Ein steigendes Haushaltsdefizit und rückläufige Gewerbesteuer. Da wird Kommunalpolitik zur Quadratur des Kreises. Da ist die Ratsarbeit alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Das war sie vor 65 Jahren allerdings noch viel weniger als heute. Damals wählten die Mülheimer ihren ersten Nachkriegsrat.
„Herr im eigenen Haus“ sollten die Mülheimer werden. So forderte es die britische Militärregierung in einem Aufruf vom Mai 1946. Das Müllheimer Haus glich ein Jahr nach Kriegsende noch einer Ruine. 800 000 Kubikmeter Trümmerschutt lagen auf den Straßen. Fast 30 Prozent aller Wohngebäude waren zerstört. Zwei Drittel galten als kriegsbeschädigt. In dieser Situation fordert die britische Militärregierung die Bürger auf: „Schließe dich einer Partei an. Informiere dich politisch. Arbeite mit. Hilf mit. Es gibt nur diesen einen Weg zur Freiheit.”Die Stadt wiederaufzubauen und den Hunger zu überwinden waren über alle Parteigrenzen hinweg das politische Gebot der Stunde und das beherrschende Thema in mehr als 100 Wahlversammlungen.
Eine von ihnen fand mit dem späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer im Speldorfer Tengelmann-Saal statt. Der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Adenauer war damals CDU-Vorsitzender der britischen Zone.Brot und StimmeDie SPD-Ratskandidatin und Awo-Chefin Änne Fries forderte angesichts der dramatischen Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung in der NRZ: „Wir müssen verlangen, dass endlich mehr Bezugsmarken herausgegeben werden, denn Ware ist an verschiedenen Stellen noch gelagert.“ Die britische Militärregierung fürchtete angesichts der großen Not, dass die Kommunisten mehr Zulauf bekommen könnten.
Nicht zuletzt deshalb hob sie in der Woche vor der Wahl die Brotration an. Ihre Furcht war unbegründet.Fast 79 Prozent der wahlberechtigten Mülheimer machten am 13. Oktober 1946 von ihrem Wahlrecht Gebrauch, gut 27 Prozent mehr als bei der letzten Kommunalwahl 2009 Die Wahlnacht vom 13. auf den 14. Oktober 1946 wurde lang. Die Auszählung der 71 500 Stimmen Stimmen dauerte bis 4.30 Uhr. Dann stand fest:
Die CDU zieht mit 39 Prozent der Stimmen und 22 Stadtverordneten als stärkste Fraktion in den neuen Rat ein und stellt mit Wilhelm Diederichs den Oberbürgermeister. Die von Heinrich Thöne angeführten Sozialdemokraten erringen 37 Prozent der Stimmen und 14 Mandate, werden zweitstärkste Fraktion. Die Freien Demokraten erringen mit 13 Prozent der Stimmen zwei und die Kommunisten mit zehn Prozent der Stimmen nur ein Stadtratsmandat.
Drei Wochen nach der Kommunalwahl trat der erste Nachkriegsstadtrat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Weil der Ratssaal noch kriegszerstört war, tagten die Stadtverordneten in der Aula des heutigen Otto-Pankok-Gymnasiums an der Von-Bock-Straße, streng beobachtet von den Vertretern der britischen Militärregierung.
Dieser Beitrag erschien am 13. Oktober 2011 in der NRZ
Donnerstag, 13. Oktober 2011
Sonntag, 9. Oktober 2011
Eine gute Idee braucht Unterstützung: Die katholische Ladenkirche am Kohlenkamp hat jetzt einen Förderverein


"Eingeladen Kirche zu erleben" steht über dem Eingang der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp 30. Das ist dort seit sechs Jahren Programm. Und das soll es auch in Zukunft bleiben. Deshalb stellt sich dort am 24. September 2011 ein neuer Förderverein vorgestellt, der die Ladenkirche finanziell unterstützen möchte, um dieses Angebot langfristig zu erhalten.
Konkret geht es, wie der Vorsitzende des Fördervereins, der Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, sagt, um die Finanzierung der Kaltmiete für das Ladenlokal in bester City-Lage. Dafür sind monatlich 1200 Euro aufzubringen.Beim Thema Miete hat es die vor sieben Jahren eröffnete Evangelische Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 besser. Ihr Ladenlokal befindet sich im Altenhof und damit in einem Haus des Kirchenkreises An der Ruhr. Auch wenn die evangelische Ladenkirche im Gegensatz zu ihrer katholischen Schwester mit Nina Gutmann eine hauptamtliche Leiterin hat, werden beide Ladenkirchen maßgeblich von ehrenamtlichen Helfern betreut. In der katholischen Ladenkirche tun 50 und in der evangelischen 25 Ehrenamtliche Dienst. Trotz dieses unentgeltlichen Einsatzes bleiben nicht unerhebliche Kosten für den Betrieb der Ladenkirchen. Können sich das Kirchen in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und stagnierender Kirchensteuereinnahmen überhaupt leisten und wenn ja, warum?
