Donnerstag, 25. Dezember 2014

Eingeladen Kirche zu erleben: Seit zehn Jahren gibt es am Kohlenkamp eine katholische Ladenkirche


Eine Frau und ihr Sohn werden nicht fertig mit dem Tod des Vaters und Ehemannes. Ein Mann stößt bei der Betreuung seiner pflegebedürftigen Frau an seine Grenzen. Ein anderer Mann hat seinen Arbeitsplatz verloren und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Eine junge Mutter fragt sich, ob sie ihr Kind taufen lassen soll? Solche und ähnliche Gespräche werden fast täglich in der Mülheimer Ladenkirche geführt. „Viele Menschen sind heute sehr einsam und haben niemanden, dem sie ihre Sorgen mitteilen können“, weiß Barbara Heckler. Sie ist eine von 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die die Ladenkirche am Kohlenkamp tragen und zwei- bis dreimal im Monat einige Stunden investieren, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören oder Informationen aus der katholischen Stadtkirche an die Frau und den Mann zu bringen.

"Wir haben uns damals gesagt: Wenn immer weniger Menschen zur Kirche kommen, muss die Kirche eben zu den Menschen kommen“, beschreibt Johannes Valkyser den Impuls, der vor zehn Jahren zur Eröffnung einer katholischen Ladenkirche in der Mülheimer Innenstadt führte. Er hält als Mister Ladenkirche die organisatorischen Fäden in der Hand und stellt bei seiner ehrenamtlichen Arbeit immer wieder fest, „wie gut es einem auch selbst tut, wenn man spürt, dass man einem Menschen weiterhelfen konnte, in dem man mit ihm gesprochen und ihm zugehört hat.“

Bisher 6000 Besucher zeigen, dass das Projekt Ladenkirche geglückt ist. Positiv überrascht sind Valkysers Ladenkirchenkollegen Wolfgang Feldmann und Rolf Völker auch davon, dass kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens eine Hand voll Menschen den Weg in die Mittagsandacht der Ladenkirche findet. Ein spiritueller Anziehungspunkt des kleinen Andachtsraumes ist das Wärme, Helligkeit und damit Hoffnung ausstrahlende Gemälde Heribert Honekes. Es trägt den programmatischen Titel: „Versammeln, Hinhören und weitersagen.“ Das ist für die Ladenkirche und ihr ehrenamtliches Mitarbeiterteam ebenso Programm, wie die Aufschrift des Schildes, das über dem Eingang hängt. „Einge-Laden-Kirche-zu-erleben“ steht da. „Hier hin kommen auch viele Menschen, die niemals die Klinke eines Pfarrbüros drücken würden“, weiß Johannes Valkyser. Besonders dankbar ist er für den Einsatz seiner Kollegin Elke Timmer, die die kleine Ladenkirche regelmäßig mit christlichen Büchern und Grußkarten oder mit Kreuzen, Kommunion- und Osterkerzen bestückt. „Denn diese Dinge sind für uns oft wichtige Türöffner, durch die Menschen erst in die Ladenkirche eintreten und dann mit uns ins Gespräch kommen.

Rolf Völker und Wolfgang Feldmann treffen bei ihren Stunden in der Ladenkirche, die früher mal ein Buchladen war, immer wieder auf „kirchenferne und kirchenkritische Menschen, die sich aber durchaus als religiös begreifen.“ Oft haben sie das Gefühl, in ihren Gesprächen das ausbügeln zu müssen, was so manche hauptamtlichen Kirchenvertreter an Verletzungen hinterlassen haben. Das reicht von ganz allgemeiner Kirchenkritik (á la Missbrauchsfälle und Tebartz van Elst) bis hin zu ganz persönlichen Negativerfahrungen mit Priestern, die als Seelsorger nicht da waren, als sie gebraucht wurden oder im Gespräch den falschen Ton getroffen haben. Weil es schon aus demografischen Gründen in Zukunft weniger Kirchen geben wird, werden Ladenkirchen in den Augen Wolfgang Feldmanns als niederschwelliger „Zugang zur Kirche tendenziell immer wichtiger, weil wir als Christen Menschen nichts Wertvolleres schenken können, als Zeit und Zuwendung.“ Für seinen Kollegen Johannes Valkyser geht es in der Ladenkirche vor allem darum, „deutlich zu machen, dass der Mensch in der katholischen Kirche immer wichtiger ist, als das Kirchenrecht.“

