Sonntag, 13. Februar 2022

Da ist Musik drin

 Die mit 3500 Schülern größte Schule der Stadt hat jetzt zwei neue Lehrer bekommen. Der aus Südkorea stammende Kyonghiwan Bai (50) und der aus Bulgarien kommende Lubomir Pechakov (37) runden das Kollegium der städtischen Musikschule auf 70 Köpfe ab.

Bai unterrichtet Viola, Pechakov Oboe. Bai sagt von seinem Instrument, "dass es etwas dunkler und romantischer als die Geige und etwas heller als das Cello klingt." Auch Pechakov erlebt sein Instrument, das er seit dem neunten Lebensjahr spielt als "besonders klar und romantisch klingend."

Beide Musikpädagogen kommen aus Musikerfamilien und haben eine berufliche Vergangenheit als Orchestermusiker. Beide reizt die Berufstätigkeit im Land der Klassiker, dem sie eine moderne Pädagogik bescheinigen.
"Die Schüler sind hier sehr selbstbewusst. Das reizt und fordert mich als Lehrer, weil so beide Seiten voneinander lernen können", sagt Bai.
Der stellvertretende Leiter der städtischen Musikschule, Peter Ansorge, unterscheidet bei den Pädagogen zwischen "den Gärtnern, die ihre Schüler hegen, pflegen und wachsen lassen" und den "Töpfern, die ihre Schüler prägen und formen wollen."

Freiheit, frische Luft und Perspektiven

Bai und Pechakov erscheinen im Gespräch mit der Mülheimer Woche als Pädagogen der ersten Kategorie. Bai, der in Seoul, Dortmund und Mainz studiert hat, erlebt Deutschland, im Vergleich zu Südkorea, als ein Land der Freiheit und der frischen Luft. Sein Kollege Pechakov, der nach dem Besuch eines Musikgymnasiums in Sofia und an der Essener Folkwang-Universität studiert hat, sieht Deutschland als ein Land, "in dem man alles erreichen kann, wenn man bereit ist, dafür zu kämpfen!"

Weil seine Musikschulstunden im Fach Oboe begrenzt sind, unterrichtet Pechakov auch privat nicht nur Oboe, sondern auch Klavier, Keybiard und Blockflöte.

Beide Musikschullehrer freuen sich, dass sie, trotz der angespannten Corona-Pandemielage zurzeit in Präsenz unterrichten können, obwohl sie auch schon Erfahrungen mit Online-Unterricht gemacht haben. Peter Ansorge hofft als stellvertretender Leiter der städtischen Musikschule, die 2023 ihr 70-jähriges Bestehen feiern kann, "dass wir uns im Rahmen der Musikschuloffensive NRW technisch und personell weiter verstärken und im Juni wieder ein Ensemble-Konzert in der Stadthalle geben können."

Gut zu wissen

Wer sich für die Instrumentalunterrichtsangebote der städtischen Musikschule im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 interessiert, erreicht sie telefonisch unter der Rufnummer: 0208-4554300 oder per E-Mail an: info@musikschule-muelheim.de

Die Musikschule der Stadt Mülheim wurde 1953 in einem Haus am Priester Hof unter der Leitung von Elfriede Thomas mit 426 Schülern ins Leben gerufen. 1971 zog die inzwischen von Orlando Zucca geleitete Musikschule in eine alte Villa auf dem Dudel an der Ruhr. Ihr heutiges Quartier bezog die damals bereits von Bärbel Frensch-Endreß geleitete Musikschule 2013 im Haus der Stadtgeschichte. Dessen Saal teilen sich das 1972 gegründete Stadtarchiv und die Musikschule als Vortrags- und Konzertraum. Seit 1972 wird die Musikschule der Stadt von einem Förderkreis unterstützt. Mit dessen Hilfe ist es der Musikschule möglich, ihren Schülern auch teure Instrumente leihweise und damit sozialverträglich zur Verfügung zu stellen.

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Samstag, 12. Februar 2022

Nobler Wahlmann

 Unter den 1472 Wahlmänner und Frauen, die am 13. Februar als Mitglieder der 17. Bundesversammlung in Berlin den Bundespräsidenten und damit das Staatoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland wählen werden, ist auch der Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List.. Im Gespräch mit dieser Zeitung betrachtet der am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung arbeitende Wissenschaftler  das höchste Staatsamt und dessen Inhaber.

