Freitag, 24. Januar 2020

"Wir sind Gustav!"


Sie ist mit 1600 Schülern und 150 Lehrern Mülheims größte Schule. 2020 feiert die Gustav-Heinemann-Schule ihr 50-jähriges Bestehen. Am 22. Januar beginnt das Jubiläumsjahr ab 14 Uhr mit einem Tag der Offenen Tür für Interessierte Schüler und Eltern. Außerdem werden Gustav-Heinemann-Schüler an diesem Tag auf dem Schulhof das neue Schulmotto: „Wir sind Gustav!“ mit riesigen Buchstaben nachstellen und diese Aktion mithilfe einer Foto-Drohne dokumentieren.

Zum Beginn des Jubiläumsjahres sprachen Thomas Ratz, der die Gustav-Heinemann-Schule seit 2018 leitet und sein Vor-Vorgänger Peter Virnich, der zwischen 1975 und 2001 an ihrer Spitze stand, darüber wie die Schule zu dem geworden ist, was sie heute ist und was sie im Kern ausmacht.

Warum haben Sie sich als Lehrer für diese Schule entschieden?

Virnich: Ich kam 1971 als Lehrer an die Schule, die damals noch Gesamtschule der Stadt Mülheim an der Ruhr hieß. Der damalige Schulleiter, Günter Wischmann, den ich bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kennengelernt hatte, hatte mich davon überzeugt, dass ich hier als Lehrer gut aufgehoben sein könnte. Davor hatte ich bereits sechs Jahre an einem Gymnasium unterrichtet. Dort herrschte noch ein sehr autoritärer Stil. Das gefiel mir nicht. Ich wollte mit den Schülern auf Augenhöhe arbeiten und das konnte ich hier. Deshalb habe ich meine Entscheidung zum Wechsel auch nie bereut, weil ich hier eine pädagogische Aufbruchstimmung erleben durfte, die mich begeisterte, auch wenn sie manchmal an Selbstausbeutung grenzte. Ich denke da an Lehrerkonferenzen der frühen Jahre, an denen wir manchmal vier bis fünf Stunden an pädagogischen Konzepten feilten.

Ratz: Ich habe selbst an einer Krefelder Gesamtschule mein Abitur gemacht, habe mich dann aber als Lehrer auch an anderen Schulenformen beworben. Doch hier an der Gustav-Heinemann-Schule gefiel mir einfach die Atmosphäre am besten. Als ich 1999 zum Vorstellungsgespräch kam, verlief ich mich zunächst in dem großen Gebäude. Eine Schülerin sah mich umherirren und sprach mich freundlich an, ob sie mir weiterhelfen könne.   Die positive Atmosphäre, mit der ich empfangen wurde, fand im Schulleiterbüro seine Fortsetzung. Mir war schnell klar: „Hier möchtest du unterrichten“, weil man hier in mir nicht nur den Fachlehrer, sondern auch den Menschen sieht. Und das hat sich dann auch bestätigt, in dem man mir schnell Verantwortung übertragen hat und ich etwa als Musiklehrer mithilfe des Fördervereins gleich mehrere Instrumente anschaffen konnte.

Wie kam es zur Gründung der Gesamtschule?

Virnich: Damals hatte man es mit einem Schülerberg zu tun und brauchte dringend eine große Schule für den Mülheimer Norden, da es hier für Dümpten und Winkhausen nur eine Hauptschule gab, die im Gebäude der heutigen Erich-Kästner-Grundschule untergebracht war. Mit den Stimmen der SPD, die damals eine absolute Mehrheit in Mülheim hatte, beschloss der Rat der Stadt im Dezember 1968 die Gründung einer integrierten und differenzierten Gesamtschule, in die nicht nur die Hauptschule an der Nordstraße, sondern eine damals ebenfalls neugegründete Realschule und ein Gymnasium integriert werden sollte. Im Juli 1970 hat die Gesamtschule der Stadt Mülheim dann mit insgesamt 22 Klassen und 792 Schülern an der Nordstraße ihren Unterrichtsbetrieb aufgenommen. Der Prozess der Schulgründung wurde damals von einem pädagogischen Planungsausschuss begleitet. Diesem Planungsausschuss, der vom damaligen Bürgermeister und Hauptschulrektor Dieter aus dem Siepen geleitet wurde, gehörten Mülheimer Pädagogen und Politiker an.

