Samstag, 8. Juli 2023

SICHER UNTERWEGS

 Als anno 1897 die erste Straßenbahn durch Mülheim-fuhr hatten Frauen eine durchschnittliche Lebenserwartung von 69 Jahren und Männer von 66 Jahren. Heute werden Frauen durchschnittlich 83 Jahre alt und Männer 79. Heute sind 31% der Stadtbevölkerung 60 Jahre und älter. Wer im Alter in seiner Mobilität eingeschränkt wird und aufgrund seiner Handicaps auch kein Auto fahren kann, ist umso mehr auf Bus und Bahn angewiesen. Doch gerade für solche reiferen Semester will das Bus- und Bahnfahren auch als Fahrgast gelernt sein.

Deshalb bietet die Ruhrbahn regelmäßig entsprechende Trainingskurse für Menschen über 60 Jahren an. Am jüngsten für 60 Training Namen in Essen 12 Menschen mit und ohne Rollator an diesem Training teil. Der theoretischen Trockenübung im Seminarraum folgte das praktische Training auf dem Betriebshof der Ruhrbahn. Völlig neu war für die meisten teilnehmenden, was es mit dem blauen Halteknopf innerhalb und außerhalb des Busses auf sich hat. "Wenn Sie den roten Halteknopf drücken, geht die Schiebetür nach maximal 5 Sekunden wieder zu. Wenn Sie aber den blauen Knopf drücken, bleibt sie deutlich länger auf und dem Fahrer wird signalisiert, dass jemand mit Rollator oder Rollstuhl oder Kinderwagen einsteigt," erklärte Ruhrbahncoach Gertrud Lüttkenhorst. "Allein für diese Information hat sich die Teilnahme an dem Training schon gelohnt", waren sich die Bus- und bahnfahrenden Senioren einig.

Wichtige Faustregeln

Doch Gertrud Lüttkenhorst, die vor 34 Jahren als Busfahrerin bei der Ruhrbahn angefangen hat und heute unter anderem als Trainerin in der Aus- und Weiterbildung tätig ist, gab ihren Fahrgästen noch mehr Faustregeln an die Hand, damit sie bei ihren nächsten Bus- und Bahnfahrten keinen Hals- und Beinbruch erleben. "Stecken sie niemals eine Hand einen Arm ein Bein oder auch nur einen Schirm in eine sich schließende Bus oder Bahntür. Das kann lebensgefährlich sein und nichts ist so wichtig, dass Sie dafür ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen", warnte Lüttkenhorst. Auch das Sitzen auf dem Rollator sei für Bus- und Bahnfahrgäste ein absolutes No-Go. "Bei einem Auffahrunfall schießen sie dann ungebremst durch den Bus", mahnte Lüttkenhorst. Ihre Empfehlung: "Steigen Sie am besten vorne beim Fahrer ein und signalisieren Sie ihm, dass Sie etwas Zeit brauchen, um einen Sitzplatz zu finden, damit er nicht so schnell abfährt. Am besten setzen Sie sich immer gegen die Fahrtrichtung, stellen ihren Rollator auf die dafür vorgesehenen Freiflächen in der Busmitte und machen ihn mit einem der dortigen Gurte an der Stange fest. Dann kann er nicht durch den Bus rollen."

Ein- und Ausstieg

"Einsteigen immer vorwärts und Aussteigen immer rückwärts", formulierte die Ruhrbahntrainerin das Grundgesetz für alle Rollatorfahrer, die als Fahrgast auch mit Bus und Bahn unterwegs sind. Gleich mehrfach machten die Trainingsteilnehmer die Probe auf Exempel und hielten sich vorschriftsmäßig beim rückwärtigen Ausstieg mit ihrem Rollator so lange an der Türstange des Busses fest, bis sie mit beiden Beinen festen Boden unter den Füßen hatten.

Offene Ohren

Und dann wechselten Coach und Trainee's ihre Rollen. Lüttkenhorst notierte sich für die Aus- und Fortbildung der Fahrerinnen und Fahrer, was ihren reifen Fahrgästen in Sachen Bus- und Bahnverkehr am Ehesten auf den Nägeln brennt: Sie hörte von wenig hilfsbereiten Fahrern, die auch schon mal Rollstuhl- und Rollatorfahrer an der Haltestelle stehen lassen, weil sie unter Zeitdruck stehen und ihren Fahrplan einhalten wollen. "Grundsätzlich sind unsere Fahrer dazu angehalten, beim Einstieg eines Rollstuhlfahrers auf jeden Fall die Rampe an der hinteren Schiebetür herauszuklappen," machte Lüttkenhorst klar. Diese Verpflichtung gelte aber nicht beim Einstieg von Rollatornutzern. "An der Haltestelle einfach stehen lassen, weil man Verspätung hat", so Lüttkenhorst, "geht natürlich gar nicht!"