 

Wie sind Sie zum Mitglied der Bundesversammlung bestellt worden?

 

LIST: Das war in meinem Fall ziemlich unspektakulär: Ich wurde von der CDU-Landtagsfraktion angerufen und gefragt, ob ich das machen möchte. Mitglied der Bundesversammlung zu sein, das ist natürlich eine große Ehre. Also habe ich zugesagt.

 

Was hat Frank-Walter Steinmeier in seiner ersten Amtszeit gut gemacht? Was sollte er in seiner zweiten Amtszeit besser machen bzw. nachholen?

 

LIST: Mir gefällt der bei Frank-Walter Steinmeier ausgeprägte Europagedanke. Er spricht sich für ein starkes Europa und gegen Nationalismus aus. Das ist etwas, das er in seiner zweiten Amtszeit weiter ausbauen könnte. Auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist die europäische Freizügigkeit und der offene Austausch untereinander von elementarer Wichtigkeit.

 

Worin sehen Sie den politischen Mehrwert des vor allem repräsentativen Bundespräsidentenamtes?

 

LIST: Gerade in schwierigen Zeiten – wie wir sie beispielsweise während der Coronapandemie erlebt haben – ist es gut, einen Bundespräsidenten zu haben, der den Menschen Zuversicht geben kann. Er sollte eine klare Idee davon haben, wohin wir unser Land steuern, ob nun innenpolitisch oder auch im internationalen Kontext – ohne dabei zu sehr in den politischen Alltagsdebatten verstrickt zu sein.

 

Wäre es nicht besser, den Bundespräsidenten direkt durch das Volk, statt durch eine Bundesversammlung wählen zu lassen?

 

LIST: Das Thema Basisdemokratie finde ich sehr spannend. Was im Zusammenhang der Bundesversammlung besser ist, also direkte Demokratie oder repräsentative Demokratie, kann ich nicht abschließend beurteilen. Da gibt es ja auch unter Fachleuten geteilte Meinungen. Beide Systeme haben sicherlich ihre Vor- und Nachteile.

 

Hintergrund

Der Bundesversammlung gehören die aktuell 736 Mitglieder des Deutschen Bundestages an, unter ihnen auch die Mülheimer Abgeordneten, Sebastian Fiedler (SPD) und Astrid Timmermann-Fechter (CDU). Hinzu kommen 736 Wahlmänner und Wahlfrauen, die die 16 Bundesländer vertreten und deshalb von den jeweiligen Landesregierungen und Landtagsfraktionen nominiert werden. Gerne werden hierfür prominente Persönlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Leben, aber auch verdiente Bürgerinnen und Bürger benannt. Der Bundespräsident wird für jeweils fünf Jahre in sein Amt gewählt. Seine Wiederwahl ist nur einmal möglich. Amtsinhaber Frank Walte Steinmeier, der alle Gesetze vor ihrem Inkrafttreten auf ihre Verfassungskonformität prüfen muss, ehe er sie unterschreibt und damit in Kraft setzt, ist der zwölfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.


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Dienstag, 8. Februar 2022

Demokratie unter Druck

 Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Das sagt sich auch der SPD-Landtagskandidat Rodion Bakum. Deshalb lud er jetzt zum Polit-Talk aufs Rote Sofa. Mit ihm auf dem Roten Sofa saß der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Fiedler. Er hatte das Wahlkampfformat 2021 erfolgreich getestet.

Auch wenn die Diskussionsveranstaltung: "Wie gefährdet ist unsere Demokratie" Corona-bedingt als Online-Konferenz über den PC-Monitor flimmern musste, hatten sich 50 Interessierte aufgeschaltet, um ein brandaktuelles Thema zu beleuchten.

Das die sogenannten Corona-Spaziergänger während der Online-Diskussion am Gerd-Müller-Haus hörbar vorbeimarschierten, passte ins Bild. Neben Sebastian Fiedler waren auch die Duisburger SPD-Bundestagsabgeordnete, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und die Essener SPD-Landtagsabgeordnete Elisabeth Müller-Witt mit in der Online-Diskussionsrunde.