Auch wenn die katholische Ladenkirche, nicht zuletzt dank ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter und großzügiger Spenden zehn gute Jahre erlebt hat, kann sich Wolfgang Feldmann für die Zukunft schon aus finanziellen Gründen auch eine ökumenische Ladenkirche vorstellen. „Das war schon vor zehn Jahren mal im Gespräch, ist dann aber (nicht an uns) gescheitert“, erinnert sich Feldmann. Er ist überzeugt: „Was aber gestern nicht möglich war, kann, wie in der Politik durch Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen vielleicht morgen oder übermorgen Wirklichkeit werden.“

Die 2011 mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnete Katholische Ladenkirche am Mülheimer Kohlenkamp 30, die im November 2004 auf eine Initiative des damaligen Stadtdechanten Manfred von Schwartzenberg und des damaligen Katholikenratsvorsitzenden Wolfgang Feldmann zurückging, ist montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags zwischen 10 und 14 Uhr geöffnet. Täglich findet dort um 12 Uhr eine Andacht statt. Am ersten Dienstag im Monat lädt die Ladenkirche von 12 bis 14 Uhr zu einer Priestersprechstunde und am letzten Donnerstag des Monats um 18.15 Uhr zu einem theologischen Gesprächskreis ein. Außerdem bieten die Caritas, die KAB und die örtliche Seelsorge für Seh- und Hörgeschädigte regelmäßige Beratungsstunden an. Telefonisch ist die Ladenkirche unter der Rufnummer: 02 08/29 99 678 erreichbar.
Dieser Text erschien am 6. Dezember 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 22. Dezember 2014

Bürgerarbeit: Eine zweite Chance für den Arbeitsmarkt vor dem Aus


„Der SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare fordert einen sozialen Arbeitsmarkt, aber die Große Koalition hat es versäumt, rechtzeitig ein Nachfolgeprogramm für die auslaufende Bürgerarbeit aufzulegen“, ärgert sich der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer.

In der Spitze beschäftigte das Diakoniewerk 70 aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommende Bürgerarbeiter, die zum Beispiel in der Kantine, an der Tafel, im Textil- und Secondhand-Verkauf, im Fuhrpark, in der Schreinerei oder bei Wohnungsauflösungen eingesetzt wurden. Zurzeit sind es noch 35. Nur 15 von ihnen können mit Eigenmitteln des Diakoniewerks und Fördermitteln der Sozialagentur zwei Jahre lang weiterbeschäftigt werden. Auch wenn der Wegfall der Bürgerarbeiter beim Diakoniewerk mit einigen Überstunden anderer Kollegen ausgeglichen werden kann, macht es aus Schreyers Sicht keinen Sinn, „dass der Steuerzahler mehr Geld dafür bezahlt, Langzeitarbeitslose mit massiven Vermittlungshindernissen zu Hause sitzen zu lassen, statt sie mit einem 20-prozentigen Arbeitgeberanteil sinnvoll zu beschäftigen.“

Sinnvoll beschäftigt sind zumindest bis Ende des Jahres die 15 Bürgerarbeiter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG), die als Mobilitätsassistenten Senioren und Behinderte in Bus und Bahn begleiten. Die MVG prüft, wie sie mit Eigenmitteln und Fördermitteln der Sozialagentur ihren beliebten Begleitservice aufrechterhalten kann. Im MVG-Aufsichtsrat steht das Thema am 1. Dezember auf der Tagesordnung. Den Aufsichtsräten soll ein Vorschlag vorliegen, wonach der Begleitservice der MVG mit 7 statt mit bisher 15 Mitarbeitern fortgesetzt werden könnte.

Glück hat eine Bürgerarbeiterin der Paritätischen Initiative für Arbeit (Pia), die im neuen Jahr als fest angestellte Verwaltungsmitarbeiterin übernommen wird, während ein Kollege in der Styrumer Radstation gehen muss und seine Arbeit durch seine vier Kollegen mit gemacht werden muss.

Die Mülheimer Seniorendienste beschäftigen immerhin zwei ihrer zeitweise neun Bürgerarbeiter als Alltagsbetreuer und Altenpflegehelferin in den städtischen Altenheimen weiter. Einen Serviceverlust fürchtet Geschäftsführer Alexanders Keppers durch den Wegfall der letzen beiden Bürgerarbeiter nicht, „weil unsere Stellen derzeit alle besetzt sind.“

„Das ist schon grenzwertig. Wir wissen noch nicht, ob wir unsere Öffnungszeiten im bisherigen Umfang aufrecht erhalten können“, sagt dagegen der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink, mit Blick auf die Bürgerarbeiterin, die nur noch bis Ende 2014 die hauptamtliche Mitarbeiterin der Awo-Seniorentagesstätte an der Bahnstraße unterstützen kann.

