Freitag, 20. Mai 2011

Einkaufen mit gutem Gewissen? Der Blinden- und Sehbehindertenverein warnt vor "Blindenware", die keine ist

Etwas Gutes kaufen und damit etwas Gutes tun – das hört sich gut an. Das kann man zum Beispiel tun, wenn man mit dem Erwerb so genannter Blindenware, blinde Handwerker unterstützen möchte, die in anerkannten Blindenwerkstätten etwa Bürsten, Korbflecht-, Häkel- und Knüpfwaren, Putztücher, Wäscheklammern, Pinsel, Matten Schürzen oder Segeltücher herstellen und über diese Werkstätten auch vermarkten. Das tun sie zum Beispiel auf Märkten, über ihre Online-Shops oder auch an der Haustür. Skeptisch sollte man als Kunde aber werden, wenn einem zum Beispiel Seife oder Papierwaren angeboten werden, die nicht zur Produktpalette von Blindenwerkstätten gehören.

Doch leider gibt es auch geschäftstüchtige Gauner, die den Wunsch, mit gutem Gewissen einzukaufen, für ihre Zwecke missbrauchen, indem sie ihre Produkte einfach als Blindenware anbieten.Angebote am TelefonSo ist der Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV), Christa Ufermann, der Fall einer Frau zu Ohren gekommen ist, der am Telefon vermeintliche Blindenware angeboten wurde. Die Frau war Gott sei Dank vorsichtig, ließ sich Telefonnummer und Adresse geben und wandte sich an die BSV-Vorsitzende. Ufermann recherchierte und fand heraus, dass es sich bei dem Anrufer um keinen der anerkannten Anbieter von Blindenware handelte.Ufermann alarmierte sofort die örtliche Verbraucherberatung an der Leineweberstraße. Deren Leiterin Christiane Lersch rät grundsätzlich von Geschäften am Telefon ab und empfiehlt im Zweifel sich auf den Internetseiten anerkannter Blindenwerkstätten über deren Warenangebot zu informieren und erst dann dort zu bestellen. Ufermann weist darauf hin, dass alle anerkannten Blindenwerkstätten bei der Bundesagentur für Arbeitet gelistet sind.

Einen Text mit Sicherheitshinweisen hat sie jetzt auf die Internetseite des Blinden- und Sehbehindertenvereins – www.bsv-muelheim.de – gestellt. Außerdem empfiehlt sie zur weiteren Information die Internetseite www.blindenwerkstaetten.eu.Gütesiegel wird missbrauchtDarüber hinaus, so Ufermann, müssten sich reguläre Anbieter ausweisen können und ihre Waren mit einem Gütesiegel, zwei Hände, die nach seiner dreistrahligen Sonne greifen, versehen. „Dieses Gütesiegel bürgt für Qualitätsarbeit“, betont Ufermann. Sie ärgert sich über dessen Missbrauch durch unseriöse Händler. Durch diese schwarzen Schafe sieht die BSV-Vorsitzende nicht nur die Arbeit blinder Handwerker, sondern auch die Arbeit ihres Vereins in Misskredit gebracht.

„Am Ende beschimpfen uns die Leute am Telefon“, fürchtet Ufermann mit Blick auf geprellte Kunden, die das Vertrauen in die gute Sache der Blindenwerkstätten und Blindenvereine verlieren könnten. Im Zweifelsfall können sich Kunden, denen Blindenwaren angeboten werden, unter  320 25 auch an die örtliche Verbraucherberatung an der Leineweberstraße 54 wenden.

Dieser Text erschien am 19. Mai 2011 in der NRZ

Sonntag, 8. Mai 2011

Warum der Hausarzt Markus Becker seinen Beruf als Traumjob ansieht und seine Praxis mit viel Familiensinn führt








Steuern wir vor allem in sozial schwächeren Stadtteilen, in denen fast ausschließlich Kassenpatienten leben, auf einen Hausärztemangel zu, weil sich der Betrieb einer Hausarztpraxis dort für Mediziner nicht mehr rechnet? Die örtliche Ärztekammer und die Fraktion WIR/Linke zeigen sich speziell mit Blick auf Styrum, wo in diesem Jahr zwei von fünf Hausarztpraxen geschlossen werden sollen, besorgt. (Die NRZ berichtete) Schon heute muss ein Hausarzt im Ruhrgebiet, statistisch gesehen, rund 2200 Patienten versorgen, während im Rheinland und in Westfalen maximal 1700 Patienten auf einen Hausarzt kommen. Die FDP-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitikerin Ulrike Flach weist aus aktuellem Anlass darauf hin, dass das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Versorgungsgesetz zu einer flexibleren Niederlassungsregelung führen wird, die auf den demografischen Wandel reagiert und auch dazu beiträgt, "dass auch in Mülheim durchaus mehr Allgemeinmediziner zugelassen werden könnten." Ist der Hausarztberuf heute wirklich so unattraktiv? Für die NRZ sprach darüber mit dem 52-jährigen Hausarzt und Sportmediziner Dr. Markus Becker, der seit 1990 in der Stadtmitte praktiziert und dessen Praxis gestern als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet wurde.





