Freitag, 16. August 2019

Freibier statt Soli

Müßiggang ist aller Laster Anfang. Das sagt uns der Volksmund. Der hat gut Reden, auch wenn er sagt: „Wer nichts wird, wird Wirt!“ Beides ist natürlich eine maßlose Unterschätzung dessen, was es bedeutet, eine Gastwirtschaft so zu führen, dass sie wirtschaftlich und menschlich läuft wie das Bier aus dem Fass. Der Gastwirt muss von seiner Wirtschaft leben können. Und der Gast, der in die Wirtschaft geht, muss erst mal den Müßiggang dafür bekommen. Gestern las ich an dieser Stelle ernüchtert, dass seit 2007 jede vierte Kneipe ausgezapft hat, weil man an der Theke noch trinken, aber nicht mehr Leben noch lebenswert istrauchen darf.

So ist die Gastwirtschaft ein Spiegelbild der Volkswirtschaft, die eben auch von den Lastern des menschlichen Müßiggangs lebt. Was die Gesundheitsminister der Republik: („Rauchen tötet!“) plakativ verdammen, lässt bei ihren Kollegen aus dem Finanzressort die Sektkorken knallen, leider aber nicht „in der kleinen Kneipe in unserer Straße, wo das Leben noch Lebenswert ist“, wie es 1976 Peter Alexander besang.

Vielleicht sollte sich unser Bundeswirtschaftsminister, der ja offensichtlich auch kein Kostverächter ist, für eine Wirtschaftsförderprogramm einsetzen, in dem er den Solidaritätszuschlag Ost abschafft und in Form eines Freibierzuschlags der ganzen Republik zugutekommen lassen. Das wäre doch wirklich mal ein Akt der Solidarität, der die Wirtschaft im doppelten Sinne des Wortes ankurbeln würde und ein Grund zum Anstoßen wäre.


Dieser Text erschien am 16. August 2019 in der Neuen Ruhrzeitung

Donnerstag, 15. August 2019

Heute kocht man nicht nur elektrisch


Das kann ja heute um 19.30 Uhr in der Buchhandlung am Löhberg heiter werden. Kein Wunder. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Am heutigen Donnerstag werden dort Mülheimer Zeitzeugen über die Tücken der Haushaltstechnik berichten. „Jetzt hat Mutti mehr Zeit für uns. weil sie elektrisch kocht“ lautet der wunderbar nostalgische Titel der Veranstaltung. Das ist das Schöne an der Vergangenheit, dass sie mit dem Abstand der Zeit einen sanften Schleier über die Härten des Alltags legt. Da wird das Ärgernis zur Anekdote. So erging er auch dem Schnellkochtopf, mit dem sich meine Großeltern einst das Leben erleichtern wollten. Aber sie erreichten genau das Gegenteil, weil sich der Schnellkochtopf, ob seiner unsachgemäßen Handhabung, ganz schnell zum Sprengsatz entwickelte, der seinen Inhalt flächendeckend in der Küche verteilte und sie so zum Renovierungsfall machte. Danach hatten Vati und Mutti verständlicherweise erst mal weniger als mehr Zeit für ihre Kinder, die ihrerseits auf Sicherheitsabstand gingen. Auch für die Technische Revolution im Haushalt gilt eben manchmal: „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ Und so gibt es mir zu denken, dass die Muttis und Vatis, die im Thermomix-Zeitalter nicht nur elektrisch, sondern längst  auch digital kochen, oft immer weniger Zeit für ihre Kinder haben, weil mit den technischen Zeitsparern auch die technischen Zeiträuber zunehmen. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihr Smartphone oder schalten es am besten einfach mal öfter aus.

Dieser Text erschien in der NRZ vom 15. August 2019

Mittwoch, 14. August 2019

Unterwegs in Sachen Pflege

"Ich habe eine soziale Ader", sagt Felix Hillmann über sich selbst. Seit einem Jahr gehört der 30-jährige Gesundheits- und Krankenpfleger, der zuvor in einer Klinik gearbeitet hat, zum Team der an der Brunshofstraße ansässigen Pflege Behmenburg.
Wenn Hillman nicht gerade an seinem Schreibtisch sitzt und die Datenbank mit den Pflegeprofilen der Kunden des ambulanten Pflegedienstes, aktualisiert, ist er in seinem kleinen Dienstwagen in Holthausen und Heißen unterwegs, um Menschen in ihrem Alltag zu helfen, die sich selbst, krankheits- und altersbedingt nur noch eingeschränkt helfen können."Wenn ich in der Frühschicht arbeite, beginnt mein Arbeitstag um 6 Uhr und dauert bis 12 oder 13 Uhr. Und wenn ich in der Spätschicht unterwegs bin, beginne ich meine Tour um 16 Uhr und beende sie um 21 oder 22 Uhr. Im Schnitt betreue ich pro Tour zwischen 20 und 30 Kunden", berichtet Hillmann.

