den Einzug in die entscheidende Stichwahl am Sonntag. In allen vier Wahlbezirken liegen derzeit die Kandidaten des konservativen Wahlbündnisses aus UMP und UDI vorn, gefolgt von Kandidaten der Sozialisten und der Linken.
Die Konservativen errangen zwischen 29 und 36 Prozent, Linke und Sozialisten zwischen 24 und 30 und der FN zwischen 15 und 22 Prozent.

Alle Parteien traten diesmal mit einem Kandidaten-Doppelpack aus je einem Mann und einer Frau an, so dass Tours am Wahlsonntag acht Abgeordnete in die Versammlung des Departements entsenden kann. Hier wird unter anderem über regionale Schul,- Bau und Infrastrukturprojekte entschieden.

Dieser Text erschien am 25. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 26. März 2015

Reden und Zuhören hilft, um Vertrauen zu gewinnen und sozialen Zusammenhalt zu schaffen:Was dem Bundestagsabgeordneten Arno Klare zur Fragestellung der Essener Gespräche einfällt

Auch Mülheims SPD-Bundestagsabgeordneter Arno Klare gehörte zu den eingeladenen Gästen der Gespräche des Ruhrbistums („Essener Gespräche“), die unter anderem mit einer Fachtagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg ihr 50-jähriges Bestehen feierten.

„Solche Gespräche sind unverzichtbar, weil sie Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen zusammenbringen und einander zuhören lassen.“

Die Fähigkeit „die Meinung des anderen zu akzeptieren und nicht unbedingt Recht behalten zu wollen“, sieht Klare in unserer stark individualisierten Gesellschaft als zunehmend vernachlässigt und unterentwickelt an.

Die Antwort auf die beim Festakt gestellte Frage, wie Politik, Kirchen und andere gesellschaftliche Institutionen neues Vertrauen gewinnen können, sieht der Abgeordnete in einem permanenten Dialog, in dem Regierte und Regierende aufeinander zugehen und sich zuhören. „Wir müssen nah bei den Menschen sein, ohne ihnen dabei nach dem Mund zu reden“, findet Klare mit Blick auf die Entscheidungsträger in Kirche und Politik.

Auf der einen Seite sieht er die Politiker in der Bringschuld, ihre Politik zu erklären und dabei „zu tun, was man sagt und nicht mehr zu versprechen, als man halten kann.“ Auf der anderen Seite sieht der Sozialdemokrat die Bürger aber auch in der „Holschuld“, wenn es darum geht, sich zu informieren und an politischen, sozialen oder kirchlichen Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

Mit Sorge sieht Klare, „dass heute zwar jeder mit jedem bei Facebook befreundet ist, der soziale Zusammenhalt in unserer Gesellschaft aber schwindet.“ Deshalb plädiert er für einen permanenten Dialog, „den man auch im digitalen Zeitalter nicht über irgendwelche sozialen Netzwerke, sondern nur dadurch organisieren kann, dass sich zwei oder drei Leute gegenübersitzen, um miteinander über ein Thema zu sprechen und sich gegenseitig zuzuhören.“ Dabei sieht er auch die Meinungsmacher der Medien in der Verantwortung, den gesellschaftlichen Dialog in Gang zu bringen, in dem sie auf Stereotype verzichten und der Versuchung widerstehen, alle politischen, wirtschaftlichen oder kirchlichen Entscheidungsträger über einen Kamm zu scheren, sobald einzelne, wie im Falle Edathy oder Tebartz von Elst persönliche Verfehlungen begangen haben.


Dieser Text erschien am 11. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 23. März 2015

Zum 50. Geburtstag der Essener Gespräche fragten sich deren Teilnehmer: Wie können Kirche und Staat neues Vertrauen gewinnen?