Warum sind Sie selbst Hausarzt geworden?



Für mich gab es dazu nie eine ernsthafte Alternative und ich würde meine Entscheidung auch heute nicht anders treffen, weil Sie nur als Hausarzt alle medizinischen Bereiche abdecken können. Man hat einfach ein ganz weites Spektrum, in dem man sich engagieren kann.





Warum erscheint es aber dann jungen Medizinern oft so unattraktiv, sich als Hausarzt niederzulassen?




Das ist vor allem ein innerärztliches Problem. Die Hausärzte galten unter den Medizinern lange als schlecht ausgebildete Barfußärzte, Das hat sich aber inzwischen geändert, weil Hausärzte alle fünf Jahre weitergebildet werden und auch mindestens drei Jahre im Krankenhaus gearbeitet haben müssen, so dass sie heute sehr breit ausgebildet sind.Frage: Verdienen Sie als Hausarzt denn schlechter als Ihre Facharztkollegen?Antwort: Ich fühle mich gut honoriert. Das ist aber ein Produkt der letzten fünf Jahre, in denen sich jede gesundheitspolitische Reform zugunsten der Haus- und zu Lasten der Fachärzte ausgewirkt hat. Davor haben die Fachärzte deutlich besser verdienst als die Hausärzte.





Wie werden Sie denn als Hausarzt bezahlt?



Wir bekommen als Hausarzt eine Pauschale pro Patient, die in Nordrhein-Westfalen zurzeit bei 38 Euro liegt. Ein Hausbesuch wird für 40 Euro natürlich nicht mehr gefahren. Die Leute müssen reinkommen. Aber wenn Sie Ihre Praxis betriebswirtschaftlich gut strukturieren, nicht zu viel Technik hereinbringen und genug Patienten haben, kann man als Hausarzt durchaus ein gutes Einkommen haben.





Bekommen wir einen Hausärztemangel?



Den bekommen wir nicht. Der ist schon da. Wir haben einfach zu wenig Ärzte. Hinzu kommt, dass 60 Prozent der Medizinstudenten Frauen sind, die später nicht 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeiten möchten und zu Recht eine Familie in ihre Arbeit integrieren möchten. Viele Kollegen gehen auch in die Pharmaindustrie, zu Gesundheitsbehörden oder zu den Krankenkassen. Deshalb stehen für die Patientenversorgung immer weniger Kollegen zur Verfügung.





Haben wir in Mülheim bei der Hausärzteversorgung ein Nord-Süd-Gefälle?



Ich glaube, dass es sich hier eher um eine zufällige Häufung von Praxisaufgaben in Styrum handelt. Ich selber habe zur Zeit einen jungen Assistenten, der sich nach dem Abschluss seiner Ausbildung im kommenden Jahr in Dümpten als Hausarzt niederlassen wird und dem ich eine goldene Zukunft voraussage. Wenn man sich als Hausarzt in einem eher unterversorgten Stadtteil niederlässt, hat man unter dem Strich auch ein besseres Einkommen als in einem eher gut versorgten Stadtteil.





Verdienen Hausärzte im Norden der Stadt weniger als im Süden, weil es im Norden mehr Kassen- und nur wenige Privatpatienten gibt?




Das kann ich nicht sagen. Wenn ich eine Praxis mit 1000 Kassenpatienten habe, die ich zum Beispiel in ein Hausarztprogramm einschreibe und auch Krebs-Check-Ups oder Vorsorgeuntersuchungen anbiete, die außerhalb des Budgets bezahlt werden, kann ich mit einer gut gefüllten Kassenpraxis auch ein gutes Einkommen erzielen.





Markus Becker versteht seine Hausarztpraxis, die von der Stadt und dem Mülheimer Bündnis für Familie als familienfreundlicher Betrieb ausgezeichnet worden ist, als einen "sehr personenbezogenen" Betrieb. Er orientiert sich nicht nur am Wohl der Patienten, sondern auch am Wohl seiner Mitarbeiterinnen Becker hat Mut zu einem "sehr komplexen und flexibelen" Arbeitszeitmanagement. Die Arzthelferinnen in seiner Praxis können ihre Arbeitszeit frei einteilen und können auch mal zu Hause bleiben, wenn das Kind eingeschult wird oder krank ist und die Mitarbeiterin als Mutter gefordert ist. Auch bei der Finanzierung von Fahrt- oder Kinderbetreuungskosten lässt Bäcker seine Mitarbeiterinnen nicht alleine. Arzthelferin Tanja Klein arbeitet seit zehn Jahren in der Praxis Bäcker. Sie sagt über ihren "ausgezeichneten" Chef: "Ich fühle mich hier wie in einer Familie gut aufgehoben. Unser Chef ist ein Arbeitgeber der gute Leistungen auch be- und gut entlohnt. Außerdem machen wir als Praxisteam einmal pro Jahr eine gemeinsame Wochenendreise. Wir waren schon in Rom, Venedig und Pisa. Das macht Spaß und man wächst als Team auch viel besser zusammen."