Mülheimer Presse und: Zur Ruhrnahn

Mittwoch, 5. Juli 2023

MÜLHEIMS DUNKELSTE NACHT

 Mülheim vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Das sind zwei verschiedene Städte. Man sieht es auf den ersten Blick, wenn man Stadtansichten miteinander vergleicht.

Das hat vor allem mit den 160 Luftangriffen zu tun, die Mülheim während des Krieges trafen. Der schlimmste traf die Stadt in frühen Stunden des 23. Juni 1943. Zwischen 1.10 Uhr und 2.20 Uhr legten 490 Bomber der Royal Airforce mit 1600 Tonnen Brand- und Sprengbomben die Innenstadt und die industriell geprägten Stadtteile Styrum und Eppinghofen. Allein in dieser einen Nacht wurden 513 Menschen getötet. Rund 1100 Mülheimerinnen und Mülheimer sollten Opfer des Luftkriegs werden. Mit ihren Angriffen, die die NS-Propaganda als "Terrorangriffe" bezeichnete, wollten die Briten auch in Mülheim die rüstungsrelevante Industrieinfrastruktur und die Kriegsmoral der Zivilbevölkerung zerstören. 

Als Mülheim in Flammen stand.

Auch in dieser Nacht, in der ein Feuersturm entfacht wurde, fanden die meisten Menschen Zuflucht in ihrem Keller. Nur für 13 Prozent der Stadtbevölkerung gab es einen Bunkerplatz. Stadtweit gab es 44 Bunker und 500 Luftschutzräume. Jeder Haushalt musste seine Fenster nachts mit im Rathaus erhältlichem schwarzem Papier verdunkeln, um den Bomberpiloten nachts die Orientierung zu erschweren. Diese machten im Gegenzug mit ihren sogenannten "Christbäumen" die Nacht zum Tag, wenn sie ihre Bomben abwarfen. Einer der Mülheimer Bunker befand sich in einem Stollen unterhalb der Freilichtbühne, wo auch Patienten des Evangelischen Krankenhauses lagen. Viele Patienten des St. Marien-Hospitals hatten weniger Glück. Das katholische Krankenhaus an der Kaiserstraße wurde getroffen. Zeitzeugen berichten, dass sie am Vormittag des 23. Juni 1943 zugedeckte Leichen auf der Kaiserstraße liegen sahen. Viele Straße, so berichten sie, seien durch Gebäudetrümmer unpassierbar gewesen. Bis zum Mittag des 23. Juni 1943 seien die Menschen in der Stadt ohne Strom und Wasser. Bei den Aufräumarbeiten nach den Luftangriffen wurden unter anderem Zwangsarbeiter eingesetzt, die selbst keinen Zutritt zu Bunkern hatten.

Mehr als 7000 Kriegstote

Als der Krieg für Mülheim mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 11. April 1945 zu Ende ging, lagen 880.000 Kubikmeter Trümmerschutt auf den Straßen der vom Krieg gezeichneten Stadt. 71 Prozent der innerstädtischen Gebäude waren zerstört oder beschädigt. Mehr als 7000 Mülheimer waren Opfer des Krieges geworden, der 1939 von Deutschland ausgegangen war. Es sollte bis 1953, ehe Mülheims für "trümmerfrei" erklärt werden konnten. Im gleichen Jahr wurden mit der deutsch-englischen Städtepartnerschaft zwischen Mülheim und Darlington erstmals aus ehemaligen Feinden langsam, aber sicher Freunde.


Mülheimer Presse

Sonntag, 2. Juli 2023

WOHIN GEHT DIE KIRCHE?

 Die Prozession an diesem Fronleichnamstag im Juni 2023 passt ins Bild. 250 Katholiken ziehen von der Albertus-Magnus-Kirche zur Kirche St. Mariae Rosenkranz. Es ist eine bunte Schar. Deutsche, kroatische und kamerunische Christen machen sich gemeinsam auf den Weg von der 1956 eingeweihten und jetzt profanierten Albertus-Magnus-Kirche zur 1894 eingeweihten Marienkirche am gleichnamigen Platz in Styrum.