Ohne Planung geht es nicht

Immer wieder freitags bekommen Hillmann und seine Kollegen ihre Tourenpläne für die kommende Woche und ziehen sich aus der Datenbank des Pflegedienstes die Profilbögen der Kunden, die sie besuchen und versorgen werden.
"Die meisten Kunden, die ich besuche, kenne ich mit der Zeit. Aber es kommen natürlich auch immer wieder neue Patienten hinzu. Dann ist das Navigationsgerät im Auto schon sehr hilfreich. Die Zeiten, in denen die älteren Kollegen noch mit dem Stadtplan auf Tour gingen, sind vorbei", erzählt Hillmann.
Weil er zu den dreijährig examinierten Gesundheits- und Krankenpflegern im Team gehört, kümmert sich Hillmann vor allem um die Kunden, die nicht nur gewaschen und angezogen oder mit einem Frühstück versorgt werden müssen, sondern einer medizinischen Behandlungspflege bedürfen. Das bedeutet: Hillmann reicht Medikamente, misst Blutdruck und Blutzucker. Er gibt Spritzen und zieht Stützstrümpfe an. 

Fit für den Tag

Zu den Erfolgserlebnissen seines Arbeitsalltags zählt Hillmann die hochbetagten Menschen, die mit seiner Hilfe wieder so fit für den Tag werden, dass sie am Stock oder am Rollator nach seinem Besuch zu einer kleinen Runde um den Häuserblock aufbrechen. Wenn es seine Zeit zulässt, nimmt sich Hillmann auch Zeit, um sich die eine oder andere Lebensgeschichte anzuhören. Was insbesondere viele hochbetagte Menschen in ihrer Kindheit und Jugend erleben mussten, macht dem Nachgeborenen immer wieder deutlich, "wie privilegiert wir heute in Frieden und Freiheit leben können." Aber auch die Pflege "von Kunden, die erst in ihren Vierzigern oder Fünfzigern sind", machen den vitalen Früh-Dreißiger dankbar für seine eigene Vitalität.
Anders, als in seiner Krankenhauszeit hat es Hillmann bei den Patienten des ambulanten Pflegedienstes mit "Menschen zu tun, die sich in der Regel mit ihrem Handicap und mit ihrer Pflegebedürftigkeit bereits abgefunden und arrangiert haben." Außerdem musste Hillmann in der ambulanten Krankenpflege "lernen zu improvisieren und mich auf die unterschiedlichen häuslichen Bedingungen einzustellen." Denn verstellbare Pflegebeten, barrierefreie Badezimmer und rollstuhlgerechte breite Türen wie sie in Kliniken Standard sind, findet er bei weitem nicht in allen privaten Haushalten vor. Außerdem gibt es dort auch keine Materiallager, in denen etwa Verbandsmaterial, Spritzen, Pflaster oder Medikamente griffbereit liegen. Hillmann muss bei seinen Patientenbesuchen deshalb immer im Auge behalten, was demnächst beim Hausarzt neu verschrieben oder in der Apotheke besorgt werden muss.
Wenn seine Tagestour zu Ende geht, tankt er seinen Dienstwagen auf, damit dem nächsten Kollegen auf seiner Pflegetour Kraftstoff nicht ausgeht. Seinen eigenen Kraftstoff für einen oft auch belastenden Arbeitsalltag zieht Felix Hillmann aus Gesprächen mit Kollegen und Freunden, aber auch aus seiner Reiselust als Globetrotter.