Wurde die Gesamtschule von den Mülheimern gut angenommen?

Virnich: Die Nachbarn an der Nordstraße taten sich anfangs schwer damit, dass vor ihrer Haustür ein großes Schulgebäude entstand und sie plötzlich nicht mehr auf ein freies Feld schauen konnten. Doch wir hatten schon in den ersten Jahren oft doppelt so viele Anmeldungen wie freie Plätze. Der Ganztagsschulbetrieb mit seiner Mensa, seinen Arbeitsgemeinschaften, seiner Hausaufgabenbetreuung uns seinen Förderkursen kam bei Eltern und Schülern gut an. Das galt auch für unsere Betriebs- und Berufsschulexkursionen, in denen wir herausfanden, was die Schüler in unserem Unterricht lernen mussten, um später auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

Ratz: Das ist auch heute noch ein wichtiges Argument für Eltern, die ihre Kinder bei uns anmelden. Sie sehen, dass ihre Kinder hier sehr individuell und lebensnah gefördert werden und dass wir als Schule schon aufgrund unserer Größe und unserer sehr heterogenen Schülerschaft ein vielseitiges und differenziertes Unterrichts- Förderkurs,- AG,- und Projektangebot machen können.

Wie kam die Gesamtschule zu ihrem Namenspatron Gustav-Heinemann?

Virnich: Als 1982 in Saarn eine zweite Gesamtschule gegründet wurde, wollte man unsere Schule in Gesamtschule Dümpten umbenennen. Doch das stimmte schon geografisch nicht, weil die Schule sowohl in Dümpten als auch in Winkhausen liegt. Deshalb kam in der Schulgemeinschaft schnell die Idee auf: „Wir brauchen einen Namenspatron, der zu unserer Schule passt. Obwohl es auch andere Vorschläge wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin gab, stellte sich der ehemalige Bundesjustizminister und Bundespräsident Gustav-Heinemann als mehrheits- und konsensfähig heraus. Für ihn sprachen, dass er während des Dritten Reiches zur regimekritischen Bekennenden Kirche gehört hatte und dass er als Bundesjustizminister gesellschaftlich wichtige Reformen durchgesetzt hatte. Ich denke da zum Beispiel an die Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe gestellt hatte und an die rechtliche Gleichstellung der Frauen in der Ehe. Mir gefällt der Satz Gustav Heinemanns, den er in der hitzigen Kontroverse um die 68er gesagt hat: „Wer mit dem Finger auf andere zeigt, sollte bedenken, dass drei Finger seiner Hand auf ihn selbst zeigen.“ Wir haben den neuen Namen unserer Schule damals unter anderem mit einem Buch, einer Ausstellung und einer Veranstaltung gefeiert, bei der Heinemanns Kinder Peter Heinemann und Uta Ranke-Heinemann sowie Gustav Heinemanns letzter persönlicher Referent Martin Lotz unsere Ehrengäste waren. Martin Lotz hielt damals die Festrede.

Was macht heute das pädagogische Profil der Gustav-Heinemann-Schule aus?

Ratz: Die Themen Inklusion und Integration beschäftigen die meisten Schulen im Lande. Logisch, dass diese Themen auch auf unserer Agenda stehen. Und natürlich verwenden wir viel Energie darauf, um zu nachhaltigen und erfolgreichen Lösungen zu kommen. Darüberhinaus gibt es jedoch auch Schwerpunkte, die sich aus der Geschichte und dem Selbstverständnis der Gustav-Heinemann-Schule heraus entwickelt haben:

Zu nennen sind etwa unser Europaprofil, die vielfältigen Schulprogrammpunkte wie zum Beispiel Schulsanitätsdienst, Deeskalationstraining, Schülerpaten, Streitschlichter, Medienscouts, Schule in Bewegung, Kooperationen mit dem Theater an der Ruhr, der Hochschule Ruhr-West und so fort.      