Das waren noch Zeiten, als Styrum einen ortsansässigen und katholischen Großunternehmer (August Thyssen) hatte, der sich verpflichtet sah, einen wesentlichen finanziellen Beitrag zum Bau einer katholischen Kirche zu leisten, um seinen katholischen Arbeitern im damals noch protestantisch geprägten Mülheim die Feier der Heiligen Messe und die damit verbundene Seelsorge zu ermöglichen.

Grundlegender Strukturwandel

Lang ist's her. Auch 1956, als Mülheim-Styrum noch zum Erzbistum Köln gehörte, und die bereits in den 1920er Jahren angedachte Gründung eines Ruhrbistums noch zwei Jahre auf sich warten ließ, war der Neubau einer weitaus bescheideneren Kirche an der Eberhardstraße, angesichts zahlreicher katholischer Arbeiterfamilien, so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Doch weil auch die Industriearbeitsplätze schwinden und angesichts von 523.000 Katholiken, die allein im Vorjahr landesweit ihrer Kirche den Rücken zugewandt haben, musste nach Herz Jesu in Broich mit Albertus Magnus in Styrum schon die zweite Mülheimer Kirche, innerhalb eines Jahres, aufgegeben werden. Mit Heilig Geist in Holthausen steht bereits eine weitere Kirche vor dem Aus. Denn auch in unserer Stadt bewegen sich die Kirchenaustrittszahlen nicht erst seit gestern auf Rekordniveau. 

Weil nicht nur die Menschen, sondern auch das Geld fehlen, um Gotteshäuser mit Leben zu füllen und instand zu halten, muss auch die Mülheimer Stadtkirche schrumpfen, die zudem unter der Überalterung ihrer Mitglieder leidet. Waren vor 50 Jahren noch mehr als 80 Prozent der Mülheimer Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche, so sind es heute weniger als 50 Prozent. Damit liegt unsere Stadt im Landestrend. 

Zum demografischen Wandel, mehr als 40 Prozent der Neugeborenen haben in unserer Stadt, einen Zuwanderungshintergrund und kommen damit in der Regel eher aus muslimischen als aus christlichen Familien, kommt der gesellschaftliche Wandel. Individualisierung, Liberalisierung und Pluralisierung stellen die christliche Prägung unserer Gesellschaft durch eine in der Regel christliche Sozialisation in Frage.

Zwischen Trauer und Zweckoptimismus

Die Teilnehmenden der Styrumer Fronleichnamsprozession sehen die Zukunft ihrer Kirche realistisch. Sie schwanken zwischen Trauer und Zweckoptimismus. Wenn man mit ihnen auf dem Weg von Albertus Magnus nach Mariae Rosenkranz ins Gespräch kommt, hört man Sätze wie diese: "Die Kirche wird kleiner und bunter." "Wir brauchen Räume, in denen wir uns treffen und unseren Glauben gemeinsam leben können. Das können, müssen aber keine Kirchen sein" "Sie muss das, was sie an Positivem für unsere Gesellschaft leistet, auch öffentlichkeitswirksamer darstellen." "Die Kirche muss ehrlicher, familienfreundlicher und zeitgemäßer werden. werden!" Der Schatten des Missbrauchsskandals in der Katholischen Kirche überschattet alles, auch den gut gemeinten und notwendigen Reformprozess des Synodalen Weges und seines ungewissen Ausgangs. "Unser Bischof ist Gott sei Dank liberal und hat die Zeichen der Zeit erkannt. Aber andere deutsche Bischöfe verweigern sich einer Kirchenreform", sagt eine in der Pfarrgemeinde St. Barbara aktive Frau. Auch bei dieser Prozession. spürt man, dass Kirchenvolk ist auf dem Weg von der alten zur neuen christlichen, ökumenischen und multikulturellen Kirche schon weiter als so mancher Hirte in der Kirchenhierarchie, angefangen bei der römischen Kurie.