Wenn man Hilfe braucht

Johanna und Horst de Vrese (88 und 92 Jahre alt) werden seit einem Jahr morgens und abends von Felix Hillmann betreut. Sie brauchen Hilfe bei der Körperpflege und beim An- und Auskleiden. Darüber hinaus nehmen sie den hauswirtschaftlichen Dienst der Behmenburgs in Anspruch. "Das war ein Lernprozess für uns. Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, um uns daran zu gewöhnen, dass jetzt täglich fremde Menschen bei uns ein- und ausgehen und zu akzeptieren, dass wir auf Hilfe angewiesen sind", sagt der ehemalige Bergmann Horst de Vrese. Auch wenn zeitaufwendige Notfälle bei der Pflegetour schon mal dazu führen, dass sie länger als vereinbart auf die ambulanten Helfer warten müssen und auch nicht alle Kollegen gleich gesprächig und zugewandt sind, hat Johanna de Vrese viel Verständnis für die Herausforderungen des ambulanten Pflegealltages. "Es ist sehr schwer, sich auf immer wieder auf neue Menschen und ihre Probleme einstellen zu müssen und auch wir sind nicht jeden Tag gleich gut drauf. Die beiden hochbetagten Eheleute sind den ambulanten Pflegern dafür dankbar, dass sie mit ihrer Hilfe weiterhin zu Hause leben können.
Dieser Text erschien am 10. August 2019 im Lokalkompasss der Mülheimer Woche

Dienstag, 13. August 2019

Alte Schule

Als sie 1959 ihr Abitur bestanden, war Konrad Adenauer noch Bundeskanzler. 60 Jahre nach ihrer Reifeprüfung an der heutigen Otto-Pankok-Schule, die zu ihrer Schulzeit noch als Staatliches Gymnasium mit einem alt- und einem neusprachlichen Zweig von sich Reden.
Beim Wiedersehen im Wasserbahnhof wurden Erinnerungen wach, etwa an den Klassenlehrer Andreas Ritter, der seine Schüler in Griechisch und Latein unterrichtete und seiner Klasse schon mal Kniebeugen verordnete, wenn die Konzentrationskurve auf Talfahrt ging. Als ein Klassenkamerad seine nicht erledigten Hausaufgaben damit entschuldigte, dass er seinem Vater beim Spachteln habe helfen müsse, zeigte sich der heute hochbetagt in Süddeutschland lebende Ritter gnädig und gut gelaunt: "In Ordnung: Dann hat jetzt jeder von Ihnen einmal Spachteln frei!" ließ er seine begeisterte Klasse wissen.
Gar nicht begeistert war die Klassengemeinschaft dagegen von einem Religionslehrer, dem regelmäßig die Hand ausrutschte. Dennoch wurde einer der Klassenkameraden, Peter Richter, später Pfarrer. Zwei andere Abiturkollegen, Dieter Schloten und Klaus Möltgen, wurden später Lehrer und Politiker. Schloten, der schon als Jugendlicher kritische Briefe an Konrad Adenauer schrieb, weil er mit der Wiederbewaffnung nicht einverstanden war, saß später für die SPD im Stadtrat und im Bundestag. Möltgen zog es, anders als seinen ehemaligen Klassen- und Schülersprecher Schloten zur CDU, für die er als Mülheimer Partei- und Fraktionsvorsitzender Kommunalpolitik machen sollte. Andere Klassenkameraden, die heute als Rentner in Mülheim, aber auch in anderen Teilen der Republik leben, haben ihr Berufsleben als Ingenieure, Naturwissenschaftler, Kaufleute und Bankkaufleute bestritten.

Allein unter Männern

Die einzige Frau in der männlichen Alt-Abiturientenrunde, Gisela Spanagel, machte ihren beruflichen Weg nach dem Abitur als Apothekerin. Sie erinnerte sich daran, "das ich in der rein männlichen Klassengemeinschaft zunächst gar nicht willkommen war, ehe wir uns dann doch ganz gut zusammengerauft haben." Dieter Schloten bat seine Klassenkameradin noch nachträglich um Verzeihung dafür, "dass wir dich so manches Mal gemobbt haben."


Montag, 12. August 2019

Als Mülheim die Wahl hatte


Der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete Franz Püll war 22 Jahre jung und frischgebackener Schornsteinfegergeselle , als er am 14. August 1949 zum ersten Mal seine Stimme abgeben konnte. Im Gespräch mit dieser Zeitung erinnert er sich an die erste Bundestagswahl vor 70 Jahren.