Wie können Kirche und Staat neues Vertrauen gewinnen? Mit dieser Frage beschäftigte sich jetzt der Festakt, mit dem im Hotel Franz der 50. Geburtstag der Essener Gespräche gefeiert wurde.“Freiheit braucht immer das Vertrauen zwischen den Regierten und den Regierenden“, betonte der Tagungsleiter der Essener Gespräche, Paul Kirchhof und zitierte Nicolaus Cusanus: „Denke einfach, zusammenführend und beherzt. Der Gläubige kennt keine Angst und drängt zur Tat.“

Zur Tat aufgefordert sieht Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck die Kirche und ihre Mitglieder auch in einer Zeit, „in der wir nicht mehr Volkskirche, sondern nur noch Kirche im Volk sind.“ In einem ökumenischen Festgottesdienst, den er zusammen mit dem Präses der Rheinischen Landeskirche, Manfred Rekowski, leitete, forderte Overbeck mit Blick auf die Bergpredigt Jesu dazu auf, „auch heute Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.“

Auch nach 50 Jahren sieht er die Essener Gespräche als ein wichtiges Forum, um an der Schnittstelle von Kirche und Staat, „für unsere Gesellschaft vor und nachzudenken.“ In seiner Predigt warnte der Ruhrbischof die Christen davor, „in einer Nische zu bleiben“ statt „mit der Frohen Botschaft zu wirken, sich dem gesellschaftlichen Dialog zu stellen und diesen zu gestalten.“

Sein evangelischer Amtsbruder Manfred Rekowski griff auf die Barmer Erklärung der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1934 zurück, um das Verhältnis von Kirche und Staat zu beschreiben: „Regierende und Regierte müssen aus ihrer Verantwortung vor Gott für Frieden und Gerechtigkeit sorgen. Der Staat kann nicht die einzige und totale Ordnung sein. Und die Kirche kann sich nicht staatliche Aufgaben anmaßen.“

Zwei Dinge wurden in der Diskussion mit Politikern, Kirchenvertretern und Juristen deutlich: Kirche und Staat sind Verbündete, wenn es darum geht, die Gesellschaft mit positiven Impulsen weiterzuentwickeln, auch wenn Konflikte, etwa beim Thema Kirchenasyl oder kirchliches Arbeitsrecht offen zu Tage treten.

„Die Kirchen müssen das gemeinsame europäische Recht anerkennen“, fordert etwa der Berliner Innen-Staatssekretär Günter Krings (CDU) beim Thema Kirchenasyl. „Wir stehen als Kirchen nicht über dem Recht. Aber wir können nicht übersehen, dass Flüchtlinge, die aus sicheren Drittländern, wie Spanien oder Italien zu uns kommen und dorthin zurückgeschickt werden, auf der Straße leben müssen“, hält der Leiter des katholischen Büros in Berlin, Karl Jüsten, dagegen. Justiz-Staatssekretär Christian Lange (SPD) relativiert: „Wir sollten Respekt davor haben, dass sich Menschen aus ihrer christlichen Überzeugung heraus für Flüchtlinge engagieren und dabei nicht vergessen, dass wir bundesweit vielleicht von gerade mal 780 Kirchenasyl-Fällen reden.“

Krings, Lange und Volker Beck von den Grünen sind sich über Parteigrenzen hinweg einig, dass die christlichen Kirchen in moralischen Fragen unverzichtbare Gesprächspartner und Impulsgeber sind. „Das reicht von Abtreibung und Bioethik bis zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr“, macht Lange das Spektrum deutlich.