„Der SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare fordert einen sozialen Arbeitsmarkt, aber die Große Koalition hat es versäumt, rechtzeitig ein Nachfolgeprogramm für die auslaufende Bürgerarbeit aufzulegen“, ärgert sich der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer.

In der Spitze beschäftigte das Diakoniewerk 70 aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommende Bürgerarbeiter, die zum Beispiel in der Kantine, an der Tafel, im Textil- und Secondhand-Verkauf, im Fuhrpark, in der Schreinerei oder bei Wohnungsauflösungen eingesetzt wurden. Zurzeit sind es noch 35. Nur 15 von ihnen können mit Eigenmitteln des Diakoniewerks und Fördermitteln der Sozialagentur zwei Jahre lang weiterbeschäftigt werden. Auch wenn der Wegfall der Bürgerarbeiter beim Diakoniewerk mit einigen Überstunden anderer Kollegen ausgeglichen werden kann, macht es aus Schreyers Sicht keinen Sinn, „dass der Steuerzahler mehr Geld dafür bezahlt, Langzeitarbeitslose mit massiven Vermittlungshindernissen zu Hause sitzen zu lassen, statt sie mit einem 20-prozentigen Arbeitgeberanteil sinnvoll zu beschäftigen.“

Sinnvoll beschäftigt sind zumindest bis Ende des Jahres die 15 Bürgerarbeiter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG), die als Mobilitätsassistenten Senioren und Behinderte in Bus und Bahn begleiten. Die MVG prüft, wie sie mit Eigenmitteln und Fördermitteln der Sozialagentur ihren beliebten Begleitservice aufrechterhalten kann. Im MVG-Aufsichtsrat steht das Thema am 1. Dezember auf der Tagesordnung. Den Aufsichtsräten soll ein Vorschlag vorliegen, wonach der Begleitservice der MVG mit 7 statt mit bisher 15 Mitarbeitern fortgesetzt werden könnte.

Glück hat eine Bürgerarbeiterin der Paritätischen Initiative für Arbeit (Pia), die im neuen Jahr als fest angestellte Verwaltungsmitarbeiterin übernommen wird, während ein Kollege in der Styrumer Radstation gehen muss und seine Arbeit durch seine vier Kollegen mit gemacht werden muss.

Die Mülheimer Seniorendienste beschäftigen immerhin zwei ihrer zeitweise neun Bürgerarbeiter als Alltagsbetreuer und Altenpflegehelferin in den städtischen Altenheimen weiter. Einen Serviceverlust fürchtet Geschäftsführer Alexanders Keppers durch den Wegfall der letzen beiden Bürgerarbeiter nicht, „weil unsere Stellen derzeit alle besetzt sind.“

„Das ist schon grenzwertig. Wir wissen noch nicht, ob wir unsere Öffnungszeiten im bisherigen Umfang aufrecht erhalten können“, sagt dagegen der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink, mit Blick auf die Bürgerarbeiterin, die nur noch bis Ende 2014 die hauptamtliche Mitarbeiterin der Awo-Seniorentagesstätte an der Bahnstraße unterstützen kann.
 
Dieser Text erschien am 19. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 21. Dezember 2014

Die Jüdische Gemeinde zwischen Baustellen und Lichtblicken: Ein Gespräch mit ihrem Geschäftsführer Michael Rubinstein

Am 16. Dezember feierte die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen den ersten Tag ihres achttägigen Lichterfestes Channukka auch auf dem Synagogenplatz. Dann werden der neue Vorstandsvorsitzende der Gemeinde Dmitrij Yegudin und der neue Gemeinderabbiner Reuven Konnik zusammen mit Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld die erste von acht Festtagskerzen entzünden. Zur Feier des Tages wird auch der Gemeindechor singen und Fettgebackenes gereicht. Das jüdische Lichter- und Familienfest Channukka erinnert an ein Wunder. Als 164 vor Christus der 2. jüdische Tempel in Jerusalem nach einer Verwüstung durch die Syrer wieder eingeweiht wurde, reichte das Olivenöl zum Entzünden des siebenarmigen Kerzenleuchters, dessen Licht nicht erlöschen sollte, eigentlich nur für einen Tag. Doch durch eine wunderbare Ölvermehrung brannten die Kerzen acht Tage, solange, bis neues Olivenöl hergestellt und herangeschafft werden konnte.