Frage: Viele Deutsche wollten kurz nach dem Ende von Krieg und Diktatur

nichts mehr von Politik und Parteien wissen. Wie ging es ihnen?



Antwort: Auch mir war die Erinnerung an die NS-Diktatur und den Krieg noch gegenwärtig. Zu den schlimmsten Erlebnissen meiner Kindheit und Jugend gehörte der Tag nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938, als ich miterleben musste wie der Vater meines jüdischen Freundes Julius mit einem Schild um den Hals hängend durch die Stadt geführt wurde, auf dem stand: „Ich bin ein Judenschwein“. Ebenfalls in schrecklicher Erinnerung geblieben ist mir der Luftangriff auf den Flughafen Essen Mülheim am 24. Dezember 1944. Wir wohnten damals am Schürfeld und wären mit Sicherheit auch in den Hochbunker an der Windmühlenstraße gegangen, dessen Insassen bei dem

Luftangriff zum größten Teil ums Leben kamen, wenn wir nicht über

Weihnachten zu meiner nach Thüringen evakuierten Mutter gefahren wären. Meine Kindheit und Jugend im nationalsozialistischen Deutschland hatten mich gegenüber der Politik, Parteien und Politikern eher skeptisch gemacht.



Frage: Waren sie damals ein unpolitischer Mensch?



Antwort: Das kann ich so nicht sagen. Ich war damals schon Gesellenvertreter meiner Kollegen im Schornsteinfegerhandwerk und setzte mich darum für eine Verbesserung ihrer Ausbildungs,- Arbeits- und Aufstiegsbedingungen ein. Aber ich war zum damaligen Zeitpunkt noch kein Mitglied der CDU. Dafür hat erst der spätere CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Max Vehar in den 1960er -Jahren gesorgt. Damals war er auf mich aufmerksam geworden, da ich zum Vize Präsidenten der Handwerkskammer Düsseldorf gewählt worden

war.



Frage: Wie erinnern Sie sich an die Stimmungslage im Wahljahr 1949?



Antwort: Damals waren mein Vater Franz , mein Bruder Herbert und ich mit dem Bau unseres Hauses an der Neudecker Straße beschäftigt. Da mussten wir ganz schön schuften und Steine klopfen. Wir haben unser Haus praktisch aus Trümmersteinen gebaut. Die Währungsreform, die uns die D-Mark gebracht hatte, lag ein gutes Jahr zurck. Es ging langsam wirtschaftlich aufwärts, aber der Stadt waren noch überall Trümmer und die Wunden des Krieges zu sehen. Der Wahlkampf wurde damals vor allem über die Frage geführt, ob es in Westdeutschland eine soziale Marktwirtschaft, wie sie Konrad Adenauer und die CDU wollten oder ob es eine staatlich gelenkte Planwirtschaft und sozialisierte Industrieunternehmen geben sollte, wofür Kurt Schumacher und

die SPD eintraten. Ich erinnere mich daran, dass vor allem die Bergarbeiter in Mülheim die Sozialdemokraten unterstützt haben, während sich viele andere Arbeiter   auch von der CDU angezogen fühlten. Die CDU wurde damals keineswegs nur von Unternehmern und Freiberuflern gewählt. Die Parteien warben damals vor allem mit Plakaten, Versammlungen und in den ihnen nahestehenden Zeitungen um die Stimmen der Wählerinnen und Wähler.



Frage: Sympathisierten Sie damals schon mit der CDU oder interessierten Sie sich auch für eine andere Partei?



Antwort: Mein Vater hatte in der Weimarer Republik die katholische

Zentrumspartei gewählt und ich erinnere mich daran, dass wir es in unserer Familie begrüßten, dass sich 1945 mit der CDU eine überkonfessionelle christliche Volkspartei gebildet hatte. Konrad Adenauer kannten wir schon als Kölner Oberbürgermeister und wir erlebten ihn als einen sehr selbstbewussten und erfahrenen Politiker, der es trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, die damals herrschten, vermochte, den Menschen neues Selbstvertrauen einzuflößen. Deshalb hat mir seine Persönlichkeit sehr imponiert und ich habe am 14. August 1949 der CDU meine Stimme gegeben, weil ich sie als die stabilste politische Kraft In Deutschland ansah und die Idee der Volkspartei unterstützte. Als Konrad Adenauer später die Wiederbewaffnung durchsetzte, fand ich das zunächst nicht gut, musste später aber einsehen, dass es der richtige Schritt gewesen war.