Radion Bakum machte deutlich: "Viele, die sich jetzt als Gegner der Corona-Schutz-Politik in ihren Internetblasen radikalisieren und unsere Demokratie infrage stellen, sin wohl eher auf der emotionalen Ebene als durch rationale Argumente zu erreichen."


Fiedler und Bas berichteten von Hass-Botschaften, die sie selbst, aber auch viele ehrenamtliche Kommunalpolitiker erreichten. Anders, als prominente und gefährdete Bundespolitiker, wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach, stünden sie nicht unter Personenschutz. Wenn sich ehrenamtliche Mandatsträger mit Rücksicht auf ihre Familien aus der Politik zurückzögen, um sich den öffentlichen Anfeindungen zu entziehen, sei dies nicht hinnehmbar. Bas empfahl, alle verbalen Entgleisungen anzuzeigen, "damit die Polizei auch ein realistisches Bild der Lage hat." Die Bundestagspräsidentin verwies auf das Beispiel der Berliner Grünen-Bundestagsabgeordneten, Renate Künast, die konsequent gegen Beleidigungen aus dem Netz geklagt und letztlich Recht bekommen habe.

Für Bas und Fiedler ist klar: "Es kann keine Toleranz mit der Intoleranz der extremistischen Gegner unserer Demokratie geben." Aber Bürgerreporter Ralf Bienco machte deutlich, "dass man die Lage entschärfen könne. in dem man auch Positionen zu Wort kommen lasse, die man selbst nicht teile. Jeder Zuhörer und Leser könne und solle sich sein eigenes Bild machen. So würde den Vertretern extremer Positionen der von ihnen beanspruchte Märtyrer-Status entzogen.

Manchmal müsse man auch das Thema Corona ausblenden, um mit den Impfgegnern im Gespräch zu bleiben, die zum Teil auch von rechtsextremen Verschwörungstheorien beeinflusst seien.

Philosoph und Pädagoge Peter Leitzen machte deutlich, dass extremistische Positionen in unserer Gesellschaft nichts neues seien. Seit den 1970er Jahren zeigten sozialwissenschaftliche Untersuchungen, dass etwa 15 Prozent der deutschen Bevölkerung zu einem autoritären und antidemokratischen Weltbild neigten.

Der Musiker Suppi Huhn forderte mehr politische Bildung in Schulen. Die Landtagsabgeordnete Müller-Witt sekundierte ihm mit einer Kritik an der NRW-Landesregierung. Deren Einführung des neuen Schulfaches Wirtschaft werde zu Lasten des sozial- und politikwissenschaftlichen Unterrichtes gehen.

Als hilfreiche Schritte in die richtige Richtung sieht der Rechts- und Innenpolitiker Sebastian Fiedler die neuen Gesetze zur Demokratieförderung und gegen Hass und Hetze im Internet. Mit deren Hilfe seien neue Fachstellen beim Bundeskriminalamt und ein Budget zur Förderung von Projekten geschaffen worden, die "unsere Demokratie stärken." Sinnvoll wäre aus Fiedlers Sicht auch die Schaffung einer Bundesakademie zur Erforschung der Ursachen des politischen Extremismus. 

Nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutzes gehen derzeit zwei Drittel der der jährlich mehr als 30.000 politisch motivierten Straftaten auf das Konto rechtsextremer Täter.


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Freitag, 4. Februar 2022

Das Kreuz mit der Kirche

 Die Katholische Kirche ist nicht nur in einer Krise. Sie steckt, zumindest mit Blick auf Deutschland, in einer Existenzkrise. Allein in meiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr haben in den vergangenen zwei Jahren mehr als 1000 Menschen die Katholische Kirche verlassen. Damit hat die Stadtkirche in den vergangenen 30 Jahren etwa 25.000 Mitglieder verloren und nähert sich damit der 40.000-Mitglieder-Grenze.