Johannes Valkyser, der das ehrenamtliche Mitarbeiterteam der katholischen Einrichtung leitet, sieht sie als "Türöffner" und als "eine Oase der Stille" für Menschen, die vielleicht nicht ohne weiteres eine Kirche betreten oder das Gespräch mit einem Pfarrer suchen würden, aber dennoch viele Fragen an das Leben, den Glauben und die Kirche haben. "Gerade weil wir keine Hauptamtlichen sind, können wir mit unseren Besuchern auf Augenhöhe sprechen und uns manchmal dabei in unserem christlichen Glauben gegenseitig bestärken", sagt Valkyser. Rund 6000 Besucher pro Jahr und täglich eine Handvoll Besucher der 12-Uhr-Andacht sieht er als Beleg dafür, "dass die Ladenkirche verhältnismäßig gut angenommen wird."
Das gelte auch für die Sozialsprechstunde der Caritas am Freitagvormittag.Valkysers ehrenamtliche Kollegin Monika Nelges, die sich seit drei Jahren im Mitarbeiterteam der evangelischen Einrichtung engagiert, sieht die Ladenkirche als "einen religiös geprägten Kommunikationsort und als ein niederschwelliges Angebot." Immer wieder stellt sie fest, "dass die Menschen, die zu uns kommen, es genießen, hier immer jemanden anzutreffen, der ein offenes Ohr und Zeit für sie hat." Dabei sprechen sie und ihre Kollegen mit den Besuchern der Ladenkirche im wahrsten Sinne über Gott und die Welt, ohne das es immer gleich um Religion gehen müsste.
Superintendent Helmut Hitzbleck, der die Evangelische Ladenkirche wie mancher seiner Pfarrerkollegen auch gerne als Ort für seine Sprechstunde nutzt, begreift die Ladenkirche als ein "Stück Öffentlichkeitsarbeit" und weist darauf hin, dass jährlich 60 bis 90 Menschen die Ladenkirche als Anlaufpunkt nutzen, um "in einer freien Atmosphäre das Gespräch zu suchen" und wieder in die Evangelische Kirche einzutreten. Auch Hitzblecks katholischer Amtsbruder, Stadtdechant Michael Janßen, der bedauert, dass es seiner Zeit nicht zu einer ökumenischen Ladenkirche gekommen ist, weiß, "dass der allergrößte Teil der Menschen, die in die katholische Kirche eintreten über ein Gespräch in der Ladenkirche zu uns Pfarrern kommen."
Janßens Amtsvorgänger und Ehrenstadtdechant von Schwartzenberg hält die Ladenkirche für unverzichtbar, "weil wir als Kirche auch dort hingehen müssen, wo die Menschen sind, die nicht auf die Idee kämen, die Schwelle einer Kirche zu übertreten."
Mit jeweils rund 52 000 Gemeindemitgliedern, stellen Katholiken und Protestanten in Mülheim je ein knappes Drittel der Stadtbevölkerung. Beide Stadtkirchen haben sich in den vergangenen Jahren mit zum Teil schmerzvollen Gemeindefusionen auf weiter sinkende Kirchensteuereinnahmen eingestellt. Der Evangelische Kirchenkreis, der für 2010 5,25 Millionen Euro Kirchensteuer einnahm, geht davon aus, bis 2015 2,5 Millionen Euro seiner Mittel einsparen zu müssen. Die hauptamtliche Mitarbeiterstelle in der Evangelischen Ladenkirche wurde halbiert. Auf katholischer Seite reduzierten sich die Kirchensteuerzuweisungen des Bistums mit der Gründung der drei neuen Groß-Pfarreien 2006 von 1,7 Millionen auf eine Million Euro. Personal musste abgebaut und der katholische Gemeindeverband aufgelöst werden.Die katholische Ladenkirche am Kohlenkamp 30 ist unter der Rufnummer: 2999 678 erreichbar und werktags (10-18 Uhr) sowie samstags (10-14 Uhr geöffnet. Die evangelische Ladenkirche an der Kaiserstraße 4 (Rufnummer: 305 67 31) ist wochentags zur gleichen Zeit und samstags von 11 bis 14 Uhr geöffnet.
Dieser Beitrag erschien am 24. September 2011 in der NRZ
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Werner Gilles: Ein Maler aus Mülheim wird 50 Jahre nach seinem Tod vom Kunstmuseum Alte Post mit einer Ausstellung geehrt:

Träumender und Sehender. Unter diesem Titel präsentiert das Kunstmuseum in de Alten Post von Sonntag, 9. Oktober, bis zum 8. Januar eine Werkschau des Malers und Grafikers Werner Gilles (1894-1961), der zu den Meistern der klassischen Moderne gehört. Im Vorfeld der Ausstellung sprach ich für die NRZ mit dem 1925 in Mülheim geborenen Gilles-Neffen Klaus Kleinheisterkamp über den Maler und dessen Verhälsnis zu Mülheim.
Welche Beziehung hatte Ihr Onkel zu Mülheim?
Er ist als Fünfjähriger zusammen mit seinen Eltern nach Heißen gekommen, wo sein Vater als Volksschullehrer unterrichtete.Frage: Wie stark war seine Bindung an die Stadt?Antwort: Er hat bis zum Ersten Weltkrieg in Mülheim gelebt, ehe er dann 1914 Soldat wurde. Später hat er zwar nicht mehr hier gelebt, war aber immer wieder in Mülheim zu Besuch und hat sich auch selbst immer als Mülheimer gesehen. Auch die Entwicklung seiner alten Schule, des Staatlichen Gymnasiums, das heute den Namen Otto Pankoks trägt, interessierte ihn sehr. Deshalb hat er in Mülheim nicht nur uns, sondern immer wieder auch seinen alten Kunstlehrer Borgmann besucht.