Dieser Text erschien am 7. Mai 2011 in der NRZ

Samstag, 7. Mai 2011

Je früher desto besser: Wenn Jugendhilfe ins Rollen kommt: Eindrücke von einer Stadtrundfahrt mit dem Jugendamt






Bustouren mit Journalisten kennt man aus Wahlkämpfen. Das Jugendamt macht am gestrigen Montag Wahlkampf in eigener Sache. Im Rahmen der bundesweiten Imagekampagne "Das Jugendamt - Unterstützung, die ankommt", lud es Pressevertreter zur Bustour. Auf dem Fahrplan stehen wichtige Stationen der Jugendhilfe, die dafür sorgt, dass Kinder und Jugendliche in Fahrt kommen und im Leben ihre Richtung finden.







Schon beim ersten Halt in der städtischen Kindertagesstätte Pusteblume an der Kaiser-Wilhelm-Straße in Styrum wird deutlich: Auf die Starthilfe kommt es an. Hier betreuen elf Erzieherinnen 73 Kinder, die zu 60 Prozent aus Zuwanderefamilien kommen. "Die Lebensverhältnisse der Familien haben sich sehr verändert. Die Eltern brauchen mehr Beratung und Unterstützung", sagt Kita-Leiterin Marina in der Heiden. Während die Jugendhilfetouristen eintreffen, verlassen gerade einige Eltern das Haus, die am sogenannten Rucksackkurs teilgenommen haben, der ihnen pädagogisches Rüstzeug mitgibt und ihnen hilft, den Rucksack, den ihre Kinder auf dem Lebensweg tragen müssen, leichter zu machen, durch gezielte Förderung und Erziehungstipps. Im Styrumer Familienzentrum kommen Hilfe und Beratung nicht stigmatisierend, sondern niederschwellig daher, ob im Rucksackkurs, beim Elterncafe und Elternfrühstück oder in den Bildungsräumen der Kita. Dort können Kinder spielerisch experimentieren, werken, musizieren oder auch Matschen. "Das fördert die Motorik und die Sprache, weil sich die Kinder ja auch unterhalten müssen", weiß in der Heiden. Frühkindliche, individuelle Betreuung und Förderung. Dafür steht auch die studierte Pädagogin und Tagesmutter Iris Wegner, die mit zwei ihrer Schützlinge in den Jugendhilfebus eingestiegen ist. "Die Eltern schätzen die kleinen Gruppen. Man kann viel bewirken und den Eltern den Wiedereinstieg ins Berufsleben leichter machen", sagt Wegner über ihre pädagogische Basisarbeit, die mit 3,50 Euro pro Kind und Stunde nicht gerade üppig bezahlt wird.







Was passieren kann, wenn die Frühförderung nicht gegriffen hat und das Kind in den Brunnen gefallen ist, zeigt die nächste Station in der benachbarten Styrumer Sozialagentur, wo die Sozialarbeiter Andrea Moser und Denis Leusmann Erziehungs- und Jugendgerichtshilfe leisten. "90 Prozent der Eltern nehmen die Hilfe gerne an", betont Moser. Ihr Kollege Leusmann berichtet von Halbwüchsigen mit langem Strafregister, das vom einfachen Ladendiebstahl und Fahren ohne Führerschein bis zur schweren Körperverletzung mit Todesfolge reicht. 771 Jugendgerichtshilfefälle haben er und seine Kollegen allein 2009 bearbeitet. In 230 Fällen konnte das Verfahren eingestellt werden. Wenn Leusmann von der Begleitung seiner Klienten spricht, von Täter-Opfer-Ausgleich-Gesprächen, Sozialdiensten, erlebnispädagogischen Maßnahmen, Gerichtsverfahren, Arrest- und Haftstrafen, ahnt man wie viel Zeit, Kraft und Geld es kostet, Jugendliche wieder auf den rechten Weg zu bringen, wenn sie erst mal auf die schiefe Bahn geraten sind. "Es ist oft die wirtschaftliche Not. Viele Familien haben nicht nur ein Problem. Da gibt es Streit ums Geld und dann ist oft auch Alkohol im Spiel. Viele Menschen können ihre Probleme nicht mehr selber in der Familie lösen", schildert die Leiterin des Kommunalen Sozialen Dienstes, Martina Wilinski (Foto) die sozialen Hintergründe mancher Jugendhilfekarriere.







Wie man schon am Lebensanfang dafür sorgen kann, dass Kind und Co erst gar nicht auf die schiefe Bahn kommen, zeigt die nächste Station an der Viktoriastraße, wo Cornelia Gier und ihre Kolleginnen aus dem Bereich Schwangerenberatung, Familienbesuchsservice und frühe Hilfen davon berichten, dass immerhin 85 Prozent der 1260 Eltern, die im letzten Jahr ein Kind bekamen, sich gerne vom Jugendamt besuchen und mit Informationsmaterial rund um Erziehung und Gesundheit versorgen ließen. "Die Leute lassen uns rein", freut sich Erzieherin Silke Lohschelder. Zu ihnen gehörte auch die 22-jährige Jennifer, die selbst in einer Pflegefamilie aufwuchs und nach der Fachoberschulreife und einer Ausbildung zur Busfahrerin inzwischen ihr zweites Kind erwartet: "Das hat mir gut getan", sagt sie über die Hilfe, die sie durch das Jugendamt, erst als Kind und jetzt als Mutter , erfahren hat. Mit Unterstützung des Jugendamtes bekam sie nicht nur Geld für ihre Schwangerschaftskleidung, sondern auch, wie sie es empfand, wegweisende Informationen und soziale Kontakte zu anderen Eltern, für die zum Beispiel Babykurse und Krabbelgruppen angeboten werden.







