Donnerstag, 6. Februar 2014

15 Prozent der Mülheimer Kinder gelten als arm: Deshalb fordert der Mülheimer Sozialamtsleiter: "Wir müssen von den Daten zu Taten kommen"


Deutschland ist im Weltmaßstab ein reiches Land. Schaut man genau hin, ist das Bild nicht ganz so glänzend. Eric Seils und Helge Baumann haben das getan und im Auftrag des zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gehörenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (WSI) das Problem der Kinderarmut untersucht.. Dabei kamen sie unter anderem zu folgenden Ergebnissen: 2,4 Millionen Kinder (18,9 Prozent) sind von Armut bedroht, weil ihre Eltern weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Monatsnettoeinkommens von 1564 Euro zur Verfügung haben. Nach ihren Erkenntnissen sind im Regierungsbezirk Düsseldorf 22,7 Prozent der Unter-15-Jährigen von Armut bedroht und 21,3 Prozent leben mit ihren Familien von Arbeitslosengeld II.

Folgt man der Mülheimer Sozialstatistik, die sich aus Zahlen der kommunalen Stadtforschung und des statistischen Landesamtes speist, so gelten in Mülheim neun Prozent aller Familien und aller Kinder als von Armut bedroht, weil ihr monatliches Nettoeinkommen unter 750 Euro liegt. 13 Prozent der Familien und 15 Prozent der Kinder gelten als arm, weil sie monatlich weniger als 615 Euro zur Verfügung haben. Schaut man sich die Entwicklung des Arbeitslosengeld-II-Bezuges an, so zeigt sich, dass der Anteil der Mülheimer, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind, seit 2007 von 12,7 Prozent auf 14,1 Prozent angestiegen ist. Gleichzeitig stieg der Anteil der Unter-15-Jährigen, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind von 19,7 auf 23,9 Prozent.

Aus der Praxis weiß Sozialamtsleiter Klaus Konietzka, dass vor allem Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Zuwanderer ein besonders hohes Armutsrisiko tragen, weil sie im Spannungsfeld zwischen Bildung und bezahlbarer Kinderbetreuung besonders hohe Hürden überwinden müssen, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. „Wir haben heute einen sehr rigiden Arbeitsmarkt, der auf der einen Seite hohe Qualifikationen fordert und auf der anderen Seite einen wachsenden Niedriglohnsektor, in dem die Menschen mit ihrem Einkommen ihren Lebensunterhalt nicht alleine bestreiten können. Zwar ist Einkommenarmut nicht das alleinige, aber doch das erste und entscheidende Kriterium für Armut, aus dem sich alles andere ergibt“, unterstreicht Konietzka.

Auch wenn es für Mülheim keine unmittelbar vergleichbaren Zahlen gibt, bestätigt der Sozialamtsleiter aus seiner lokalen Sicht die Feststellung der Sozialforscher, das arme Kinder vor allem im Bereich der sozialen und kulturellen Aktivitäten, bei der Kleidung und bei der Anschaffung langlebiger Verbrauchsgüter erheblich öfter verzichten müssen, als ihre Altersgenossen aus Familien mit einem durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Einkommen. Ebenso wie die Sozialwissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung, sieht auch Konietzka im Bereich Wohnen und Ernährung weniger große Unterschiede.

Im Rahmen der kommunalen Familienberichterstattung hat die Stadt 800 repräsentativ ausgewählte Familien nach ihren Ausgaben für Kleidung und Spielzeug befragt. Dabei gaben 59 Prozent der nicht als arm geltenden Familien an, dass ihr Geld für Kleidung ausreichend sei. Diese Einschätzung teilten nur 23 Prozent der von Armut bedrohten und 14 Prozent der armen Familien. 68 Prozent der als nicht arm geltenden Familien hatten dagegen das Gefühl genug Geld für Spielzeug übrig zu haben, während nur 40 Prozent der armutsgefährdeten und 16 Prozent der armen Familien dieses Gefühl teilen konnten.

„Wir müssen von den Daten zu den Taten kommen“, weiß Konietzka. Der Sozialamtsleiter weiß aber auch: „Wir sind als Kommune finanziell nicht so ausgestattet, dass wir Kinderarmut strukturell bekämpfen könnten. Deshalb müssen wir uns auf individuelle Förderung konzentrieren und mit Hilfe von vorbeugenden Handlungsketten und Netzwerken der Entstehung von Kinderarmut entgegenwirken.“ Zu den Perlen solcher vorbeugenden Handlungsketten zählen für Konietzka der Einsatz von Familienhebammen und Familienpaten oder der kommunale Familienbesuchsservice, der junge Eltern auf Hilfsangebote hinweist, aber mehr frühkindliche Bildungsförderung in Kindertagesstätten, Frühförderung zur Überwindung sprachlicher und motorischer Handicaps oder stadtteil- und zielgruppenorientierte Beratungs-, Bildungs-, Kommunikations- und Hilfsangebote, wie sie zum Beispiel im Rahmen der Bildungspartnerschaften, von der Sozialagentur in Styrum oder dem Stadtteilmanagement Eppinghofen organisiert werden. Und natürlich gehören für Konietzka auch die vom Bund gerade reduzierten Leistungen aus Bildungs- und Teilhabepaket oder die Begleitung durch das U25-Haus zu dieser armutsbekämpfenden Handlungskette, weil hier Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien soziale und kulturelle Teilhabe, etwa durch Sport im Verein oder Musikunterricht und am Ende die Chance auf einen gelungenen Übergang von der Schule in den Beruf verschafft werden kann. Eben das verhindert dann auch Sozialhilfekarrieren.


Dieser Text erschien am 28, Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 

 

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