In welcher Beziehung standen Werner Gilles und Otto Pankok?
Dazu kann ich aus eigener Kenntnis nur wenig sagen. Ich weiß, dass sie Klassenkameraden am Staatlichen Gymnasium waren und während der 20er Jahre mehrfach gemeinsam in Frankreich waren. Später hat es dann aber eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben, über deren Ursache ich aber nichts herausfinden konnte. Ich weiß aber, dass mein Onkel Otto Pankok als Maler sehr geschätzt hat, auch deshalb, weil Pankok, wie er selbst, unter den Nazis als „entarteter Künstler“ galt.
Wie sah Gilles die Nationalsozialisten?
Er war Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg. Das entsprach dem damaligen deutschnationalen Zeitgeist. Auch als Student am Bauhaus war er noch deutschnational eingestellt, hat sich dann aber Ende der 1920er Jahre vom Gedanken des starken Deutschtums entfernt. Den Nationalsozialismus hat er von vorneherein abgelehnt, weil er immer wieder sagte: „Das kann nur Krieg geben.“ Während der NS-Zeit wurden einige seiner Bilder vernichtet. Er durfte nicht ausstellen und bekam kein Arbeitsmaterial. Doch er hatte Freunde, die ihm immer wieder ein Bild abgekauft und ihn somit unterstützt haben.
In welcher Beziehung stand Gilles zur Industriellenfamilie Stinnes?
Edmund Stinnes, der älteste Sohn von Hugo Stinnes senior und Bruder von Hugo Stinnes junior, war ein Klassenkamerad und Freund. Er hat ihm bereits nach dem Abitur 1913 ein Stipendium verschafft, das dann zwar durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde, mit dessen Hilfe er dann allerdings in den 20er Jahren am Bauhaus in Weimar und Dessau studieren konnte.
War Ihr Onkel als Künstler auch in seiner alten Heimat angesehen?
Werner Gilles hat seine große Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Ab 1948 hat er viele Bilder verkaufen können. Da war er dann auch finanziell gut gestellt, blieb aber weiter bescheiden. Wenn er während des Winters nach Mülheim kam, hat er sehr stark mit dem damaligen Museumsdirektor Werner Kruse und dem Kunstpädagogen Johannes Rickert zusammengearbeitet. Diese beiden haben sich immer wieder dafür eingesetzt, dass das städtische Museum für seinen Bestand auch Werke Mülheimer Künstler erwarb.
Was macht Ihren Onkel in Ihren Augen zu einem großen Maler?
In den 20er Jahren wurde er sehr stark von den neuen Klassikern wie Erich Heckel, Franz Marc und anderen beeinflusst. Später hat er sich dann selbstständig gemacht und nach dem Krieg auch sehr stark mystisch, religiös und durch die Insel Ischia inspiriert gemalt. Er hat immer versucht, den Gegenstand, den er malte, noch etwas mit zu erfassen und dann doch zu abstrahieren. Das ist, was ihn einmalig macht. Es gibt eigentlich keine Schule, die vergleichbar ist.
Dieser Beitrag erschien am 4. Oktober 2011 in der NRZ
Montag, 3. Oktober 2011
Sprechen wir über Deutschland und seine (Un)-Tugenden: Eine Mülheimer Umfrage zum Tag der Deutschen Einheit
Heute feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. An so einem Feiertag, an dem wir uns über die Wiedervereinigung unseres Landes freuen können, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich deutsch? Für die NRZ suchte ich nach Antworten und wurde fündig.
Der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan (73), der seit 1957 in Deutschland lebt, findet es typisch deutsch, "dass hier alles in vergleichbar ruhigen und geordneten Bahnen verläuft." Das fange schon beim Straßenverkehr an. Für den Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Rhein-Ruhr. Mustafa Okur (70) ist typisch deutsch, dass er als türkischer Zuwanderer eine berufliche und private Existenz aufbauen konnte und nach 50 Jahren in Deutschland sagen kann: "Hier ist meine Heimat."
Und das liegt für ihn "an den Menschen, mit denen ich hier lebe."Der am Otto-Pankok-Gymnasium unterrichtende Deutsch- und Geschichtslehrer Joachim Junik (59) sieht sein Deutschsein als "ein besonderes Gefühl für die deutsche Sprache und die Zugehörigkeit zur deutschen Sprache." Auch einen "in weiten Teilen kritischer und differenzierter Umgang mit der eigenen Geschichte", und ein vorsichtiger Patriotismus sind für ihn typisch deutsch. Deutsch?! Da denkt auch der Religionspädagoge und Israel-Experte des Städtepartnerschaftsvereins Gerhard Bennertz (73) neben der "Vielfalt des deutschen Waldes" an die "Wortvielfalt und komplexe Grammatik der deutschen Sprache." Die mache vielen Zuwanderern das Leben schwer, schaffe aber auch die Grundlage dafür: "sich in der deutschen Sprache besonders präzise ausdrücken zu können."