Zur Katholischen Stadtkirche und: Mülheimer Presse

Samstag, 1. Juli 2023

MIT SWING UND ROSEN INS 104. LEBENSJAHR

Ruhr-River-Jazzband und Bürgermeister Markus Püll gratulierten Margarete Schwoerer

Wer kann das schon von sich sagen, dass ihm die Ruhr-River-Jazzband daheim auf der eigenen Terrasse ein Geburtstagsständchen bringt und der Bürgermeister als Rosenkavalier vorbeikommt, um zu gratulieren. Aber Margarete Schwoerer hatte am Samstag einen ganz besonderen Geburtstag. Sie ist jetzt 103 Jahre Jahre alt geworden.

 Als sie am 10 Juni 1920 in ihrem Elternhaus an der Friedrichstraße das Licht der Welt erblickte, hatte Mülheim gerade die Revolution und den Ruhrkampf hinter sich gebracht. „Mein Vater Walter hat als Kaufmann den Lebensunterhalt der Familie verdient. Und meine Mutter Margarete hat sich als Hausfrau und Mutter um meine beiden Schwestern Waltraud und Charlotte und um mich gekümmert“, erinnert sich die Mülheimerin aus der Generation 100 Plus. Die Familie zog während ihrer Kindheit von der Friedrichstraße zum Dickswall 70. „In der unmittelbaren Nachbarschaft befand sich eine überkonfessionelle Volksschule, eine sogenannte Paritätische Bürgerschule, die von christlichen und jüdischen Kindern besucht wurde.“ Nach der Schule begann Margarete eine Sparkassenlehre. Die Sparkasse hieß damals noch Stadtsparkasse geheißen und war ein Amt der Stadtverwaltung, Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren Beamte. Ich bin 1982 als letzte Sparkassenrätin pensioniert worden,“ berichtet Schwoerer. Als sie ihr Berufsleben bei der Stadtsparkasse begann, stand noch die Synagoge gleich neben der 1909 eröffneten Sparkasse am Viktoriaplatz, die im Oktober 1938 für 56.000 Reichsmark und damit für etwa ein Siebtel ihres Neubauwertes an die Stadtsparkasse verkauft und in der Reichspogromnacht vom 9. Auf den 10. November 1938 vom damaligen Feuerwehrchef und SS-Führer Alfred Freter in Brand gesteckt wurde. Für Margarete  Schwoerer war das Jahr 1938 ein glückliches. Denn damals lernte sie bei einem Ausflug mit der evangelischen Altstadtgemeinde ihren späteren Mann Walter kennen. Doch das Glück der beiden sollte nicht lange währen. Hitlers Krieg machte ihnen einen Strich durch die gemeinsame Lebensrechnung. Schwörer erinnert sich: „Wir haben 1942 geheiratet und mein Mann, der zuletzt als Soldat in Rumänien gekämpft hat, ist seit 1944 verschollen. Während der vielen Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges haben wir im Keller unseres Hauses oder in einem Bunker gesessen der sich gleich gegenüber dem Polizeipräsidium an der Von-Bock-Straße befand. Nach dem Kriegsende habe ich bis 1955 immer noch gehofft, meinen Mann in eines Tages wiederzusehen. Doch nachdem Konrad Adenauer 1955 die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus Russland nach Hause geholt hatte, musste ich mich damit abfinden, ohne meinen Walter weiterzuleben.“ Walter Schwoerer ist einer von 2700 Wehrmachtssoldaten aus Mülheim, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen gelten.

 Nach dem Krieg besuchte Schwoerer nebenberuflich eine Verwaltungsfachschule und stieg danach in den Höheren Dienst auf. „Ich habe immer in der Kreditabteilung der Stadtsparkasse gearbeitet“, erklärt Schwoerer. In den 1960er Jahren hatte sie genug Geld zusammen, um sich das Haus an der Ottostraße in Heißen zu bauen, in dem sie heute mit der Alltagsassistenz ihres Pflegers Marco Brändel lebt. „Das Wichtigste ist mir mein Garten. Früher habe ich dort selbst gerne gearbeitet. Doch das kann ich seit einigen Jahren nicht mehr. Aber ich genieße es bis heute, dass ich jeden Tag von meiner Terrasse in das wunderschöne Grün meines Gartens schauen kann“, sagt Schwoerer. Regelmäßig schaut die Mülheimer Nestorin auch in ihr großes iPad. Hier findet sie viel Wissenswertes, kann sich Ihre Fotos anschauen, per Video-Call mit Freunden, Familie und Nachbarn Neffen telefonieren. Margarete schaut noch jeden Tag die Fernsehnachrichten und recherchiert dann im Internet die Fakten und Zusammenhänge, die sie nach dem ersten Sehen und Hören noch nicht verstanden, hat“, berichtet ihr Hausgenosse und guter Geist Marco Brändel. „Mit 80 habe ich einen Computerlehrgang an der Heinrich-Thöne-Volkshochschule gemacht, so dass ich heute mit meinem ipad alles machen kann. Das war das Beste, was ich machen konnte. Und ich kann es nur jedem in meinem Alter empfehlen. Denn wenn man sich nicht mehr so gut bewegen kann, kann man mit Hilfe des Internets mit der Welt in Kontakt bleiben und am Leben vor der eigenen Haustür teilnehmen“, betont Schwoerer. Sie ist heute auf einen Rollstuhl angewiesen und sich in ihrem Haus einen Treppenlifter einbauen lassen. Die Frage wie sie so alt geworden ist, beantwortet die geistig hellwache und lebenszufriedene Jubilarin mit dem Hinweis auf ihre guten Gene. „Meine Mutter ist auch fast 103 Jahre alt geworden!“, sagt das reife Geburtstagskind.