Doch was passiert, wenn Eltern ihrer Aufgabe, als Erziehungsberechtigte, trotz Hilfestellung, nicht wahrnehmen können oder wollen? Dann kommen Sandra Klees und Andrea Rumswinkel vom Pflegekinder- und Adoptionsdienst ins Spiel. Von ihnen erfahren wir an der Bülowstraße in Broich, dass derzeit 134 Kinder in 120 Pflegefamilien aufwachsen, weil ihr Wohl im Elternhaus nicht gewährleistet werden kann. "Wir suchen Familien, die sich in ein Kind verlieben wollen", sagt Rumswinkel und macht keinen Hehl daraus, dass das Jugendamt noch mehr Pflegefamilien gebrauchen könnte. Doch die Hürden zur Pflegeelternschaft sind nicht ohne. Wirtschaftliche und gesundheitliche Stabilität müssen die Pflegeeltern ebenso mitbringen, wie ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und emotionale Wärme zu geben. All das schaffen zwei Pflegeeltern aus dem Mülheimer Süden, die zwei Jungs (7 und 3) aufziehen. "Das, was einem mit einem Pflegekind passieren kann, kann einem auch mit einem leiblichen Kinder passieren", sagt die Pflegemutter, die selbst keine Kinder bekommen konnte. Doch wenn sie berichtet, wie ihr dreijähriger Pflegesohn gerade zum ersten Mal seine Schuhe selbst zugebunden hat, ahnt man, was sie und Rumswinkel meinen, wenn sie sagen: "Die glücklichen Momente überwiegen alle Probleme." Dafür spricht auch die Tatsache, dass in den letzten 13 Jahren nur drei Pflegeeltern ihrer Aufgabe nicht gewachsen und ihre Pflegekinder wieder abgeben mussten.







Zum guten Schluss der Jugendhilfetour, erklärt der für Dümpten und Winkhausen zuständige Teamleiter des Kommunalen Sozialen Dienstes, Tobias Klempel, im alten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße, was "sozialräumliche Hilfen zur Erziehung" bedeutet. "Wir können jeden Fall aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und schneller eine Kurskorrektur vornehmen", beschreibt er den Vorteil des wöchentlichen Fallkonferenzen, zu denen sich die koordinierenden Kollegen vom KSD mit ihren Kollegen aus den Wohlfahrtsverbänden treffen. Er macht die Erfahrung, dass die sozialen Problemlagen in den Nordstadtteilen deutlich schwieriger sind als in den Linksruhrstadtteilen, bestätigt aber auch: "Man lässt und heute eher rein." Langfristig wollen Klempel und seine Kollegen mit ihrer sozialräumlichen Sozialarbeit Netzwerke mit Gemeinden, Schulen, Kitas und Vereinen schaffen, um wie in der guten alten Dorfgemeinschaft die soziale Kontrolle und damit das soziale Frühwarnsystem zu stärken: "Das klappt immer besser. Es gibt aber noch Luft nach oben", lautet seine Zwischenbilanz.







Zu dem von Dieter Schweers geleitete Jugendamt gehören derzeit 481 Mitarbeiter. Davon sind 60 in dem von Martina Wilinski geleiteten Kommunalen Sozialen Dienst und 376 als Erzieherinnen in den städtischen Kindertagesstätten tätig. Hinzu kommen vier Erziehungsberater, 23 Jugendarbeiter sowie 15 Mitarbeiter, die für den Bereich der Vormundschaften zuständig sind. Zentrale Bedeutung für die praktische Jugend- Erziehungshilfe, die das Jugendamt vor Ort leistet, kommt den 21 Bezirkssozialarbeitern des Kommunalen Sozialen Dienstes zu, die jeweils 80 bis 90 Familien begeleiten und eng mit ihren Kollegen aus den Wohlfahrtsverbänden Diakonie, Caritas und Arbeiterwohlfahrt zusammenarbeiten. Rund 1300 Familien werden im Rahmen Erziehungshilfe kontinuierlich und rund 2000 niederschwellig und punktuell begleitet. Die Zahl der Fälle, in denen Familien kontinuierliche Erziehungshilfe benötigten ging im Vergleich zu 2009 um rund 200 zurück. Insgesamt wendet die Stadt rund 63 Millionen Euro für ihre Jugendhilfe auf. Dabei entfallen 24 Millionen Euro auf Hilfen für Kinder und Familien und 39 Millionen auf Jugendarbeit, Erziehungsberatung und Kindertagesstätten. Rund 20 Millionen Euro fließen dem Jugendhilfeetat der Stadt durch Landeszuschüsse und Elternbeiträge. Die Gesamtaufwendungen des Stadthaushaltes liegen 2011 bei 573,9 Millionen Euro.