Denkt der Heißener Pfarrer Michael Manz (48) an Deutschland, fallen ihm das Nörgeln und die Unzufriedenheit als deutsche Untugenden ein. "Wir suchen erst mal das Haar in der Suppe, bevor wir sie überhaupt kochen", glaubt Manz. Den deutschen Perfektionismus sieht er als "unser preußisches Erbe", dass uns das Leben schwer macht. "Wir wollen alles perfekt haben und wenn es nicht so ist, fangen wir an zu meckern", schreibt er uns Deutschen ins nationale Stammbuch.Auch der Leiter des Altenheines Ruhrgarten, Oskar Dierbach, hat manchmal den Eindruck, "dass wir Deutschen jammern, bis der Arzt kommt und uns durch eine totale Ökonomisierung bekloppt machen lassen, statt uns auf unser kreatives Potenzial und unsere guten Ansätze in Bildung, Kultur und Nächstenliebe zu besinnen."
Für Markthändler Heinz Rademacher (76), der mit seiner Familie die Fische von der deutschen Waterkant auf den Mülheimer Wochenmarkt an der Schloßstraße bringt, sind: "Fleiß, Pünktlichkeit und das Streben nach Regelmäßigkeit und Ordnung" deutsche Tugenden.Für den 41-jährigen Jens Roepstorff , der als Stadtarchivar unsere Geschichte bewahrt, dokumentiert und vermittelt, sind "Pessimismus und Zukunftsangst" typisch deutsche Charakterzüge. "Wir gucken immer pessimistisch in die Zukunft, obwohl es uns besser geht als vielen anderen Ländern und auch unsere Geschichte zeigt, dass es wieder aufwärts gehen kann, auch wenn man am Boden liegt."
Für den am Löhberg ansässigen Buchhändler Michael Fehst (47) sind "Regulierungswut und das starre Festhalten an überkommenen Dingen, die wir eigentlich nicht mehr brauchen" typisch deutsch, egal, ob im Straßenverkehr, in der Schullandschaft oder beim Steuerrecht. "Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Treue" sieht die aus dem heute polnischen Teil Pommerns stammende Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Margrit Schlegel , als typisch deutsche Tugenden. "Wir Deutschen versprechen nicht so leichtfertig etwas. Wenn wir das Gefühl haben, ein Versprechen nicht einhalten zu können, lehnen wir einen an uns herangetragenen Wunsch im Zweifel lieber gleich ab", beschreibt Schlegel, die in ihrer alten Heimat regelmäßig deutsch-polnische Seminare durchführt, ihre Landsleute."
Genauigkeit, Gründlichkeit und latente Unfreundlichkeit", sieht die 54-jährige Leiterin der Schule am Hexbachtal, Ulrike Nixdorff , als typisch deutsche Charakterzüge. Genauigkeit und Gründlichkeit entspringen ihrer Ansicht nach dem Wunsch, es nach den Erfahrungen von NS-Diktatur und Krieg "wieder gut und besser zu machen und das wieder aufzubauen, was in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört worden ist." Dazu gehört für sie auch ein bewusster und kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte. Die latente Unfreundlichkeit ihrer Landsleute führt Nixdorff schlicht auf das schlechte Wetter zurück. Ein Mann aus Jamaika sagte ihr jüngst: "Wie kann man fröhlich sein, wenn der Himmel und die Häuser grau sind."
Fröhlich sein? Schauspieler und Regisseur Dean Luthmann (65) attestiert seinen Landsleuten nicht nur einen Hang zur bürokratischen Pedanterie, sondern auch eine "gewisse Humorlosigkeit", die manchmal darin gipfelt, "sich lieber auf Kosten anderer zu amüsieren, statt über sich selbst zu lachen."Die blau-weiße Karnevalistin Dagmar Bohnenkamp (59) traut den Deutschen dagegen auch Frohsinn zu. Sie sieht aber einen auf der Basis individueller Freiwilligkeit funktionierenden Familiensinn, der nicht durch kulturelle Normen erzwungen wird, ebenso als deutsche Tugend wie das starke Bewusstsein für Sauberkeit und Anspruch: "Wenn ich etwas mache, muss ich es gut machen. Sonst kann ich es gleich bleiben lassen."
Alt-Bürgermeister Günter Weber (75), der sowohl den Tag des Mauerbaus wie den des Mauerfalls in Berlin erlebte, sieht die "Gründlichkeit" im Guten wie im Schlechten als typisch deutsche Eigenschaft. Das macht er an dem enormen Unheil fest, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg angerichtet haben, aber auch in dem erfolgreichen Streben, "sich nach dem totalen Krieg einzubringen, um eine bessere Welt wieder aufzubauen."Künstler Peter Torsten Schultz (67) beschreibt das typisch Deutsche im Telegrammstil: "Märchen, Brot, Eigenheime, Wandern, Recht haben, aufräumen, arbeiten, krank werden, Tatort gucken, nach Amerika gucken und europäisch denken."
Für seine Künstlerkollegin Ursula Vehar (71) geht das Deutschsein durch den Magen: "Unseren Pflaumenkuchen mit Zimt, Zucker und Schlagsahne gibt es so in keinem anderen Land der Welt", weiß sie von ihren ausländischen Freunden und Gästen, die sich von ihr immer wieder einen typisch deutschen Pflaumenkuchen wünschen.
Dieser Beitrag erschien am 3. Oktober 2011 in der NRZ
Der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan (73), der seit 1957 in Deutschland lebt, findet es typisch deutsch, "dass hier alles in vergleichbar ruhigen und geordneten Bahnen verläuft." Das fange schon beim Straßenverkehr an. Für den Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Rhein-Ruhr. Mustafa Okur (70) ist typisch deutsch, dass er als türkischer Zuwanderer eine berufliche und private Existenz aufbauen konnte und nach 50 Jahren in Deutschland sagen kann: "Hier ist meine Heimat."