Bei uns lernen Schüler Teamgeist. Und bei uns gilt: Wer Gustav-Heinemann-Schüler ist, bleibt es auch: An unserer Schule werden Kinder und Jugendliche nicht aussortiert, sondern individuell mit ihren Stärken und Schwächen gefördert. Dabei helfen uns unsere Lernen-Individuell-Förderkurse und die ab den Klassen 7 und 9 in den Fächern Englisch, Mathematik, Deutsch und Chemie greifende Fachleistungsdifferenzierung in Grund- und Erweiterungskurse. Kein Schüler ist nur hochbegabt oder nur lernschwach. Wo der eine Schüler seinem Klassenkameraden zeigt, wie man eine gute Powerpointpräsentation aufbaut und frei redet, zeigt dieser ihm als praktisch veranlagter Schüler dann im Technikunterricht wie man richtig sägt. (T.E.)

Gustav-Heinemann-Schule 2020

Die Schulleitung wurde zu Beginn des Schuljahres 2018/19 auf mehreren Positionen erneuert und erst vor wenigern Wochen mit einem neuen Stellvertretenden Schulleiter komplettiert. Insgesamt herrscht große Aufbruchstimmung und viele Dinge wurden bereits in kurzer Zeit neu auf den Weg gebracht wie etwa die Einrichtung neuer pädagogischer Räume.

Thomas Ratz sagt: „Im Sinne von ‚Mehr Demokratie wagen streben wir die Implementierung einer umfangreichen Feedback-Kultur an. Ferner streben wir für unsere Schule ein flächendeckendes Wlan-Netz, eine verstärkte Förderung der Medienkompetenz, eine bessere Computer-Hardware-Ausstattung und langfristig den Einsatz von digital vernetzten und interaktiven Whiteboards an, die die herkömmlichen Tafeln ersetzen sollen. Und zur Stärkung des digitalen Lernens wurde jetzt im Lehrerkollegium eine neue Koordinatorenstelle eingerichtet.“

Der Goldene Schulgeburtstag wird mit einer Festschrift, mit einem Festabend (28. April), einer Projektwoche (3. bis 5. Juni) und mit einem Schulfest am 6. Juni gefeiert. Mehr Informationen zur Schule findet man im Internet unter: www.gustav-schule.de

Dieser Text erschien am 20. Januar 2020 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 23. Januar 2020

Abschalten & hinschauen

Es kam wie es kommen musste. Gestern beobachtete ich zwei Fußgänger, die miteinander kollidierten. Denn sie schenkten der digitalen Welt auf ihrem Smartphone-Display ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und verloren dabei ihre analoge Umwelt aus dem Blick. Schade. Denn da gibt es viel zu sehen, zum Beispiel den Vater, der seinen kleinen Sohn auf den Schultern durch die Stadt trägt oder das alte Ehepaar, das dort gemeinsam und vorsichtig, Schritt für Schritt seinen Weg geht und sich dabei vertraut aneinander festhält, die Nachbarn, die sich an der Haustür Zeit für ein Gartenzaungespräch nehmen, das karge Grün, das dem urbanen Beton trotzt, ein flirtendes Lächeln, das einem im Vorbeigehen geschenkt wird und das die Seele ebenso streichelt wie die lichten Momente, die die Wintersonne für uns zur Mittagsstunde bereithält. Ich musste bei der kleinen Karambolage an den an dieser Stelle bereits gestern zitierten Politik-Professor Karl-Rudollf Korte denken, der unsere Zeit beim Bistumsempfang in der katholischen Akademie am Montagabend als Frühdigitalisierung charakterisiert hatte. Seine Diagnose: „Wir müssen mit Blick auf die neuen Medien und ihre Möglichkeiten erst noch mündig werden.“ Und zu dieser Mündigkeit gehört an erster Stelle wohl die Fähigkeit seine zweifellos hilfreichen digitalen Assistenzsysteme im richtigen Moment abzuschalten und ganz analog die Augen aufzumachen und hinzuschauen. 