Dieser Text erschien am 3. Mai 2011 in der NRZ 

Sonntag, 1. Mai 2011

Ein Rückblick in die Stadtgeschichte: Vor 110 Jahren holten sich die Broicher Bürger die Kirche ins Dorf







Sie ist ein Wahrzeichen Broichs, nicht nur für die im Durchschnitt 80 Gemeindemitglieder, die hier sonntags um 11.15 Uhr den Gottesdienst besuchen. Vor 110 Jahren wurde die Evangelische Kirche an der Wilhelminenstraße eingeweiht. „Unsere Kirche ist auch bei Hochzeitspaaren beliebt, die sich im Schloss Broich standesamtlich und anschließend bei uns kirchlich trauen lassen“, erzählt Pfarrer Gerald Hillebrand.

Massiv und anmutigIhre massive und zugleich anmutig-elegante neugotische Architektur stammt aus einer Zeit als man noch repräsentative Kirchen baute und nicht gezwungen war, mangels Gemeindemasse, wie zuletzt 2005 an der Calvinstraße, Gotteshäuser aufzugeben und abzureißen.„Das war damals eine Wachstumszeit. Heute gehen wir in die entgegengesetzte Richtung“, schildert Hillebrand die Hintergründe des Broicher Kirchbaus zu Kaisers Zeiten. Dass man sich damals für den neugotischen Entwurf des Architekten Heinrich Heidsiek entschied, sieht der Pfarrer der heute 4600 Mitglieder zählenden Gemeinde, die am 1. August mit der Gemeinde Saarn fusionieren wird, als eine Reaktion auf den katholischen Dombau in Köln.Vor 110 Jahren war Broich noch eine eigenständige Landbürgermeisterei, zu der auch die Nachbarstadtteile Speldorf und Saarn gehörte. Deren Bürgermeister Mentz war Presbyter der der ab 1890 selbstständig gewordenen Gemeinde.

Deren anfangs 1500 Mitglieder trafen sich vor der Fertigstellung der Kirche in einem von Ferdinand und Wilhelmine Rosskothen gestifteten Beetsaal an der Wilhelminenstraße.Auch die ortsansässigen Lederfabrikanten engagierten sich beim Kirchenbau. Das Grundstück stellte Bauer Pithan zur Verfügung. Die Steine für den Kirchenbau kamen aus dem Steinbruch Rauen.Der ehemalige Broicher Presbyter Günther Fraßunke, der sich mit der Baugeschichte der Kirche an der Wilhelminenstraße intensiv beschäftigt hat, weist in den Gemeindenachrichten darauf hin, dass das Gotteshaus mit seiner gotischen Architektur, bunten Chorfenstern mit biblischen Motiven sowie einer klaren Trennung von Altarraum und Kirchenschiff nicht unbedingt der evangelischen Kirchenbautradition der Kaiserzeit entsprochen habe und deshalb von Zeitgenossen als vorreformatorisch und konservativ angesehen werden konnte. „Immerhin“, so Fraßunke: „erhielt die Kanzel als Ort der Predigt, eine raumbeherrschende Stellung, bis sie in den 1960er-Jahren, heute nicht mehr nachvollziehbar, verkürzt und ihr Schalldeckel entfernt wurde.“

Pfarrer Hillebrand glaubt, dass dieser Umbau dem neuen Zeitgeist entsprach, wonach „der Pfarrer nicht mehr abgehoben über den Köpfen der Gemeinde predigen sollte“.Während man die 1944 bei einem Luftangriff zerstörten biblischen Motivfenster nach dem Krieg durch neue, von Carl Hellweg gestaltete, Darstellungen zur Taufe, zum Abendmahl und zum Wort Gottes ersetzte, verzichtete man im Sinne eines Schlichtheitsgedankens auf die alten Chorrauminschriften: „Land, Land, höre des Herren Wort. Ich bin dein Herr und Gott“ entfernte. „Das war so etwas, wie die letzte Gelegenheit“, erinnert sich Pfarrer Hillebrand an die Generalüberholung des Gotteshauses, das für 2,1 Millionen Mark vor zehn Jahren ein neues Dach, einen neuen Fußboden, eine neue Heizung und einen helleren und freundlicheren Innenanstrich verpasst bekam. Außerdem wurden einige Kirchenbänke geopfert, um unter der Orgelempore Tische und Stühle für eine gesellige Begegnung nach dem Gottesdienst aufzustellen.

Dieser Beitrag erschien am 17. März 2011 in NRZ und WAZ

Dienstag, 26. April 2011

Vor 25 Jahren Tschernobyl: Heute Fukushima: Ein Gespräch mit Dagmar van Emmerich vom Verein Tschernobyl-Kinder





Die Bilder des berstenden Atomkraftwerkes in Fukushima weckten Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Wie sieht Dagmar van Emmerich das Unglück in Japan und seine Folgen? Für die NRZ sprach mit der Frau, die zusammen mit ihren Mitstreitern im Verein Tschernobyl-Kinder seit 1992 den jungen Menschen hilft, die bis heute unter den Folgen der Reaktorkatastrophe vom April 1986 leiden.