Frage: Was war 1949 anders als 2019? Warum entstanden mit der Union und der SPD damals zwei große Volksparteien, während sich heute viele Menschen von den Volksparteien abwenden?



Antwort: 1949 war eine andere Zeit. Nach der Erfahrung von Diktatur und

Krieg wollten die Menschen Deutschland gemeinsam wiederaufbauen. Anders als heute, waren die christlichen Kirchen voll. Die Menschen suchten und fanden eine neue moralische Orientierung für ihr Leben. Das ist heute ganz anders. Die Menschen sind egoistischer geworden und wenden sich von den Kirchen ab, was dazu führt, dass sie ihre moralische Orientierung immer mehr verlieren.



Frage: Was würden Sie aus Ihrer langen Lebenserfahrung heraus heutigen

Wählern und Gewählten raten?



Antwort: Wir müssen erkennen, dass uns nur das Prinzip der christlichen

Nächstenliebe als Gesellschaft weiterbringt. Der pure Egoismus führt in die

Sackgasse. Ich glaube auch weiterhin, dass wir Volksparteien brauchen, die einen gesellschaftlichen Interessenausgleich herstellen.



Frage: Wofür würden sie sich heute gerne einsetzen, wenn Sie noch einmal als Abgeordneter in einem Parlament mitentscheiden könnten?



Antwort: Dann würde ich mich dafür einsetzen, dass die Straßenbaubeiträge, die Bürger als Hauseigentümer in nicht unerheblichem Maße bezahlen müssen, ganz abgeschafft werden. Denn der Straßenbau wird mit Steuergeldern finanziert, die Bürger an den Staat entrichtet haben. Deshalb ist diese zusätzliche Abgabe nicht zu rechtfertigen. Wenn den Hauseigentümern suggeriert wird, dass durch den Straßenneubau eine Wertsteigerung ihrer Immobilie erfolgt, ist dies unzutreffend!



Hintergrund:




Am 14. August 1949 waren 102.000 Mülheim aufgerufen, den ersten Deutschen Bundestag mit-zu-wählen. 77 Prozent der Wahlberechtigten nahmen in 97 Wahllokalen von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Mit 34 Prozent der Stimmen wurde der Sozialdemokrat Otto Striebeck, damals Redaktionsleiter der Mülheimer NRZ, zum ersten Mülheimer Bundestagsabgeordneten gewählt. Mit 28 Prozent der abgegebenen Stimmen landete der Christdemokrat Heinz Langner, Leiter

der Inneren Mission, auf dem zweiten Platz, gefolgt von dem der FDP angehörenden Bürgermeister und Betriebswirt Wilhelm Dörnhaus, der 13 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. 10 Prozent der Wähler entschieden sich für den Betriebsratsvors tzenden des Eisenbahnausbesserungswerkes, Friederich Müllerstein, der für die KPD kandidierte. 7 Prozent der Wahlberechtigten stimmten für den Rechtsanwalt Günther Kujath, der für die rechtsnationale Deutsche Reichspartei antrat. Der Kandidat der katholischen Zentrumspartei, Josef Hanbrück erhielt 3 Prozent der Stimme. 

Sonntag, 11. August 2019

Ein Wer ist wer? der Kommunalpolitik

Wie kommt ein Steinmetzmeister aus Eppinghofen, der die Mülheimer Bürgerinitiativen von 2004 bis 2014 als Sachkundiger Bürger im Sozialausschuss vertrat, auf die Idee ein hohes Ho der Mülheimer Kommunalpolitik zu schreiben? Ein Gespräch mit dem Buchautor und ehemaligen Sachkundigen Bürger der MBI Martin Mueller.

Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein biografisches Handbuch der Mülheimer Kommunalpolitik in den vergangenen 70 Jahren zu schreiben?

Antwort: Ich habe mich eigentlich schon früh für Politik interessiert. So stieß ich unter anderem auf die biografischen Handbücher des Deutschen Bundestages und des nordrhein-westfälischen Landtags. Die fand ich spannend und dachte mir: So etwas müsste es doch auch für die Mülheimer Kommunalpolitik geben und begann mit meinen Nachforschungen. Das war vor gut fünf Jahren.