Dieser Text erschien am 23. Januar 2020 in der Neuen Ruhrzeitung

Mittwoch, 22. Januar 2020

Halleluja & Helau


Als ich gestern in St. Engelbert bei der Karnevalsfestmesse den Karnevalsschlager: „Schenk mir dein ganzes Herz. Ich schenke dir meins. Nur die Liebe zählt“ auf der Orgel intoniert hörte, wurde mir klar, dass Halleluja und Helau zwei Seiten derselben Medaille sind. Auch der schon in vielen Sälen gespielte närrische Ohrwurm: „Da sind wir dabei. Das ist prima. Wir lieben das Leben und die Lust. Wir glauben an den lieben Gott und haben auch immer Durst“, klang auf der Königin der Instrumente sicher nicht nur in meinen Ohren wie eine himmlische Botschaft, die die alltagsgeschüttelte Seele streichelte. Mehr Wir als Ich, mehr Demut und mehr Gottvertrauen, ob im Karneval, in der Politik oder im ganz normalen Leben. Kurz: Lebensfreude durch Gemeinschaft. Diese Frohe Botschaft zog sich ganz ohne moralischen Zeigefinger und deshalb wohltuend durch die heiter-besinnlichen Wortbeiträge der geistlichen, närrischen und weltlichen Tollitäten. Mir scheint: Der liebe Gott hat Humor. Er schickt die Narren in seine Kirche, um ihr zu zeigen, wo es lang geht und was im Leben wirklich wichtig ist, im Himmel wie auf Erden. Vielleicht brauchen gerade wir Christenmenschen zwischen Weihnachten, Fastenzeit und Ostern den Karneval, um etwas erlöster und damit, frei nach dem Philosophen Friedrich Nietzsche, glaubwürdiger und überzeugender zu werden.

Dieser Text erschien am 20.01.2020 in der NRZ

Dienstag, 21. Januar 2020

Fromm und fröhlich

Die Predigt von Pastor Michael Clemens fiel diesmal etwas ernster und weniger gereimt aus. Doch das tat der Karnevalsmesse in St. Engelbert keinen Abbruch. "Es kommt auf uns an, dass wir füreinander da sind und nicht glauben, dass wir nur alleine am besten vorankommen", schrieb Clemens nicht nur den politischen Parteien, sondern auch den Karnevalsgesellschaften ins Stammbuch.
"Er hat uns mit seinem Leben ein Beispiel gegeben und mit seinem ehrenamtlichen Engagement für eine frohe und starke Lebensgemeinschaft alles dafür getan, um nicht nur die Tradition des Karnevals hochzuhalten und den Egoismus abzuschalten", würdigte Clemens den am 3. Januar verstorbenen Karnevalisten und Kommunalpolitiker Hermann-Josef Hüßelbeck.
Mit Blick auf die Problematik bezahlbarer Veranstaltungsorte für den Karneval freute sich der Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, Markus Uferkamp, darüber, dass wir mit der Karnevalsmesse in St. Engelbert einen festen Veranstaltungstermin und Veranstaltungsort haben, der uns auch im kommenden Jahr nicht verloren gehen wird." Er versicherte: "Wir Karnevalisten werden auch weiter zusammenrücken und etwas für den Spaß an der Freude in unserer Stadt tun."
Neben Kirchenliedern wurden in der Karnevalsfestmesse an der Orgel und von den Musikzügen der Mölmschen Houltköpp auch Karnevalsschlager, wie: "Viva Colonia!" und "Schenk mir dein Herz. Ich schenk dir meins. Nur die Liebe zählt" intoniert.  Viel Applaus erhielten für ihre Darbietungen auch Tanzmariechen Kiara Steube von der KG Mölm Boowenaan sowie die Ehrensenatoren Rolf Völker, seines Zeichens Vorsitzender des Stadtkatholikenrates, und Michael Clemens. Letztere sangen den Karnevalsschlager: "So lange wir noch am Leben sind" und bezogen dabei auch die kirchlichen Baustellen, Geld- und Priestermangel, mit ein. "Wir werden euch als Gesangsduo Rolf & Michael in eines unserer nächsten Programme mit ein beziehen", kündigte der Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval an.
Fromm und fröhlich gefeiert wird auch beim Karnevalsgottesdienst (am 16. Februar um 11 Uhr in der Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße 21) und beim Gemeindekarneval "Firlefanz im Engelkranz" am 22. Februar um 19 Uhr im Autohaus Extra an der Fritz-Thyssen-Straße 6 in Dümpten.