Und was wünschen sich Margarete Schwoerer und ihr hilfreicher Hausgenosse Marco Brändel für die Zukunft? Mit einem Augenzwinkern sagt Brändel: „Ich habe mich auch schon um Margaretes Mutter gekümmert, die 1998 verstorben ist. Und in sechs Jahren gehe ich in Rente. Und bis dahin muss Margarete auch durchhalten.“ 


Mülheimer Presse

Samstag, 17. Juni 2023

STYRUMER SCHLOSSGESCHICHTEN

Was gibt es Demokratischeres als ein Bürgerfest? In Styrum heißt es Familienfest und das passt auch. Denn wie man jetzt sehen konnte, feierten viele Familien mit ihren Kindern mit. Nicht nur das Wetter, sondern auch der Ort des Geschehens, Schloss Styrum und sein Park waren märchenhaft. Programm und Preise stimmten, auch dort, wo es am Grillstand der Roten Funken um die Wurst ging.

Nicht nur dem Vorsitzenden des Bürgerbusvereins gefiel die Atmosphäre des Festes, das von Bürgern (aus mehr als 40 Organisationen und Institutionen) ehrenamtlich für Bürger gemacht war. "Man sieht hier, dass unser Stadtteil bunter wird. Aber das muss man annehmen und die Menschen, die neu zu uns gekommen sind, mit einnehmen, sagt Klaus-Dieter John. Sein Verein, in dem 21 Bürger jährlich 6000 Bürger von A nach B fahren, wo die Ruhrbahn nicht hinkommt, spricht ebenso wie das Familienfest im Schlosspark für den starken Styrumer Bürgersinn. 

Aristokratie im Schloss Styrum. Das war gestern. Heute gehen hier Menschen, wie du und ich aus und ein, vor allem auch die, die sich trauen und deshalb, seit 2021 von MST-Mitarbeiterin Manuela Bellenbaum betreuten Schloss Styrum heiraten. Sich an seinem Hochzeitstag mal wie ein König und eine Königin fühlen. Wer möchte das nicht. Genau das haben auch Erich Heinsers Mutter Sigrid Rhoelen und ihr Ehemann Erich am 2. August 1954 erlebt, als sie ihre Hochzeit mit ihrer Familie auf Schloss Styrum und in seinem Park feiern konnten.

Erich Heinsers gleichnamiger Vater und seine Frau Sigrid waren zwar keine Aristokraten. Aber der damalige Hausherr des Schlosses, der letzte Generalbevollmächtigte des Industriellen Heinrich von Thyssen, Wilhelm Roelen, war schon so etwas, wie ein Wirtschaftsaristokrat. Nach seinem Tod am 22. Mai 1958 wurde deshalb auch seine Trauerfeier standesgemäß auf Schloss Styrum begangen. Da kam alles, was in Politik und Wirtschaft Rang und Namen hatte. Wilhelm Roelens Enkel Erich, der mit seiner Frau Birgit am Familienfesttag an einer Schlossführung mit Beate Fischer vom Geschichtsverein mit von der Partie war, lieferte mit einer Sonderausgabe der Bergbauzeitung "Der Kumpel" den bildreichen Beweis für die illustrere Trauergesellschaft, die sich im Mai 1958 auf Schloss Styrum einfand und dabei unter anderem die Trauerrede des Bundeswirtschaftsministers und späteren Bundespräsidenten Heinrich Lübke hörte.