Und das liegt für ihn "an den Menschen, mit denen ich hier lebe."Der am Otto-Pankok-Gymnasium unterrichtende Deutsch- und Geschichtslehrer Joachim Junik (59) sieht sein Deutschsein als "ein besonderes Gefühl für die deutsche Sprache und die Zugehörigkeit zur deutschen Sprache." Auch einen "in weiten Teilen kritischer und differenzierter Umgang mit der eigenen Geschichte", und ein vorsichtiger Patriotismus sind für ihn typisch deutsch. Deutsch?! Da denkt auch der Religionspädagoge und Israel-Experte des Städtepartnerschaftsvereins Gerhard Bennertz (73) neben der "Vielfalt des deutschen Waldes" an die "Wortvielfalt und komplexe Grammatik der deutschen Sprache." Die mache vielen Zuwanderern das Leben schwer, schaffe aber auch die Grundlage dafür: "sich in der deutschen Sprache besonders präzise ausdrücken zu können."
Denkt der Heißener Pfarrer Michael Manz (48) an Deutschland, fallen ihm das Nörgeln und die Unzufriedenheit als deutsche Untugenden ein. "Wir suchen erst mal das Haar in der Suppe, bevor wir sie überhaupt kochen", glaubt Manz. Den deutschen Perfektionismus sieht er als "unser preußisches Erbe", dass uns das Leben schwer macht. "Wir wollen alles perfekt haben und wenn es nicht so ist, fangen wir an zu meckern", schreibt er uns Deutschen ins nationale Stammbuch.Auch der Leiter des Altenheines Ruhrgarten, Oskar Dierbach, hat manchmal den Eindruck, "dass wir Deutschen jammern, bis der Arzt kommt und uns durch eine totale Ökonomisierung bekloppt machen lassen, statt uns auf unser kreatives Potenzial und unsere guten Ansätze in Bildung, Kultur und Nächstenliebe zu besinnen."
Für Markthändler Heinz Rademacher (76), der mit seiner Familie die Fische von der deutschen Waterkant auf den Mülheimer Wochenmarkt an der Schloßstraße bringt, sind: "Fleiß, Pünktlichkeit und das Streben nach Regelmäßigkeit und Ordnung" deutsche Tugenden.Für den 41-jährigen Jens Roepstorff , der als Stadtarchivar unsere Geschichte bewahrt, dokumentiert und vermittelt, sind "Pessimismus und Zukunftsangst" typisch deutsche Charakterzüge. "Wir gucken immer pessimistisch in die Zukunft, obwohl es uns besser geht als vielen anderen Ländern und auch unsere Geschichte zeigt, dass es wieder aufwärts gehen kann, auch wenn man am Boden liegt."
Für den am Löhberg ansässigen Buchhändler Michael Fehst (47) sind "Regulierungswut und das starre Festhalten an überkommenen Dingen, die wir eigentlich nicht mehr brauchen" typisch deutsch, egal, ob im Straßenverkehr, in der Schullandschaft oder beim Steuerrecht. "Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Treue" sieht die aus dem heute polnischen Teil Pommerns stammende Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Margrit Schlegel , als typisch deutsche Tugenden. "Wir Deutschen versprechen nicht so leichtfertig etwas. Wenn wir das Gefühl haben, ein Versprechen nicht einhalten zu können, lehnen wir einen an uns herangetragenen Wunsch im Zweifel lieber gleich ab", beschreibt Schlegel, die in ihrer alten Heimat regelmäßig deutsch-polnische Seminare durchführt, ihre Landsleute."
Genauigkeit, Gründlichkeit und latente Unfreundlichkeit", sieht die 54-jährige Leiterin der Schule am Hexbachtal, Ulrike Nixdorff , als typisch deutsche Charakterzüge. Genauigkeit und Gründlichkeit entspringen ihrer Ansicht nach dem Wunsch, es nach den Erfahrungen von NS-Diktatur und Krieg "wieder gut und besser zu machen und das wieder aufzubauen, was in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört worden ist." Dazu gehört für sie auch ein bewusster und kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte. Die latente Unfreundlichkeit ihrer Landsleute führt Nixdorff schlicht auf das schlechte Wetter zurück. Ein Mann aus Jamaika sagte ihr jüngst: "Wie kann man fröhlich sein, wenn der Himmel und die Häuser grau sind."
Fröhlich sein? Schauspieler und Regisseur Dean Luthmann (65) attestiert seinen Landsleuten nicht nur einen Hang zur bürokratischen Pedanterie, sondern auch eine "gewisse Humorlosigkeit", die manchmal darin gipfelt, "sich lieber auf Kosten anderer zu amüsieren, statt über sich selbst zu lachen."Die blau-weiße Karnevalistin Dagmar Bohnenkamp (59) traut den Deutschen dagegen auch Frohsinn zu. Sie sieht aber einen auf der Basis individueller Freiwilligkeit funktionierenden Familiensinn, der nicht durch kulturelle Normen erzwungen wird, ebenso als deutsche Tugend wie das starke Bewusstsein für Sauberkeit und Anspruch: "Wenn ich etwas mache, muss ich es gut machen. Sonst kann ich es gleich bleiben lassen."