Welche Erinnerungen an 1986 wurden bei Ihnen wach, als Sie die Bilder aus Japan gesehen haben?


Vor 25 Jahren waren meine Kinder klein. Und ich erinnere mich das man panisch war und sich unmittelbar betroffen fühlte. Wir wollten unsere Kinder schützen und mussten plötzlich sehen, dass sie nicht mehr im Sandkasten spielen durften und das man zum Beispiel bestimmte Milchsorten nicht mehr trinken durfte.



Wie wurde aus der Betroffenheit das Engagement für die Kinder der Tschernobyl-Region?



Das hat einige Jahre gedauert. Ich war damals noch Schulleiterin in Neuss. Und als die Stadt Neuss Gastfamilien für Kinder aus der Tschernobyl-Region suchte, haben wir einen Jungen aufgenommen. Es hat mich fasziniert, wie gut dieser Erholungsurlaub Kindern getan hat und wie so ihr angeschlagenes Immunsystem wieder gestärkt werden konnte. Deshalb habe ich mich über die Presse an die Mülheimer Öffentlichkeit gewandt. Und schon im Sommer 1992 konnten wir mit 50 Gasteltern die ersten Kinder aus Weißrussland willkommen heißen. Das war der Anfang der Tschernobyl-Initiative.



Wie hat sich die Arbeit der Initiative, die heute ein eingetragener Verein ist, seitdem entwickelt?


Wir haben inzwischen 1500 Kindern aus Weißrussland einen Erholungsaufenthalt in Mülheim ermöglichen und einen Tschernobyl-Laden an der Bachstraße eröffnen können, dessen Erlöse unsere Arbeit finanziell unterstützt. Es ist aber schwieriger geworden, Gasteltern zu finden, so dass wir im letzten Jahr 35 Kinder in der Jugendherberge untergebracht haben. Die zunehmende Schwierigkeit, Gasteltern zu finden, hat damit zu tun, dass sich die soziale Situation vieler Menschen bei uns eher verschlechtert als verbessert hat. Natürlich können auch viele Menschen nicht nachvollziehen, dass die Hilfe für die Kinder aus der Tschernobyl-Region auch heute noch notwendig ist. Wir haben aber dennoch eine gute Unterstützung und konnten unsere Aktivitäten deshalb sogar ausbauen.



Zeigt uns Fukushima, dass Tschernobyl und die Folgen kein Thema von gestern sind?


Tschernobyl ist kein Thema der Vergangenheit. Das wird weiter eine Herausforderung sein. Wenn ich mich mit Ärzten über die Krankheitsbilder der Kinder aus Weißrussland unterhalte, dann sagen sie mir, dass man mindestens 30 Jahre braucht, um die Folgen der Reaktorkatastrophe wissenschaftlich exakt analysieren zu können.



Könnte die Reaktorkatastrophe in Japan die Sensibilität für Ihr Anliegen wieder erhöhen?


Ich denke schon. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass ich noch am Samstag in Weißrussland war. Und ich hätte in diesem Land nichts über die Ereignisse in Japan erfahren, wenn mich mein Sohn nicht angerufen hätte. Das war ja auch vor 25 Jahren das Bittere, dass die Menschen einem so großen Leidensdruck ausgesetzt waren, weil sie nicht rechtzeitig informiert wurden.Frage: Wie sehen Sie heute die Informationspolitik der japanischen Regierung und der AKW-Betreiber?Antwort: Ich habe da ein sehr durchmischtes Gefühl. Ich habe aber auch den Eindruck, dass die Verantwortlichen selbst sehr verunsichert sind. Ich glaube nicht, dass uns die japanische Regierung etwas vormacht. Ich sehe aber eine gewisse Überforderung. Das so ein Unglück in so einem hochindustrialisierten Land wie Japan passiert ist, muss uns alle noch mal besonders aufrütteln. Das hätte ich vorher eher nicht für möglich gehalten.



Würden Sie persönlich für einen Ausstieg aus der Atomenergie plädieren?


Ich sehe, dass die Politik bemüht ist, diesen Ausstieg aus der Atomenergie zu schaffen. Ob wir uns es erlauben können, dass das so lange dauert, ist eine andere Frage. Aber dafür fühle ich mich nicht kompetent genug, um das beurteilen zu können. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr muss ich mich davon überzeugen lassen, dass ein Atomkraftwerk nicht sicher ist. Da müssen wir als Gesellschaft nachdenklich und aktiv werden.



Könnten Sie sich vorstellen, dass künftig auch japanische Kinder zu einem Erholungsurlaub nach Mülheim kommen?


Dazu wären wir immer bereit, auch wenn es dafür jetzt noch etwas zu früh ist. Aber wenn unsere Hilfe benötigt würde, wären wir sofort bereit, etwas zu tun. Auch wenn ich jetzt noch keine Idee dafür hätte.