Auch wenn die Missbrauchsfälle innerhalb der Evangelischen Kirche nicht vergleichbar ist, verzeichnet auch sie nur minimal geringere Austrittszahlen und dokumentiert damit, ebenso wie ihre katholische Schwesterkirche den demografischen und gesellschaftlichen Wandel. Die Interviews, die ich mit Blick auf die neuesten Münchener Erkenntnisse rund um priesterliche Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geführt habe, offenbaren eine tiefgreifende Erschütterung der katholischen Kirchenbasis und einen ungeahnten Reformdruck und Reformwillen. Dabei fällt auf, dass die fundiert reformorientierten Aussagen des Ruhrbischofs Franz-Josef Overbeck und seines Generalvikars Klaus Pfeffer ausdrücklich gelobt und als Gegenbeispiele zu Äußerungen anderer Bischöfe genannt werden,

Der Reformwille betrifft sowohl kirchliche Amtsträger, wie den Mülheimer Stadtdechanten Michael Janßen, als auch engagierte Gemeindemitglieder, die von ihrer tiefen Erschütterung und Beschämung, aber auch von der Wut auf die eigene Kirche sprechen. Was die Basis besonders hart trifft, ist die Tatsache, dass die Katholische Kirche, die bisher immer durch eine rigide Sexualmoral in Erscheinung getreten ist mit der gelebten Unmoral einiger Priester ihren eigenen und oft verkündeten moralischen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Der Widerspruch zwischen der Frohen Botschaft des Christentums und der in Teilen kriminellen und menschenverachtenden Kirchenpraxis ist für viele katholische Christen zu groß geworden, als dass sie in der Kirche bleiben könnten. Sie sprechen vom Seelenmord an den Missbrauchsopfern und von der fortgesetzten Unfähigkeit der Amtskirche zu einer angemessenen Hilfe für die Opfer des priesterlichen Missbrauchs zu kommen. Neben dem eigentlichen Missbrauchsskandal beschämt die Katholiken von der Basis die Reaktion ihrer Amtskirche auf die erwiesenen Vergehen gegen die Menschlichkeit. Frühere Kirchenskandale, wie etwa die Geldverschwendung des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz van Elst, die Zweckentfremdung des Peterspfennigs für Immobiliengeschäfte oder das ungeklärte Schicksal der Kinder, deren sterbliche Überreste auf dem Grundstück einer ehemaligen kanadischen Klosterschule gefunden worden sind.

Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger), der 1967 ein wunderbares Buch zur Einführung in das Christentum geschrieben hat, wird aufgefordert, sein weißes Papst-Gewand abzulegen. Sogar der Kirchenausschluss des 2013 zurückgetretenen Kirchenoberhauptes wird gefordert. "Von einem emeritierten Papst muss man erwarten, dass er nichts als die Wahrheit sagt und Reue für sein Fehlverhalten zeigt", wird Ratzingers halbherzige und den Sachverhalt relativierende Verantwortungsübernahme für die Missbrauchsfälle in dem zwischen 1977 und 1982 von ihm geführten Erzbistum München-Freising kommentiert. Dabei sagen auch die Katholiken, die ihrer Kirche Adieu gesagt haben: "Wir sind und bleiben Christen, aber wir können nicht Mitglieder dieser Kirche bleiben."

Auch die Katholiken, die sich weniger auf die Kirche als auf das Evangelium Jesu Chriti beziehen und die Kirche deshalb als ihre geistige Heimat ansehen und einen Kirchenaustritt deshalb "als das falsche Signal" oder als "religiöse Fahnenflucht" betrachten, belassen es längst nicht mehr bei den altbekannten Reformforderungen nach der Abschaffung des Pflichtzölibates, der Unfehlbarkeit des Papstes und der Zulassung von Frauen zum Priesteramt.

Selbst der vorsichtige Stadtdechant Michael Janßen sagt im Zeitungsinterview unumwunden: "Wir müssen im Rahmen des synodalen Weges die Machtstrukturen unserer Kirche neu überdenken. Der Schutz der Institution darf niemals über den Schutz der Menschen gehen und die in der Kirche überzeugend gelebten Glaubensbeispiele dürfen nicht von den Missbrauchsskandalen in der Kirche überlagert werden. Es muss also jetzt etwas getan werden, weil es gar nicht mehr anders geht!"