Montag, 20. Januar 2020

Erinnerung an einen Standhaften

Am 23. Januar jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem der 2001 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochene katholischen Journalist, Arbeiterführer, Familienvater und Widerstandskämpfer Nikolaus Groß von den Nationalsozialisten ermordet wurde. In seiner Heimatgemeinde St. Mauritius in Hattingen-Niederwenigern hält der Verein mit einem kleinen, aber feinen und mit interessanten Exponaten, wie den Originalausgaben, der von 1933 bis 1938 herausgegebenen Ketteler Wacht bestückten Museum die Erinnerung an den 1898 geborenen Nikolaus Groß lebendig. Im Gespräch mit dem Neuen Ruhrwort erklärt der Vorsitzende des Vereins Nikolaus Groß Niederwenigern e.V., Michael Kriwet, warum er sich für das Gedenken an den Seligen aus unserer Region engagiert und warum wir auch 75 Jahre nach seinem Tod gut daran tun, uns an Nikolaus Groß zu erinnern.


Warum sollte man sich heute an Nikolaus Groß erinnern, in dem man das Museum Ihres Vereins besucht?

!!! Weil man sich hier mit einer Person beschäftigt, die keine ungreifbare Ikone ist, sondern deren politische und journalistische Arbeit, zum Beispiel als Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung und der Ketteler Wacht der KAB in den 1920er und 1930er Jahren einen hohen aktuellen Bezug hat. Hier bringen wir Menschen den Menschen Nikolaus Groß unter anderem mit Gegenständen und Schriftstücken aus einem privaten Besitz näher.


Wie begehen Sie den 75. Todestag von Nikolaus Groß?

!!! Neben einem Pontifikalamt, das Bischof Franz-Josef Overbeck am 23. Januar im Essener Dom feiern wird, wird es bei uns in Hattingen-Niederwenigern am 25. Januar hier in St. Mauritius, wo Nikolaus Groß getauft wurde, zur ersten Heiligen Kommunion ging und mit seiner Frau Elisabeth 1923 getraut wurde, um 17.30 Uhr einen Festgottesdienst und am 26. Januar um 11 Uhr einen Familiengottesdienst geben. Unser 90 Quadratmeter großes Museum wird am 25. Und 26. Januar, jeweils eineinhalb Stunden vor und nach der Heiligen Messe seine Türen öffnen.


Warum engagieren Sie sich für die Erinnerung an Nikolaus Groß?

!!!: Weil ich als jemand, der in seiner Heimatgemeinde lebt und ehrenamtlich aktiv ist, weiß, dass die Lebensleistung von Nikolaus Groß nie an Aktualität verloren hat und heute aktueller denn je ist. Er ist für mich, wie gesagt, keine theoretische Ikone, die man an die Wand hängt. Da Nikolaus Groß‘ 2019 verstorbener Sohn Diakon Bernhard Groß zu den Mitgründern unseres Vereins gehört und sein Enkel Thomas ebenso Mitglied unseres Vereins ist wie unser ehemaliger Pastor Werner Bering, kann ich Nikolaus Groß sowohl aus einem familiären als auch aus einem geistlichen Blickwinkel betrachten. Als Christ und Familienvater von zwei inzwischen erwachsenen Kindern ist mir Zwiespalt zwischen seinem christlich motivierten Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrechtssystem und die Sorge um seine Familie sehr nahe. 


Was ist für Sie die wichtigste Lebensbotschaft des Nikolaus Groß?

!!!: Dass es Sinn macht an der Frohen Botschaft des christlichen Glaubens, allen äußeren Widrigkeiten und Beeinträchtigungen, durch politische Strömungen und innerkirchliche Probleme festzuhalten, auch dann, wenn das nicht mehr als zeitgemäß angesehen wird. Mich lehrt Nikolaus Groß, mit seinem Lebensbeispiel, mit meiner selbst gesteckten Toleranz, meinen Glauben in meinem Leben zu verwirklichen. Das bedeutet für mich, dass ich ein engagiertes Mitglied einer lebendigen Gemeinde bin.


Was können wir als Gesellschaft von Nikolaus Groß lernen?

!!!: Seine Wertungen über Toleranz, politische Selbstbestimmung und den christlichen Glauben braucht man auch 75 Jahre nach seinem Tod nicht zu übersetzen, weil sie für sich stehen und auch heute gut verstanden werden können. Nikolaus Groß appelliert auch an uns: „Öffne die Augen. Betrachte die Welt um dich herum und ziehe daraus die Konsequenzen, die sich für dich aus deinem christlichen Glauben ergeben.