Dabei macht sich der Chef-Lobbyist der katholischen Bischofskonferenz, in Berlin keine Illusionen darüber, dass der gesellschaftliche Wandel auch an der Arbeit des katholischen Büros nicht spurlos vorbeigegangen ist. „Kirche bekommt heute nichts mehr, weil sie Kirche ist“, sagt er. Volker Beck, selbst bekennender Christ, beschreibt die Säkularisierung der Gesellschaft so: „Vor 50 Jahren waren rund 95 Prozent der Deutschen Mitglied einer christlichen Kirche. Heute ist es gerade noch die Mehrheit.“ Bei Diskussionen stößt er inzwischen auf immer mehr Menschen, die zum Teil auch aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen „der Religion nicht nur neutral oder gleichgültig gegenüberstehen, sondern einen aggressiven Hass auf Religionen entwickelt haben.“

Woher kommen dieser Hass und dieses Misstrauen? Die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichtes, Ingrid Schmidt, muss sich derzeit zum Beispiel mit dem Fall eines Düsseldorfer Chefarztes beschäftigen, der seinen Arbeitsplatz verloren hat, weil er in zweiter Ehe verheiratet ist. „Die Kirche muss sich schon fragen, ob ihr Familienbild immer konsequent ist,“ stellt Schmidt fest. Kann die Kirche sich zum Richter über das Privatleben ihrer Mitarbeiter aufschwingen, um ihren Grundsatz von der sakramentalen Unauflöslichkeit der Ehe durchzusetzen? „Die Kirche muss sich treu bleiben und vielleicht auch über die Aufgabe von Einrichtungen nachdenken, wenn sie nicht genug Personal findet, das ihre Vorgaben erfüllen kann“, meint Günter Krings. Sein Bundestags-Kollege Beck sieht das ganz anders und weist auf die biblische Geschichte von der Ehebrecherin hin, die von Jesus vor der Steinigung gerettet wird: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Beck sieht die Kirche in diesem Sinne in der unstatthaften Rolle der Richterin und Steinewerferin. Dass es in der katholischen Kirche auch barmherziger und toleranter zugehen kann, zeigt Christian Lange am Beispiel einer katholischen Kirchengemeinde, die einen schwulen und verpartnerten Mann als Jugendleiter angestellt hat.

„Man kann die Glaubensgrundsätze der Kirche nicht aufspalten, aber die Bischofskonferenz darf durchaus noch mutiger werden und wir haben als Kirche sicher noch einige Hausaufgaben zu machen“, räumt der Leiter des katholischen Büros ein,

Jüsten beschreibt eindrucksvoll seine politische Lobbyarbeit, „bei der man vor nix fies sein darf.“ Für ihn gilt: „Wir wollen nicht in die Presse, sondern ins Bundesgesetzblatt. Und deshalb sprechen wir mit allen, die in der Gesetzgebung etwas bewegen wollen.“ Dabei steigt er, wie er sagt, zunächst immer dort ein, wo Gesetzestexte entstehen, nämlich nicht bei Staatssekretären und Ministern, sondern bei den Referenten, die Gesetzesentwürfe schreiben.

Dabei wird nicht nur im Fall des wiederverheirateten Chefarztes deutlich, dass das kirchliche Arbeitsrecht die Kirche angreifbar macht: „Man kann die Gewerkschaften in den christlichen Dienstgemeinschaften nicht einfach außen vor oder am Katzentisch sitzen lassen, weil Arbeitnehmer immer in der strukturell schwächeren Position sind und man dafür sorgen muss, dass die in den arbeitsrechtlichen Kommissionen gefundenen Ergebnisse dann auch vom kirchlichen Arbeitgeber so umgesetzt werden, statt sich über sie hinwegzusetzen, wenn sie dem Bischof nicht gefallen“, unterstreicht die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichtes.

Was müssen die Kirchen tun, um angesichts von Kirchenaustritten, wieder mehr gesellschaftliches Vertrauen zu gewinnen? Volker Beck zitiert den Kölner Journalisten und Theologen Joachim Frank: „Kirche braucht Glaubwürdigkeit, Realitätssinn und Bescheidenheit.“ Dabei sieht der innen- und religionspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion die Kirche dort am glaubwürdigsten, wo sie zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik „Menschen eine Stimme gibt, die sonst keine Stimme haben, weil sie keine Wähler sind.“ Glaubwürdigkeit und neues Vertrauen würden Kirchen und Staat in Becks Augen auch dadurch gewinnen, wenn sie an die Ablösung der staatlichen Ersatzleistungen für die kirchlichen Säkularisationsverluste herangingen und darüber hinaus Kirchensteuerzahlungen und andere gemeinnützige Spenden rechtlich gleichgestellt würden.

