Mittwoch, 15. Januar 2014

Eine Oase in der Stadt: Kloster Saarn feiert in diesem Jahr seinen 800. Geburtstag: Wo früher Zisterzienserinnen beteten und arbeiteten, begegnen sich heute die Bürger

„Die Saat ist aufgegangen“, sagt Hans-Theo Horn, der gerade eine Stiftung zugunsten von Kloster Saarn gegründet hat. Zusammen mit seinen Saarner Klosterfreunden hat der ehemalige Kulturdezernent der Ruhrstadt in den letzten 30 Jahren dafür gesorgt, dass in alte Klostermauern neues Leben einzog. „In seiner Rechtsform existiert das Kloster Mariensaal nicht mehr, aber es ist weiterhin lebendig, weil es an das alte Klosterleben anknüpft und so zu einem Ort der Begegnung, der Kommunikation, aber auch der Glaubensvermittlung geworden ist“, freut sich Horn, der den Spitznamen „Klosterbruder“ in seiner Heimatstadt durchaus als Ehrentitel genießt.

Wo zwischen 1214 und 1808 Zisterzienserinnen arbeiteten und beteten, begegnen sich heute Bürger in einem Klostercafe, in einer Klosterbücherei, bei Führungen und Workshops in einem Kräutergarten oder auch im Kellergewölbe unter dem Kreuzgang. Dort wurde 2008 ein ehrenamtlich betreutes Klostermuseum eröffnet, in dem bisher 15.000 Menschen die wechselvolle Geschichte von Kloster Saarn entdeckt haben. „Seit ich regelmäßig Menschen durch dieses Museum führe, habe ich eine große Liebe zur Geschichte entwickelt und mit Blick auf das Leben der Nonnen begriffen, dass vieles, was uns in unserer heutigen Welt als materiell unverzichtbar erscheint, gar nicht so wichtig ist“, sagt Klosterfreund Wolfgang Geibert.

Die 800-jährige Klostergeschichte, die 2014 in Saarn mit einem großen Jubiläumsprogramm gefeiert wird, hat es in sich. Nachdem 1808 die letzten Zisterzienserinnen unter dem Druck der von der napoleonischen Verwaltung vorangetriebenen Säkularisierung das Kloster verlassen mussten, wurde dieser geistliche Ort über Jahrzehnte zu einer profanen Fabrik, in der erst Gewehre und später Tapeten hergestellt wurden. Als der Industrielle August Thyssen das als alte Kloster 1906 kaufte, wurde aus der Fabrik ein Bauernhof. Später schenkte Thyssen das im Süden des Ruhrgebietes gelegene Kloster der Stadt Mülheim, die dort Wohnungen einrichtete. Der ehemalige Saarner Stadtrat Hermann-Josef Hüßelbeck hat über viele Jahre mit seiner Familie in einer der 30 Klosterwohnungen gelebt. Er sagt: „Die friedliche Atmosphäre des Klosters hat eine positive Ausstrahlung auf die Menschen, die dort leben. Hier leben Alt und Jung in einer guten Nachbarschaft zusammen, in der man noch miteinander spricht und sich auch gegenseitig hilft.“

Ein großer Wendepunkt im Saarner Klosterleben war das Jahr 1979. Damals entschlossen sich das Bistum Essen, die Stadt Mülheim an der Ruhr und das Land Nordrhein-Westfalen, das in einem Dornröschenschlaf schlummernde Kloster zu restaurieren und mit neuem Leben zu erfüllen. 1983 gründete sich der Verein der Freunde und Förderer von Kloster Saarn, der zu einem Dreh- und Angelpunkt des neuen Klosterlebens werden sollte. 1985 starteten die Klosterfreunde in der Kloster- und Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt eine geistliche Konzertreihe „Musik im Kloster Saarn“, die sich unter der Federführung des Kirchenmusikers Werner Schepp, mit ihren Chor- und Orgelkonzerten ein landesweites Renommee erworben hat. „Die Musik im Kloster Saarn ist keine beliebige Veranstaltungsreihe. Sie hat eine klare Linie und orientiert sich mit ihren Konzerten am Kirchenjahr. Damit fördert sie die spirituelle Auseinandersetzung mit den christlichen Grundlagen unserer Kultur und betont die Bedeutung des Klosters als kulturelles Zentrum, das seine geistlichen Wurzeln nicht leugnet und mit dem Wissen von gestern und heute unsere Gegenwart gestaltet,“ unterstreicht der inzwischen als Professor an der Folkwangschule lehrende Schepp.