Alt-Bürgermeister Günter Weber (75), der sowohl den Tag des Mauerbaus wie den des Mauerfalls in Berlin erlebte, sieht die "Gründlichkeit" im Guten wie im Schlechten als typisch deutsche Eigenschaft. Das macht er an dem enormen Unheil fest, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg angerichtet haben, aber auch in dem erfolgreichen Streben, "sich nach dem totalen Krieg einzubringen, um eine bessere Welt wieder aufzubauen."Künstler Peter Torsten Schultz (67) beschreibt das typisch Deutsche im Telegrammstil: "Märchen, Brot, Eigenheime, Wandern, Recht haben, aufräumen, arbeiten, krank werden, Tatort gucken, nach Amerika gucken und europäisch denken."
Für seine Künstlerkollegin Ursula Vehar (71) geht das Deutschsein durch den Magen: "Unseren Pflaumenkuchen mit Zimt, Zucker und Schlagsahne gibt es so in keinem anderen Land der Welt", weiß sie von ihren ausländischen Freunden und Gästen, die sich von ihr immer wieder einen typisch deutschen Pflaumenkuchen wünschen.
Dieser Beitrag erschien am 3. Oktober 2011 in der NRZ
Sonntag, 2. Oktober 2011
Warum sich Kirchen und Gewerkschaften dafür stark machen, dass der Sonntag Sonntag bleibt

War heute was? Ach ja. Sonntag! Bereits am Samstag ging die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) auf die Straße, um vor der Ladenkirche am Kohlenkamp mit Passanten über den Wert des Sonntags ins Gespräch zu kommen. Warum und mit welcher Resonanz? Für die NRZ fragte ich den Vorsitzenden des KAB-Stadtverbandes, Hermann Meßmann.
Warum gehen Sie für den Sonntag auf die Straße?
Wir machen gemeinsam mit den Gewerkschaften Aktionen, weil wir die Sonntagsruhe bewahren wollen. Für uns als KAB geht es natürlich auch darum, dass die Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und zu gesellschaftlich relevanten Themen Stellung bezieht.
War Ihren Gesprächspartnern der Sonntag wichtig?
Die Menschen erkennen, dass die Sonntagsruhe immer mehr ausgehöhlt wird, auch wenn viele aus wirtschaftlichen Gründen schon mal eine Sonntagsschicht mitgenommen haben. Ich habe in den Gesprächen eine positive Resonanz gespürt und bin unter diesem Eindruck mehr denn je sehr dafür, dass die ausufernden Ladenöffnungszeiten wieder zurückgeschraubt werden sollten. Ich muss nicht spät abends oder nachts noch ein Pfund Zucker kaufen können. Das kann ich den ganzen Tag über erledigen. Ich denke dabei an die vielen Mitarbeiter im Einzelhandel, die aus ihren Familien gerissen werden, weil sie noch am späten Abend oder eben sonntags Dienst tun müssen.
Brauchen wir nicht auch Sonntagsarbeit und tut es ein anderer freier Tag in der Woche nicht auch?
Dinge, die sein müssen, wie Dienst am Kranken oder gesellschaftliche Hilfsdienste, müssen natürlich auch am Sonntag geleistet werden. Aber die Sonntagsarbeit, die nicht unbedingt sein muss, sollte reduziert werden. Denn am Sonntag besteht die Möglichkeit, dass die Familie wieder zusammenfindet und gemeinsam Dinge erleben kann. Dazu gehört für mich natürlich auch der religiöse Bereich. Die Familie hat aus unserer Sicht oberste Priorität, weil sie die Grundlage der Gesellschaft ist.
Dieser Beitrag erschien am 26. September 2011 in der NRZ
Mittwoch, 14. September 2011
Urlaub anno dazumal: Erinnerungen an die gute alte Sommerfrische


Sommerzeit ist Urlaubszeit. Und der Trend, so bestätigt Alexandra Scholz vom Speldorfer Reisebüro Fleck, geht wieder zum Urlaub im eigenen Land, "weil es preiswerter ist und viele Leute auch nicht gerne fliegen." Die Reisekauffrau und ihre Kollegen stellen fest, dass vor allem der Urlaub an Ost- und Nordsee hoch im Kurs steht. Wer keine Flugangst hat und sich viel Sonne für wenig Geld wünscht, den zieht es laut Scholz derzeit vor allem in die Türkei oder nach Ägypten und Tunesien, während klassische Urlaubsziele wie Ibiza und Menorca wegen gestiegener Preise weniger attraktiv seien, anders, als die "gut gebuchten" Kreuzfahrten und das Urlaubsziel schlechthin: Mallorca. Da sei vor allem bei ganz jungen Urlaubern gefragt.
Wie machten eigentlich unsere Eltern und Großeltern Urlaub, als von All inclusive noch keine Rede war. Aus erster Hand erfahre ich von meiner Mutter Edith Emons, die gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, dass sie in ihren Kindertagen mit Vater, Mutter und zwei jüngeren Geschwistern "entweder in unserem eigenen Schrebergarten in Köln oder auf Bauerhöfen im Westerwald und im österreichischen Vorarlberg" ihre Sommerfrische verlebt hat. "Da konnte man Tiere entdecken und mit Freunden spielen. Außerdem kam man schnell dort hin und es war preiswert," schildert sie die unschlagbaren Vorteile der sommerlichen Landpartien, als die Kinder noch nicht kriegsbedingt aufs Land verschickt werden mussten.