Für Becks sozialdemokratischen Parlamentskollegen Christian Lange steht fest: „Die Flucht in den Laiezismus ist für Deutschland keine Lösung, weil sich die Kooperation zwischen Staat und Kirchen nicht nur im Bildungs- und Sozialbereich bewährt hat.“ Und sein CDU-Kollege Krings macht deutlich, dass man nach den islamistischen Mordanschlägen von Paris im laiezistischen Frankreich darüber nachdenkt, wie Deutschland einen staatlich kontrollierten Religionsunterricht an Schulen einzuführen: „damit Kinder und Jugendliche mehr über ihre Religion erfahren und nicht in die Fänge von irgendwelchen Radikalinskis geraten.“ In diesem Sinne ist Krings auch davon überzeugt, dass die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes auf der rechtlichen Basis staatlich kontrollierter Lehrpläne „auch die Integration der bei uns lebenden Muslime befördern kann.“

Dieser Text erschien am 14. März 2015 im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 22. März 2015

Eine Frau mit Durchblick: Dobrila Petrovic

„Heute ist der Bus ja gar nicht so voll!“ oder: „Mensch, die Bahn XY war gestern wieder nicht pünktlich.“ So wird Dobrila Petrovic immer mal wieder angesprochen, wenn sie mit Bus oder Bahn unterwegs ist. Das ist nicht verwunderlich. Denn viele Fahrgäste kennen die 47-jährige Saarnerin aus dem Kundencenter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft am Löhberg. Denn wer wissen will, mit welchem Bus oder mit welcher Bahn man wohin kommt und wieviel das kostet, für den ist Petrovic die richtige Frau. Zusammen mit ihren Kolleginnen Regina Terre und Hannelore Wiegel sorgt sie dafür, dass die Fahrgäste der MVG ans Ziel kommen. Schon nach den ersten Gesprächstakten merkt man: Dobril Petrovic strahlt Ruhe und Freundlichkeit aus. Und das ist auch ihr wichtigstes Kapital.

„Früher habe ich als Verkäuferin in einem Modehaus gearbeitet. Da waren die Kunden, die zu uns kamen oft schon in einer positiven Grundstimmung und freuten sich auf ein tolles ShoppingErlebnis“, erinnert sich Petrovic an ihr erstes Berufsleben im Einzelhandel. Wenn sie heute im Kundencenter der MVG mit Kunden spricht, kommen die Fahrgäste nicht immer freundlich auf sie zu. Kommunikation ist alles Der Bus oder die Bahn waren mal wieder zu spät. Die Rolltreppe an der U-BahnHaltestelle funktionierte nicht. Oder jemand fühlt sich von einem Fahrkartenkontrolleur der MVG ungerecht behandelt. Dass sind die Klassiker, die Fahrgäste auf die Palme und zu Dobrila Petrovic bringen. „Ruhig bleiben. Zuhören und die Leute ausreden lassen. Blickkontakt halten. Und vor allem Formulierungen, wie ,Wir können nicht’....und ,Sie müssen’ sofort vermeiden.“ So beschreibt Petrovic ihre Krisenkommunikation am Tresen im Kundencenter. Sätze, wie: „Ich kann Sie sehr gut verstehen“ oder „Mal schauen, wie wir Ihnen in der Sache weiterhelfen können“ haben sich aus ihrer Sicht als deeskalierend bewährt. „Ich verstehe die Leute auch wirklich gut. Denn wenn ich eine halbe Stunde in der Kälte stehe, weil der Bus oder die Bahn nicht kommen, ärgert mich das auch“, sagt die freundliche Frau aus dem Kundencenter.