Der heute in der katholischen Ladenkirche an der Wallstraße engagierte Johannes Brands bringt es aif den Punkt, wenn er sagt: "Wir müssen mal wieder ins Evangelium schauen, um zu sehen, was Kirche ist und was Kirche sein kann." Inzwischen hat das Ruhrbistum reagiert. Generalvikar Klaus Pfeffer holt sich vier gleichberechtigte Kollegen ins neue Führungsteam des Ruhrbistums, zudem unter anderem die Leiterin der Katholischen Akademie Die Wolfsburg, Dr. Judith Wolf, gehören wird.


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Mittwoch, 2. Februar 2022

Poesie und Prosa

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt kann sich für unser Parlament einen Parlamentspoeten vorstellen, der einen neuen Diskussionsraum zwischen Sprache und Politik öffnen könne. Als Theologin und Politikerin weiß Göring Eckhardt, dass Glauben und Politik auch von der Poesie ihrer Sprache leben. Braucht der Stadtrat vielleicht auch so etwas, damit das schon seit Jahren arg gebeutelte Mülheim ein neues Kapitel aufschlagen und vielleicht doch noch von einer Tragik-Komödie in einer Erfolgsgeschichte mit Happyend umgeschrieben werden kann? Doch dem Kämmerer, der lieber schwarze als rote Zahlen schreibt und liest,  würde wohl die Tinte in seinem Rotstift gefrieren, wenn er nach einer entsprechenden Planstelle gefragt würde. Ein Schelm, der Böses dabei denkt und meint: Wir hätten schon genug Märchenerzähler im Rathaus, die jeweils an ihrer ganz eigenen politischen Erzählung schrieben. Aber was hilft uns das Lesen der Leviten oder die Beschreibung von Horrorszenarien? Am Ende kann uns auch die schönste Politik- und Parlamentspoesie nicht vor der Prosa unseres Alltags retten, in der wir, jeder für sich und wir für uns alle, jeden Tag eine neue Seite aufschlagen und sie sinnvoll füllen müssen, und das nicht nur in der Zeitung. 


 NRZ, 31.01.2022

Mittwoch, 19. Januar 2022

Unter dem Hakenkreuz

 Man könnte das Foyer der alten Augenklinik, die nach ihrem Umbau 2013 zum Haus der Stadtgeschichte und zur städtischen Musikschule geworden ist, als einen leeren und zwecklosen Raum erleben, wenn das Stadtarchiv diesen Raum und seine Betonwände nicht regelmäßig zu einer geschichtsträchtigen Ausstellungsfläche machen würde.


Jetzt haben Archivleiter Dr. Stefan Pätzold, Inge Ketzer und Karl-Heinz Zonbergs, beide Vorstandsmitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Bundes der Antifaschisten (VVN-BDA) im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 eine neue stadtgeschichtliche Ausstellung vorgestellt, die das dunkelste Kapitel der Mülheimer Geschichte, dessen Jahre unter dem Hakenkreuz beleuchtet.

Nicht nur für Schulklassen und Geschichtskurse ist es interessant, in Wort und Bild die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 aus der lokalen Perspektive vor Augen geführt zu bekommen. Wer sich die Ausstellung anschaut begreift schnell, warum Oberbürgermeister Marc Buchholz die Erinnerung an Krieg und nationalsozialistische Gewaltherrschaft am Volkstrauertag 2021 als "eine humanitäre Verpflichtung" bezeichnet hat, "um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen!"

Aktuelle rechtsextremistische Tendenzen in unserer Gesellschaft zeigen, dass die mahnende Erinnerung an die NS-Zeit zeitlos aktuell bleibt, auch wenn die jetzt präsentierte Ausstellung schon über 30 Jahre alt ist. "Wir müssen alles dafür tun, dass Rechtsextremisten und Rassismus nicht noch mehr Boden in unserer Gesellschaft gewinnen, als sie ihn jetzt schon gewonnen haben. Aber dafür müssen viel mehr Menschen mithelfen", betont die Vize-Vorsitzende der VVN-BDA, Inge Ketzer.

