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Und kein Friede auf Erden: Rückblick auf den Luftangriff, der Mülheim am 24. Dezember 1944 traf

Am 24. Dezember 1944 werden die Mülheimer jäh aus den Vorbereitungen auf den Heiligen Abend gerissen. Um 14.05 Uhr heulen die Sirenen. 170 Bomber der Royal Airforce sind im Anflug. Ihr Ziel ist der Flughafen. Bei einem von insgesamt 160 Luftangriffen, die Mülheim im 2. Weltkrieg treffen, erleben und erleiden die Menschen den Krieg am eigenen Leib. Heute erinnert eine Gedenktafel hinter dem Sportplatz des SV Raadt daran. Der Krieg tritt vor 70 Jahren in seine letzte Phase. Amerikanische Truppen stehen in Aachen bereits auf deutschem Boden. Im April 1945 werden sie auch in Mülheim einmarschieren. Mitte Dezember startet die militärisch längst geschlagene Wehrmacht in den Ardennen eine letzte Gegenoffensive.

Als Antwort darauf bombardiert die britische Luftwaffe die Mülheimer Flughafensiedlung. In den 30er Jahren konnte man von Mülheim aus noch ins europäische Ausland fliegen. Doch seit 1940 ist aus dem Flugplatz, der damals größer war, als der in Düsseldorf, ein Fliegerhorst geworden. Hier sind 25 Kampfflugzeuge stationiert, die die Ardenenoffensive aus der Luft unterstützen sollen. 600 Menschen suchen nach dem Luftalarm Zuflucht in einem Hochbunker an der Windmühlenstraße. Unter ihnen sind nicht nur Anwohner aus dem Stadtteil Raadt, sondern auch Soldaten des Fliegerhorstes. Zwangsarbeiter aus einem nahen Lager haben keinen Zutritt. Zwischen 14.21 Uhr und 14.31 Uhr laden die britischen Bomber ihre tödliche Last ab. Eine 200-Kilo-Bombe durchschlägt die 1,40 Meter dicke Betondecke. Die Menschen, die im Obergeschoss des Hochbunkers Zuflucht gesucht haben, haben die geringste Überlebenschance. Auch im Erdgeschoss des Bunkers sterben viele Menschen, weil sie von herabstürzenden Toten und den Betonteilen der einstürzenden Zwischendecke erschlagen werden. Wer sich an den Außenwänden im Erdgeschoss aufhält, hat die größte Überlebenschance. Die genaue Zahl der Toten kann nie ganz genau festgestellt werden. Schätzungen schwanken zwischen 50 und 340.

Den Überlebenden des Bombentreffers raubt der Betonstaub die Atemluft. Über Trümmer und Leichen müssen sie steigen, um aus dem Hochbunker herauszukommen. Zwei Stunden vergehen, ehe die ersten Rettungshelfer an der Windmühlenstraße eingetroffen sind, um sich um die Verletzten zu kümmern. Sie sind von den Überlebenden ins Freie getragen worden.
Auch jenseits des Flughafensiedlung bringt der Luftangriff vom 24. Dezember 1944 Tod und Verwüstung. Die Druckwellen der britischen Bomben lassen Türen und Fenster bersten. Im Evangelischen Krankenhaus reichen die Räume und Betten nicht aus, um die vielen Verletzten zu versorgen. Viele müssen notdürftig im Keller gelagert werden.

Irrsinn der Geschichte: Das eigentliche Ziel des Luftangriffs, die auf dem Flugplatz stationierten Kampfflugzeuge der Wehrmacht, bleiben unbeschädigt, weil sie vor dem Angriff in ein nahes Waldstück gebracht worden sind. Doch das Rollfeld des Fliegerhorstes sieht nach dem Angriff wie eine Kraterlandschaft aus. Einen Schutzengel haben an diesem 24. Dezember 1944 allerdings die kleinen Patienten eines Kinderkrankenhauses, das damals im Haus Jugendgroschen an der Mendener Straße untergebracht ist und bei dem Luftangriff zerstört wird. Die Kinder bleiben an diesem höllischen Heiligabend-Tag unverletzt, weil sie während des Luftangriffes bei einer Weihnachtsfeier in der Nachbarschaft waren.
Der Hochbunker an der Windmühlenstraße wird nach Kriegsende als Handelslager genutzt und in den 80er Jahren abgerissen, um neuer Wohnbebauung Platz zu machen. Den Flugplatz macht die britische Militärregierung, die ab Juni 1945 in Mülheim das Sagen hat, zeitweise zum LKW-Parkplatz. Ab 1950 wird wieder geflogen, ohne dass der Flughafen seine Vorkriegsbedeutung zurückgewinnen kann.

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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