INFO: Weitere Informationen zum 2015 gegründeten Museum des Vereins Nikolaus-Groß-Niederwenigern e.V., das jeweils am dritten Sonntag des Monats zwischen 10.30 Uhr und 12.30 geöffnet ist, finden Interessierte auf der Internetseite: www.nikolaus-gross.org. Über diese Internetseite kann man sich auch für Führungen und Vorträge anmelden mit dem Verein Kontakt aufnehmen, wenn man seine Arbeit unterstützen möchte. Neue Mitglieder und Helfer sind Michael Kriwet und seinen Vereinskollegen immer willkommen. Das Nikolaus-Groß-Haus am Domplatz 2a in Hattingen-Niederwenigern ist von Essen aus mit der Buslinie 166 und vom Hattinger Bahnhof aus mit der Buslinie 141 erreichbar.


Sonntag, 19. Januar 2020

Eine Anklage gegen den Rechtsextremismus

Drei Fragen an den Ehrenstadtdechanten und vormaligen Pfarrer der Gemeinde St. Barbara

Wie gedenkt Ihre Gemeinde St. Barbara dem vor 75 Jahren ermordeten Widerstandskämpfer Nikolaus Groß, dessen Leben sie mit einem Musical auf die Bühne gebracht hat?
1 Wir werden am morgigen Sonntag, 19. Januar, um 10 Uhr in einer Heiligen Messe und ab 11 Uhr beim Neujahrsempfang der Gemeinde im Gemeindesaal am Schildberg 93 Nikolaus Groß gedenken. Im Rahmen des Empfangs wird unsere Gemeinderatsvorsitzende Gabriele Ripholz den Leiter der Notfallseelsorge, Pfarrer Guido Möller interviewen, dessen ehrenamtliche Mitarbeiter im Dezember unter anderem mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnet worden sind. Stadtdechant Michael Janßen wird in einer Rede noch einmal erklären, warum er sich 2019 auch unter Berufung auf Nikolaus Groß an den Protesten gegen die AFD-Veranstaltung in der Stadthalle beteiligt hatte.

2 Was wird aus der Nikolaus-Groß-Medaille?
Da der Neujahrsempfang der Stadtkirchen ökumenisch ausgerichtet wird, wird es künftig auch einen neuen ökumenischen Kirchenpreis geben. Deshalb wären wir als Gemeinde St. Barbara bereit die Nikolaus-Groß-Medaille künftig im Rahmen unseres Gemeindeempfangs an Menschen vergeben, die sich im Sinne von Nikolaus Groß gesellschaftlich verdient gemacht haben. Wir spielen als Gemeinde mit dem Gedanken, dafür ein Kuratorium zu gründen, für das wir den Stadtdechanten und den Nikolaus-Groß-Enkel Thomas Groß gewinnen wollen.

3 Wird das Nikolaus-Groß-Musical noch einmal aufgeführt und warum macht es Sinn, sich auch in dieser Form an Nikolaus Groß zu erinnern?
In der Gemeinde gibt es den großen Wunsch, das Musical am 20. Jahrestag der Seligsprechung von Nikolaus Groß am 7. Oktober 2021 in der Barbarakirche aufzuführen. Diese Erinnerung macht heute auch Sinn, da Rechtsextremismus und Nationalismus in Teilen unserer Gesellschaft wieder hoffähig werden. Denn das Musical ist ja eine Anklage gegen den Nationalsozialismus und damit auch gegen Rechtsextremismus und würdigt auch die seelsorgerische Leistung des Nikolaus Groß und seine absolute Loyalität zum Menschen. 

Dieser Text erschien am 18. Januar 2020 in NRZ und WAZ

Samstag, 18. Januar 2020

Der Preis des Frohsinns

Karneval macht Freude, kostet aber auch Geld. Weil die Sponsorengelder nicht mehr so üppig fließen wie in früheren Jahren und auch bei den Veranstaltungsbesuchern das Geld für Eintrittskarten lang nicht mehr locker sitzt, fordern Mülheims Chefkarnevalisten für das närrische Brauchtum eine Unterstützung aus dem Kulturetat der Stadt in Form einer Beteiligung an den Saalmieten.