Die jetzt bis Ende April im Haus der der Stadtgeschichte zu sehende Ausstellung, die den Widerstand und die Verfolgung im Mülheim unter dem Hakenkreuz dokumentiert, wurde von 1981 bis 1987 im Rahmen eines Kurses der Heinrich-Thöne-Volkshochschule erstellt und um eine inzwischen neu aufgelegten und in der Buchhandlung Fehst am Löhberg 4 für 16 Euro erhältlichen Dokumentation ergänzt.

Diese Dokumentation zeigt nicht nur jüdische, christliche, sozialdemokratische und kommunistische Schicksale der Widerstands- und Verfolgungsgeschichte des Dritten Reiches. Sie zeigt auch wie und warum Hitler und die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und sich dort zwölf Jahre lang halten konnten.


Nicht nur Opfer und Widerstandskämpfer


Wir begegnen in dieser Wanderausstellung nicht nur den Opfern des antifaschistischen Widerstands, wie etwa den Stadtverordneten Wilhelm Müller (SPD), Fritz Terres und Otto Gaudig (beide KPD), sondern auch den Mülheimer Steigbügelhaltern Hitlers, den Industriellen Fritz Thyssen und Emil Kirdorf oder dem überlebenden NS-Juristen und Politiker, Werner Best. Er war während des Krieges unter anderem Reichsstatthalter im von Deutschland besetzten Dänemark. Nach dem Krieg kam er dann in der Essener Rechtsanwaltskanzlei Ernst Achenbach und später als Justitiar bei Stinnes unter.

Die per E-Mail an:  i.ketzer@vvn-bda-mh.de erreichbare Vizevorsitzende der VVN-BDA hofft darauf, dass ihre Vereinigung ab Februar auch Führungen durch die Ausstellung anbieten kann, wenn dies dann die Corona-Lage erlauben sollte.


Montag, 17. Januar 2022

Tonangebend

 Die gute Nachricht zuerst: Der Linksruhrkantor Detlef Hilder wird auch künftig die Orgeln der Saarner Dorfkirche und der Kirche an der Wilheminenstrasse in Broich spielen. Die schlechte Nachricht für die Freunde seiner kirchenmusikalischen Arbeit, und davon gibt es nicht nur links der Ruhr viele, der 63-Jährige verabschiedet sich als Kantor der Evangelischen Kirchengemeinde Broich-Saarn am 30. Januar um 17 Uhr mit einem Konzert in der Kirche an der Wilheminenstrasse vorzeitig in den Ruhestand. 

Der Grund dafür ist der Sparzwang der Evangelischen Kirchengemeinde Broich-Saarn. Hilders Stelle wird nicht neu besetzt. Künftig spielt der gebürtige Mülheimer aus Heißen die Linksruhrorgeln nur noch in 35 Gottesdiensten im Jahr, als musikalischer Minijobber auf 450_Eurobasis. Seine Arbeit als evangelischer Kirchenmusiker, die er vor 40 Jahren in Duempten begann, ehe er vor 24 Jahren auf die linke Ruhrseite wechselte, wird Hilder seinen gut eingespielten Kollegen Daphne Tolzmann und Sven Schneider über lassen müssen. Sven Schneider aus der Gemeinde Speldorf wird deshalb seine 75-Prozent_Stelle auf 100 Prozent aufstocken. Außerdem sollen die Eltern der Chorkinder verstärkt in die kirchenmusikalische Arbeit links der Ruhr mit einbezogen werden.

Hilder ist stolz darauf, dass die Chöre und der Saarner Posaunenchor auch in der Corona-Zeit mit dem gebotenen und akustisch sogar vorteilhaften Abstand weiter regelmäßig von sich haben hören lassen. "Unsere Ensembles sind auch unter Corona Bedingungen stabil geblieben, weil die Menschen in der Gemeinde das gemeinsame Musizieren Genüssen und es deshalb auch nicht missen wollen"; betont Hilder. Für ihn selbst, der die Begeisterung für die Königin der Instrumente schon als Kindergottesdienst Helfer in der Johanniskirche entdeckte und nach einem Intermezzo als Chemielaborant die Kirchenmusik in ihrer ganzen Bandbreite studierte und dann zu seinem Herzensberuf Nächte, steht fest: "Ich bin und bleibe Musiker, mein Leben lang!"

NRZ/WAZ, 15.01.2022

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...