Wenn sich der Geschäftsführer der 2700 Mitglieder zählenden Gemeinde, Michael Rubinstein, heute ein Wunder wünschen könnte, wäre es wohl das einer wunderbaren Geldvermehrung. „Wie andere Gemeinden müssen wir uns heute auch fragen, was wir leisten wollen, was wir leisten müssen und was wir leisten können“, sagt Rubinstein.

Den größten finanziellen Brocken, den die Gemeinde derzeit schultern muss, ist die 1,8 Millionen Euro teure, Betonsanierung ihres Gemeindezentrums im Duisburger Innenhafen. Dagegen nehmen sich die 30?000 Euro, die die Gemeinde in diesem Jahre in ihren Friedhof an der Gracht investieren musste, um ihre Friedhofskapelle zu restaurieren und Sturmschäden zu beseitigen, geradezu bescheiden aus.

Die Jüdische Gemeinde, die in Mülheim rund 750 Mitglieder hat, betreibt neben ihrem Gemeindezentrum mit seinen religiösen, kulturellen und sozialen Veranstaltungen auch eine Kindertagesstätte, in der 45 Kinder betreut werden, ein Jugendzentrum und eine umfangreiche Sozialberatung, die in Mülheim beim Diakonischen Werk am Hagdorn angesiedelt ist.

„Im Jahr 2014 liegt der Finanzbedarf für unsere Aktivitäten, Einrichtungen und 25 hauptamtlichen Mitarbeiter bei rund 1,6 Millionen Euro“, schätzt Geschäftsführer Rubinstein. Die Gemeindearbeit finanziert sich aus der Kultussteuer, die ihre Mitglieder zahlen und die, wie bei der christlichen Kirchensteuer einen Aufschlag von neun Prozent der Einkommenssteuer ausmacht, sowie aus zum Teil projektbezogenen Fördermitteln der Kommunen, des Landes und des Bundes. Die Stadt Mülheim unterstützt zum Beispiel den jüdischen Gemeindekindergarten mit jährlich 1400 Euro. Bei außergewöhnlichen Belastungen, wie jetzt durch die Betonsanierung ihres Zentrums, kommt die Gemeinde aber nicht ohne Kredite, Stiftungsmittel und Spendenaktionen aus.

Dass dem im Februar 2014 neugewählten Gemeindevorstand nur noch Mitglieder angehören, die ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion haben, erklärt Rubinstein damit, dass dies auf 97 Prozent der Gemeindemitglieder zutrifft. Denn durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach 1989 einsetzte, wuchs die Gemeinde von 118 auf 2700 Mitglieder an.

Die Tatsache, dass inzwischen 1052 von 2700 Gemeindemitgliedern über 60 sind, zeigt, dass der demografische Wandel und ein damit verbundener Schrumpfungsprozess auch in der Jüdischen Gemeinde angekommen ist. Zwölf Sterbefällen und zehn Austritten standen 2014 acht Neuzugänge entgegen. Der Umgang mit dementiell veränderten, pflegebedürftigen oder behinderten Familienangehörigen wird zunehmend zum zentralen Thema der gemeindlichen Sozialarbeit. Hinzu kommt, wenn auch mit abnehmender Tendenz, der Bedarf an Sprachförderung. Vor allem die jüngeren Gemeindemitglieder sprechen heute selbstverständlich deutsch und russisch.

Als positives Signal sieht Rubinstein, dass der neue Gemeindevorstand wöchentliche Sprechstunden abhält, eine zentrale Servicenummer eingerichtet hat, die Gemeindezeitung sechs statt zweimal pro Jahr erscheinen lässt und mit Moshe Werner erstmals einen hauptamtlichen Jugendleiter eingestellt hat.