Meine Zeitreise auf der Suche nach der Sommerfrische von Anno Dazumal führt mich weiter in das Haus Ruhrgarten an der Mendener Straße. Der Name ist Programm. Beim Ausblick auf die Ruhr fühlt man sich gleich, wie im Urlaub. Hier treffe ich unter anderem die 85-jährige Sophia Heinz. Sie verbindet den Sommer ihrer Kindheit nicht mit Urlaub, sondern "mit viel Arbeit." Denn ihre Eltern betrieben eine Landwirtschaft und brauchten die Tochter im Sommer als Erntehelferin. Den ersten richtigen Urlaub erlebte sie erst Ende der 60er Jahre bei einer Familienfreizeit im ostwestfälischen Bracke. "Dort gab es für unsere Kinder jede Menge Spiel, Sport und Programm. Und mein Mann und ich konnten einmal in aller Ruhe spazieren gehen und die wunderbare Landschaft genießen," erinnert sie sich an ihre Sommerfrische in der Bibelschule von Bracke. Urlaub in einer Bibelschule? "Ja. Denn mein christlicher Glaube hat mir immer viel Kraft gegeben und mich froh gemacht", sagt Heinz im Rückblick auf ihre Lebensreise.
Ähnlich erging es auch ihrer 1921 in Selbeck geborenen Mitbewohnerin Margarete Anstütz. "Im Sommer sind wir schön zu Hause geblieben. Denn meine Eltern hatten eine große Landwirtschaft. Wir hatten selbst Feriengäste und haben auf dem Feld mitgeholfen. Außerdem durften wir in den Sommerferien immer länger aufbleiben." Nur bedingt in guter Erinnerung hat sie dagegen den ersten Urlaub, den sie vor 60 Jahren mit ihrem frisch angetrauten Mann an der ostfriesischen Waterkant und mit einer eifersüchtigen Schwiegermutter im Gepäck verbracht hat. "Ein Mal und nie wieder", resümiert Anstütz.
Ihre 95-jährige Mitbewohnerin Leni Haag, die den Ruhrgarten bereits aus ihrem früheren Engagement als Grüne Dame bei der Evangelischen Krankenhaushilfe kennt, verbrachte die Sommerferien ihrer Kindheit entweder in Hiddensen bei Detmold, also im Teutoburger Wald, oder bei Opa und Onkel, die in Trebin bei Lukenwalde, also in der Nähe von Berlin, einen großen Bauernhof betrieben. Natürlich besuchte sie mit ihren Schwestern im Teutoburger Wald auch das Hermanns-Denkmal. Allemal lieber waren ihr aber die Wanderungen, bei denen sie unzählige Blumen pflücken konnte. Bei den Ferien auf dem Lande fand sie es spannend, Kühe, Schweine und Hunde zu füttern oder dem Opa, der eine Bienenzucht betrieb, beim Schleudern des Honigs zuzuschauen. Im Rückblick bleiben Haag auch die sommerlichen Opernbesuche bei Wagners auf dem Grünen Hügel in Bayreuth in guter Erinnerung, die sie sich später zusammen mit einer Schwester immer wieder gerne gönnte.
Margarete Dütemeyer (87) und ihre sechs Geschwister hatten bei der Fahrt in die Sommerferien einen unschlagbaren Preisvorteil: einen Vater, der bei der Eisenbahn arbeitete. Wenn sich Dütemeyer daran erinnert, wo sie und ihre Geschwister den Sommer verlebten, dann erinnert sie sich an Bauernhöfe und Landgüter im Lipper- und im Oldenburger Land oder auch in der Magdeburger Börde. Mal musste sie den Pferden Hafer geben, mal die Kinder des Gutsbesitzers hüten, mal im Hühnerstall die Eier fürs Frühstück einsammeln. Die Zeit auf dem Lande war für die Kinder aus dem Ruhrgebiet die reinste Aufpäppelung, bei der sich jeder nach Herzenslust satt essen durfte. In der Rückschau auf ihre Jugend ist ihr aber auch eine Reise auf die Nordseeinsel Baltrum unvergessen geblieben, die sie als Mitglied der Mädchengruppe ihrer Kirchengemeinde erlebte. Noch heute gerät sie ins Schwärmen, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie mit ihren Kameradinnen am Strand spielte, im Meer schwamm oder in den Dünen den Sonnenuntergang beobachtete.
Dass Berlin immer eine Reise wert ist, kann die 86-jährige Martha Lange aus eigener Anschauung bestätigen. Den beeindruckendsten Sommerurlaub ihrer Jugend verbrachte die 14-Jährige in der Deutschen Hauptstadt. Der Onkel besuchte mit ihr den Zoologischen Garten und die Tante ging mit ihr abends ins Kabarett. Nicht minder beeindruckte sie dort die erste U-Bahn-Fahrt ihres Lebens. "So etwas kannten wir hier damals ja noch gar nicht", erinnert sich die gebürtige Saarnerin an ihren abenteuerlichen Sommerurlaub in der Weltstadt.
Dieser Beitrag erschien am 11. August 2011 in der NRZ
Dieser Beitrag erschien am 11. August 2011 in der NRZ
Montag, 12. September 2011
Warum brauchen wir eigentlich Denkmalschutz? Ein Gespräch mit dem Mülheimer Architekten Wolfgang Kamieth, der in einem Denkmal zu Hause ist

Zum Tag des offenen Denkmals sprach ich für die NRZ mit Wolfgang Kamiethdarüber, warum wir den Denkmalschutz als Gesellschaft brauchen. Als Architekt ist Kamieth nicht nur am Bau neuer Häuser interessiert. Er selbst wohnt zusammen mit seiner Frau Annette in einem sehr alten Fachwerkhaus, das 1784 am Ruhrufer errichtet wurde und das er 1988 erworben und restauriert hat.