Kann sie Verspätungs-Opfer oft durch eine Fahrpreiserstattung besänftigen, wenn Fahrgäste länger als zehn Minuten über der fahrplanmäßigen Zeit warten und dadurch vielleicht eine Anschlussverbindung oder einen Termin verpasst haben, so ist die Sache bei den Schwarzfahrern oft komplizierter. „Die Leute ärgern sich oft gar nicht so sehr über das Geld, das sie bezahlen müssen, sondern darüber, dass sie vor anderen in aller Öffentlichkeit als Schwarzfahrer abgestempelt worden sind“, weiß Petrovic aus Gesprächen mit Schwarzfahrern, die je nach Sachlage nur eine Bearbeitungsgebühr von 2,50 Euro oder ein Bußgeld von 40 Euro zahlen müssen. Beim Thema „Schwarzfahren“ erlebt Petrovic ganz unterschiedliche Situationen. Da hat sie es zum Beispiel mit einer älteren Dame zu tun, die ein Monatsticket hat, das aber erst ab 9 Uhr gilt, sie aber schon vor 9 Uhr mit ihrem Ticket zum Arzt gefahren ist. Oder ein junger Mann wundert sich, dass er mit seinem Monatsticket, das nur für Mülheim gilt, als Schwarzfahrer aufgeschrieben worden ist, weil er mit der 112 zum Centro gefahren ist und dabei gar nicht gewusst haben will, dass er damit die Stadtgrenzen überfahren hat. Oft glätten sich die Wogen, wenn Petrovic und ihre Kolleginnen Schwarzfahrern anbieten können, ihre Geldbuße in den Kauf eines Monatstickets umzuwandeln. Echte Dankbarkeit erlebt die zweifache Mutter, die vor 14 Jahren aus dem Einzelhandel zum örtlichen Nahverkehrsunternehmen wechselte, weil sie hier nicht bis 20 Uhr arbeiten muss, beim Thema Fahrplanauskunft.

„Manchmal wissen Leute nur grob, wo sie hinwollen, kennen aber die genaue Haltestelle oder Adresse nicht. Dann recherchiere ich nicht nur in unserer elektronischen Fahrplanauskunft Efa, sondern auch im Internet, um sie an das gewünschte Ziel zu bringen. Und wenn es dann geklappt hat, kommen die Fahrgäste auch schon mal Tage später kurz herein und sagen: Toll. Das hat geklappt. Ich habe den Weg gut gefunden“, berichtet Petrovic von ihren kleinen, aber wohltuenden Erfolgserlebnissen. Besonders berühren sie auch die Gespräche mit älteren Fahrgästen, die ihr zwischen Fahrkartenkauf und Fahrplanauskunft ihr Herz ausschütten. Sich auch für solche Lebensgeschichten oft einsamer Menschen im Rahmen ihrer dienstlichen Möglichkeiten Zeit zu nehmen, ist der Frau von der MVG wichtig.

Dieser Text erschien am 21. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 21. März 2015

Erich Oesterwind: Der Mann, der sich kümmert

Wenn Erich Oesterwind auf dem Rathausturm seinen Blick über Mülheim schweifen lässt, entdeckt er wohl keinen Flecken, an dem er nicht schon einmal seine Füße stehen hatte. „Er ist schon seit Menschengedenken bei uns“, sagt eine seiner Mitarbeiterinnen beim Ordnungsamt über den Leiter des Zentralen Außendienstes.

„Sie kenne ich doch. Sie sind doch beim Ordnungsamt. Können Sie da nicht mal was machen?“ So wird Oesterwind auch am Wochenende angesprochen, wenn er mit seiner Frau Anja einkaufen oder joggen geht und seine Dienstweste mit der großformatigen Rückenaufschrift „Ordnungsamt“ zu Hause gelassen hat.