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
 
 

Mittwoch, 17. Dezember 2014

So gesehen: Selbst ist der Mann

Früher wussten Studenten, die Geld brauchten, was sie im Dezember zu tun hatten. Ein Anruf bei der Nikolaus-Vermittlung des Arbeitsamtes reichte. Heute heißt das Arbeitsamt Agentur für Arbeit, hat aber wie man hört, gar keine Nikoläuse mehr im Angebot, die zu einem nach Hause kommen und nicht nur den lieben Kleinen bei Bedarf die Leviten lesen, um sie anschließend Besserung geloben zu lassen und zum guten Schluss zu beschenken. Offensichtlich braucht man heute keinen Nikolaus vom Amt, weil es heute an allen Ecken und Enden selbst berufene Nikoläuse gibt und in jedem Mann eben auch ein Weihnachtsmann steckt. Wie sagte doch jüngst Kabarettist Stefan Bauer: Erst glaubt man an den Nikolaus, dann nicht mehr und dann ist man selbst der Nikolaus.

Dieser Text erschien am 10. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 14. Dezember 2014

So gesehen: Der Nikolaus und seine Nachfolger

Der Nikolaus lebt. Ich sah ihn gestern auf der Schloßstraße. Er ging an einem Rollator. Der Mann kommt ja auch in die Jahre.

Ob es der leibhaftige Nikolaus war, muss natürlich stark bezweifelt werden. Denn der heilige Bischof Nikolaus von Myra hat ja im 3. und 4. Jahrhundert gelebt.

Doch wenn gestandene Männer anno 2014 unter eine Nikolausmütze schlüpfen und mit rockiger Adventsmusik im Ohr am helllichten Tag über die Schloßstraße wandeln, zeigt das die Langlebigkeit von Schutzheiligen. Im Falle von Nikolaus profitieren vor allem Kinder und Seeleute vom Schutz des Heiligen.

Vielleicht war sein jahreszeitgemäß behüteter und beschallter Nachfolger ja gerade auf der Schloßstraße unterwegs, um ein kleines Geschenk für seine Enkel einzukaufen und damit den Einzelhandel in der Innenstadt anzukurbeln. Den dort oft gebeutelten Händlern kommt jeder Nikolaus gerade recht, wenn er etwas bei ihnen kauft, mit dem er seine lieben Kleinen beschenken und ihre Kassen klingeln lassen kann.

Denn von den Seh-Leuten und Weihnachtsmännern, die nur in ihre Auslagen und Schaufenster gucken, ohne einzukaufen, haben sie am Ende des Tages nichts, weil sie ins Schwimmen kommen, wenn die Kasse nicht stimmt. Insofern ist der Nikolaus heute eben nicht nur Patron der Kinder und Seeleute, sondern als Konjunkturlokomotive auch Nothelfer der Kaufleute.


Dieser Text erschien am 4. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 13. Dezember 2014

Warum gehen Menschen heute noch ins Kloster? oder: "Unser Leben ist die beste Werbung"; Ein Rückblick auf die Saarner Klostergespräche

Moderator Jens Oboth im Gespräch mit
Schwester Regina Grefrath, Pater Primin Holzschuh
und Schwester Bengina Berens
Warum gehen Menschen heute ins Kloster? Wie funktioniert Klosterleben im 21. Jahrhundert? Diesen Fragen gingen jetzt die Saarner Klostergespräche nach. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres 800 Jahre Kloster Saarn luden sich die Klosterfreunde und die katholische Akademie Die Wolfsburg mit der Franziskusschwester Benigna Berens (81), dem Zisterzienser-Prior Pater Pirmin Holzschuh (46) und der Augustiner Chorfrau Regina Greefrath (31) Ordensleute aus drei Generationen ein.

Über alle Altersgrenzen hinweg zeigte sich schnell, dass die Ordensleute viel verbindet, wenn man sie, wie Moderator Jens Oboth und die rund 60 Gäste im Bürgersaal von Kloster Saarn zu den Motiven ihres Klosterlebens befragt. Von der Kraft des Gebetes und der Gemeinschaft war immer wieder die Rede. „Das Vier-Augen-Gespräch mit Gott macht mir immer wieder den Kopf frei“, unterstrich Schwester Benigna Berens. Die ehemalige Generaloberin ihres Ordens sieht ihren eigenen Lebens- und Glaubensweg als „eine Prozession, in der ich nicht vorweg oder hinter her, sondern mit ganz vielen anderen Menschen gemeinsam mittendrin gehe.“

Gleichzeitig weiß sie aus ihrem langen Ordensleben, das 1956, also noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann: „Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, sein eigenes Leben leben und seinen eigenen Tod sterben.“ Sie selbst tut es aus einem Gefühl des Getragenseins und im Vertrauen auf das Jesus-Wort: „Wer da lebt und an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“

Mit Blick auf die Nachwuchsprobleme, die nicht nur ihre eigene in der Familienpflege tätige Ordensgemeinschaft hat, gibt sie sich keinen Illusionen hin: „Keine Ordensgemeinschaft hat ein ewiges Leben. Sie muss immer wieder die Zeichen der Zeit erkennen und auf die Nöte der Zeit antworten“, sagt sie.