Dieser Text erschien am 15. März 2011 in der NRZ

Sonntag, 17. April 2011

Warum Weihbischof Franz Grave in der Karwoche in St. Mariae Geburt über den Wert und Sinn des Sonntags predigt


"Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.“ So steht es in der Bibel. Doch der Sonntag sieht für viele Menschen heute anders aus. Manche müssen an ihm arbeiten. Andere verstehen ihn nur als arbeitsfreien Tag und andere wollen an möglichst vielen verkaufsoffenen Sonntagen Geld verdienen oder Schnäppchen jagen.Vor 27 Jahren hat der emeritierte Weihbischof Franz Grave, heute Seelsorger in St. Mariae Geburt, ein Buch mit dem Titel: „Unser Sonntag“ geschrieben. „Dieses Buch könnte ich heute wieder genau so schreiben“, sagt er angesichts der fortschreitenden Säkularisierung, die unsere Sonntagskultur aushöhlt.Geistliche ImpulseWeil das Thema immer noch aktuell ist, aber das Buch bereits geschrieben ist, setzt sich Grave in der kommenden Karwoche in einer Predigtreihe mit dem Sinn des Sonntags auseinander.


Zum Auftakt der sogenannten Trauermetten, die am 18., 19. und 20. April (jeweils um 18 Uhr) in St. Mariae Geburt an der Althofstraße gefeiert werden, fragt er: „Schönes Wochenende - Ist der Sonntag am Ende?“ In seiner zweiten Predigt beleuchtet er die Gemeinsamkeiten der jüdisch-christlichen Sabbath- und Sonntagskultur, um sich in seiner abschließenden Trauermetten-Predigt mit der Frage auseinanderzusetzen: „Muss man sonntags zur Heiligen Messe gehen?“


„Ich möchte die Leute verunsichern“, sagt Grave augenzwinkernd mit Blick auf seine Predigtreihe. Er will, so sagt er: “zeigen, dass der Sonntag nicht nur ein konfessionelles Spezialgut, sondern eine Grundsubstanz unserer Kultur ist, die den Zusammenhalt und die Humanisierung unserer Gesellschaft fördert.“Weil er den Sonntag als sinnstiftenden Kontrapunkt zur totalen Ökonomisierung unserer Gesellschaft begreift, ist sich Grave mit dem Stadtdechanten Michael Janßen und dem Vorsitzenden des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, einig, dass unsere Gesellschaft zwar nicht auf Sonntagsarbeit, etwa in Krankenhäusern oder bei Polizei und Feuerwehr, aber sehr wohl auf verkaufsoffene Sonntage und die ausufernden Sonntagströdelmärkte verzichten kann und muss.


In dieser Frage sieht Grave die christlichen Kirchen nicht nur mit den Gewerkschaften in einem Boot.Immerhin hat die Lobbyarbeit für den Sonntag dazu beigetragen, dass die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage in Mülheim auf sieben pro Jahr begrenz worden ist. Denn früher gab es auch schon mal Jahre mit doppelt so vielen verkaufsoffenen Sonntagen. Angesichts der Tatsache, dass nur neun Prozent der Ruhrkatholiken regelmäßig den Sonntagsgottesdienst besuchen, erhofft sich Katholikenrat Wolfgang Feldmann von Graves Predigtreihe Impulse für eine lebendigere und Zielgruppen-orientiertere Sonntags- und Gottesdienstkultur, die auch in anderen Gemeinden aufgegriffen werden könnten.


Dieser Beitrag erschien am 15. April in der NRZ

Sonntag, 3. April 2011

Warum sich die Mülheimerin Jennifer Hardes mit 29 Jahren taufen lässt und in die katholische Kirche eintritt


Taufe. Dabei denkt man normalerweise an Kinder. Doch es gibt auch Erwachsene, die sich taufen lassen. Allein 2009 gingen, laut Bischofskonferenz, in Deutschland 3315 Menschen über 14 Jahren diesen Weg, fanden so spätberufen zum christlichen Glauben und zur katholischen Kirche. Das entspricht in etwa dem Niveau der letzten 15 Jahre. Während der Anteil der Erwachsenentaufen damit 2009 bundesweit bei etwa 1,8 Prozent lag, war der Anteil der Erwachsenentaufen vor allem in den ostdeutschen Bistümern deutlich höher. In Magdeburg lag er zum Beispiel bei 10.4 und in Görlitz bei 7,2 Prozent. Gleichzeitig bewegte sich der Anteil der Erwachsenentaufen in den süddeutschen Bistümern Regensburg, Augsburg, Passau und Würzburg nur zwischen 0,9 und 1,1 Prozent.

"In den Südbistümern gibt es ein traditionell starkes katholisches Milieu. Da ist es noch selbstverständlicher, dass Eltern ihr neugeborenes Kind auch taufen lassen. In den ostdeutschen Bistümern ist das ganz anders. Dort finden viele Menschen erst im Erwachsenenalter zum Glauben", erklärt der beim Ruhrbistum Essen für Erwachsenenkatechese und Erwachsenentaufen zuständige Theologe Nicolaus Klimek die regionalen Unterschiede. Sein Bistum lag mit 112 Erwachsenentaufen 2009 und einem Anteil von 2,2 Prozent leicht über dem Bundesdurchschnitt.