"Damals war die ganze Moritzstraße mit Luxuslimousinen zugeparkt, die von den Styrumern eifrig fotografiert wurden", weiß Fotograf und Filmemacher Reiner Komers den Schlossgängern, um Fischer und Heinser zu berichten. Komers arbeitet in einem der sieben Styrumer Schlossateliers, die der Kulturbetrieb der Stadt seit der Landesgartenschau Müga 1992 Kunstschaffenden zur Verfügung stellt.

Damals wurde das Schloss Styrum, in dem 1960, auf Geheiß der Familie Thyssen Westdeutschlands erste Altentagesstätte eingerichtet worden war. Diesen Begegnungsort betreibt heute der Styrumer Nachbarschaftsverein, der auch einen Fahrdienst für Senioren anbietet.

Beim historischen Rundgang mit Beate Fischer vom Geschichtsverein erfährt man, dass Johann Schönnebeck, ein Landwirt aus Eppinghofen dass gräfliche Schloss, samt Park anno 1861 kaufte und für sein bodenständiges Gewerbe nutzte. Der letzte Graf Ernst Maria von Limburg-Styrum war schon 1809 verstorben. Seine Macht und die seiner Vorfahren war da schon verflossen. Denn mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ging 1806 die Herrschaft der Grafen von Styrum zu Ende. Deren Geschichte, man staunt, lässt sich bis ins Jahr 1067 zurückverfolgen.

"Styrum war mit einer Grundfläche von 50 Hektar die kleinste reichsunmittelbare Herrschaft des Heiligen Römischen Reiches und es war zwischen 1550 und 1750, neben dem Zisterzienserinnenkloster Saarn, Mülheims einzige katholische Enklave", weiß Beate Fischer. 

Wer im ansonsten evangelisch gewordenen Mülheim katholisch bleiben wollte, zog entweder zu den Grafen nach Styrum oder zu den Nonnen nach Saarn. Auch wer aus weniger frommen Gründen aus der Herrschaft Broich verschwinden wollte und musste, konnte bei den Grafen in Styrum Asyl finden.

Die Tatsache, dass der Styrumer Junggraf Moritz anno 1659 seinen Broicher Standesgenossen Carl Alexander im Suff und im Streit erschoss, zeigt, dass auch die guten alten Zeiten manchmal alles andere als gut waren. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.


Zum Schloss Styrum

Sonntag, 11. Juni 2023

100 Jahre Rot-Grün

 Rot-Grün steht seit Mitte der 1980er Jahre für eine Koalition von SPD und Grünen. Doch Rot-Grün ist eigentlich schon viel älter. Gemeinsam die Natur entdecken, genießen und schützen. Diese gute Idee brachten 1895 Wiener Sozialdemokraten gemeinsam auf den Weg und wurden so zu Naturfreunden. 1905 kam diese Idee einer sozialökologischen Wandervogelbewegung nach Deutschland und 1923 auch in Mülheim an.

Urlaub war vor 100 Jahren noch ein Fremdwort. Großbürgerliche Familien gönnten sich damals bestenfalls eine Sommerfrische an der See oder in den Bergen. Doch für den großen Rest der Bevölkerung musste es eine bis zwei Nummern kleiner gehen. Hier setzten vor 100 Jahren, im Jahr der Hyperinflation und der Ruhrbesetzung, die Naturfreunde an.

Gemeinsam wandern, aber auch diskutieren und feiern. Das kam gut an, an der Ruhr und führte Ende der 1920er Jahr dazu, dass die Naturfreunde aus Essen und Mülheim sich am Böllrodt in Raadt ein Haus im Grünen an der Ruhr bauten. Die damals noch wesentlich knappere Freizeit, gemeinsam, daheim und unterwegs zu gestalten, um sich damit mit Leib und Seele fürs Leben zu stärken, wurde zum Markenkern der Naturfreunde. Dass Solidarität mit Mensch und Natur zwei Seiten derselben Medaille sind, erkannten die Naturfreunde schon, als Umweltschutz und sanfter Tourismus in Deutschland noch unebekannt waren. 

Als Teil der Sozialdemokratie verloren die Naturfreunde nach 1933 nicht nur ihr Haus im Ruhrtal an die Nationalsozialisten. Die ließen es 1945 verwüstet zurück. Dem Wiederaufbau durch die Naturfreunde folgte eine, durch das westdeutsche Wirtschaftswunder beförderte Blütezeit. Doch mit dem steigenden Wohlstand wurden die Deutschen zu Reiseweltmeistern, die es in die Ferne zog.