„Wir verlangen kein Geld von der Stadt, aber wir brauchen geeignete und bezahlbare Orte für unsere Veranstaltungen, um das Niveau des Mülheimer Karnevals halten zu können“, sagt der Präsident des Hauptausschusses Groß Mülheimer Karneval, Markus Uferkamp. „Wir leisten als Karnevalisten kulturelle Brauchtumspflege, aber auch eine Jugendarbeit, die Kinder von der Straße holt und die Alten und Behinderten nicht vergisst“, betont er.


Just die Seniorensitzung des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval wird in die dieser Session erstmals nicht im Theatersaal, sondern im kleineren Festsaal der Stadthalle über die Bühne gehen. Das hat finanzielle und demografische Gründe. Bei der Anmietung des Theatersaals kalkuliert der Geschäftsführer des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, Hans Klingel mit einem Tagessatz von 11.500 Euro. Im Festsaal werden nur 5500 Euro fällig. Dafür können dort aber auch nur maximal 600 Eintrittskarten verkauft werden, die bereits alle unter die reifen Jecken gebracht worden sind. „Vor der letzten Seniorensitzung im Theatersaal konnten wir die 300 Karten im Hochparkett nicht mehr verkaufen, weil auch die Besucher der Seniorensitzung älter und immobiler geworden sind“, erklärt Klingels den Ortswechsel innerhalb der Stadthalle.


„Wo wir vor 15 Jahren noch um die 1000 Euro für den Theatersaal der Stadthalle zahlen mussten, zahlen wir heute das Fünffache. Gleichzeitig hatten wir vor fünf Jahren aber noch 20.000 Euro mehr Sponsorengelder in der Kasse. Während damals noch acht Karnevalsgesellschaften in der Stadthalle feierten, ist dort heute nur noch der Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval mit seiner Prinzenproklamation, dem Prinzenball und der Seniorensitzung präsent“, schildert Klingels die Entwicklung. Markus Uferkamp weist darauf hin, dass auch die Kaufkraft der Jecken rückläufig sei und man deshalb auch nicht an der Preisschraube für die Eintrittskarte drehen könne. Je nach Veranstaltungsart schwanken die Eintrittspreise zwischen drei und 25 Euro. „Zu den Eintrittskarten kommen in der Regel auch noch Kosten für Imbiss und Getränke und vielleicht auch noch eine Taxifahrt nach Hause“, erklärt Uferkamp, warum ein Karnevalsabend auch bei zurückhaltenden Eintrittspreisen und einem hohen unentgeltlichen Arbeitseinsatz der Karnevalisten vor, auf und hinter der Bühne schnell zu einem teuren Vergnügen werden kann.


„Wir möchten unser Geld, dass wir durch Sponsoren, die Anzeigen im Narrenkurier und durch die Rosenmontagstombola einnehmen, lieber in unsere Karnevalsarbeit investieren als es in Saalmieten stecken zu müssen und dann trotz eines hohen ehrenamtlichen Arbeitseinsatzes der aktiven Karnevalisten mit einem finanziellen Minus den Veranstaltungen herauszugehen“, unterstreicht Uferkamp.


Mülheims Chefkarnevalist erinnert daran, dass die Karnevalisten nicht nur Prunksitzungen feiern und den Rosenmontagszug auf die Beine stellen. Auch in Altenheimen oder im Dorf der Theodor-Fliedner-Stiftung sorgen sie unentgeltlich und ehrenamtlich für Spaß an der Freude. Darüber hinaus sind sie auch außerhalb der Session, etwa beim Jugendfestival Voll die Ruhr, beim Weltkindertag in der Müga oder bei der Inklusionsveranstaltung Grenzenlos in der Stadthalle mit von der Partie. „Es reicht nicht mehr schöne Grußworte zu sprechen. Man muss uns jetzt durch eine massive Entlastung bei den Saalmieten helfen, wenn man keinen Schrumpfungsprozess des Mülheimer Karnevals erleben möchte“, sagt Markus Uferkamp. 

