Dienstag, 4. Februar 2014

Beim Schaffner war es schöner: Eine ehemaliger Straßenbahnschaffner und zwei Kontrolleure der Mülheimer Verkehrsgesellschaft berichten aus ihrem Arbeitsalltag im öffentlichen Personennahverkehr: Damals und heute


„Schwarzfahrer aus Mülheim muss für acht Monate in den Knast“, titelte vor einiger Zeit die NRZ, als sie über einen 43-jährigen Wiederholungstäter berichtete, der bei Bus und Bahn zwar einsteigen, aber nicht bezahlen wollte. Schwarzfahren ist keine Lappalie oder gar ein Kavaliersdelikt. Das macht Olaf Frei von der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) mit einigen Zahlen deutlich.

„Früher gab es zwar auch Leute, die schwarzfuhren oder anderweitig Ärger machten, aber doch wesentlich weniger als heute“, erinnert sich Dietrich Bartels. Der 69-Jährige gehört zur letzten Generation der Mülheimer Straßenbahnfahrer, die noch bis zum Anfang der 70er Jahre parallel auch zu Schaffnern ausgebildet wurden. Als er Ende der 60er Jahre noch bei einer alten Lehrschaffnerin das kleine Einmaleins der Fahrkarten und Galoppwechsler lernte, mit denen man Fahrgästen per Hebeldruck ihr Wechselgeld herausgeben konnte, galt: „Wer eine Fahrkarte hat, steigt vorne beim Fahrer und wer eine Fahrkarte braucht, steigt hinten beim Schaffner ein..

Weil die alten Straßenbahnen kleiner waren und maximal 50 Fahrgästen Platz boten, waren die Chancen für Schwarzfahrer zwischen Fahrer und Schaffner äußerst gering. „Wer schwarzfahren wollte, musste im Grunde in der Mitte des Wagens einsteigen und dann ganz schnell bei der nächsten Haltestelle wieder aussteigen, um vielleicht nicht erwischt zu werden“, erinnert sich Bartels. Wer erwischt wurde, musste damals zehn und später 20 Mark Strafe zahlen. Heute ist das Bußgeld für Schwarzfahrer mit 40 Euro etwa viermal so hoch. Doch MVG-Sprecher Olaf Frei sähe das seit 2003 nicht mehr erhöhte Bußgeld lieber bei 60 Euro, weil er vorrechnet, dass sich die 40 Euro für Schwarzfahrer bei 16 unkontrollierte Fahrten schon rechnen können.

Deshalb hat die MVG stadtweit täglich acht Fahrkartenkontrolleure auf der Strecke. Zwei von ihnen sind Marcel (32) und Miguel (47). Ihre vollen Namen wollen sie in der Zeitung lieber nicht lesen. Denn die beiden Kontrolleure, man ahnt es, haben unter erwischten Schwarzfahrern viele Feinde. Bedrohungen, Beschimpfungen und auch gewalttätige Übergriffe vom Faustschlag bis zum Biss sind für sie keine Seltenheit. „Ich stech’ dich ab. Ich weiß, wo du wohnst.“ oder: „Man sieht sich immer zweimal“, zitiert Miguel, der früher mal beim Bundesgrenzschutz gearbeitet hat, einige Verbalattacken. Sein Kollege Marcel, der in seinem ersten Berufsleben als KFZ-Mechatroniker gearbeitet hat, „bevor er lieber was mit Menschen als mit Maschinen machen wollte“, schätzt, dass seine Kollegen und er 200 bis 300 Fahrgäste pro Tag kontrollieren und dabei etwa zwei bis dreimal pro Woche mit körperlichen Übergriffen konfrontiert werden. „Früher wurden ehemalige Fahrer als Kontrolleure eingesetzt. Heute haben wir alle ein Kampfsportausbildung und werden außerdem von der Polizei regelmäßig geschult“, berichtet Marcel, der zwar als Fahrkartenkontrolleur für die MVG arbeitet, aber als Wach- und Sicherheitsfachkraft bei der Vollmer-Gruppe angestellt ist.

„Wenn wir beschimpft werden, wissen wir, dass die Leute nicht uns meinen, sondern unseren Job“, beschreibt Miguel seine Ausgangsposition, mit der er vermeidet, sich im Ernstfall provozieren zu lassen. „Wir gehen immer mit drei oder vier Kollegen in einen Wagen, um uns gegenseitig zu sichern. Wir treten höflich, aber bestimmt auf und vermeiden es mit mehreren Kollegen frontal auf Fahrgäste zuzugehen, damit sich niemand angegriffen oder provoziert fühlt“, erklärt Marcel die Handlungsstrategie der Fahrkartenkontrolleure. In den zehn Jahren, die sie überblicken können haben Marcel und Miguel den Eindruck gewonnen, „dass es die klassischen Schwarzfahrer gar nicht gibt“. Ihr soziales Spektrum reiche vom Obdachlosen bis zum Professor. Außerdem seien sie zu allen Tages- und Nachtzeiten in Bussen und Bahnen anzutreffen. Auch ihre Zahl schwanke stetig und sei kaum einzuschätzen. Marcel hat das Gefühl, dass die Zahl und Aggressionsbereitschaft von Schwarzfahrern eher gleichbleibend hoch als steigend sei. „Viel gebracht“ haben aus seiner Sicht das stark ermäßigte Sozialticket für 29 Euro pro Monat und das allerdings nur einmalig von erwischten Schwarzfahrern zu nutzende Angebot, statt des Bußgeldes ein Aboticket 1000 oder 2000 zu erwerben.

Eines haben der alte Schaffner und die beiden jungen Kontrolleure aber trotz aller Unterschiede auch gemeinsam erfahren, nämlich das Fahrgäste auch sehr dankbar sein können, wenn die Kontrolleur zu Helfern werden und zum Beispiel einen Kinderwagen in die Bahn heben.

 

Dieser Text erschien am 23. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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