Aus seiner eigenen Praxis und aus dem regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit seinen Kollegen aus den anderen Bistümern, weiß Klimek, was Menschen im Erwachsenenalter motiviert, sich taufen zu lassen. Er sieht vor allem die "Begegnung mit glaubwürdigen und überzeugten Christen, die Eheschließung mit einem katholischen Partner oder auch Lebenskrisen, in denen sich die Sinnfrage noch einmal ganz existenziell stellt" als die zentralen Schlüsselerlebnisse, die die Tür zum Glauben und zum Eintritt in die katholische Kirche öffnen. "Es ist immer wieder bewegend zu hören und zu sehen, was der Glaube für die Menschen bedeutet und welche Kraft sie durch ihn spüren", berichtet Klimek von inspirierenden Begegnungen mit Erwachsenen, die sich besonders intensiv und bewusst mit dem christlichen Glauben auseinandergesetzt haben, weil sie nicht schon durch ein religiöses Elternhaus geprägt worden sind.

Das gilt auch für Jennifer Hardes. (Foto) Die 29-jährige Umweltschutzassistentin, die an der Universität Dortmund arbeitet und in Mülheim an der Ruhr lebt, bereitet sich zurzeit mit 18 anderen Erwachsenen in einem Glaubenskurs auf ihre Taufe vor. Obwohl ihre Eltern evangelisch sind, spielte Religion in ihrer Jugend keine große Rolle. Der Gottesdienstbesuch gehörte nicht zum Alltag. Mit dem Religionsunterricht in der Schule konnte sie anfangs nicht viel anfangen, weil der Glauben zu Hause nicht gelebt wurde. Die katholische Kirche war für sie, wie ein ferner Planet, galt ihr vor allem als streng, konservativ und lebensfern.

Doch dann lernte sie in der Berufsschule einen katholischen Priester kennen. Der begeisterte sie mit ihrem ausgesprochen lebenspraktischen Religionsunterricht und seiner gelebten Nächstenliebe. Denn der Priester nahm in seinem Pfarrhaus auch Obdachlose auf. "Das hat mich irgendwie aufgeweckt. Und ich habe gemerkt, dass man nicht alles schwarz-weiß sehen kann und das es im Leben viele Grauabstufungen gibt", erinnert sich Hardes.

Später lernte sie einen Mann aus dem katholischen Italien kennen und ließ sich von der Kirchenbaukunst in Bella Italia begeistern. "Wenn man darauf soviel Sorgfalt verwendet hat, muss da was dran sein", dachte und denkt sie immer wieder mit Blick auf alte Gotteshäuser. Doch den letzten Anstoß zur Taufe und zum Eintritt in die katholische Kirche kam erst viel später in Form einer Tauffeier und eines Trauergottesdienstes. "Die Symbolik der Liturgie hat mir gut gefallen. Und ich habe gespürt, dass der Glaube, den man als Teil einer großen Gemeinschaft lebt und mit anderen Menschen teilt etwas ist, woran man sich im Leben festhalten kann," schildert Hardes ihre spirituelle Erfahrung in und mit der katholischen Kirche. Dabei lässt die Naturwissenschaftlerin, die in der Naturbetrachtung göttlichen Ursprung entdeckt, "weil dort alles sehr perfekt aufeinander abgestimmt ist", keinen Zweifel daran, dass sie sich auch eine katholische Kirche vorstellen kann, in der auch Frauen eines Tages Priester werden können, in der der Pflichtzölibat für Priester abgeschafft wird und in der auch Homosexuelle ihren Platz haben.

Kein Wunder, dass es zu Hause "Grund zur Diskussion gab", als die evangelischen Eltern erfuhren, dass sich ihre Tochter katholisch taufen lassen wollte. Doch Hardes, die mit der Taufe im Mai auch die Heilige Erstkommunion und die Firmung empfangen wird, ließ sich nicht von ihrer Entscheidung abbringen. Auch Naturkatastrophen, wie jetzt in Japan, können die Naturwissenschaftlerin nicht in ihrem neuen Glauben erschüttern. Denn sie sieht die Not dieser Welt als "von Menschen gemachtes Problem." Sie kann mit Blick auf Japan zum Beispiel nicht nachvollziehen, wie man in einem geologisch sehr aktiven Gebiet Atomkraftwerke errichten kann. Insofern sieht sie Gott zwar bei den Menschen in Not, aber nicht "als jemanden, der alles glatt bügelt."

Apropos glatt bügeln. Die Freude über Menschen, wie Jennifer Hardes, die aus eigenem Entschluss und freiem Willen den Weg in die katholische Kirche gefunden haben, kann die ebenfalls aus der Statistik der Bischofskonferenz hervorgehende Tatsache nicht "glatt bügeln", dass allein im Jahr 2009 über 120.000 Menschen in Deutschland die katholische Kirche verlassen haben, während nur etwas mehr als 12.000 Menschen in die katholische Kirche eintraten oder wieder aufgenommen wurden und insgesamt 179.000 Taufen 255.000 Sterbefälle gegenüberstanden.


Dieser Beitrag erschien am 31. Mär 2011 in der katholischen Tageszeitung Die Tagespost

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...