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Das Wetter als Existenzfrage: Ein Gespräch mit dem Mülheimer Landwirt Karl Wilhelm Kamann

Wie wird das Wetter? Für den Landwirt Karl Wilhelm Kamann ist das keine Frage des Small Talks, sondern eine der beruflichen Existenz.

Morgens geht sein erster Blick gen Himmel und der zweite auf sein altes Barometer. Zeigt es Hochdruck an, kann sich Kamann auf einen sonnigen und trockenen Tag einstellen. Das ist genau das Wetter, das er im Moment gut gebrauchen kann, um vor allem Weizen, Stroh und später Heu zu ernten. Roggen und Gerste hat er bereits gedroschen und eingefahren. Die Maisernte muss erst Ende September eingebracht werden. Doch mit dem Weizen kommt er derzeit nicht weiter. Denn sein Barometer zeigte nach einer zwischenzeitlichen Hochdruckphase immer wieder Tiefdruck an. „Wir hatten in den letzten Tagen und leider auch im gesamten Jahr zu viel Starkregen und zu wenige Trockenphasen. Weizen und Heu sind noch zu feucht, um sie zu dreschen und einzufahren“, bedauert Kamann.

Als der Westdeutsche Wetterdienst gestern erneut unwetterartigen Starkregen mit Niederschlag von 20 bis 30 Liter pro Quadratmeter voraussagte, war das für Kamann ein erneuter Strich durch seine Zeitrechnung.

Eigentlich hatte er nach dem Hochdruck-Intermezzo der letzten Tage auf eine natürliche Trocknung seiner noch nicht eingebrachten Weizen,- Stroh- und Heuernte gehofft. Denn nur wenn dessen Feuchtigkeitsgrad unter 14 Prozent liegt, kann Kamann die Ernte problemlos fortsetzen. Ohnehin muss er seine Mäh- und Dreschmaschinen derzeit drosseln, wenn Starkregen und Windböen von 70 bis 80 Stunden/Kilometern, wie sie jetzt vom Westdeutschen Wetterdienst vorhergesagt worden sind, die Weizenhalme in eine für den maschinellen Erntevorgang ungeeignete Schräglage bringen.

Wenn ihm der Starkregen keine andere Wahl lassen sollte, könnte er Weizen in einer Futtermittelfabrik, an die er ohnehin den größten Teil seiner Ernte liefert, künstlich belüften und so trockenen lassen. „Doch das wäre mit zusätzlichen Kosten verbunden“, erklärt er eine mögliche Regenauswirkung auf seinen Gewinn, der immer wieder auch durch Hagelschlag geschmälert wird. Dagegen hat sich der Landwirt, der in Winkhausen, Holthausen und Speldorf Ackerflächen von insgesamt 80 Hektar bewirtschaftet und darauf neben Getreide auch Rüben, Mais und Bohnen anpflanzt, sogar versichert. „Doch diese Versicherung greift erst ab einem hagelbedingten Ernteausfall von mindestens acht Prozent. Und selbst dann muss ich genau überlegen, ob ich den Schaden selbst trage oder im nächsten Jahr eine höhere Versicherungsprämie bezahlen will“, schildert Kamann den witterungsbedingten Teufel, der auch hier im Detail steckt.

Was ihn während der Erntezeit ärgert und um die Qualität der Ernte fürchten lässt, kommt dem Landwirt in der Wachstumsphase gerade recht. „Ist der Mai kalt und nass, fühlt es dem Bauern Scheune und Fass“, zitiert Kamann eine alte Bauernregel.

Auch wenn ihm die Starkregenfälle 2014 das Leben schwermachen und nicht nur den Pflanzen, sondern auch dem feuchtigkeitsspeichernden Lößlehmboden zusetzen, kennt Kamann als Landwirt in der vierten Generation seiner Familie auch aus früheren Jahrzehnten extreme Wetterschwankungen mit Jahren, in denen die Saat mal früher und mal später aufging, weil das Jahr entweder zu kalt oder zu warm, zu trocken oder zu nass war. „Solche Schwankungen gehören dazu. Damit muss man als Landwirt leben“, sagt Kamann und ist deshalb auch eher zurückhaltend, wenn vom Klimawandel die Rede ist. Für 2014 rechnet der Landwirt, der fast das Rentenalter erreicht hat, aber solange weiterarbeiten will, wie es seine Gesundheit erlaubt, mit einem durchschnittlichen Ernteertrag von 7 bis 8 Tonnen pro Hektar. In Spitzenjahren, in denen das Wetter mit einer kontinuierlichen und gemäßigten Abfolge von Kälte,- Wärme,- Nässe,- und Trockenperioden mitspielt, kann der Ernteertrag auch schon mal bei über 10 Tonnen pro Hektar liegen.

Dieser Text erschien am 9. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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