Die 15 Essener Franziskusschwester haben schon manchen  schmerzlichen Strukturwandel durchleben müssen. Sie haben Kliniken aufgeben und sich ganz auf die Familienpflege konzentrieren müssen, wobei die Hilfesuchenden, etwa in der Suchttherapie, heute den Weg ins Kloster finden müssen und nicht mehr von den älter gewordenen Ordensfrauen aufgesucht werden.

Die haben unter anderem eine Stiftung ins Leben gerufen, die ihre Arbeit finanziell absichern und auch dann fortsetzen soll, wenn es ihre Ordensgemeinschaft vielleicht einmal nicht mehr geben wird.

Dabei hat nicht nur Schwester Benigna das Gefühl, dass das Klosterleben auch Menschen aus der stark individualisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts durchaus fasziniert. „In einer Fernsehserie, wie ‚Um Himmels Willen‘ kommen Ordensfrauen und ihr Einsatz für bedrängte Menschen ja ganz gut weg“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Auch der Zisterzienser-Prior Pater Pirmin Holzschuh, der 2001 in den Orden eintrat und 2006 seine Gelübde ablegte, macht angesichts der rund 1400 Gäste, die jährlich, etwa zu Besinnungstagen oder zur Jugend-Virgil ins Kloster Stiepel kommen die Erfahrung, dass Klosterleben „mit seinem strikten und geregelten Tagesablauf“ auch und gerade auf Menschen in eine zunehmend säkularisierten Welt anziehend wirkt.

Allein schon in seinem Ordenskleid, mit dem er aus dem üblichen Rahmen fällt, sieht und spürt er die Ausstrahlung und das Getragensein durch eine Klostergemeinschaft, die sich nicht nur zu regelmäßigen Gebet versammelt, „sondern sich auch immer wieder fragt: Was braucht die Stadt, in der wir leben?“ und deshalb auch hinaus in Gemeindeseelsorge geht.

Mit der jungen Augustiner Chorfrau Regina Greefrath, die erst im Oktober ihre ewige Profess abgelegt hat, ist sich Holzschuh einig, dass das zufriedene Leben in einer Ordensgemeinschaft auch davon abhängt, „dass du immer jemanden hast, dem du alles sagen kannst.“

Schwester Benigna erinnert sich noch gut an den Wandel des Klosterlebens, der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren verbunden war. „Damals wurde die Drohbotschaft zur Frohen Botschaft und neben dem verlorenen Sohn trat der barmherzige Vater verstärkt in den Blick. Vorher sprach man nur selten über den eigenen Glauben und viele Entscheidungen wurden von den Ordensoberen über die Köpfe der betroffenen Ordensfrauen hinweg getroffen“, berichtet sie.

Auch Schwester Regina will den gelobten Gehorsam heute „nicht als blinden Gehorsam“ verstanden wissen und berichtet vom anregenden Dialog, mit dem sich ihre 31- bis 86 Jahre alten Mitschwestern mit ihrer jeweiligen Lebenserfahrung gegenseitig stützen und bereichern.

Haben denn auch Glaubenszweifel Platz im Kloster? „Wer nicht auch mal am Glauben zweifelt, tritt auf der Stelle und kann nicht wachsen und reifen“, sagt Schwester Regina. Wie ihre Glaubensgeschwister aus dem Zisterzienser- und dem Franziskannerinnenorden musste auch die junge Augustiner Chorfrau eine lange Selbstprüfung durchleben, ehe sie für sich die Entscheidung treffen konnte, dass das Ordensleben für sie der richtige Weg sei.

Als Schülerin der Essener BMV-Schule, an der sie heute als Lehrerin unterrichtet, lernte sie die Augustiner Chorfrauen kennen. Nach den ersten Exerzitien mit ihnen konnte sie verstehen, „dass Frauen so leben wollen.“ Doch es sollten noch einige Jahre vergehen, in denen sie Theologie und Spanisch studierte und sich unter anderem auf den Jakobsweg machte, ehe sie den Weg ins Kloster fand. Auch Pater Pirmin, der aus einer bayerischen Landwirtsfamilie stammt, wusste erst nach etlichen Berufsjahren als Tischler und Kaufmann in der Holzwirtschaft, dass er Priester und Ordensmann werden wollte. Und Schwester Benigna war vor ihrem Ordensleben kaufmännische Angestellte und Finanzbuchhalterin, ehe sie Ordensfrau wurde und eine Ausbildung zur Medizinisch Technischen Assistentin machte, die sie später unter anderem zur Laborleiterin werden lassen sollte.