Frage: Was findet der kommunalpolitisch interessierte Leser in Ihrem stadtparlamentarischen Handbuch?

Antwort: Es beginnt mit einer Darstellung der politischen Parteien, die seit 1946 zur Kommunalwahl angetreten sind. Es folgt eine Gegenüberstellung der verschiedenen Kommunalwahlergebnisse. Auch die Wahlergebnisse der 1975 eingeführten Bezirksvertretungen und der seit 1999 angehaltenen Oberbürgermeisterwahlen werden dargestellt. Mit Blick auf die erste Kommunalwahl nach dem Krieg habe ich das Wahlverhalten der Mülheimer im März 1933 und im Oktober 1946 miteinander vergleichen. Dabei zeigte sich, dass die CDU die Stimmen auf sich ziehen konnte, die vor 1933 auf die konservative Zentrumspartei entfallen waren. Auch bei den Stimmenanteilen der Sozialdemokraten und der liberalen Parteien der Weimarer Republik und der 1946 neugegründeten FDP zeigten sich interessante Wählerwanderungen und Kontinuitäten. Das Buch schließt mit einem Wer ist wer? der Mülheimer Kommunalpolitiker.

Frage: Konnten Sie zu jedem Stadtverordneten und zu jedem Bezirksvertreter biografische Angaben finden?

Antwort: Das ist mir bei 580 von insgesamt 600 erfassten Mandatsträgern gelungen.

Frage: Wo haben Sie die biografischen Daten zu den Ratsmitgliedern gefunden?

Antwort: In der Lokalpresse, im Amtsblatt, in Wahlwerbeinformationen, aber auch in stadtgeschichtlichen Darstellungen wie etwa dem 1983 von dem Mülheimer Journalisten Franz Rolf Krapp herausgegebenen Buch: „Mülheim nach 1945“!

Frage: Wie hat sich die Zusammensetzung des Stadtparlamentes seit der ersten Kommunalwahl nach dem Kriege verändert?

Antwort: Bis zum Verbot der KPD in Westdeutschland (1956) saßen neben Sozial- und Christdemokraten auch Freie Demokraten und Kommunisten im Stadtparlament. Bei der ersten Kommunalwahl wurde die CDU zur stärksten Partei. Zwischen 1948 und 1994 war dies die SPD. Die FDP in der es immer wieder Spaltungstendenzen gab und die 1952 mit 20 Prozent der Stimmen ihr bisher bestes Kommunalwahlergebnis erringen konnte, war bis zum Einzug der Grünen (1984) die dritte Fraktion im Stadtrat. Und seit der Aufhebung der kommunalen Fünf-Prozent-Hürde und dem Einzug der Mülheimer Bürgerinitiativen (1999) wird der Stadtrat immer bunter. Das macht die Kommunalpolitik nicht leichter, aber spannender und demokratischer. Die Zeiten des Durchregierens sind vorbei.

Frage: Was können Sie über die soziale Zusammensetzung des Stadtparlaments und deren Entwicklung sagen?

Antwort: Man kann auf jeden Fall feststellen, dass der Stadtrat in Sachen Frauenanteil immer schon minderbemittelt war. Das hat mit der klassischen Rollenverteilung und nicht damit zu tun, dass Frauen weniger Lust auf Kommunalpolitik hätten als Männer. Bei den Frauen im Stadtparlament handelt es sich meistens um junge Frauen oder um ältere Frauen, deren Kinder aus dem Haus sind. Auch der Anteil der Arbeiter und Betriebsräte im Stadtparlament ist immer kleiner geworden, was auf den wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Strukturwandel zurückzuführen ist.

Wo gibt's das Buch


Martin Müllers Buch: 70 Jahre Kommunalwahlen in Mülheim an der Ruhr – Ergebnisse und die gewählten Mandatsträger, ist im Tredition-Verlag erschienen. Das 298-Seitige Buch ist für 14,50 Euro im Buchhandel erhältlich. Der Druck des Buches wurde von der Bürgermeister-Schiemer-Stiftung gefördert.