Hintergrund


1300 Mülheimer sind im Karneval ehrenamtlich aktiv. Sie werden finanziell zum Beispiel durch derzeit 70 Mitglieder eines Förderkreises und durch Sponsoren wie die MEG, die Sparkasse, die Dekra, das Fourm, Audi Wolf, die Ruhrdeichgruppe, die Handelsfirma Selgros sowie RWW und Innogy unterstützt. Hinzu kommt die organisatorische Unterstützung durch Polizei, THW, Rotes Kreuz, Polizei und Ordnungsamt und finanzielle Eigenleistungen der Karnevalisten. Allein die Organisation des Rosenmontagszuges schlägt mit 30.000 Euro zu Buche. Dem steht ein Nettoerlös der Rosenomontagstombola von 6000 bis 7000 Euro gegenüber. Allein beim Einkauf eines professionellen Künstlers oder einer Gruppe kalkuliert der Geschäftsführer des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval mit etwa 1000 Euro oder mehr. 

Was sagt die MST?


Inge Kammerichs, die als Geschäftsführerin der Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST für die Bewirtschaftung und Vermarktung der Stadthalle zuständig ist, weist darauf hin, dass die Karnevalisten wie alle anderen Vereine und Parteien in der Stadt einen 40-prozentigen Rabatt auf die Saalmieten zugestanden bekommen. Am Beispiel des Festsaales der Stadthalle, den die Karnevalisten und andere gemeinnützige Vereine und Organisationen für 635 Euro anmieten können, macht die MST-Geschäftsführerin deutlich, dass die eigentliche Saalmiete nicht der Kern des finanziellen Problems ist. Die Hauptkosten, die bei der Anmietung der Stadthallensäle anfallen sind Personalkosten. Kammerichs kalkuliert mit einem Tagessatz von 1600 Euro für Techniker und Aufsichtspersonal. Die Arbeitsstunde eines Technikers kostet 39 Euro, die einer Reinigungskraft 23 Euro. Hinzu kommen pro Anmietungstag 250 Euro für die Bühnentechnik, 650 Euro für die Tontechnik und 270 Euro für die Lichttechnik.

Was sagt die Politik?


Bürgermeisterin Margrete Wietelmann (SPD) bekennt sich zu ermäßigten Saalmieten in der Stadthalle, wenn diese von gemeinnützigen Vereinen angemietet wird, will aber keinen völligen Mietverzicht in der Stadthalle. „Das wäre eine Form von Subventionierung die angesichts unserer Haushaltslage schwierig oder gar nicht zulässig wäre, zumal ja immer auch Personal- und Sachkosten entstehen“, betont Wietelmann. SPD-Fraktionschef Dieter Spliethoff und der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, Jürgen Pastowski sehen angesichts der desolaten Finanzlage der Stadt zurzeit keinen finanziellen Spielraum für Mietnachlässe in der Stadthalle, obwohl sie die Kultur,- Sozial- und Jugendarbeit des Mülheimer Karnevals ausdrücklich loben. CDU-Fraktionschefin Christina Küsters kündigt ein Gespräch an, dass ihre Fraktion Mitte der kommenden Woche mit den Vertretern des Mülheimer Karnevals führen wird. Sie sieht aufgrund der städtischen Finanzsituation „keinen Spielraum für eine Nulllösung“ zugunsten gemeinnütziger Vereine, die die Stadthalle anmieten wollen. Sie will sich aber mit dem Zahlenwerk der aktuellen Tagessätze für die Stadthallenmiete auseinandersetzen und mit ihren Fraktionskollegen überlegen, ob man zu Nachlässen bei den Nebenkosten für Energie, Personal und Technik kommen könnte. FDP-Fraktionschef Peter Beitz will in der Frage der Saalmiete für die Karnevalsvereine Kontakt mit der MST-Geschäftsführerin Kammerichs aufnehmen. „Das Thema Karneval muss in den Status einer kulturellen Veranstaltung gehoben werden. Das Angebot kultureller Veranstaltungen gehört zu den Pflichtaufgaben der Kommunen. Die lässt auch andere Finanzierungen bzw. Förderungen zu“, sagt Beitz. Er kündigt an, dass der FDP-Vertreter im MST-Aufsichtsrat das Thema Saalmieten für Vereine auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung setzen wird. 


Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...