Auch wenn sich Schwester Regina mit Pater Pirmin darin einig ist, „dass ein Kloster heute auch eine gepflegte Homepage braucht“, um interessierten Ordensnachwuchs anzusprechen, ist Schwester Regina davon überzeugt: „Unser Leben ist die beste Werbung!“ Und dieses Leben, etwa an der BMV-Schule, hat eben auch dazu geführt, dass nach ihrer Profess jetzt bereits die nächste Postulantin das Ordensleben für sich entdeckt. Auch Pater Pirmin kann von sechs Kandidaten in seiner Ordensgemeinschaft berichten, die derzeit insgesamt 90 Ordensbrüder zählt. Doch die Ordensfrauen und der Ordensmann aus Essen und Bochum machen auch deutlich, dass trotz des akuten Nachwuchsmangels auch heute weiß Gott nicht jeder vermeintliche Interessent in die Ordensgemeinschaft aufgenommen wird, der an die Klosterpforte klopft. Denn in so manchem Fall stellt sich die Bitte um Aufnahme ins Kloster nach eingehender Prüfung nicht als religiös, sondern als sozial motiviert heraus. Im Klartext: Einige Klosterbrüder und Schwestern in spe wollen ihr Leben nicht Gott weihen und in einer Ordensgemeinschaft beten, glauben und arbeiten, sondern einfach nur gut versorgt sein

Dieser Text erschien am 29. November 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 8. Dezember 2014

Sterbehilfe oder Sterbebegleitung? Eine Diskussion in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg über die Frage: Was ist der Mensch?

Nichts ist so sicher, wie der Tod. „Hier geht es um die Frage: Was ist der Mensch?“, sagt Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck bei einer Diskussion zum Thema Sterbehilfe. Eingeladen dazu hat die Katholische Akademie Die Wolfsburg. Ihr Auditorium ist mit 350 Zuhörern fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele der interessierten Gäste, die die Politiker, Theologen, Juristen und Mediziner auf dem Podium befragen, haben als Seelsorger, Mediziner, Pflegekräfte oder ehrenamtliche Hospizmitarbeiter einen sehr persönlichen Zugang zum Thema.

Die zweieinhalbstündige Diskussion verläuft nicht kontrovers. Sie ist eher ein gemeinsames Nachdenken und Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten. Zu diesem Gemeinsamkeiten zwischen den Fachleuten auf dem Podium und im Publikum gehören die Einsicht, dass wir in Deutschland keine aktive Sterbehilfe, sondern den Ausbau der stationären und ambulanten Versorgung sterbender Menschen brauchen, die die Angst vor Schmerzen und Einsamkeit auf dem letzten Weg nimmt und nicht nur die Patienten, sondern auch ihre pflegenden Angehörigen entlastet.

Der Essener Klinikdirektor des Geriatriezentrums Haus Berge, Hans-Georg Nehm, zitiert den Philosophen Hans-Georg Gadamer, wenn er sagt: „Geborgenheit schafft Gesundheit.“ Das gilt, darin sind sich alle Diskussionsteilnehmer einig, im übertragenen Sinn auch für den sterbenden Menschen, den es, wie das Wort Palliativmedizin sagt, zu ummanteln und von Schmerzen zu befreien gilt. „Es geht nicht um Sterbehilfe, sondern um Sterbebegleitung. Wir brauchen eine sorgende Gesellschaft, in der sich auch sterbende Menschen akzeptiert und nicht überflüssig fühlen. Denn dort wo Menschen Hilfe erfahren, wird auch der Wille zum Leben gestärkt und kommt der Gedanke an Suizid erst gar nicht auf“, stellt die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese fest. Die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales, ist sich mit ihrem Kollegen Volker Beck von den Grünen darin einig, „dass Sterbehilfe nicht zu einer Regeldienstleistung werden darf.“ Deshalb plädieren sie auch für ein Verbot von kommerziell aktiven Sterbehelfern und Sterbehilfevereinen.