Ob in der Dienst- oder in der Freizeit, es sind immer wieder die selben Probleme, die Leute auf die Palme und danach zu Oesterwind bringen. Zugeparkte Einfahrten und Bürgersteige, überquellende Müllcontainer, Grünflächen voller Hundekot, notorische Falschparker und Raser. „Können Sie da nicht mal eine Geschwindigkeitsmessung durchführen lassen.“
Dann notiert sich Oesterwind meist schnell das Anliegen und verspricht: „Ich kümmere mich drum.“ Der Hinweis: „Ich habe jetzt frei und bin nicht zuständig“, käme ihm nie in den Sinn. „Ich kenne viele Leute und viele Leute kennen mich. Und es ist doch auch schön, wenn die Leute auf einen zu kommen, weil sie Vertrauen haben“, sagt Oesterwind. Seiner Frau Anja ist er ausgesprochen dankbar, dass sie seine beiläufigen Dienstgespräche in der Freizeit geduldig erträgt, „weil sie meine Arbeit kennt und schätzt.“

Wenn man sich mit Oesterwind unterhält, spürt man, dass seine gut funktionierende Partnerschaft ein wichtiger Kraftquell ist, der ihm die Ruhe und die Kraft verschafft, die er braucht, um auch in schwierigen Gesprächen die Ruhe zu bewahren.

Wenn sich etwa jemand zu Unrecht mit einem Knöllchen bedacht sieht oder ein Fahrzeug stillgelegt werden muss, weil der Halter seinen Führerschein abgeben musste oder seine KFZ-Steuer nicht gezahlt hat, ist ebenso Ärger angesagt, wie bei Gewerbe,- Geschwindigkeits- oder Alkoholkontrollen.
„Man darf nicht vergessen, dass 95 Prozent der Dinge, mit denen wir auf Menschen zukommen oder mit denen sie auf uns zukommen, eher unangenehm sind und das für jeden Bürger sein Anliegen immer das Wichtigste ist“, beschreibt Oesterwind seine Grundhaltung, mit der er seine tägliche Krisenkommunikation meistert.

„Meine Lebenserfahrung hilft mir, genau einzuschätzen, wie ich auf welche Menschen zugehen muss, um mit ihnen auch in schwierigen Situationen respektvoll und vor allem auf Augenhöhe sprechen zu können“, sagt Oesterwind.

Mit zunehmender Berufs- und Lebenserfahrung hat Oesterwind auch begriffen, „dass wir nicht alle Probleme in unserer Gesellschaft mit Kontrollen oder Bußgeldern regeln können.“
Das wurde ihm zuletzt deutlich, als ihn besorgte Bürger auf Landstreicher aus Südosteuropa hinwiesen, die regelmäßig in der Müga oder unter der Konrad-Adenauer-Brücke kampieren. „Wir haben uns um die Leute gekümmert und festgestellt, dass sie ganz friedlich sind und ihre Sachen sofort zusammenpacken, wenn man sie auffordert, einen Platz zu räumen. Aber leider haben wir es nicht geschafft, diese Menschen über die Wohnungsfachstelle in regulären Wohnungen unterzubringen, weil sie das einfach nicht wollten“, erzählt der Leiter des Zentralen Außendienstes, der nach seinem Geschmack inzwischen zu viel Zeit an seinem Schreibtisch im dritten Stockwerk des Rathauses und zu wenig Zeit im prallen Menschen-Leben auf der Straße zubringt.

„Dass ich an keinem Tag genau weiß, was und wer heute auf mich zukommt, und dass ich mich jeden Tag mit neuen Menschen und Situationen auseinandersetzen muss“, macht seinen Beruf für Oesterwind aber auch nach mehr als 25 Jahren beim Ordnungsamt spannend und befriedigend. „Ich könnte in zwei Jahren in Rente gehen. Aber sich glaube, dass ich noch zwei Jahre dranhängen werde“, sagt er und lächelt.

Dieser Text erschien am 7. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...