Samstag, 10. August 2019

Kein Verein von gestern

Vor 90 Jahren hatte es die 1901 in Mülheim geborene Industriellentochter Clärenore Stinnes geschafft. Als erster Mensch hatte die Tochter von Hugo Stinnes in ihrer Adler Standard 6 Limousine die Erde umfahren.
Begleitet wurde Clärenore Stinnes bei ihrer zweijährigen Weltumrundung von ihrem Fotografen und späteren Ehemann Carl-Axel Söderström. Das hat die Schriftführerin des Mülheimer Geschichtsvereins, Beate Fischer, zum Anlass genommen, um für den 24. August eine um 9 Uhr auf dem Stadthallen-Parkplatz an der Bergstraße startende und ins Technikmuseum Freudenberg führende Exkursion zu organisieren. Denn das Technikmuseum in Freudenberg widmet der Mülheimer Automobilpionierin eine Sonderausstellung. Wer für 40 € mitfahren möchte, kann sich unter der Rufnummer 0176-96356266 per E-Mail an: rundbrief.geschichtsverein.mh@gmail.com bei ihr informieren anmelden.
Im Gespräch mit der Mülheimer Woche berichtet Beate Fischer, was der 1906 gegründete und derzeit knapp 800 Mitglieder zählende Geschichtsverein sonst noch zu bieten hat.
Frage: Wie sind Sie selbst zum Geschichtsverein gekommen?
"Der erste Schritt war für mich, dass ich mich im Jahr 2000 auf einen Aufruf der Stadt gemeldet habe und ich zur Gästeführerin ausbilden ließ. Ich habe damals nach einer sinnvollen Freizeitaktivität gesucht, weil ich nicht der Typ bin, der Sport macht oder einen Töpferkurs belegt. Als Gästeführerin bin ich dann auf den Geschichtsverein aufmerksam geworden und 2003 Mitglied geworden".
 Was begeistert Sie an der Mülheimer Geschichte?
"Je länger ich mich mit ihr beschäftige, desto mehr begreife ich, dass wir uns mit unserer Geschichte im Vergleich zu anderen Städten und Regionen nicht zu verstecken brauchen. Mülheimer Namen wie Thyssen und Stinnes haben nicht umsonst auch heute noch einen besonderen Klang. Es ist schon faszinierend wie sich die Stadt im Laufe von Jahrzehnten von 0 auf 100 verändert hat. Und ich denke: Wer Geschichte lebendig erhält und deshalb weiß, warum sich unsere Stadt wie entwickelt, der kann auch eine Idee davon entwickeln wie sie sich weiterentwickeln könnte".
Welchen Mehrwert hat die Mitgliedschaft im Geschichtsverein?
"Ich denke da an die Zeitschrift des Mülheimer Geschichtsvereins, die in fast jedem Jahr mit einem oder zwei Heften erscheint, in denen Themen aus der Mülheimer Geschichte fundiert beschrieben werden. Diese Zeitschrift ist für die Mitglieder des Geschichtsvereins, die einen Jahresbeitrag von 15 € bezahlen kostenfrei im Stadtarchiv an der Von-Graefe-Straße 37 erhältlich. Und ich denke natürlich an die Exkursionen des Geschichtsvereins, die ich zusammen mit Horst Trojahn und Heidi Lenz organisiere. Nicht vergessen möchte ich auch die Vortragsreihe zur Mülheimer Geschichte, zu der wir mit dem Stadtarchiv ins Haus der Stadtgeschichte einladen an der Von-Graefe-Straße 37 einladen und unsere monatlichen Führungen durch das Museum im Broicher Hochschloss, die wir nach der Beendigung der dortigen Restaurierung vielleicht schon im Oktober wieder aufnehmen werden".
 Welche Exkursionsziele stehen nach ihrer Clärenore-Stinnes-Tour auf dem Programm des Geschichtsvereins?
"Im September planen wir eine Exkursion nach Recklinghausen und Herten. Dort werden wir ein altes Elektrizitätswerk, eine Ausstellung zur Geschichte der Elektrogeräte und die ehemalige Zeche Schlägel und Eisen besuchen. Im Oktober wollen wir die Altstadt von Lüdinghausen und die dortige Burg Vischering besichtigen. Und für den November planen wir eine Exkursion ins Essener Ruhrmuseum, wo wir uns durch die Ausstellung „Aufbruch im Westen: 100 Jahre Bauhaus“ führen lassen wollen".
Informationen zum Mülheimer Geschichtsverein findet man auf der Internetseite des Mülheimer Stadtarchivs: www.stadtarchiv-mh.de


Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...