Vor dem Hintergrund dieses sozialen Wandels ist auch die Nutzung des inzwischen in die Jahre gekommenen Ruhrtalhauses der Naturfreunde zurückgegangen. Zuletzt öffneten die Essener und Mülheimer Naturfreunde im August 2022 ihr Haus im Grünen mit einem Sommerfest für die interessierte Öffentlichkeit, die sich durch das Haus am Böllrodt führen ließ.

Inzwischen ist das Haus vom Landesverband der landesweit 40000 Naturfreunde übernommen worden. Die Naturfreunde, die bundesweit 400 Gästehäuser betreibt, sucht inzwischen Kooperationspartner oder nötigenfalls auch Käufer, die den Erhalt und den Weiterbetrieb im Sinne der sozialökologischen Grundausrichtung der Naturfreunde, deren Logo einen grünweißen Handschlag vor roten Alpenrosen zeigt, zu ermöglichen.


Naturfreunde NRW

Mittwoch, 7. Juni 2023

"Wenn wir schreiten, Seitan Seit!"

 "Alles Neue macht der Mai." So dichtete 1829 der Mülheimer Dichter, Lehrer und Heimatforscher Hermann Adam von Kamp. 1863, also vor 160 Jahren, brachte der Mai den neuen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein hervor. Ein Jahr später gab es ihn auch in Mülheim. Er war der Vorläufer der deutschen Sozialdemokratie. Dass heute bekannte Kürzel SPD bürgerte sich ab 1891 ein. 

Damals kam die neue Sozialdemokratische Partei Deutschlands aus dem Untergrund zurück an die Oberfläche des politischen Kräftespiels. Zwischen 1878 und 1890 hatten Bismarcks Sozialistengesetze die Sozialdemokraten in die Illegalität gedrängt und der staatlichen Verfolgung ausgesetzt, Auch nach dem Ende der Sozialistengesetze galten die auch in Mülheim aktiven Sozialdemokraten Kaiser Wilhelm II. als "vaterlandslose Gesellen."

Politische Herzensanliegen

Das 1891 in Erfurt beschlossene Programm der damals von August Bebel geführten SPD formulierte bis heute gültige sozialdemokratische Herzensanliegen. Was der erste sozialdemokratische Bundeskanzler 1969 in seiner ersten Regierungserklärung auf die Formel: "Wir wollen mehr Demokratie wagen!" galt auch schon für die Sozialdemokraten zu Kaisers Zeiten. 

Die SPD war die erste Partei in Deutschland, die zum Beispiel die Legalisierung der Gewerkschaften und das Frauenwahlrecht forderte. Auch freie Volksbildung und die Garantie der Grundrechte, die mit der Reichsverfassung von 1871 noch nicht gegeben war, gehörten zur politischen DNA der frühen Sozialdemokraten. Zu ihnen gehörte auch der Lehrer und Journalist Wilhelm Hasenclever und der Tischler Klemens Hengsbach, die 1866 und 1902 in den Deutschen Reichstag einzogen. Hier stellten die Sozialdemokraten ab 1912 die stärkste Fraktion. Daran konnte auch nichts ändern, dass Kaiser Wilhelm II. die Sozialdemokraten als "vaterlandslose Gesellen" diffamierte.

Da die Regierung des Kaiserreiches nicht dem Reichstag, sondern nur dem Kaiser und preußischen König gegenüber verantwortlich war, trotz zunehmender Anhängerschaft, erst nach dem Übergang vom Kaiserreich zur Republik ab 1918 politische Macht ausüben. Dies galt auch für die kommunale Politik, der die Sozialdemokratie bis zum Ende des preußischen Dreiklassen-Zensus-Wahlrechtes politisch ausgebremst hatte. Das von 1850 bis 1918 in Preußen bei Landtags- und Kommunalwahlen praktizierte Dreiklassen-Wahlrecht teilte die Wählerschaft nach ihrem Steueraufkommen ein und sicherte so dem steuerzahlenden Wirtschaftsbürgertum und dessen liberalkonservativen Vertretern in Landtagen und Stadträten eine 2/3-Mehrheit. Mit der Einführung des Frauenwahlrechtes, der Tarifautonomie und des Achtstundentages konnten die Sozialdemokraten unter der Führung des späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert zentrale Forderungen durchsetzen. Nicht von ungefähr ist seit 1949 auch in Mülheim eine Straße nach Friedrich Ebert benannt.