Für Andreas Jurgeleit, Richter am Bundesgerichtshof ist das aktuelle Recht, das aus dem Jahr 2009 stammt, „gut, wie es ist.“ Nur die aktive Sterbehilfe, also das Töten auf Verlangen und kommerzielle Sterbehilfe will auch er verboten wissen. Jurgeleit weist darauf hin, dass das geltende Recht schon heute passive Sterbehilfe und die selbstbestimmte Entscheidung des Patienten darüber, ob und wie behandelt werden soll, ausdrücklich zulässt. Klärungsbedarf, darin sind sich der Jurist Jurgeleit und der Berliner Palliativmediziner und Schmerztherapeut Christoph Müller-Busch einig, gibt es dagegen im ärztlichen Standesrecht, wenn es darum geht, ob die grundsätzlich straffreie Beihilfe zum Suizid Ärzten durch ihre jeweilige Ärztekammer verboten oder erlaubt werden soll.

„Zwischen dem Wunsch der Versorgungslücke klafft eine riesige Lücke“, räumt Müller-Busch mit Blick auf die ambulante und stationäre Palliativmedizin ein. Er fordert: „Wir müssen in Personal und damit die Herstellung von persönlicher Nähe durch Zeit und Zuwendung investieren.“ Der Mediziner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass gerade mal 0,3 Prozent der deutschen Gesundheitskosten im Bereich der Palliativmedizin entstehen und nur 60.000 von jährlich insgesamt 870.000 Sterbenden in Deutschland in einem Hospiz sterben. „Die meisten Menschen sterben heute immer noch auf einer Intensivstation“, weiß Müller-Busch.

„Das schnelllebige Krankenhaus ist kein Ort zum Sterben, aber die ambulanten Versorgungsstrukturen sind bei uns noch nicht belastungsfähig und müssen finanziell besser ausgestattet werden“, beschreibt Volker Beck das Grundproblem. Er wünscht sich ein palliatives Pflegenetzwerk, in dem mehr Menschen wieder zu Hause sterben können, weil ihre Angehörigen und sie in ihrer ambulanten Pflegesituation auf das Know How von Kliniken und Pflegediensten zurückgreifen und so nicht immer wieder in die Klinik müssen.

Würde der Deutsche Bundestag, der sich nach einer ersten Orientierungsdebatte bis Ende 2015 Zeit für eine Entscheidung nehmen will, die Option einer aktiven Sterbehilfe einrichten, wie es sie bereits in den Niederlanden, in Belgien, in der Schweiz oder im US-Bundestaat Oregon gibt, hätte in den Augen von Ruhrbischof Franz Josef Overbeck massive Folgen für das Selbstbestimmungsrecht der sterbenden Menschen. „Ihre Autonomie würde dann massiv unter Druck gesetzt, weil dann für sie immer die Frage im Raum stünde: Wie lange darf ich zur Last fallen? Was viel darf ich kosten?“ Diesen Rechtfertigungsdruck sieht auch der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff vom Deutschen Ethikrat. Mit Blick auf die Erfahrungen mit dem Paragrafen 218 warnt er vor einer schleichenden Verschiebung von Rechtsnormen und betont: „Der Respekt vor dem Leben und sein Schutz müssen in einem Rechtsstaat immer an erster Stelle stehen.“

Auch die Politiker Beck und Griese sind sich mit Schockenhoff darin einig, dass wir in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen an einem Bewusstseins- und Wertewandel arbeiten müssen, damit Krankheit, Hilfsbedürftigkeit und Tod wieder stärker als selbstverständlicher Bestandteil des menschlichen Lebens akzeptiert wird. Die beste Vorbereitung auf den Ernstfall sieht der Jurist Andreas Jurgeleit darin, möglichst frühzeitig mit Angehörigen und potenziellen Bevollmächtigten darüber zu sprechen, wie man sterben möchte, wie man über Leben und Tod denkt und was man auf keinen Fall möchte. „Nutzen Sie dafür nicht nur die Formulare einer Patientenverfügung, sondern schreiben sie das auch mit Ihren eigenen Worten auf“, rät Jurgeleit

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der durch eine Krebserkrankung selbst mit Frage von Leben und Tod konfrontiert worden ist, lässt am Ende der Diskussion noch einmal die christliche Hoffnung aufleuchten, „dass das Leben ein Geschenk Gottes ist und der Tod für uns deshalb kein Ende, sondern ein Durchgang ist, in dem es auf Gott zugeht.“

Dieser Text erschien im Neuen Ruhrwort vom 29. November 2014

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...