Doch das geistliche Leben im Kloster Saarn beschränkt sich heute keineswegs auf die Kirchenmusik. Wo früher bis zu 30 Zisterzienserinnen arbeiteten und beteten, leben heute mit Josef Prinz, Leo Vieten und Franz-Josef Flötgen drei Oblaten des heiligen Franz von Sales, die sich als Seelsorger mit einem großen Stamm von ehrenamtlichen Mitarbeitern um die 18.000 Seelen zählende Kloster-Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt kümmern.

„Es kommt nicht von ungefähr, dass man 2006 die Klosterkirche St. Mariä Himmelfahrt zur Pfarrkirche der neuen Linksruhr-Pfarrei gemacht hat, obwohl sie nicht die größte Kirche der Pfarrgemeinde ist. Und ich habe immer wieder den Eindruck, dass das Kloster einen Geist und eine Atmosphäre ausstrahlt, die Gemeindemitglieder anzieht, inspiriert und sich in besonderer Weise mit ihre Gemeinde identifizieren lässt. Und diesen Geist geben die in unserer Gemeinde aktiven Menschen auch an andere weiter,“ betont der aus Österreich stammende Pater Josef, der die Gemeinde seit 2010 leitet.

Nicht nur der Pfarrer, sondern auch die im Saarner Ortskern ansässigen Geschäftsfrauen Birte Jess und Birgitta Lange, bescheinigen dem alten Zisterzienserkloster, in dem heute nicht nur Gottesdienste und Kirchenkonzerte, sondern auch Ausstellungen, Klostergespräche zu historischen, theologischen und gesellschaftlichen Themen, Lesungen, Theateraufführungen, Bürgerversammlungen und Feste stattfinden, eine „unglaubliche Atmosphäre, die einen zur Ruhe und zu sich selbst kommen lässt.“ Die Umweltpädagogin Stefanie Horn, die seit 2011 den damals neu eingerichteten Kräutergarten des Klosters betreut, sagt: „Hier kann man wie in einer Oase Natur und Ruhe erleben.“ Tatsächlich wird die stark befahrene Bundesstraße, die am Kloster Saarn vorbei führt, zu einem kaum hörbaren Hintergrundsäuseln, sobald man durch die Toreinfahrt in den grünen Innenhof des Klosters tritt. Und spätestens, wenn man im Kreuzgang die dort aufgehängten Grabsteine und Wappen der einstigen Äbtissinnen betrachtet, fühlt man sich in das Klosterleben von Anno Dazumal zurückversetzt.
Nicht von ungefähr war das Kloster Saarn im europäischen Kulturhauptstadtjahr 2010 eine von 53 spirituellen Kulturtankstellen des Ruhrbistums. Und nicht von ungefähr treffen sich hier auch die Frauen von der Gemeindecaritas, die mit ihren Hausbesuchen, Haussammlungen und Weihnachtspaketen für Bedürftige die soziale Tradition des alten Klosters fortsetzen.

„Früher sind kranke und hilfsbedürftige Menschen zu den Nonnen ins Kloster gekommen“, erzählt die Vorsitzende der Gemeindecaritas, Christa Horn. „Auch heute ist für uns klar, dass die Caritas, als der tätige Liebesdienst in der Hinwendung zu den Menschen in Leid und Not, neben der Verkündigung des Wortes Gottes und der Feier der Sakramente einer der Kernaufträge der Katholischen Kirche und eine wichtige Säule der Gemeindearbeit ist.“ Klostrefreund Hans-Theo Horn, seine Frau Christa und seine Tochter Stefanie sind übrigens nicht die einzige Familie, die sich generationsübergreifend im 190 Mitglieder zählenden Verein der Freunde und Förderer von Kloster Saarn engagieren. Deshalb schaut dessen Vorsitzender Jörg Enaux auch optimistisch in die Zukunft, wenn er feststellt, „dass inzwischen viele jüngere Mitglieder in die Aufgaben des Fördervereins hinein gewachsen sind und dessen Arbeit fortführen werden.“ (Thomas Emons)

Weitere Informationen über Kloster Saarn und sein Jubiläumsprogramm 2014 findet man im Internet unter www.freunde-kloster-saarn.de

Dieser Text erschien am 31. Dezember 2013 in der katholischen Zeitung Die Tagespost

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