Damals mussten wir jeden Balken nummerieren und 80 Prozent des Fachwerkes austauschen, weil die Balken verfault waren, erinnert sich Kamieth an den Kraftakt.In einem Haus zu wohnen, in dem schon viele Generationen vor uns gelebt haben, fasziniert ihn. Wir können uns nur mit unserer Zukunft beschäftigen, wenn wir auch unsere Vergangenheit kennen, ist Kamieth überzeugt. Er selbst hat sich sehr intensiv mit der Geschichte seines Hauses und dessen früheren Bewohnern beschäftigt, die er bis 1812 zurückverfolgen kann. Er weiß, dass hier früher Ruhrschiffer und Schlosser lebten und arbeiteten. An der Fassade hat er auch Hinweise auf Vorrichtungen gefunden, die zeigen, dass die alten Mölmschen hier früher ihre Pferde festmachen und ein Päuschen mit Ruhrblick einlegen konnten. Ob hier auch mal aus- und eingeschenkt wurde, konnte ich aber bisher nicht herausfinden, bedauert Kamieth.
Was macht ein Haus oder ein Gebäude zum Denkmal? Wenn es das Stadtbild prägt und für eine Epoche steht, sagt der Architekt. Denkmalschutz ist für ihn deshalb kein Selbstzweck, sondern eine elementare Aufgabe der Stadt, weil wir als Menschen Bilder brauchen, die uns unsere kulturellen Entwicklung vor Augen führen und unsere Identität prägen.Deshalb macht es aus seiner Sicht auch Sinn, Denkmäler und Wahrzeichen, wie die Alte Post, die Petrikirche oder das Schloss Broich zu erhalten, obwohl man heute sicher kein Schloss Broich mehr bauen würde. Dass man Anfang der 60er Jahre darüber nachdachte, die Broicher Burg abzureißen, kann er sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Aber auch die in den frühen 70er Jahren entstandenen Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz mag er in diesem Sinne nicht als schlecht und falsch verurteilen, sondern sieht sie als Zeugen für den modernistischen Zeitgeist der 70er Jahre, in denen alles Alte als schlecht galt und die Menschen mit ganz anderen Erwartungen und Vorstellungen lebten.
Er selbst hat in den 70er Jahren Architektur studiert und erinnert sich noch gut daran, dass wir damals für Denkmalschutz gar nicht sensibilisiert wurden. Die Faszination für die Restaurierung alter Häuser packte ihn aber schon bald, als der junge Architekt für eine große Wohnungsbaugesellschaft in Duisburg eine alte Arbeitersiedlung wiederstellen musste. Bei Neubauprojekten arbeitet man am Schreibtisch, aber bei der Restaurierung von Altbauten muss man vor Ort sein. Da ist man festgelegt und muss sehen, was man aus dem machen kann, was man vorfindet beschreibt der Architekt seine Begeisterung für denkmalgeschütztes Bauen.
Durchaus kritisch sieht er die Privatisierung von Häusern in den alten Arbeitersiedlungen Heimaterde und Mausegatt. Dort, wo privatisiert wird und jeder Hauseigentümer individuell entscheiden kann, ob er zum Beispiel ein altes Holz- durch einen Kunststofffenster ersetzen kann, geht ein Stück des ursprünglichen Charakters der Siedlung verloren, glaubt Kamieth.Obwohl er sich in diesen Fällen eine strengere Gestaltungssatzung, wie in den Niederlanden wünschen würde, begrüßt er es, dass der Denkmalschutz heute nicht mehr so regide ist wie noch vor einigen Jahren und verstärkt auch die moderne Nutzung alter Gebäude im Blick hat, wenn zum Beispiel eine Gründerzeitvilla mit einem Halbetagenaufzug barrierefreier gemacht werden muss. Deshalb macht es für Kamieth auch nur dann Sinn, ein altes Gebäude zu erhalten, wenn es heute sinnvoll genutzt werden kann, wie das zum Beispiel mit den alten Wassertürmen in Broich und Styrum geschehen ist, die als Camera Obscura mit Filmmuseum und als Aquarius mit Wassermuseum zu neuen Wahrzeichen in alten Mauern geworden ist.
Faszinierend findet es der Architekt aus dem Baujahr 1951, der heute auch als Energieberater in Sachen Wärmedämmung unterwegs ist, dass alte Häuser, wie die über 600 Jahre alte Walkmühle im Rumbachtal oder auch viele alte Kirchen mit so dicken Mauern gebaut wurden, dass sie es bis heute mit jeder modernen Wärmedämmung aufnehmen können.Beim Bau eines Hauses maßstäblich auf menschliche Proportionen und Symmetrien zu achten und Baumaterial aus der Region zu verwenden, sind für den Architekten Kamieth die wichtigsten Lehren der alten Baumeister, die es in seinen Augen bis heute zu beherzigen gilt, weil sie unsere Häuser, Straßen und Städte schön machen.
Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ
Dieser Beitrag erschien am 10. September 2011 in der NRZ
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