Von der System-Opposition zur staatstragenden Partei

Bei den ersten republikanisch-demokratischen Wahlen wurde die Sozialdemokratie 1919 nicht nur im Reich, sondern auch in Mülheim zur stärksten politischen Kraft. Zwischen 1920 und 1932 war mit Ernst Tommes erstmals ein Sozialdemokraft als Beigeordneter für die kommunale Sozial- und Gesundheitspolitik zuständig.

Die meisten sozialdemokratischen Kommunalpolitiker waren in den 1920er Jahren, so wie der damalige Partei- und Fraktionsvorsitzende Wilhelm Müller (1890-1944) hauptamtliche Gewerkschaftssekretäre. Das galt auch für den damaligen SPD-Stadtverordneten und späteren Oberbürgermeister Heinrich Thöne (1890-1971).

So wie die Sozialdemokraten im Reichstag im März 1933 das Ermächtigungsgesetz ablehnten, so lehnten sie im Mülheimer Stadtrat auch die ersten Beschlüsse der aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen gebildeten Ratsmehrheit, wie die Ehrenbürgerschaften für Reichskanzler Adolf Hitler und für den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sowie den Ausschluss jüdischer Unternehmer von der städtischen Auftragsvergabe ab.

Widerstand und Verfolgung

Für viele politische aktive Sozialdemokraten begann nach dem Verbot ihrer Partei im Sommer 1933 die Zeit des Widerstands. Wilhelm Müller, dessen gleichnamiger Sohn zwischen 1965 und 1980 für die Mülheimer SPD im Deutschen Bundestag sitzen sollte, musste diesen Widerstand gegen Hitler, ebenso wie seine kommunistischen Ratskollegen Otto Gaudig und Fritz Terres mit dem Leben bezahlen.

Auferstanden aus Ruinen

Nach dem Ende der NS- und Kriegszeit, gründete sich die SPD auch in Mülheim neu. Mit dem Leiter der örtlichen Allgemeinen Ortskrankenkasse, Heinrich Thöne, stellte die SPD ab 1948 erstmals den Mülheimer Oberbürgermeister. Auch die erste Oberbürgermeisterin der Stadt, die 1982 ins Amt gewählte Eleonore Güllenstern und der Journalist und erste Mülheimer Bundestagsabgeordnete Otto Striebeck (1894-1972) war ein Sozialdemokrat.

Getragen von einer breiten Zustimmung und Verankerung in der Stadtgesellschaft und begünstigt durch die Erfolge des Wiederaufbaus und des nachfolgenden westdeutschen Wirtschaftswunders, wurden die Sozialdemokraten zwischen 1948 und 1994 zur politisch bestimmenden Kraft. Auch die direktgewählten Mülheimer Landtagsabgeordneten Bundestagsabgeordneten sind seit 1950 bzw. seit 1961 durchgehenden Sozialdemokraten.

Mit Bodo Hombach stellten die Mülheimer Sozialdemoraten in den 1990er Jahren einen Landes- und Bundesminister und mit Hannelore Kraft zwischen 2010 und 2017 die NRW-Ministerpräsidentin. Die kommunalpolitische Dominanz der SPD ging aber nach dem Rücktritt der Oberbürgermeisterin, Eleonore Güllenstern, die sich 1994 in eine private Kreditaffäre verstrickt war, verloren. Auch die Direktwahlen für das Oberbürgermeisteramt gingen 1999, nur um wenige Stimmen, und mit deutlichem Abstand 2020 verloren.

Parteien und Politik im sozialen Wandel 

Wie die Volkspartei CDU auch, mussten die Sozialdemokraten in den vergangenen 25 Jahren einen starken Mitgliederschwund hinnehmen, weil gesellschaftliche Milieus, wie das der Industriearbeiterschaft bröckeln und unter dem sozialen Mega-Trend der Individualisierung und des demografischen Wandels die Zahl der Menschen abnimmt, die bereit sind, sich parteipolitisch dauerhaft zu binden. So ist die Zahl der Mülheimer SPD-Mitglieder seit 1998 von 4500 auf jetzt 1200 abgesunken.


Zur Mülheimer SPD


Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...